Die Dopamin-Junkies

Im Gegensatz zu den meisten anderen Raubtieren ist der Mensch ein Hetzjäger. Zwar sind viele potentielle Beutetiere in unserer evolutionären Kinderstube, der afrikanischen Savanne, schneller als wir, aber wir besitzen ein paar einzigartige Fähigkeiten, die das mehr als ausgleichen. Nur wenige Tiere sind in der Lage, in der Hitze lange Strecken zu joggen. Jeder Mensch kann (bei uns Zivilisationsopfern allerdings mit etwas Training) einen Marathon laufen. Im Gegensatz zu anderen Savannenbewohnern hat der Mensch nicht nur kein Fell, sondern verfügt auch über die Fähigkeit, zu schwitzen, so dass er auch in der Mittagshitze unterwegs sein kann, ohne zu überhitzen.

Natürlich ist die Antilope schneller als der Mensch. Aber Sie überhitzt schnell. Sie muss nach einem schnellen aber kurzen Fluchtlauf ein schattiges Plätzchen aufsuchen, und sich abkühlen. Zeit für den Jäger, aufzuholen und sie erneut aufzuscheuchen. Noch heute jagen Völker wie die San im südlichen Afrika auf diese Weise.

Nun bedeutet eine Hetzjagd eine enorme Investition an Zeit aus Ausdauer. Es muss viel Energie aufgewandt werden. Prinzipiell ist es evolutionär sinnvoll, Energie zu sparen, weshalb Löwen gerne den ganzen Tag in der Sonne herumlungern. Es muss also einen Mechanismus geben, der uns hilft, den Energiesparmodus auszuschalten. Der Schlüssel dazu ist ein Hormon namens Dopamin.

Dopamin ist der Antreiber, wenn wir etwas haben wollen. Dopamin ist ein Schlüsselhormon in unserem Belohnungssystem. Die Motivation, die anstrengende Hetzjagd weiter zu betreiben, erfolgt über Dopaminausschüttung für die kleine Belohnung zwischendurch. Wir sind dermaßen große Dopamin-Junkies, dass wir Wege gefunden haben, die Dopaminausschüttung im Gehirn chemisch zu stimulieren, indem wir Nikotin, Alkohol oder Opium konsumieren.

Sobald wir die Gazelle erlegt und zubereitet haben, hat das Dopamin seinen Zweck erfüllt. Die Jagd ist vorbei, eine weitere Motivation ist nicht nötig. Wenn wir träge und satt unter einer Akazie liegen und die Gazelle verdauen, fällt der Dopaminspiegel in den Keller. Dopamin treibt uns an, unsere Bedürfnisse zu erfüllen und hat somit keine Aufgabe, wenn das Bedürfnis erfüllt ist. Nate Hagens, auf den wir später noch einmal zu sprechen kommen, fasste das ganze zusammen als „das Wollen ist stärker als das Haben“.

Nun leben wir nicht mehr im altsteinzeitlichen Afrika, sondern im fossilen Zeitalter in Mitteleuropa. Wir jagen unser Essen nicht, sondern gehen für Geld arbeiten, um dann mit dem Geld die Dinge zu kaufen, die unsere Bedürfnisse befriedigen. Trotzdem hat sich unsere Körperchemie nicht verändert. Wir sind weiterhin Dopamin-Junkies, und Dopamin ist die Zwischenbelohnung auf dem Weg zur Bedürfnisbefriedigung. Dopamin schütten wir aus, wenn wir stundenlang durch die modernen Ökosysteme der Innenstädte auf der Suche nach Beute streifen. Dopamin schütten wir aus, wenn wir in diesem Ökosystem eine Beute ausgemacht haben, wenn wir sie erlegt haben und wenn wir sie nach Hause getragen haben. So einfach macht uns Shopping glücklich. Wenn wir jedoch am nächsten oder übernächsten Tag in unseren Schrank blicken, und dort die gekaufte Beute liegen sehen, schütten wir kein Dopamin mehr aus. Der einzige Weg zu neuem Dopamin ist eine neue Jagd.

Musste der steinzeitliche Jäger noch darauf warten, dass sein Magen ihm ein Bedürfnis signalisiert, dass es zu befriedigen gilt, so hat diese Aufgabe heute die Werbung für uns übernommen. Wer einmal so weit von der Zivilisation entfernt war, dass er keinen Verkehrslärm gehört und keine bunt gekleideten Menschen mehr gesehen hat, der weiß für welche Umgebung wir evolutionär geschaffen sind. Die natürliche Welt ist viel leiser und hat viel gedecktere Farben als unsere künstliche Welt. Die Speisen, die sie uns bietet sind weniger süß und weniger salzig. Jede Abweichung von diesem eigentlichen Normalzustand war eine so große Ausnahme, dass sie unser voller Aufmerksamkeit erforderte. Besonders grelle Farben konnten reife Früchte oder giftige Insekten bedeuten. Jedes plötzliche Geräusch konnte durch ein Beutetier oder aber ein gefährliches Raubtier verursacht sein. Süße zuckerreiche Nahrung war so selten, dass wir so viel davon aßen wie wir konnten.

Diese Reize, die viel stärker als das sind, dessen wir in der Natur im Normalfall ausgesetzt waren, machen alle Konsumgüterzweige sich zu nutze. Schon Kinderspielzeug wird in bunten grellen Farben geliefert, weil „die Kinder das mögen“. Natürlich greifen Kinder, wenn sie die Wahl haben, nach dem grellen Spielzeug, weil dieser außergewöhnlich starke Reiz ihre volle Aufmerksamkeit bindet. Die Lebensmittelindustrie hat es verstanden, unser Essen so stark mit Zucker zu versetzen, dass wir so viel davon essen wie wir können, weil dieser Zuckerreiz mehr Aufmerksamkeit bindet als die Information, dass so viel Zucker eigentlich nicht gesund ist. Unsere Zivilisation ist übersät mit grellbunten Werbetafeln, die Produkte anpreisen.

Weil wir für eine so laute und bunte Welt eigentlich gar nicht geschaffen wurden, können wir aufdringliche Werbung nicht ohne weiteres ignorieren. Wenn ein Produkt nur penetrant genug angeboten wird, unter Ausnutzung des vollen Farb- und Tonspektrums, wird das dazu führen, dass dieses Angebot unsere Aufmerksamkeit erfährt. Und sobald das angepriesene Produkt auch nur das kleinste Feature besitzt, das wir positiv bewerten, gibt es den ersten kleinen Dopaminschub, der uns motiviert, uns aufzuraffen und auf die Jagd zu gehen.

Das „Wollen“ ist stärker als das „Haben“. Deshalb sind wir blind für das, was wir haben, und sehen nur das, was wir wollen. Wir sind (wohl-)habender als alle früheren Generationen. Ist uns egal, wir wollen ein größeres Haus. Wir sind wahrscheinlich auch (wohl-)habender als alle zukünftigen Generationen. Ist uns auch egal, wir wollen ein zweites Auto. Wir sind (wohl-)habender als die meisten anderen Menschen auf dieser Welt in unserer eigenen Generation. Ist uns auch egal, wir wollen noch länger noch weiter weg in den Urlaub fliegen.

Das „Wollen“ ist stärker als das „Haben“. Das lässt sich natürlich messen. Wir wissen bereits, dass ab einem gewissen Einkommen das Glück nicht weiter zunimmt. Aber das ist eine abstrakte Aussage einer Statistik, aus der wir als empathisch denkende Wesen nicht ohne weiteres Handlungen für uns selbst ableiten können. Selbst viele Menschen, die wirklich alles haben, also viel mehr als der ohnehin schon enorm wohlhabende Durchschnittsdeutsche, haben diese Erkenntnis bisher noch nicht gehabt. Auch sie sind Dopamin-Junkies. Wer täglich an der Börse zockt, der braucht sein Dopamin auf dem Weg zur nächsten Million. Die Millionen auf dem Konto sind wie eine verspeiste Antilope oder Klamotten im Schrank. Die Million, die man gerade erspekuliert, liefert den Dopaminschub für heute. Dennoch gibt es sie, die Aussteiger.

Einer von ihnen ist Nate Hagens. Nate hat als junger aufstrebender Mann wie so viele andere was mit Wirtschaft studiert, um damit Karriere zu machen. Und das hat er auch:

„Für viele Jahre erreichte ich einen hohen Status, gemessen an dem Maßstab, der heute so populär ist: ein dickes Gehalt, schnelle Autos, Reisen in exotische Länder, Frauen, der Reiz des neuen und am wichtigsten, Respekt als ,erfolgreiches‘ Mitglied der Gesellschaft. […] Meine Fähigkeit, aus Zahlen noch größere Zahlen zu machen (bzw. dessen Wahrscheinlichkeit zu verkaufen), erlaubte es mir, in einem turbokapitalistischen System Erfolg zu haben. […] Eines Tages, beim wandern, traf mich die Erkenntnis, dass meine Tätigkeit zu einer gewissen Seelenlehre führte und obwohl es meine Rechnungen bezahlte begann ich, mich dafür zu interessieren, wie die Welt funktionierte und wie ich dazu beitragen konnte, sie zu verbessern.“

Daraufhin beendete Nate seine Karriere als Finanzguru, gab all seinen Klienten ihr Geld zurück und lernte wie Wirtschaft, Natur, Energie und menschliches Verhalten zusammenhängen. Heute lebt er auf einer kleinen Farm in Wisconsin und schreibt Artikel und hält Vorträge. Nate musste erst alles haben, um zu erkennen, dass unsere kulturelle Prägung falsch ist. Natürlich erzieht uns die Werbung zu Menschen, die haben wollen, obwohl sie das Haben nicht glücklich macht. Diese Fehlprägung abzulegen ist enorm schwer, und nur wenige schaffen es.

Einige müssen erst sehr viel haben, um dies zu erkennen. Ein weiterer solcher Kandidat ist Warren Buffet. Warren ist einer der reichsten Männer der Welt. Eines Tages beschloss er, 99% seines Vermögens zu verschenken:

„Zunächst mein Versprechen: 99% meines Vermögens werden für wohltätige Zwecke ausgegeben […]. Mit diesem Versprechen gebe ich nicht meine wertvollste Ressource, die Zeit. Viele Menschen, und dazu gehören – worauf ich sehr stolz bin – meine drei Kinder, geben viel von ihrer Zeit und ihrem Talent um anderen zu helfen. Geschenke dieser Art sind viel wertvoller als Geld. […]Zu oft haben große Mengen Besitzes dazu geführt, dass diese schließlich den Eigentümer besaßen. Mein größter Besitz, neben meiner Gesundheit, sind interessante, facettenreiche und lang anhaltende Freundschaften.“

Im Gegensatz zu Nate holt sich Warren weiterhin seine Dopaminschübe an der Börse, verschenkt aber das so erhandelte Geld, weil es ihn nicht glücklich macht, während andere die damit zugänglichen Ressourcen tatsächlich brauchen.

Natürlich werden die allermeisten von uns nie in die Situation kommen, als gelangweilter Millionär den Sinn von Geld zu hinterfragen. Aber das müssen wir auch nicht. Unser Lebensstandard ist – gemessen an Mobilität, am Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung, am hygienischen Zustand unseres Wohnraumes – höher als der praktisch aller früheren Könige und Kaiser. Wir Durchschnittsdeutschen sind – gemessen an früheren, schlechter gestellten heutigen und zukünftigen Menschen – alle sowas wie Millionäre. Reicht das Wissen darum nicht aus, um sich von der grundfalschen Idee zu lösen, dass noch mehr Konsum in irgendeiner Weise unser Leben verbessert?

Sicherlich ist es sinnvoll (und für den Junkie scheinbar lebensnotwendig), als Ersatz für das Shopping andere Glückshormone zu finden, mit denen wir unsere Highs bekommen, wenn wir nicht mehr in der Innenstadt Klamotten jagen (oder im Baumarkt das nächste Werkzeug). Da wir auch bei sportlichen Aktivitäten jede Menge Glückshormone produzieren, sollten wir das Nicht-Shoppen als sportliche Herausforderung ansehen. So wie man beim Tauchen oder Dauerlaufen permanent seine Maximalzeit übertreffen kann, so kann man auch die Herausforderung annehmen den Zeitraum, in dem man keine Klamotten oder Werkzeuge kauft, kein Auto fährt oder generell kein Geld ausgibt (eine jeder wähle seine Sportart) permanent zu erhöhen. Ich wünsche jedem Leser, der zu diesen Spielen antritt, viel Spaß beim Genuss seines nächsten Highs.

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Wachstumsmodellierung II

Letztes Mal haben wir gesehen, dass man es zwar nicht den klassischen Ökonomen, aber der auf Naturwissenschaft basierender Systemtheorie möglich ist, Wirtschaftswachstum sehr gut vorherzusagen. Heute wollen wir mal mit hochgekrempelten Ärmeln in die Praxis einsteigen, um zu sehen, wie solche Modelle prinzipiell funktionieren. Dazu basteln wir uns ein einfaches sehr simples Modell einer globalen Wirtschaft mit ein paar natürlichen Ressourcen und sehen mal, was so passiert.

Wir wissen ja bereits, dass Excel alle Funktionalitäten liefert, die man benötigt, um Simulationen durchzuführen. Zunächst werden wir ein paar Gleichungen herleiten, die unser Wachstum beschreiben und dann werden wir sehen, wie die Kurven aussehen, die aus diesen Gleichungen resultieren.

Zunächst einmal basiert unsere Wirtschaft auf Ressourcen. Diese Ressourcen unterteilen sich in erneuerbare Ressourcen und nicht erneuerbare Ressourcen. Während die erneuerbaren Ressourcen jedes Jahr gleich groß sind und erneut zur Verfügung stehen und somit sozusagen ein Einkommen bilden, haben die nicht erneuerbaren Ressourcen eine bestimmte Startgröße und nehmen dann jedes Jahr um die verbrauchte Menge ab. Sie bilden also eine Art Guthaben. In unserem Modell liefert die Welt jährlich 10 Einheiten erneuerbare Ressourcen, während sich in der Erdkruste 1000 Einheiten nicht erneuerbare Ressourcen verbergen.

Unsere Wirtschaft wird aufrechterhalten, indem Ressourcen umgesetzt werden. Für unsere Vereinfachung benötigt man pro Jahr eine Einheit Ressource, um eine Einheit Wirtschaft neu zu erschaffen (1. Hauptsatz der Thermodynamik) und 0,1 Einheiten Ressource, um eine Einheit Wirtschaft aufrecht zu erhalten (2. Hauptsatz der Thermodynamik). Unsere Wirtschaft hat die Startgröße 1.

Nun stehen jedes Jahr Ressourcen zur Verfügung. Diese setzen sich zusammen aus den erneuerbaren und den nicht erneuerbaren Ressourcen. Zieht man von diesen insgesamt zur Verfügung stehenden Ressourcen diejenigen ab, die für den Unterhalt der Wirtschaft benötigt werden, so bleiben zur Verfügung stehende Ressourcen übrig. Diese bilden die Wachstumsreserve. Das Wachstum der Wirtschaft hängt nun sowohl von dieser Wachstumsreserve als auch von der bisherigen Größe der Wirtschaft ab.

Aus dem Verbrauch für das Wachstum und den Verbrauch für den Erhalt der Wirtschaft berechnet sich der Gesamtverbrauch an Ressourcen. Wir nehmen an, dass dieser sich derart auf erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen aufteilt, dass beide zur Verfügung stehende Mengen gleichmäßig genutzt werden.

Solange nur ein Teil der erneuerbaren Ressourcen genutzt wird, gibt es noch unberührte Natur. Eine volle Nutzung aller erneuerbaren Ressourcen bedeutet, dass auch das letzte Fleckchen Erde der Extraktion durch industrielle Prozesse unterworfen ist. Der Anteil an ungenutzten natürlichen Ressourcen bildet also sozusagen unsere Biodiversität ab.

Lassen wir dieses Szenario (hier als EXCEL-Datei zum selbst rumspielen) nun 150 Jahre laufen, die wir in drei Epochen zu je 50 Jahren betrachten werden. Die einzelnen Zahlenwerte wurden der Einfachheit halber in Prozent umgerechnet, damit alle Größen in eine Grafik passen.

Wachstum 000-050

Was passiert in unserer kleinen Welt? Die ersten 50 Jahre passiert nicht so gravierend viel. Die Wirtschaft im Vergleich zu den noch endlos erscheinenden Ressourcen klein. Nach 50 Jahren sind immer noch 80% der nicht erneuerbaren Ressourcen in der Erde. Die Biodiversität ist groß, es gibt wenig Grund, sich jetzt schon über Umweltschutz Gedanken zu machen. Die Wirtschaft wächst und gedeiht und Ökonomen versprechen in dieser Welt eine rosige Zukunft. Denn die Kurve zeigt exponentielles Wachstum, welches findige Ökonomen einfach extrapolieren. Es scheint, als könnte man noch Jahrhunderte so weiterwirtschaften. Künstler und Autoren erschaffen Science-Fiction-Werke, in denen unendlich weit fortgeschrittene zukünftige Zivilisationen die Weiten des Alls besiedeln und schaffen somit eine Vision, mit der Ökonomen dem grenzenlosen Wachstum eine scheinbar grenzenlose Rohstoffbasis zugrunde legen können. Doch schon die nächsten 50 Jahre haben es in sich.

Wachstum 050-100

Man darf das exponentielles Wachstum nicht unterschätzen. Die rapide wachsende Wirtschaft beschleunigt die Extraktion von nicht erneuerbaren Rohstoffen derart, dass sie in weniger als drei Jahrzehnten von rund 80% auf 0% fällt. Nähert sich die Verfügbarkeit der nicht erneuerbaren Rohstoffe der Null, so nimmt der Gebrauch von Erneuerbaren Rohstoffen rasant zu, mit entsprechend fatalen Konsequenzen für die Biodiversität. Trotzdem reicht die insgesamt geringe Verfügbarkeit von Ressourcen nicht aus, um die Wirtschaft am Leben zu halten. Sobald keine Ressourcen mehr in ausreichend großen Mengen zur Verfügung stehen, fängt das Wirtschaftssystem an sich selbst zu kannibalisieren (eine Prozess, den J. M. Greer als „katabolischen Kollaps“ bezeichnet) und schrumpft um mehr als die Hälfte.

Wachstum 100-150

Die letzten 50 Jahre passiert nicht mehr viel. Die einmal verbrauchten nicht erneuerbaren Ressourcen kehren nicht zurück. Menschliches Wirtschaften pendelt sich auf einem Niveau ein, das mit den erneuerbar verfügbaren Ressourcen noch zu halten ist. Diese beträgt aber nur rund ein Drittel der Wirtschaftsgröße des Höhepunktes der fossilen Party.

Diese kleine Spielerei gibt einen hoffentlich nachvollziehbaren Einblick in die Systemmodellierung. Natürlich erhebt dieses Modell keinen Anspruch auf eine korrekte Zukunftsprognose, und natürlich hängt viel von den gewählten Faktoren und Startbedingungen ab. Es zeigt aber deutlich, dass in einer Welt mit begrenzten Ressourcen eine Wirtschaft nicht grenzenlos wachsen kann. Außerdem zeigt es die Gefahr, in einer Zeit des Überflusses einen Ressourcenverbrauch zu betreiben, der langfristig nicht gedeckt werden kann, was zwangsläufig zu einem mindestens teilweisen wirtschaftlichen Kollaps führt.

Warum können Simulationen zu solch grundsätzlich anderen Ergebnissen kommen als die klassischen ökonomischen Modelle? Einen Grund dafür, die Ignoranz der Ökonomen gegenüber der realen Welt, kennen wir schon, der zweite ist nicht so offensichtlich. Wir haben uns in einem früheren Beitrag mal mit dem Phänomen der Emergenz, dem Erwachsen komplexer Strukturen aus dem Zusammenspiel vieler einfacher Strukturen, beschäftigt. Während Ökonomen mit ihren Weltformeln die komplexe Struktur vorweg nehmen, und somit keine Spielräume für alternative Lösungen lassen, wächst in der Simulation die Lösung emergent. In der Simulation beschreibt man alle einzelnen weniger komplexen Sachverhalte so gut es geht und auch deren Zusammenspiel. Das Ergebnis wird in der Simulation aber nicht vorweggenommen, sondern es ergibt sich emergent und sorgt mal für mehr und mal für weniger Überraschung.

Nächstes Mal werden wir sehen, was so eine schrumpfende Wirtschaft eigentlich für unser Leben bedeutet.

Wachstumsmodellierung I

Wirtschaftswachstum, der Fetisch unserer Zeit, war schon des Öfteren Thema dieses Blogs, sowohl als physikalisches als auch als kulturelles Phänomen. Während klassische wirtschaftswissenschaftliche Wachstumstheorien nur ihrer selbst genügen, binden andere Ansätze die Wirtschaft in die globalen Stoff- und Energieflüsse ein. Die einen landen bei ewigem Wachstum, andere sagen dessen Ende voraus. Sehen wir uns die Modelle mal etwas genauer an.

Klassische Wachstumstheorien der Wirtschaft drehen sich um Kapital und Arbeit und haben ihre Wurzeln damit unverkennbar in einer marxistischen Weltbetrachtung, auch wenn dies wohl kein Neoliberaler gerne zugeben mag. Mit Kapital sind dabei alle Produktionsmittel vom Ackerboden über Fabrikhallen und Maschinen bis hin zu Fuhrpark und Verkaufsflächen gemeint. Alle diese Theorien gehen davon aus, das ein Mehr an Kapital bzw. ein Mehr an Arbeit zu einem größeren wirtschaftlichen Output führt. Ein Teil dieses Outputs kann nun genutzt werden, um das Kapital zu erhöhen. Im nächsten Jahr stünde so mehr Kapital zur Verfügung, womit noch mehr Output möglich wäre. Wenn man nur genügend reinvestiert, so die Schlussfolgerung, kann die Wirtschaft grenzenlos wachsen.

Nun haben Generationen von Ökonomen diesen banalen Zusammenhang in beliebig komplizierte mathematische Formeln gegossen, ohne jemals dessen Grundannahmen zu überprüfen. Der Wert von Kapital und Arbeit wird ja in Geldeinheiten gemessen. Das Geld bezieht seinen Wert aber erst dadurch, dass es durch Kapital oder Arbeit gedeckt ist. Nun kann man dieser zirkelschlüssigen Zwickmühle versuchen zu entkommen, indem man die Änderung des Geldwertes mit berücksichtigt. Allerdings setzt die dazu verwendete Methode – der Preisvergleich eines Warenkorbes – voraus, dass sich die physische Knappheit der Güter im Warenkorb nicht verändert, dieser soll ja schließlich als unveränderliche Bezugsgröße bei der Preisermittlung dienen. Klassische ökonomische Wachstumstheorien setzen also implizit voraus, dass sich die physische Realität der Welt nicht verändert, da sie sonst überhaupt nicht durch echte Daten überprüfbar sind.

Trotz dieser offenkundigen Unmöglichkeit, das Wachstumsmodell überhaupt mit echten Daten zu verifizieren, wurden Ökonomen nicht müde, es zu versuchen. Ändert sich die physische Realität hinreichend langsam, kann man diese guten Gewissens zumindest näherungsweise als starr annehmen. Gesagt, getan, offenbarte sich bald das nächste Problem. Allen Versuchen zum Trotz gelang es nicht, die auf bloßer Arbeit und Kapital beruhenden Modelle mit den realen Daten in Einklang zu bringen. Die reale Wirtschaft wuchs einfach viel zu schnell. Nun wissen wir bereits, dass Solow den technischen Fortschritt als Zauberfaktor in die Formel geschummelt hat. Dieser wird im Laufe der Zeit immer größer, und streckt so die von der Wachstumsformel beschriebene, eigentlich zu niedrige Linie so weit nach oben, dass sie die echten Wirtschaftsdaten trifft.

An dieser Stelle treten die Naturwissenschaftler und Ingenieure auf die Bühne. Technischer Fortschritt ist schließlich keine Zauberei, sondern ein solides Geschäft mit harten Grundlagen. Während drei Ökonomen zusammen meist fünf verschiedene Wirtschaftsprognosen abliefern, liefern telefonierende Handys, fliegende Flugzeuge und Live-Datenübertragungen in Radio, Fernsehen und Internet täglich den milliardenfachen Beweis, dass die technische Zunft ihr Metier versteht.

Ingenieure machen sich bei ihrer Arbeit grundlegende Naturgesetze zu Nutze. So wissen wir, dass es einen Energie- und einen Massenerhaltungssatz gibt. Beides kann nicht verschwinden oder aus dem Nichts entstehen. Also können diese Dinge bilanziert werden. Alle Energieflüsse (Elektrizität, Wärme, Bewegung, …) und alle Massenflüsse (Treibstoffe, Abgase, Kühlflüssigkeiten, …) müssen irgendwo herkommen und irgendwo hinfließen. So wird der Ingenieur zum Buchhalter physikalischer Größen, der erst bei einer ausgeglichenen Energie- und Massenbilanz weiß, dass er nichts vergessen hat.

Hätte Solow über so viel physikalisches Grundverständnis, wie im vorherigen Absatz vermittelt wurde, verfügt, so hätte er ein paar sehr wichtige Schlüsse ziehen können. Wenn Technik von den Flüssen von Energie und Materie abhängt, und diese nicht aus dem Nichts entstehen, dann muss es irgendwo „draußen“ Quellen von Energie und Materie geben, die unsere Technik und nach Solow damit auch unsere Wirtschaft speisen. Damit hängt unser Wachstum davon ab, wieviel Energie und Materie da „draußen“ noch zu holen ist.

Dennis Meadows war die richtige Mischung aus Ökonom und Naturwissenschaftler, die benötigt wurde, um all diese physischen Randbedingungen in ein Modell zu gießen. Er war Chemiker, aber auch Ökonom. Er arbeitete in seinem Leben an Fakultäten für Ingenieurwissenschaften, Management und Sozialwissenschaften. 1972 leitete er ein Team, das mit seiner Studie für Furore sorgte. Dieses Team machte sich auf, „draußen“ zu modellieren, und eine Wirtschaft in dieses „draußen“ einzubetten.

„Draußen“ ist nicht unendlich groß. Die Energie- und Werkstoffe liefernden Rohstoffe sind begrenzt (so gilt der Mittelmeerraum nur deshalb heute als an Bodenschätzen arme Region, weil viele Erze schon im Altertum durch griechischen und römischen Bergbau erschöpft wurden). Ebenso ist die Fähigkeit von „draußen“, unsere Abfälle aufzunehmen, begrenzt. Schließlich muss (Massenerhaltung!) alles, was wir aus der Erde kratzen oder von ihrer Oberfläche pflücken, eines Tages wieder als Müll irgendwo „draußen“ hingekippt werden.

Meadows Modell war viel komplizierter als die simplen Gleichungen mit denen sich Ökonomen bis dahin zufrieden gegeben haben. Es beinhaltete so viele Größen und Wechselwirkungen, dass es nur mit einem Computer – 1972 noch nicht selbstverständlich – ausgewertet werden konnte. Dieses Weltmodell „World3“ ist ein Modell, das die neben der Wirtschaft alle wesentlichen Größen von „draußen“ in einer Simulation zusammenfasst.

Limits to Growth - Gesamte Modellübersicht

Meadows und sein Team ließen das Modell viele Male durchrechnen. Jedesmal trafen sie dabei andere Annahmen. Eines dieser Durchläufe nannten sie das Standardszenario. Dieses ist die Prognose für die Zukunft für den Fall, dass die Menschheit nichts an ihrem Verhalten ändert. Ein anderes war das stabile-Welt-Szenario. Es war das Szenario für den Fall, dass (wohlgemerkt ab 1972) die Menschheit die richtigen Weichen für eine nachhaltige Zukunft stellt. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Leider entsprechen die letzten Jahrzehnte dem Standardszenario. Die reale Entwicklung liegt dermaßen dicht an Meadows‘ Prognose, dass man vor ihm und seinem Team den Doktorhut ziehen muss. Korrekte Prognosen sind der Goldstandard der Wissenschaft. Wie beschämend ist im Vergleich dazu Solows lächerlicher Zauberfaktor, für den er 15 Jahre später den Wirtschaftspseudonobelpreis bekam.

Vergleich zwischen World3-Prognose und realer Entwicklung

Betrachtet man sich Meadows Standardszenario, dem wir seit über 40 Jahren unermüdlich folgen, genauer, so sollte uns diese Entwicklung langsam Sorge bereiten. Nicht wegen der bald sinkenden pro-Kopf-Verfügbarkeit an industriellen Output (grau) Dienstleistungen (orange) und Nahrung (lila).

Limits to Growth - Prognose Standardszenario

Nein, Sorge sollte uns das Jahr 2050 bereiten. In dieser Zeit, die unsere Kinder und Enkel alle noch erleben werden, bricht trotz steigender Geburtenrate (dunkelbraun) die menschliche Population zusammen (hellbraun). Wenn die natürlichen Reichtümer dieser Welt nicht mehr reichen, um zivilisatorische Mindeststandards in Nahrung, Hygiene, Sicherheit und Gesundheit aufrechtzuerhalten, dann wird die explodierende Sterberate (schwarz) uns in eine Zeit zurückwerfen, in der Frauen fünf oder sechs Kinder gebären mussten, damit wenigstens ein oder zwei davon alt genug werden, um ihr Enkel zu schenken. Mit etwas Glück kollabiert unser Wirtschaftssystem, bevor es soweit ist.

Ökonomische Ponerologie

Wir hatten uns vor einiger Zeit mit der Frage nach der Natur des Menschen und deren Wechselwirkungen mit unserem Wirtschaftssystem beschäftigt. Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Entfremdung durch hohe Arbeitsteilung zu Ausbeutung, Trittbrettfahrerei und unfairem Wettbewerb führt. Tatsächlich ist diese Erkenntnis jedoch nur eine Komponente eines komplexen Wechselspiels verschiedenster Einflussfaktoren, die das zwischenmenschliche Zusammenspiel prägen.

Während Entfremdung besonders bei einfachen Menschen auftritt, die weit unten in der wirtschaftlichen Organisationshierarchie leben, muss es weiter oben Menschen geben, bei denen Fäden zusammenlaufen und deren Entfremdung dadurch abnimmt. Natürlich finden auch hier Formen der Entfremdung nach unten hin statt, welcher Manager begibt sich denn schon in die Werkshallen outgesourcter Produktionsstätten, um zu sehen, wie dort geschuftet wird. Trotzdem fließen dort mehr Informationen zusammen als dem normalen Arbeiter/Konsumenten zur Verfügung stehen und trotzdem werden Entscheidungen getroffen, die aus menschlich-moralischen Gesichtspunkten nicht nachvollziehbar sind.

Bei der Erklärung menschlicher Empathie über die Spiegelneuronen haben wir den Normalfall menschlichen Verhaltens beleuchtet. Normal bedeutet in diesem Sinne, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen diese Verhaltenskomponente vergleichsweise stark aufweist. Aber Menschen sind verschieden. So wie es große und kleine Menschen gibt, gibt es auch Menschen mit mehr oder weniger stark ausgeprägter Empathie. Und es gibt die Extremfälle ohne Empathie, die Psychopathen. Psychopathen zeigen keinerlei Mitgefühlt für irgendeinen Mitmenschen und richten ihr gesamten Verhalten nach der eigenen Bedürfnisbefriedigung aus. Gesellschaftliche Normen halten sie nur ein, wenn die Konsequenzen von Strafverhalten wie Gefängnisstrafen schwerer wiegen als der durch Strafverhalten erzielbare Nutzen.

Psychopathen zeigen neben der fehlenden Empathie weitere Abweichungen vom normalen Menschen. Sie wichten das Hier und Jetzt höher als die Zukunft, denn mit der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, geht die Fähigkeit einher, sich in das zukünftige Ich zu versetzen. Beides fällt ihnen schwer. Psychopathen wissen, dass sie anders sind und halten sich gegenüber normalen „schwachen“ Menschen für überlegen. Sie haben gelernt durch Lügen, Spielen der Opferrolle oder anderen Kniffen normale Menschen zu manipulieren und bewerten sich selbst nicht nach moralischen Maßstäben, sondern nach der Fähigkeit, die Welt um sie herum zu ihren Gunsten zu manipulieren. In ihrem starken Gegenwartsbezug zeigen sie oft unkontrolliertes Genussmittelverhalten.

Evolutionär ist ein gewisser Anteil von Psychopathen nicht unplausibel. Einerseits sind Individuen, die sich auf Kosten anderer bereichern, gegenüber diesen im Vorteil. Andererseits sind Gruppen von Egoisten gegenüber Gruppen von Altruisten im Nachteil, da letztere durch gegenseitige Hilfe Risikostreuung betreiben. Es handelt sich also um ein Nashgleichgewicht, aus dem ein gewisser Prozentsatz an erfolgreichen Psychopathen hervorgeht, der jedoch klein genug ist, um das Überleben der Gruppe nicht zu gefährden.

Nun gilt diese Nichtgefährdung für die Steinzeit, die uns evolutionär geprägt hat. Durch extrem flache Hierarchien in kleinen Gruppen war der mögliche schädliche Einfluss von Psychopathen auf das Gesellschaftssystem extrem begrenzt. Aber wie ist das in organsierten Gesellschaften? Was kann ein Psychopath anrichten, der auf Befehl Millionenbeträge, tausende Arbeiter oder gar Soldaten in Bewegung setzen kann?

Mit dieser Frage hat sich Andrzei M. Lobaczewski in seinem Buch „Politische Ponerologie“ auseinandergesetzt. Lobaczewski stellt fest, dass Machtstrukturen Psychopathen magisch anziehen. Da Pychopathen sich über die Fähigkeit, ihre Umgebung zu ihren Gunsten zu manipulieren, definieren, und Macht nichts anderes ist als das Potenzial, die Umgebung zu beeinflussen, streben sie nach Machtpositionen. Darüber hinaus sind Psychopathen sowohl skrupellos, als auch hervorragende Manipulatoren, und schaffen es so, erfolgreich in Hierarchien aufzusteigen. Es ist nach Lobaczewski nur eine Frage der Zeit, bis in irgendeiner Organisation eine gewisse Anzahl höherer Posten durch Psychopathen besetzt ist. Für ihn ist das Versagen politischer Systeme keine Frage von Verfassungen oder zugrunde liegenden Wertesystemen, sondern eine Folge der Durchdringung von Machtsystemen durch Psychopathen.

Was bedeutet das für unser Wirtschaftssystem? Nach Lobaczewski müsste es unter Managern einen höheren Anteil von Psychopathen geben als unter der Gesamtbevölkerung. Diese müssten dort nicht aufgrund ihrer fachlichen, sondern aufgrund ihrer manipulativen Fähigkeiten sitzen. Robert Hare, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Psychopathie, auf den diverse Tests zur Erkennung von Psychopathen zurückgehen, war 2010 Co-Autor einer Studie, die genau das untersucht hat. Der Anteil potentieller Psychopathen lag bei dieser Studie bei 1,2% in der normalen Bevölkerung, aber bei 5,9% unter Managern. Weiterhin stellte die Studie, die ebenfalls die fachliche Eignung der Manager untersuchte, fest, dass Psychopathen, wenn sie fachliche Minderleister sind, dies durch Auftreten und Verhalten mehr als kompensieren.

Nun gibt es nicht nur echte Psychopathen und normale Menschen, die alle lieb und fromm sind. Unter den Normalen gibt es sehr unterschiedlich stark ausgeprägtes moralisches Verhalten. Der Mechanismus, mit dem ein paar Prozent Psychopathen ein „pathologisches Kontrollsystem“ schaffen, mit dem sie eine „Pathokratie“ beherrschen, verläuft über eine zweite Reihe von Verhaltenspsychopathen, die normal geboren wurden, aber in ihrer Entwicklung psychopathische Züge übernommen haben. Werden normale Menschen lang genug einer psychopathischen Umgebung ausgesetzt, stumpft ein Teil von ihnen derart ab, dass sie psychopathisches Verhalten mit übernehmen. Dabei hängt der Anteil von Dauer und Intensität ab.

Haben wir also erst einmal ein Wirtschaftssystem, in denen das Verhalten der herrschenden Elite durch einen vergrößerten Teil von echten Psychopathen geprägt ist, so führt dass dazu, dass normale Menschen ebenfalls psychopathische Handlungsweisen übernehmen. Dies ist ein sich selbst verstärkender Prozess, denn durch Selbstauslese wird eine pathologische Hierarchie immer die bevorzugen, die sich entsprechend amoralisch Verhalten. Viele moralisch integre Menschen wählten den Ausstieg aus dem System, als sie vor dem Dilemma standen, ihre Position in der Hierarchie nur durch unmoralisches Auftreten halten zu können. Übrig blieben die pathologischen Fälle.

Tatsächlich sind Manager nicht die Spitze der wirtschaftlichen Elite. Sie sind die oberen 1%, die die Drecksarbeit für die oberen 0,1% machen. Während die oberen 0,1% ererbter Geldadel sind, in dem Psychopathen genauso selten oder häufig sind wie in der normalen Bevölkerung, stellen die oberen 1% ihre Handlanger dar. Die oberen 0,1% müssen nicht arbeiten, sie leben von Zinsen und Dividenden und bezahlen die oberen 1% dafür, zu managen und Verwaltung zu machen. Dort sammeln sich die Aufsteiger (aus der Mitte, nicht von ganz unten). Dort sorgt die Selbstauslese für eine Konzentration von Psychopathen. Dort werden Leute entlassen, betrügerische Geschäftsideen geboren und systematisch Kosten externalisiert. Der Psychopath als Geschäftsbetrüger ist nicht zufällig eine fast klischeehaft häufig vorkommende Figur. Selbst das FBI hat sich mit diesem Phänomen schon beschäftigt.

Wenn also Psychopathen unser Wirtschaftssystem prägen, wie macht sich dann psychopathisches Verhalten in der neoliberalen Ideologie bemerkbar? Wie beim Psychopathen, der die Gegenwart höher wichtet als die Zukunft, ist auch unser Wirtschaftssystem durch enges Schielen auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet. Langfristige Investitionen oder gar generationsübergreifendes Denken sind ihm fremd. Wie der Psychopath auch pflegt unser Wirtschaftssystem einen parasitären Lebensstil. Es zehrt unsere Ökosysteme, arme Volkswirtschaften und die eigene Unterschicht aus. Und wie ein Psychopath bewertet unser Wirtschaftssystem nicht nach moralischen Kategorien, sondern nach Nutzen. Gut ist, was Gewinne bringt. Verpackt wird das in eine marktideologische Klausel, nach der Gewinne gut sind, weil sie vom Markt hervorgebracht wurden. Wer wissen möchte, ob sein Vorgesetzter ein Psychopath ist, kann dessen Verhalten mit den Checklisten von Hare oder Cleckley vergleichen.

An dieser Stelle könnte dieser Blogbeitrag aufhören, um die Erkenntnis, dass wir in einem psychopatischen Wirtschaftssystem leben, ein bisschen sacken zu lassen. Wir sind aber noch nicht ganz fertig, denn es gibt eine Querverbindung von Lobaczewski zu aktuellen Ereignissen.

Nicht nur wirtschaftliche, sondern gerade politische Systeme sind anfällig für die Pathologisierung durch Psychopathen. Längst ist jedem aufgefallen, dass Spitzenpolitiker lügen können ohne rot zu werden, ihre Meinung nicht nach einem moralischen, sondern einen machtpolitischen Kompass richten und hochtalentiert darin sind, Menschen so zu manipulieren, dass sie gewählt werden. Natürlich gibt es in der Politik jede Menge geborene und erworbene Psychopathen. Gefährlich wird es dann, wenn diese Menschen über Krieg und Frieden entscheiden.

1985 hat Lobaczewski, der sein Werk in Polen vor der Geheimpolizei verstecken musste, sein Manuskript an einen Exilpolen in den USA geschickt. Dieser versprach, einen Verleger zu finden. Leider war dieser Exilpole selbst Psychoapth, und hat das Manuskript daher verschwinden lassen. Erst der Fall des eisernen Vorhanges bot Lobaczewski die Möglichkeit, sein Werk zu veröffentlichen.

Besagter Exilpole, er heißt Zbigniew Brzezinski, hat ein paar Jahre später sein Meisterwerk veröffentlicht. Es heißt „The Grand Chessboard“ und zeigt mit psychopathischer Kühle, an welchen Ecken der Erde seine mächtige Wahlheimat USA Konflikte schüren und Kriege anzetteln muss, um die weltweite Nummer Eins zu bleiben. Brzezinski, der mittlerweile als wichtigster außenpolitscher Berater der USA seit Kissinger gehandelt wird, haben wir den Ukrainekonflikt zu verdanken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Durchblicker

Griechenland hat eine Regierung gewählt, die der Troika eiskalt den Mittelfinger zeigt. In Deutschland sehen Politiker und Journalisten das Ende des Abendlandes gekommen. Tatsächlich ist aber ein kleines Wunder passiert. Nachdem jahrelang neoliberale Ideologen aus Deutschland und aller Welt in Griechenland Amok gelaufen sind, hat Griechenland mit Yanis Varoufakis nun einen Finanzminister, der zu der raren Spezies der wissenschaftlichen Ökonomen gehört, die keine marktideologische Brille aufhaben. Anstatt nun das siebenundneunzigste Portrait (1, 2, 3, …, 94, 95, 96) über ihn zu schreiben, wollen wir ihn ein wenig selbst zu Wort kommen lassen. Wer seine Blogs liest (hier und hier) stellt fest, dass Yanis ein überaus unterhaltsamer Mensch ist, der anschaulich erklärt, humorvoll formuliert und über glasklaren Blicke auf die Probleme und Grenzen der Wirtschaftswissenschaften besitzt.

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden bei Yanis viele bekannte Themen wiederfinden. So kennen wir bereits die Notwendigkeit der Prognose als echte Feuertaufe zur Bestätigung einer Theorie und auch die Besessenheit der Ökonomen mit statistischen Kennwerten ist uns nicht fremd. Yanis schreibt dazu:

„Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Travestie! Während ihre große Abhängigkeit von statistischen Kennwerten uns glauben lässt, sie wäre eine Form der angewandten Statistik, so entspricht sie tatsächlich eher einer Art computerisierter Astrologie: Eine Form von Hokuspokus, die versucht, ihr Image auszubessern, indem sie von wissenschaftlichen Methoden, Anschauungen und Prozessen Gebrauch macht. Ist dies nicht zu hart geurteilt?“

„Nicht im geringsten. Der Zweck der Wirtschaftswissenschaften ist es, ökonomische Theorien mit statistischen Mitteln zu testen. Tatsächlich wird jedoch am Ende nur getestet, ob eine „reduzierte Form“, also Gleichungen (oder Gleichungssysteme), die zur eigenen Theorie passen, auch zu den Daten passen. Das Problem ist natürlich, dass gezeigt werden kann, dass die zu testende „reduzierte Form“ auch zu einer unendlichen Anzahl konkurrierender Theorien passt. Daher können die Wirtschaftswissenschaften nur vortäuschen, sie würden zwischen sich gegenseitig widersprechenden Theorien unterscheiden. Alles was sie tatsächlich tun, ist die Aufdeckung empirischer Regelmäßigkeiten ohne ursächliche Erklärung. Frech gesagt ist es ihnen unmöglich, absurde Schlussfolgerungen wie „Weihnachten hat seine Ursache im vorherigen Anstieg in der Nachfrage nach Kinderspielzeug“ zu vermeiden.“

Nicht nur stellt Yanis fest, dass der Vergleich von Gleichungen mit statistischen Kenndaten nur begrenzt aussagekräftig ist, auch die Erzeugung der Kenndaten selbst (z.B. BIP) ist mehr als fragwürdig:

„Du musst nur sehen, wie ökonomische Kennzahlen zustandekommen, um zu beschließen, dass du nicht damit arbeiten möchtest. Es ist ein bisschen wie mit der Wurst, die man nicht essen möchte, weil man gesehen hat, wie sie hergestellt wurde.“

Das großartige ist, das Yanis in seiner Forschung die Möglichkeit hatte, deutlich tiefer und intensiver in eine Volkswirtschaft zu gucken, als es viele andere Ökonomen konnten. Eines Tages schrieb Gabe Newell, Vorsitzender der Spielefirma Valve und Leser von Yanis Blog an diesen eine Email:

„In unserer Firma diskutierten wir das Thema der Verbindung von Volkswirtschaften in zwei virtuellen Umgebungen (erschaffen dabei eine gemeinsame Währung) und kämpften gerade mit ein paar größeren Problemen bei den Zahlungsbilanzen, als mir in den Sinn kam ‚das ist wie bei Griechenland und Deutschland‘.“

So kam Yanis zu Valve und begann, die Tauschwirtschaft des Spiels Team Fortress 2 zu analysieren. Dabei hatte er Zugriff auf sämtliche Transaktionsdaten dieser digitalen Welt, und konnte somit viel detaillierter in eine Volkswirtschaft gucken, als es Ökonomen tun, die nur mit statistischen Kennzahlen arbeiten.

Vielleicht erinnern wir uns dunkel an den Nobelpreisträger, der behauptete, Marktpreise wären immer perfekt, weil alle verfügbaren Informationen da irgendwie mit drin stecken. Nun, Yanis hat herausgefunden, das dies nicht so ist. Da er tatsächlich alle verfügbaren Marktdaten hatte (so wie alle Team Fortress 2 Marktteilnehmer), konnte er die Tauschpreise vergleichen und so sehen, dass der Marktpreis nie alle verfügbaren Informationen enthielt. Denn verschiedene Tauschgeschäfte liefen bei verschiedenen relativen Preisen ab, was die Möglichkeit schuf, durch Handel diese Preisunterschiede zu nutzen (Arbitrage):

„Die Antwort ist: Arbitragemöglichkeiten scheinen perfekte Informationen zu überleben. Transparenz vernichtet nicht die Möglichkeit, sich durch Handel guten Profit zu verschaffen.“

Diese Erkenntnis, dass es kein Marktgleichgewicht gibt, hat schon enorme Auswirkungen auf das klassische Marktbild:

„Warum ist Marktgleichgewicht so ein zentrales Konzept in den Wirtschaftswissenschaften? Die einfache Antwort ist, dass wir Ökonomen ohne ein Marktgleichgewicht keine Chance haben, irgendetwas zu erklären, geschweige denn etwas zu prognostizieren (Preise, Mengen, usw.).“

[…]

„Sollten wir erwarten, dass die Wirtschaft sich im Marktgleichgewicht befindet? Wir wünschten es. Aber wenn wir annähmen, wie viele Ökonomen es tun, dass das Marktgleichgewicht die meiste Zeit vorherrscht, so wohnten wir im Wunderland. Tatsächlich dachten die ersten großen Ökonomen (Leute wie Adam Smith und David Ricardo) nie daran, dass eine Volkswirtschaft sich austarieren und ein Marktgleichgewicht erreichen würde. Sie hofften nur, dass Wettbewerb dazu führt, dass die Volkswirtschaft sich in Richtung des Marktgleichgewichtes bewegt, was etwas deutlich anderes ist, als das Gleichgewicht tatsächlich zu erreichen.“

Auch wenn Presse und Politiker bei uns Yanis als wirtschaftspolitischen Hasardeur darstellen, der als griechischer Finanzminister Europa ins finanzielle Chaos stoßen wird, so ist festzuhalten, dass kaum ein deutscher Politiker oder Journalist auch nur im Entferntesten Yanis wirtschaftlichen Durchblick hat. In seinem „Modest Proposal“ für eine neue Europäische Krisenpolitik zeigt er seine analytische Schärfe und seine realpolitischen Verstand, indem er eine Lösung vorschlägt, die der institutionellen Randbedingungen der EU und der Befindlichkeiten der Mitglieder gerecht wird. Seine Herangehensweise an die Euro-Krise ist für jeden, der beruflich Probleme löst, plausibel, und unterscheidet sich dennoch von den in der Politik üblichen ideologisch motivierten Lösungen. Er zerlegt das Gesamtproblem, das zu komplex ist, um es als Ganzes zu lösen, in Teilprobleme, die klein genug sind, um getrennt voneinander gelöst zu werden.

„Die Krise der Eurozone entfaltet sich in vier miteinander verwobenen Bereichen.“

„Bankenkrise: […] Die Eurozone hat eine Zentralbank ohne Regierung und nationale Regierungen ohne unterstützende Zentralbanken, welche einem globalen Netzwerk aus Mega-Banken gegenüber stehen, die sie unmöglich überwachen können. […]“

„Schuldenkrise: Die Kreditkrise von 2008 zeigte, dass es unmöglich ist, in der Eurozone eine saubere Trennung der öffentlichen Schulden vorzunehmen. […] Die Anleihenkäufe der EZB können weder die Fähigkeit versagender Märkte, Geld zu verleihen, noch die Fähigkeit versagender Regierungen, Geld zu leihen, wieder herstellen.“

„Investitionskrise: […] Die Bürde der Wirtschaftsreformen fiel genau auf die Defizitgebiete, die sie nicht tragen konnten, weder durch Entwertung der Währung noch durch öffentliche Ausgaben. Damit floss das Geld aus den Regionen ab, die Investitionen am dringendsten benötigten. So herrscht in Europa nicht nur ein allgemeiner Investitionsmangel, sondern auch eine sehr ungleiche Verteilung dieser Investitionen zwischen den Überschuss- und den Defizitgebieten.“

„Soziale Krise: […] Von Athen bis Dublin, von Lissabon bis Ostdeutschland haben Millionen Europäer den Zugang zu grundlegender Versorgung und ihre Würde verloren. Arbeitslosigkeit wütet, Obdachlosigkeit und Hunger nehmen zu. Renten wurden gekürzt, während Steuern auf notwendige Güter steigen. […]“

Zusammengefasst möchte Yanis diese vier Krisen in vier Streichen lösen:

„Der erste Streich, das Fall-zu-Fall-Banken-Programm, überbrückt die Hürde der unvollständigen Bankenunion und entkoppelt die Schuldenlast öffentlicher Haushalte von der Rekapitalisierung der Banken und erlaubt so eine durchdachtere Bankenunion zu einem späteren Zeitpunkt.“

„Durch den zweiten Streich, das begrenzte-Schuldenumwandlungs-Programm, schrumpft der Berg der öffentlichen Schulden in der Eurozone durch eine EZB-ESM-Umwandlung der Maastricht-konformen Schulden der Mitgliedsstaaten.“

„Der dritte Streich, das Investment-geführte-Erholungs-und-Annäherungsprogramm nutzt globale Zahlungsüberschüsse um sie in Europäische Investitionen zu verwandeln.“

„Der vierte Streich, das soziale-Solidaritäts-Notprogramm, nutzt Geldmittel aus den Asymmetrien an der Wurzel der Krise, um menschliche Grundbedürfnisse zu decken, die aus dieser Krise entstanden sind.“

Jede dieser Teillösungen ist natürlich wieder recht komplex. Wichtig für uns ist, dass in Griechenland erstmals in der Wirtschaftspolitik Menschlichkeit und Vernunft walten. Vielleicht werden wir eines Tages auch so klug wie die Griechen, und hören auf, die Probleme unseres Landes Berufspolitikern ohne Sachverstand anzuvertrauen.

homo oeconomicus?

Den Begriff des „economic man“, des ökonomischen Menschen, erfand der Ire John Kells Ingram. Erst die Lateinisierung durch Pareto (dessen Leistung darin bestand, zu erkennen, dass Einkommen nicht normal verteil ist, sondern zugunsten der Wohlhabenden) führte zum „homo oecomonicus“, der als Begriff fester Bestandteil vieler wirtschaftlicher Weltanschauungen ist. Mindestens so alt wie der Begriff selbst ist die Debatte darüber, ob denn der Mensch nun ein rationales auf wirtschaftlichen Eigennutz bedachtes Wesen sei, oder ein altruistisches mitfühlendes.

Unsere Erfahrung zeigt beides. Wir sehen einerseits (auch bei uns selbst) ein Verhalten des Preisevergleichens, das rein rational danach strebt, möglichst viel Eigennutz für das Geld zu bekommen. Wir sehen aber auch, dass eine Vielzahl von Wirtschaftsleistungen einfach verschenkt wird. Freunde helfen beim Umzug, Kollegen geben ein Bier aus, und insbesondere Privathaushalt und Familie sind auch heute noch Bastionen der Verteilung von Gütern nach Bedarf. Niemand würde auf die Idee kommen, den Sonntagsbraten oder die Weihnachtsgeschenke danach zu verteilen, welchen wirtschaftlichen Nutzen die einzelnen Familienmitglieder haben.

Was stimmt also nun? Ist der Mensch empathisch oder rational? Die Antwort darauf lässt sich nicht pauschalisieren. Der Mensch kann beides sein. Sei Verhalten hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns gerade aktiv ist.

Ohne jetzt zu weit in die Gehirnologie abzudriften, gibt es verschiedene Teile des Gehirns, die für verschiedene Aufgaben zuständig ist. Rationale Entscheidungen werden in den Frontallappen des Großhirns getroffen, welche beim Menschen im Vergleich zum Resthirn größer sind als bei vielen Tieren. In unserem Zeitalter sind wir sehr frontallappenlastig geworden. Wir müssen alles genau abwägen und jede Entscheidung logisch schlussfolgern. So werden wir in der Schule darauf gedrillt, mit Hilfe der Frontallappen aus Vokabellisten und Grammatikregeln Sätze in fremden Sprachen zu konstruieren, obwohl dafür eigentlich das Broca-Areal und das Wernicke-Zentrum zuständig sind. Das erklärt, warum Kleinkinder innerhalb weniger Jahre ohne Unterricht fließen ihre Muttersprache lernen, aber in neun Jahren Schulenglisch wenig Sprachfunktionalität hängen bleibt. Irgendwo in diesem Frontallappen sitz auch unser homo oeconomicus.

Was den Menschen aber zum empathischen Wesen macht sind seine Spiegelneuronen. Diese aktivieren sich unserem Alltag ständig ohne unser zutun. Sehen wir beispielsweise, wie sich jemand den linken Zeigefinger in einer Tür klemmt (jetzt bitte Augen schließen und sich das bildlich vorstellen), so aktivieren sich bei uns die gleichen Neuronen, die bei demjenigen mit dem eingeklemmten Finger aktiv sind (na, gemerkt?). Dass wir „Autsch“ denken, die Stirn verkneifen und Luft die aufeinandergepressten Zähne einatmen, wenn wir sehen, wie jemand Schmerz hat, ist die Reaktion unserer Spiegelneuronen. Das gleiche gilt auch für das Fremdschämen. Wenn jemand etwas extrem peinliches macht, aktivieren sich bei uns die Neuronen, die für das Schamgefühl zuständig sind. Spiegelneuronen sind also Neuronen, die immer dann aktiv werden, wenn wir mitbekommen, was unseren Mitmenschen widerfährt und die dessen neuronale Reaktion kopieren, sie also „spiegeln“.

Diese Spiegelneuronen machen uns zu einem mitfühlenden Wesen. Die Aussage, dass ein Toter eine Tragödie, Millionen Tote aber nur eine Statistik sind, die für Remarque und Tucholsky belegt ist und die Stalin nachgesagt wird, hat ihre Ursache in genau dieser Unterscheidung verschiedener Hirnareale. Das Schicksal eines einzelnen können wir über unsere Spiegelneuronen nachfühlen, Zahlen und Statistiken hingegen werden dort ausgewertet, wo die Schule uns die Mathematik in den Frontallappen gemeißelt hat.

Die meiste Zeit seiner Geschichte hat der Mensch in Gesellschaftsformen verbracht, in der jeder jeden kannte. Dort hat sich als Wirtschaftsform häufig eine Schenkwirtschaft entwickelt. Diese basiert auf dem einfachen Prinzip, dass jeder kostenlos Waren und Dienstleistungen an andere verteilt. Wer Jagderfolg hatte, verteilt seine Beute, wer heilerische Fähigkeiten hat, der kümmert sich um Kranke usw. Diese Strategie führt zu Synergieffekten, da das Jagd- und Verletzungsrisiko in der Gruppe gestreut wird. Daher hat sich dieses Verhalten evolutionär durchgesetzt. Tatsächlich ist die Schenkwirtschaft also eine verzögerte Tauschwirtschaft, da alles, was das Individuum der Gruppe zugute kommen lässt, auch irgendwann wieder zurückkommt.

Jedoch funktioniert diese Schenkwirtschaft nur in Gruppen, in denen jeder jeden kennt. Die Spiegelneuronen verhindern Trittbrettfahrerei. Sieht ein Individuum, wie sich alle anderen in der Gruppe abplackern, so wächst das Bedürfnis, ihnen zu helfen. Dadurch tritt reines Nutznießertum kaum auf. Allerdings springen die Spiegelneuronen nur an, wenn man tatsächlich wahrnimmt, wie sehr jemand sich plagt. Dies ist jedoch nur in Gesellschaften mit geringer Arbeitsteilung, bei der man alle Produzenten der eigenen Konsumgüter persönlich kennt, der Fall. So eine Gesellschaft sind wir jedoch seit Jahrhunderten nicht mehr.

Unsere moderne Gesellschaft ist hoch arbeitsteilig. Die Herstellungsprozesse unserer Konsumgüter verteilen sich über den ganzen Globus und sind für uns praktisch unsichtbar. Wir haben keine Ahnung, wer unser Essen, unsere Kleidung, unsere Gebrauchsgüter herstellt, unter welchen Bedingungen diese Leute arbeiten und was sie dafür bekommen. Eine solche Gesellschaft spricht unsere Spiegelneuronen schlicht nicht an. Daher funktioniert auch Kommunismus nicht so ohne weiteres in einer Industriegesellschaft, da Kommunismus eine Schenkwirtschaft ist, bei der niemand daran gehindert wird, Trittbrettfahrer zu werden, da niemand mehr sieht, wie der Großteil der anderen beim Arbeiten schuftet.

Hohe Arbeitsteilung führt immer zu einer Entfremdung. Dies ist natürlich auch in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft nicht anders. In unserer Gesellschaft ist ja jeder sowohl Konsument von Gütern und Dienstleistungen als auch in irgendeiner Form Produzent.

Als Konsument kommunizieren wir mit dem Hersteller meist auf zwei Wegen. Der erste ist Werbung. Werbung ist naturgemäß sehr einseitig und ist darauf perfektioniert worden, unsere Spiegelneuronen zu täuschen. Die wichtigste Zutat für Werbung sind fröhliche Menschen. Fröhliche Mütter, die Zuckerbomben an fröhliche Kinder verteilen, fröhliche Omas, die Gemüse für irgendwelche Fertigsoßen mit der Hand schnibbeln, fröhliche Kunden, die von einem fröhlichen Finanzberater über den Tisch gezogen werden. Damit werden unsere Spiegelneuronen, die sich mit diesen Menschen mitfreuen, in einer Art und Weise belogen, die dafür sorgt, dass wir bei den beworbenen Produkten irgendwie ein schönes Gefühl haben. Das funktioniert auch mit Tieren, weshalb auf Milch.- und Eierpackungen oft Tiere zu sehen sind, die auf grünen Wiesen herumstreunern. Das hat natürlich mit realen Haltungsbedingungen nichts zu tun, aber unsere Spiegelneuronen freuen sich mit der abgebildeten Kuh über das grüne Gras.

Der zweite Weg auf dem wir als Kunde mit dem Hersteller kommunizieren ist der Preis. Dieser wird rational verarbeitet und hat nichts mit unsere Spiegelneuronen zu tun. Wenn also unser mitfühlendes Ich durch Werbung ausgeschaltet ist, bleibt nur der rationale Frontallappen übrig, um über den Kauf zu entscheiden.

Wir verhalten uns also beim Kauf oft als homo oeconomicus, aber nicht, weil wir grundsätzlich einer sind, sondern weil uns die Umstände dazu bringen. Da wir systematisch durch Werbung belogen und durch schlecht oder falsch deklarierte Produkte getäuscht werden, können wir gar keine moralischen Kaufentscheidungen treffen.

Als Produzenten sind wir meist Angestellte in irgendeinem Unternehmen. Unser Kunden kennen wir meist nicht persönlich und wenn, dann nur flüchtig. Den meisten Arbeitnehmern ist bewusst, dass sie, unabhängig davon wie viel sie tatsächlich leisten, nur so viel Gehalt bekommen, wie nötig ist, um die Arbeitnehmer bei der Stange zu halten. Dies führt auch auf Produzentenseite zu einem rationalen Verhalten. Wenn sowohl die Identifikation mit dem Kunden als auch mit dem Arbeitgeber fehlt, regt sich in den Spiegelneuronen gar nichts, der Angestellte verhält sich rational und versucht, mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Gehalt zu bekommen. Auch hier wird er durch die Umstände zum homo oeconomicus.

Wir leben also in einer Welt, die durch extreme hohe Arbeitsteilung zu einer extremen Entfremdung führt, bei der sich niemand mehr mit den anderen Menschen, die an den Wertschöpfungs- und Konsumprozessen beteiligt sind, identifizieren kann. Die Spiegelneuronen, die eigentlich dafür sorgen, dass wir grundsätzlich mitfühlende Wesen sind, werden durch Informationsmangel oder Werbung blockiert oder getäuscht, so dass es gar nicht möglich ist, moralische Entscheidungen als Marktteilnehmer zu treffen. Der Mensch wird zum homo oeconomicus, weil die Art, wie wir uns wirtschaftlich organsiert haben, uns dazu macht. Unser Wirtschaftssystem rechtfertigt aber sein Dasein damit, dass der Mensch ein rational handelndes Wesen sei und deshalb eine marktwirtschaftliche Organisation eine Art natürliche Ordnung darstellt. In diesem Zirkelschluss rechtfertigt das System seine Existenz über menschliche Eigenschaften, die erst in diesem System zum Tragen kommen.

Welche Implikationen hat das für einen selbst? Um in einer Welt, in der Menschen, die sich nicht persönlich kennen, permanent versuchen, sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen, kann man diesem Spiel nur entkommen, wenn man der Entfremdung entgegenwirkt. Wer für seine Arbeit anständig bezahlt werden möchte, muss ein persönliches Verhältnis zu seinen Kunden aufbauen, so dass deren Spiegelneuronen bereit sind, die eigene Leistung zu entschädigen. Dafür müssen diese aber mitbekommen, wie viel Fertigkeit und Mühe man in sein Produkt gesteckt hat. Möchte man als Kunde ernstgenommen werden, muss man ein persönliches Verhältnis zu den Produzenten der Waren und Dienstleistungen, die man konsumiert, aufbauen. Nur so sorgen die Spiegelneuronen des Produzenten dafür, Qualität und Preis auf ein Niveau zu bringen, dass der Produzent auch für sich selbst angemessen hält.

Natürlich sind wir größtenteils gefangen in dieser hocharbeitsteiligen Welt und können ihr in vielen Bereichen des Lebens nicht entkommen. Aber jedes bisschen Entfremdung, das wir durch Beziehung ersetzen, erhöht die Fairness, mit der wir selbst im Markt behandelt werden und eliminiert außerdem nutznießende Zwischenhändler.

Die Welterklärer

Letztes Mal haben wir gesehen, dass es erstaunliche Parallelen zwischen der neoliberalen Ideologie und Religionen gibt, was nicht zuletzt daran liegt, dass Ideologien und Religionen keine rationalen Erkenntnissysteme sondern irrationale Glaubenssysteme sind. Nun benötigt jeder Kult seine Rituale. Während Gläubige Menschen ihre Gottesdienste haben, in denen ihnen die Welt erklärt wird, konsumieren überzeugte Wirtschaftsgläubige Börsennachrichten. Deren als „Analysen“ verkaufte Erklärungen bieten wieder erstaunliche Parallelen zu religiösen Weltauslegungen.

In vielen Religionen werden Ereignisse höheren Mächten zugeschrieben. Dinge, die geschehen, sind der Wille der Götter oder an wen auch immer man in der jeweiligen Religion glaubt. Häufig werden Ereignisse miteinander kombiniert. Geht z.B. eine Frau fremd, wird schwanger und erleidet eine Fehlgeburt, dann wird das als Strafe der Götter für das Fremdgehgen interpretiert. Gewinnt ein besonders frommer Gläubiger im Lotto (wenn denn die Religion Glückspiel erlaubt), so ist das die Belohnung der Götter für das fromme Leben. Aber auch „unfaire“ Ereigniskombinationen lassen sich immer begründen. Wird ein frommer Mensch mit Schicksalsschlägen konfrontiert, wollen die Götter ihn nur testen (wie z.B. Hiob). Andersherum gibt es für schlechte Menschen, denen es gut geht, immer noch ein Jenseits, in dem alles kompensiert wird. Es lässt sich also folgende Tabelle erstellen, in der alle möglichen Ereigniskombinationen religiös erklärt werden können. Damit können alle Ereignisse als Bestätigung der religiösen Weltsicht genutzt werden.

Guter Mensch Böser Mensch
Positives Ereignis die Götter belohnen ihn bekommt im Jenseits seine Strafe
Negatives Ereignis die Götter testen ihn die Götter bestrafen ihn

Nun glaubt der Neoliberalist ja nicht an Götter, sondern an Märkte, die aber die gleiche Funktion als transzendente Entität erfüllen, welche zwar nicht durchschaubar, aber prinzipiell wohlwollend ist. Der Wille der Märkte macht sich natürlich nicht in Alltagsereignissen bemerkbar, sondern in Preisen. Daher muss der fromme Neoliberalist diese permanent beobachten und versuchen, seine Schlüsse daraus zu ziehen. Wesentliche Preise sind dafür natürlich nicht Brot und Milch, sondern die Kurse der Aktien an den Börsen. Wer sich einmal Börsennews angetan hat, erkennt schnell, dass die Welterklärungsmuster denen einer religiösen Weltsicht ähneln. Man ersetze die Götter durch „die Märkte“ oder „die Anleger“ und schon kann man für einzelne Aktienunternehmen ein ähnliches Muster erstellen.

Macht das Unternehmen etwas tolles, wie z.B. ein großes Geschäft abschließen oder seine Gewinnaussichten erhöhen, und reagiert daraufhin der Aktienkurs mit einer Vergrößerung, so liegt es daran, dass „die Anleger“ erfreut sind. Macht das Unternehmen etwas tolles, aber der Aktienkurs fällt, so waren das Geschäft oder die Quartalszahlen zwar gut, aber nicht gut genug. Dann hat das Unternehmen die hohen Erwartungen der Anleger nicht erfüllt. Schlechte Ereignisse im Unternehmen lassen sich ebenfalls mit Erhöhungen oder Verringerungen des Aktienkurses kombinieren. Je nach Kombination ist es entweder so schlimm, dass die Anleger „enttäuscht“ sind, oder nicht so schlimm „wie erwartet“. Auch dies lässt sich in eine Tabelle fassen.

Positives Ereignis im Unternehmen Negatives Ereignis im Unternehmen
Aktienkurs steigt Anleger reagieren erfreut Ereignis ist nicht so schlimm wie erwartet
Aktienkurs fällt Ereignis ist nicht so gut wie erwartet Anleger reagieren enttäuscht

Mit dieser Tabelle kann man schon ziemlich viele Börsennachrichten selbst produzieren. Aber es geht natürlich noch ein bisschen komplizierter, damit dieser pseudowissenschaftliche Unsinn noch fachmännischer klingt. Die Aktienkurse verschiedener Einzelunternehmen werden an vielen Börsen zu Aktienindizes vermischt. In Deutschland ist der „wichtigste“ Index der Dax, der auf den 30 größten Aktienunternehmen in Deutschland basiert. Dieser wird gern als Indikator für den gesamtwirtschaftlichen Zustand unseres Landes genommen und spielt daher ebenfalls eine besondere Rolle. Der Dax wird meist gleichgesetzt mit der „Stimmung an den Märkten“. Sind die Märkte gut drauf, steigt der Dax, sind sie schlecht drauf, fällt der Dax.

Besonders findige Börseninterpreten kombinieren jetzt die Entwicklung eines einzelnen Unternehmens mit der Entwicklung des Dax. Dabei kann z.B. vorausgesetzt werden, dass das Unternehmen zum Dax beiträgt. Da sowohl der Aktienkurs des Unternehmens steigen und fallen kann und auch der Dax dieses tun kann, ergibt sich wieder eine Tabelle, mit der alle Ereignisse der Börse erklärt werden können.

Aktienkurs des Unternehmens steigt Aktienkurs des Unternehmens fällt
Dax steigt Unternehmen zieht den Dax nach oben Aktienkurs fällt nicht so schlimm wie erwartet, allgemeine Freude der Anleger
Dax fällt Aktienkurs steigt nicht so viel wie erwartet, allgemeine Enttäuschung der Anleger Unternehmen zieht den Dax nach unten

Man kann aber auch Ursache und Wirkung ändern. Statt zu behaupten, dass die Unternehmenskurse Auswirkungen auf den Dax haben, kann man auch unterstellen, der Dax habe Auswirkungen auf die einzelnen Unternehmenskurse. Das hat nichts damit zu tun, wie der Dax sich tatsächlich mathematisch berechnet, sondern funktioniert, weil wir in den Dax die „Stimmung am Markt“ hineininterpretieren. Diese abstrakte nicht messbare und nicht widerlegbare Größe kann immer so gedreht werden, dass die Erklärung passt. Mit der Annahme, der Dax sei Ursache für einzelne Unternehmenskurse sieht die Tabelle wie folgt aus.

Aktienkurs des Unternehmens steigt Aktienkurs des Unternehmens fällt
Dax steigt Unternehmen profitiert von der guten Stimmung am Markt positive Stimmung am Markt kommt nicht beim Unternehmen an
Dax fällt negative Stimmung am Markt kommt nicht beim Unternehmen an Unternehmen leidet unter der schlechten Stimmung am Markt

Jetzt haben wir genügend Tabellen um für beliebige Ereignisse an der Börse täglich mehrere Minuten Sendezeit mit allgemeinem Blabla über die Zustände an den Aktienmärkten zu füllen. Man muss sich vor Augen halten, dass das tägliche Auswerten der Aktienkurse der Kernbestandteil der meisten Wirtschaftsnachrichten ist. Mit Wirtschaftswissenschaft hat das natürlich alles nichts zu tun.

Aktienkurse sind für die reale Wirtschaft in Wirklichkeit von extrem untergeordneter Bedeutung. Der Aktienmarkt hat in einer Volkswirtschaft eine ganz klare Aufgabe. Er dient der branchenübergreifenden Verteilung von Kapital. Das funktioniert wie folgt. Ein Unternehmen möchte expandieren und benötigt dafür Geld für die Investitionen. Die hat es nicht, es braucht das Kapital von woanders. Dafür geht es an die Börse und emittiert Aktien. Die Aktienkäufer erhalten dafür Mitspracherecht bei dem Unternehmen. Das Unternehmen wiederum bekommt das Geld, das es benötigt. Da die Käufer der Akten von überall kommen, bekommt das Unternehmen so Geld, welches vorher an ganz anderen Stellen in der Wirtschaft herumschwirrte. Damit kann es Fabriken oder Kundendaten für seine Expansion kaufen. Der Aktienbesitzer wird in Form einer Dividende am Unternehmensgewinn beteiligt.

Schrumpft eine Branche, so kann ein Unternehmen z.B. Fabrikhallen oder Kundendaten verkaufen, und damit einen Teil der Aktien zurückkaufen, um so zukünftig an weniger Aktionäre Dividenden zahlen zu müssen. Das beim Aktienrückkauf ausgeschüttete Geld fließt dann in andere Branchen, wo es wieder investiert wird.

Nur bei diesen beiden Prozessen, beim der Emission von Aktien und beim Rückkauf von Aktien, findet eine branchenübergreifende Kapitalverteilung statt. Der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Prozesse besteht darin, dass das Kapital aus Branchen, die nicht mehr produktiv sind, in Branchen fließen kann, die höhere Wertschöpfung betreiben und sich so der Gesamtwohlstand erhöht. Beide Ereignisse, Aktienemission und Aktienrückkauf, sind aber so selten, dass sich daraus keine täglichen Nachrichten mit Inhalt füllen lassen. Die Aktienkurse selbst werden im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass ein Aktionär seine Aktien an einen anderen Aktionär verkauft, der dann zukünftig die Dividende kassieren darf. Der volkswirtschaftliche Nutzen dieses Handels ist null. Es findet dabei keine neue Kapitalallokation statt.

Hinzu kommt noch, dass Aktien oft gar nicht als Geldanlage für den Erhalt einer Dividende gehandelt werden, sondern als Spekulationsobjekt mit der Hoffnung, die Aktie zu einem höheren Preis nach kurzer Zeit wieder zu verkaufen. Das bedeutet für den Aktienpreis, dass dieser sowieso wenig Informationsgehalt enthält, da er im Wesentlichen durch spekulative Prognosen der Kursentwicklungen und nicht durch die Erwartung langfristiger Dividenden geprägt wird.

Wir können also festhalten, dass ein wesentlicher Teil der Wirtschaftsnachrichten sich mit Preisen beschäftigt, die keine Aussage haben, die bei einem Austausch von Dingen entstehen, der keinen volkswirtschaftlichen Nutzen hat, wobei Erklärungen geliefert werden, die keine sind. Wer des Öfteren mit Leuten konfrontiert ist, die sich mit wirtschaftlichen Themen beschäftigen, kann also deren Grad an Inkompetenz und Wirtschaftsfrömmigkeit daran erkennen, wie detailliert diese das tägliche Auf und Ab der Aktienkurse verfolgen.