Wachstumsmodellierung II

Letztes Mal haben wir gesehen, dass man es zwar nicht den klassischen Ökonomen, aber der auf Naturwissenschaft basierender Systemtheorie möglich ist, Wirtschaftswachstum sehr gut vorherzusagen. Heute wollen wir mal mit hochgekrempelten Ärmeln in die Praxis einsteigen, um zu sehen, wie solche Modelle prinzipiell funktionieren. Dazu basteln wir uns ein einfaches sehr simples Modell einer globalen Wirtschaft mit ein paar natürlichen Ressourcen und sehen mal, was so passiert.

Wir wissen ja bereits, dass Excel alle Funktionalitäten liefert, die man benötigt, um Simulationen durchzuführen. Zunächst werden wir ein paar Gleichungen herleiten, die unser Wachstum beschreiben und dann werden wir sehen, wie die Kurven aussehen, die aus diesen Gleichungen resultieren.

Zunächst einmal basiert unsere Wirtschaft auf Ressourcen. Diese Ressourcen unterteilen sich in erneuerbare Ressourcen und nicht erneuerbare Ressourcen. Während die erneuerbaren Ressourcen jedes Jahr gleich groß sind und erneut zur Verfügung stehen und somit sozusagen ein Einkommen bilden, haben die nicht erneuerbaren Ressourcen eine bestimmte Startgröße und nehmen dann jedes Jahr um die verbrauchte Menge ab. Sie bilden also eine Art Guthaben. In unserem Modell liefert die Welt jährlich 10 Einheiten erneuerbare Ressourcen, während sich in der Erdkruste 1000 Einheiten nicht erneuerbare Ressourcen verbergen.

Unsere Wirtschaft wird aufrechterhalten, indem Ressourcen umgesetzt werden. Für unsere Vereinfachung benötigt man pro Jahr eine Einheit Ressource, um eine Einheit Wirtschaft neu zu erschaffen (1. Hauptsatz der Thermodynamik) und 0,1 Einheiten Ressource, um eine Einheit Wirtschaft aufrecht zu erhalten (2. Hauptsatz der Thermodynamik). Unsere Wirtschaft hat die Startgröße 1.

Nun stehen jedes Jahr Ressourcen zur Verfügung. Diese setzen sich zusammen aus den erneuerbaren und den nicht erneuerbaren Ressourcen. Zieht man von diesen insgesamt zur Verfügung stehenden Ressourcen diejenigen ab, die für den Unterhalt der Wirtschaft benötigt werden, so bleiben zur Verfügung stehende Ressourcen übrig. Diese bilden die Wachstumsreserve. Das Wachstum der Wirtschaft hängt nun sowohl von dieser Wachstumsreserve als auch von der bisherigen Größe der Wirtschaft ab.

Aus dem Verbrauch für das Wachstum und den Verbrauch für den Erhalt der Wirtschaft berechnet sich der Gesamtverbrauch an Ressourcen. Wir nehmen an, dass dieser sich derart auf erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen aufteilt, dass beide zur Verfügung stehende Mengen gleichmäßig genutzt werden.

Solange nur ein Teil der erneuerbaren Ressourcen genutzt wird, gibt es noch unberührte Natur. Eine volle Nutzung aller erneuerbaren Ressourcen bedeutet, dass auch das letzte Fleckchen Erde der Extraktion durch industrielle Prozesse unterworfen ist. Der Anteil an ungenutzten natürlichen Ressourcen bildet also sozusagen unsere Biodiversität ab.

Lassen wir dieses Szenario (hier als EXCEL-Datei zum selbst rumspielen) nun 150 Jahre laufen, die wir in drei Epochen zu je 50 Jahren betrachten werden. Die einzelnen Zahlenwerte wurden der Einfachheit halber in Prozent umgerechnet, damit alle Größen in eine Grafik passen.

Wachstum 000-050

Was passiert in unserer kleinen Welt? Die ersten 50 Jahre passiert nicht so gravierend viel. Die Wirtschaft im Vergleich zu den noch endlos erscheinenden Ressourcen klein. Nach 50 Jahren sind immer noch 80% der nicht erneuerbaren Ressourcen in der Erde. Die Biodiversität ist groß, es gibt wenig Grund, sich jetzt schon über Umweltschutz Gedanken zu machen. Die Wirtschaft wächst und gedeiht und Ökonomen versprechen in dieser Welt eine rosige Zukunft. Denn die Kurve zeigt exponentielles Wachstum, welches findige Ökonomen einfach extrapolieren. Es scheint, als könnte man noch Jahrhunderte so weiterwirtschaften. Künstler und Autoren erschaffen Science-Fiction-Werke, in denen unendlich weit fortgeschrittene zukünftige Zivilisationen die Weiten des Alls besiedeln und schaffen somit eine Vision, mit der Ökonomen dem grenzenlosen Wachstum eine scheinbar grenzenlose Rohstoffbasis zugrunde legen können. Doch schon die nächsten 50 Jahre haben es in sich.

Wachstum 050-100

Man darf das exponentielles Wachstum nicht unterschätzen. Die rapide wachsende Wirtschaft beschleunigt die Extraktion von nicht erneuerbaren Rohstoffen derart, dass sie in weniger als drei Jahrzehnten von rund 80% auf 0% fällt. Nähert sich die Verfügbarkeit der nicht erneuerbaren Rohstoffe der Null, so nimmt der Gebrauch von Erneuerbaren Rohstoffen rasant zu, mit entsprechend fatalen Konsequenzen für die Biodiversität. Trotzdem reicht die insgesamt geringe Verfügbarkeit von Ressourcen nicht aus, um die Wirtschaft am Leben zu halten. Sobald keine Ressourcen mehr in ausreichend großen Mengen zur Verfügung stehen, fängt das Wirtschaftssystem an sich selbst zu kannibalisieren (eine Prozess, den J. M. Greer als „katabolischen Kollaps“ bezeichnet) und schrumpft um mehr als die Hälfte.

Wachstum 100-150

Die letzten 50 Jahre passiert nicht mehr viel. Die einmal verbrauchten nicht erneuerbaren Ressourcen kehren nicht zurück. Menschliches Wirtschaften pendelt sich auf einem Niveau ein, das mit den erneuerbar verfügbaren Ressourcen noch zu halten ist. Diese beträgt aber nur rund ein Drittel der Wirtschaftsgröße des Höhepunktes der fossilen Party.

Diese kleine Spielerei gibt einen hoffentlich nachvollziehbaren Einblick in die Systemmodellierung. Natürlich erhebt dieses Modell keinen Anspruch auf eine korrekte Zukunftsprognose, und natürlich hängt viel von den gewählten Faktoren und Startbedingungen ab. Es zeigt aber deutlich, dass in einer Welt mit begrenzten Ressourcen eine Wirtschaft nicht grenzenlos wachsen kann. Außerdem zeigt es die Gefahr, in einer Zeit des Überflusses einen Ressourcenverbrauch zu betreiben, der langfristig nicht gedeckt werden kann, was zwangsläufig zu einem mindestens teilweisen wirtschaftlichen Kollaps führt.

Warum können Simulationen zu solch grundsätzlich anderen Ergebnissen kommen als die klassischen ökonomischen Modelle? Einen Grund dafür, die Ignoranz der Ökonomen gegenüber der realen Welt, kennen wir schon, der zweite ist nicht so offensichtlich. Wir haben uns in einem früheren Beitrag mal mit dem Phänomen der Emergenz, dem Erwachsen komplexer Strukturen aus dem Zusammenspiel vieler einfacher Strukturen, beschäftigt. Während Ökonomen mit ihren Weltformeln die komplexe Struktur vorweg nehmen, und somit keine Spielräume für alternative Lösungen lassen, wächst in der Simulation die Lösung emergent. In der Simulation beschreibt man alle einzelnen weniger komplexen Sachverhalte so gut es geht und auch deren Zusammenspiel. Das Ergebnis wird in der Simulation aber nicht vorweggenommen, sondern es ergibt sich emergent und sorgt mal für mehr und mal für weniger Überraschung.

Nächstes Mal werden wir sehen, was so eine schrumpfende Wirtschaft eigentlich für unser Leben bedeutet.

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Wirtschaftstheologie

Ich habe schon des Öfteren den Begriff des Wirtschaftstheologen gebraucht (z.B. hier, hier und hier). Es ist an der Zeit diesen zu erläutern. Wesentlich begründet wurde diese Wortschöpfung durch Alexander Rüstow, der übrigens auch andere heute geläufige Begriffe erfunden hat, wie z.B. den des Neoliberalismus.

Um zu verstehen, wie die Begriffe Wirtschaft und Theologie im gleichen Wort landen können, müssen wir uns zunächst ein bisschen mit letzterer beschäftigen. Natürlich ist das Feld der Theologie so komplex und vielfältig, dass man ganze Bibliotheken damit füllen kann, und zu jeder Aussage über Theologie gibt es irgendwo auf der Welt einen Theologen, der die Ausnahme ist, welche die Regel bestätigt. Dennoch gibt es religionsübergreifend gewisse Muster, die für die Theologie kennzeichnend sind.

Es gibt in jeder Religion, die auf irgendeiner heiligen Textsammlung gründet, Gelehrte, die ihr Leben damit verbringen, diese Schriften zu studieren, zu interpretieren und sie mit der beobachtbaren realen Welt in Zusammenhang bringen. In unserem Kulturkreis fällt diese Aufgabe christlichen Theologen zu, die sich natürlich in ihren Ansichten und Arbeitsweisen in verschiedenste Denkschulen aufteilen. Jahrhundertelang haben sich kluge Köpfe selbigen über diverse Einzelprobleme der Theologie zerbrochen und so ein hochkomplexes Gedankengebilde geschaffen, das allen möglichen Kriterien wissenschaftlicher Methodik gerecht wird und weit über die in der Bibel verewigten Inhalte hinaus geht.

Dennoch haben viele Religionsgelehrte dieser Welt, aller Methodik zum Trotz, Probleme, einer kritischen Prüfung ihrer Arbeit hinsichtlich des wissenschaftlichen Gehaltes Stand zu halten. Wissenschaft enthält im Wesentlichen zwei wichtige Bausteine. Der erste ist die Erhebung einer empirischen Datenbasis, also die Beobachtung der beobachtbaren Welt, um Fakten und Daten zu sammeln. Das zweite ist das Schlussfolgern aus diesen Fakten, um so zusätzliche Informationen abzuleiten. Theologie ist oft nur in dem zweiten Punkt eine Wissenschaft. Im ersten Punkt versagt sie meistens. Statt einer empirischen Datenbasis werden die Inhalte uralter Textsammlungen, von denen eigentlich kaum noch jemand weiß wer diese damals mit welchen Absichten verfasst hat, oft als axiomatisch angesehen. Je fundamentalistischer ein Gottesgelehrter ist, desto wörtlicher nimmt er die Aussagen der heiligen Texte seiner Religion als gegebenen Fakt hin, auf welchem dann Wissenschaft betrieben wird. Der Text bildet dann ein sogenanntes Axiom, also ein Informationsstück im Theoriegebäude, das selbst nicht durch andere Informationen begründet, bewiesen oder abgeleitet ist. Das Schlussfolgern weiteren Wissens auf diesen Axiomen kann dann mit Methoden ablaufen, die höchsten wissenschaftlichen Standards genügen. Jedoch besitzen diese Schlussfolgerungen dann genauso wenig Wahrheitsgehalt wie die Axiome, auf denen sie beruhen.

Nun sind Theologen ein dankbares Opfer, wenn man die wissenschaftliche Arbeit auf einer fragwürdigen Datenbasis belächeln möchte. Aber es gibt auch in anderen Wissenschaften Beispiele für komplexe Theoriegebäude, die auf falschen Axiomen beruhen. So ist die axiomatische Basis der homöopathischen Lehre (Ähnlichkeitsprinzip, Dynamisierung durch Verdünnung usw.) von Samuel Hahnemann am Schreibtisch erfunden worden und eben keine auf Fakten und Beobachtungen basierende empirische Datenbasis. So wie religiöse Gedankengebäude letztendlich eine Glaubensfrage sind, die nichts über die Realität unsere Welt aussagen, ist es auch die Homöopathie.

Es sind also auch angesehene Wissenschaften, wie im Falle der Homöopathie die Medizin, im 21. Jahrhundert nicht davor gefeit, sich auf ein Terrain zu begeben, dass zukünftige Generationen mit Sätzen beschreiben werden, die mit „Damals glaubte man noch …“ beginnen. Was aber werden diese Generationen über unsere Ökonomen zu sagen haben?

Es gibt heute bei den Wirtschaftswissenschaftlern natürlich alle möglichen Facetten an Meinungen, Ansichten und Axiomen. Da Wirtschaft einerseits menschengemacht ist, gibt es viele Ökonomen, die aus der geisteswissenschaftlichen Ecke kommen und deren methodischen Werkzeugkasten mitbringen. Andererseits besitzt Wirtschaft durch den hohen Grad an geldbasiertem Handel auch eine in Zahlen fassbare Komponente, die es ermöglicht, Werkzeuge der Mathematik zu benutzen. Wieder andere Ökonomen sehen Wirtschaft als komplexes System und wenden ihren aus der Systemtheorie stammenden kybernetischen Werkzeugkasten an. Alle diese Menschen sind selbst natürlich Teil der Wirtschaft, und somit der Gefahr von Subjektivität ausgesetzt. Außerdem reden sie selten miteinander, weil sie die Methodik des jeweils anderen nicht nachvollziehen können.

In diesem Spektrum der ökonomischen Zunft gibt es ein paar Mainstreammeinungen, die axiomatisch für viele Ökonomen sind. Wenn genügend Ökonomen (also Fachleute) diese Axiome laut genug verbreiten, werden Laien dies für wissenschaftliche Wahrheit halten. Daher ist es wichtig, in ökonomischen Gedankenkonstrukten die Axiome zu kennen, um wissenschaftliche Wahrheit von ökonomischen Glaubensbekenntnissen zu trennen.

Wesentlicher Bestandteil ökonomischen Glaubens ist der Glaube an den Markt. Der Markt ersetzt als quasitranszendente Entität den wohlwollenden Schöpfergott und wird am Ende schon alles richten, wenn wir nur fest genug an ihn glauben. Der Glaube an den Markt zeigt Parallelen zu religiösen Extremisten. Verhält sich die Realität nicht wie religiös gewünscht oder vorhergesagt, so liegt für religiöse Extremisten oft die Ursache darin, dass die Gesellschaft oder Teile davon nicht gläubig genug sind oder religiöse Rituale nicht ausreichend verfolgt haben. Analog dazu versuchen Wirtschaftsextremisten, auftretendes Marktversagen immer dadurch zu erklären, dass der böse Staat mit irgendeinem Rest Regulierung schuld an der Situation ist. Marktversagen und seine Mechanismen (Spekulation, Nashgleichegwichte, geplante Obsoleszenz, Monopole, Externalitäten etc.) sind bekannt und gut untersucht, es existieren jede Menge Beispiele dafür (staatliche vs. private Rente). Wer die Existenz von Marktversagen bestreitet, der ist entweder ein getäuschter Laie oder ein ziemlich verbohrter Ideologe. Letztere tarnen sich leider häufig im wirtschaftswissenschaftlichen Gewand.

Ein zweiter Pfeiler der ökonomischen Religion ist der Glaube an Preise. Dies ist natürlich Voraussetzung dafür, dass der Markt Recht hat. Nur wenn immer und überall alle Preise stimmen, dann kann der Markt, der diese Preise in Kaufentscheidungen überführt, auch immer recht haben. Großartigerweise tarnen einige Markttheologen ihren Glauben gar nicht, sondern sagen, wie z.B. dieser Herr, den wir bereits kennengelernt haben: „„Ja. Der Markt ist rational, das glaube ich noch immer. Preise an Finanzmärkten spiegeln stets die verfügbaren Informationen wider.““

Da stellt sich natürlich direkt die Frage, ob es vielleicht sein kann, dass schlicht nicht alle relevanten Informationen verfügbar sind. Und dann kommen wir auch direkt zur Frage, ob es überhaupt möglich ist, in einer komplexen Welt alle relevanten Informationen zu erfassen und als solche zu erkennen. Aber eine sachliche Diskussion, die man von einem seriösen Wissenschaftler erwarten kann, ist nicht Herrn Famas Sache. Kritiker seines Glaubens haben nicht Recht, denn wenn sie recht hätten, müssten sie in der Lage sein die Zukunft vorauszusagen („Aber Leute haben versucht zu prognostizieren, wann die Preise wieder heruntergehen. Und es gibt keinen Beweis, dass sie es können. Sie alle können also über Blasen reden, aber es gibt keinen Beweis, dass sie existieren.“). Hier werden Aussagen der Existenz von Blasen mit der Möglichkeit ihrer Vorhersage vermischt. Das wäre, als würde man bestreiten, dass es im nächsten Jahr Wetter gibt, nur weil jetzt noch niemand eine präzise Wettervorhersage für das nächste Jahr machen kann.

Der Glaube an den Preis hat enorme Implikationen im markttheologischen Glaubenskonstrukt. Aus der Annahme, dass Preise immer Recht hätten, wird geschlussfolgert, dass für jeden Geldfluss ein realer Gegenwert existiert. Wenn der einer Zahlung zugrunde liegende Preis stimmt, dann muss in dem zugehörigen Handel ein gleicher Gegenwert geschaffen worden sein. Diese Implikation ist der wesentliche Grund dafür, dass sich die Markttheologie zur herrschenden Sichtweise unseres Gesellschaftssystems aufgeschwungen hat. Sie bedeutet nämlich, dass diejenigen, die am meisten Geld abgreifen, im Gegenzug dazu am meisten Wert geschöpft haben müssen. Damit wird die Maximierung des monetären Einkommens moralisch gerechtfertigt. Dies ist natürlich grober Unfug, gibt es doch genügend Beispiele für sich selbst vermehrende leistungslose Einkommen. Aber jede gesellschaftliche Oberschicht benötigt eine Ideologie, die ihre Besserstellung gegenüber der Masse rechtfertigt. Früher war es der Hochadel von Gottes Gnaden, heute ist es der Glaube an den Markt, der wirtschaftliches Faustrecht legitimiert. Es ist letztlich das Recht des Stärkeren: Wer am meisten Kohle abgreift, der muss ja in einem perfekten Markt am meisten Wert geschöpft haben und somit diese ganze Kohle auch verdient haben. In dieser kruden Logik es sich der Bezieher leistungslosen Einkommens sogar leisten, seine ausgebeuteten Angestellten als Minderleister zu bezeichnen. Dabei ist es gar nicht möglich, keine „C-Mitarbeiter“ zu haben, denn es gibt in einem Wettbewerbssystem zwangsläufig immer einen letzten Platz, so wie es auch in der Bundesligatabelle immer einen letzten Platz gibt.

Glaubenssysteme, die die Realität leugnen, zeigen nicht nur Widersprüche zur realen Welt, sondern oft auch innere Widersprüche auf. Innere Widersprüche sind in der Wissenschaft ein harter Beweis dafür, dass eine Theorie falsch, unwahr, zu stark vereinfacht oder unvollständig ist. So gibt es natürlich Ausnahmen zu der Regel der Heiligkeit der Preise. So hat ein Wirtschaftstheologe auf Wikipedia dieses schöne Beispiel hinterlassen: „“Aufgrund schlechter makroökonomischer Fundamentaldaten wird eine Abwertung der Währung A erwartet, d. h. der Wechselkurs gegenüber einer anderen stabilen Währung B wird sich ändern. Der Spekulant kauft nun die seiner Meinung nach stabilere Währung B, um sie nach erfolgter Abwertung von A zurück zu tauschen. Ebendiese Transaktion leitet aber die Abwertung ein. Insofern kann man sagen, dass der Kapital- bzw. Devisenmarkt angesichts der makroökonomischen Daten die Währungen neu bewertet hat. Spekulation ist hier also ein Mechanismus zur Anpassung des Preissystems an neue Informationen, so dass die Ressourcenallokation verbessert wird.““

Der Preis hat also immer Recht, außer dann, wenn jemand an einem anderen Preis verdienen kann. Dann leitet er mit seiner Spekulation eine Preisänderung ein, verdient daran und hat so gutes für die Welt geschaffen. Zum Glück gibt es ja die Hohepriester des Börsenparketts, die die Welt immer so erklären, dass wir sie auch verstehen können …

Wachstumswahn –- eine Spurensuche

Im letzten Beitrag haben wir gesehen, dass das Bruttoinlandsprodukt eigentlich kein geeignetes Maß ist, um die Größe einer Wirtschaft zu berechnen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst weder die Menge an vorhandenen Gütern, noch die Menge an produzierten Gütern. Es misst lediglich den durch Austausch von Waren und Dienstleistungen entstandenen Geldfluss. Dennoch ist das BIP unsere heilige Kuh, die gefüttert werden muss und wachsen muss. Warum eigentlich?

An unserem Wachstumswahn sind alle wirtschaftlichen Akteure beteiligt, Unternehmen, Privathaushalte und der Staat. Beginnen wir mit letzterem. Obwohl unser Grundgesetz den schönen Satz (Artikel 14 Satz 2) enthält, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, gibt es in Deutschland praktisch keine Vermögenssteuern. Es gibt nur ganz wenige Steuern, bei denen bloßer Besitz besteuert wird, wie etwa die Kraftfahrzeugsteuer oder die Grundsteuer, bei denen der Besitz von Fahrzeugen und Immobilien besteuert wird. Andere Formen der Besteuerung von Besitz wie die Vermögenssteuer oder die Gewerbekapitalsteuer sind längst abgeschafft.

Nun kann man sich trefflich darüber streiten, wie die Vermögenden es schaffen, so viel politischen Einfluss zu erlangen, dass ihre Vermögen immer weniger besteuert werden und immer weniger dem Allgemeinwohl dienen, aber dies ist Thema eines anderen Blogs (z.B. diesem). Es bleibt jedoch die Erkenntnis, dass der Staat sein Einkommen nicht aus dem Vermögen seiner Bürger, sondern aus Geldflüssen zieht. Die beiden mit Abstand höchsten öffentlichen Einnahmequellen sind die Lohnsteuer (149 Mrd. €) und die Umsatzsteuer (142 Mrd. €). Mit einigem Abstand folgen die Einfuhrumsatzsteuer (52 Mrd. €), die Gewerbesteuer (42 Mrd. €) und die Mineralölsteuer (39 Mrd. €), die ebenfalls alles Steuern auf Geldflüsse sind.

Dass Staaten Geldflüsse und nicht Vermögen besteuern ist keineswegs natürlich. Lange Zeit war die Besteuerung von Land die wesentliche Quelle staatlicher Einnahmen. So führte der persische Großkönig Dareios in seinem ganzen Reich ein auf der Grundsteuer basiertes Tributwesen ein. Auch die Römer kannten eine Grundsteuer, die sie sowohl selbst entwickelten (tributum soli), als auch in eroberten Gebieten vorfanden und übernahmen (z.B. in Ägypten). Eine andere in der Geschichte häufig anzutreffende Steuer ist die Kopfsteuer, bei der jeder Bürger einen gleichen Betrag zu entrichten hatte.

Erst mit der Industrialisierung und dem Übergang von einer agrarischen zur industrialisierten Gesellschaft ging die Bedeutung der Grundsteuer in dem Maße zurück, indem der landwirtschaftliche Sektor an Bedeutung verloren hat. Anstatt die Besteuerung von Vermögen auf den industriellen Wirtschaftssektor auszudehnen, beschloss unsere Zivilisation, die durch Handel und Gewerbe üppig sprudelnden Geldflüsse anzuzapfen.

Dies kann man der Politik nicht einmal vorwerfen, unterliegt die Besteuerung von industriellen Produktionsmitteln doch einem Nash-Gleichgewicht. Während die Besteuerung von Land oder Bürgern integrale Teile des Staates, nämlich das Staatsvolk und Staatsgebiet betrifft, kann Produktionskapital in Form von Maschinen und Fabriken über Landesgrenzen hinweg verschoben werden. Wer dieses höher besteuert als andere (oder überhaupt besteuert) riskiert eine Abwanderung der Produktionsmittel. Nur wenn alle (oder hinreichend viele) Staaten sich auf eine solche Steuer einigen würden, könnte der Besitz von Produktionsmitteln sinnvoll besteuert werden.

Zumindest verglichen mit der Kopfsteuer sind Besteuerungen von Geldflüssen weiterhin eine Erhöhung der Steuergerechtigkeit. In Zeiten ohne Sozialstaat trieb die Kopfsteuer nicht wenige Menschen in den Ruin, zwang sie dazu, ihre Kinder zu prostituieren und kriminell zu werden. Eine Besteuerung von Geldflüssen folgt immerhin dem Prinzip, dass derjenige, der wenig einnimmt und wenig ausgibt, auch wenig Steuern zahlen muss.

Jedes Steuersystem schafft Anreize für staatliches Handeln. Das Einführen neuer Steuern oder das Erhöhen vorhandener Steuersätze ist immer politisch waghalsig, weil es zu Unruhen führen kann. Also sind Herrscher versucht, bei einem gegebenen Steuersystem die Grundlage der Besteuerung zu mehren. Während in Zeiten von der Besteuerung von Land Herrscher motiviert waren, mehr Land zu erobern um noch mehr Steuern einzunehmen, muss der Herrscher von heute die Geldfüsse im Land vergrößern, möchte er seine Einnahmen vermehren. Und die Geldflüsse von heute addieren sich zum BIP. Also freuen sich Politiker wie Schneekönige wenn das BIP wächst, da sie dann höhere Steuereinnahmen haben, mit denen sie politischen Handlungsspielraum gewinnen, ohne jemandem auf die Füße zu treten.

Die Hoffnung auf Wachstum scheint ja auch nicht unbegründet zu sein, hat es doch bisher gut geklappt. Seit zwei Jahrhunderten erleben wir permanentes Wirtschaftswachstum. Selbst die Großeltern unserer Großeltern haben schon Wirtschaftswachstum erlebt und Weltkriege und Wirtschaftskrisen konnten das Wirtschaftswachstum bisher nicht dauerhaft beeinträchtigen. Die Erfahrung von Wachstum hat sich tief in die kulturelle DNA unserer industriellen Zivilisation eingebrannt. Zukunftsszenarien in Film und Literatur sind immer von einer technischen oder apokalyptischen Größe geprägt, die in der Vergangenheit nicht denkbar gewesen wäre.

Unser Wachstum ist so rasant, dass selbst Ökonomen es sich nicht erklären können. So hat Herr Solow sich überlegt, wie man aus Arbeit und sich ansammelndem Kapital das Wirtschaftswachstum mathematisch herleiten kann. Seine schönen Gleichungen, heute Teil jedes Grundlagenlehrbuches der Volkswirtschaft, haben jedoch den entscheidenden Fehler, dass sie das Wirtschaftswachstum nicht vollständig erklären können. Die reale Wirtschaft wächst schneller als modelliert. Solow schob das auf den technische Fortschritt und der damit verbunden erhöhten Produktivität.

Das klang für alle erst mal plausibel. Es waren die 50er Jahre, der Mensch hatte gerade das Atom gespalten und ein Jahr nach Solows Veröffentlichung flog der erste Satellit ins Weltall. Zwölf Jahre später landeten Menschen gar auf dem Mond. Technischer Fortschritt konnte scheinbar alles, und er war scheinbar unbegrenzt. Warum sollte er nicht die Wirtschaft wachsen lassen.

Natürlich sind einige Ökonomen heute weiter. Überraschenderweise hat sich die IT-Revolution kaum auf die Produktivität nach Solows Modell ausgewirkt. Wenn technischer Fortschritt tatsächlich die Lücke zwischen realem und modelliertem Wachstum hätte verursachn sollen,müsst diese mit der IT-Revolution größer werde. Im Gegensatz zu Solows Modell, dessen Einzug in den Kanon wirtschaftlichen Grundwissens durch wissenschaftliche Qualität in keiner Weise gedeckt ist, treffen alternative Wachstumsmodelle das reale Wirtschaftswachstum fast perfekt. Dabei kommen sie ohne die magische Technologieerklärung aus. Unter Berücksichtigung des Energieverbrauches und der Energieeffizenz konnten reale Wachsumsdaten ganz hervorragend modelliert werden.

Im Klartext heißt das nichts anderes, als das, was wir bereits in einem früheren Beitrag geklärt hatten. Unser Wirtschaftswachstum ist durch die Fähigkeit, die Energieströme der Erde nutzbar zu machen, begrenzt. Die letzten 200 Jahre waren kein Wirtschaftswachstum durch technischen Fortschritt, sondern durch steigenden Energieverbrauch. Da unsere derzeit wichtigsten Energieträger – trotz Energiewende immer noch Kohle, Öl, und Gas – endlich sind, wird kein technischer Fortschritt zukünftig zu nennenswertem Wirtschaftswachstum führen.

Es gibt also den politischen Willen, dass der Geldfluss immer weiter wachsen muss, es gibt die gesellschaftliche Erfahrung, dass Wirtschaftswachstum der scheinbare Normalzustand ist und es gibt den in ein wirtschaftswissenschaftliches Gewand gehüllten Glauben, dass dank des technischen Fortschrittes auch ewiges Wachstum möglich sei. In dieser – offensichtlich falschen – Gewissheit haben wir uns eingerichtet.

Der Staat (praktisch alle Staaten) hat sich in ihr eingerichtet, der so hohe Schulden aufgetürmt hat, dass nur ein kräftiges BIP-Wachstum genug Steuern generiert, um diese ohne schmerzhafte Einschnitte wieder abzutragen. Oder auch gar nicht, wie der Fall Griechenland zeigt. Unternehmen haben sich in ihr eingerichtet, die in Fabriken, Technologien und Marken investiert haben und auf wachsende Absätze hoffen. Aber bei einfachen Bürgern, wie verschuldeten Privathaushalten oder der Investition des Ersparten in Söhnchen teures Studium an der privaten Business-School, steckt die Hoffnung, dass die Zukunft noch besser wird als die Vergangenheit. Nicht wohnt auch Banken und Versicherungen der Glaube an Wachstum inne, die Anlegern und Investoren Zinsen versprochen haben, die sie nur zahlen können, wenn immer wachsende Geldflüsse immer neue gewinnträchtige Finanzgeschäfte generieren.

Wir erleben bereits heute, dass die Hoffnungen all dieser Akteure auf ein weiter steigendes BIP von der harten Realität betrogen werden. Halb Europa hat akute Probleme mit seinen Schuldenbergen. Investitionen in neue Produktionsmittel sind so wenig erfolgversprechend, dass die Zentralbanken Geld verschenken müsse, damit noch jemand investiert. So halten sie die Finanzindustrie am Leben, die nicht mehr von einer florierenden Wirtschaft lebt. Die Generation Praktikum ist, besonders in Teilen Südeuropas, die erste Generation seit der industriellen Revolution, der es wirtschaftlich schlechter geht als ihren Eltern, obwohl sie am besten ausgebildet ist.

Es wird sicher noch eine ganze Weile dauern, bis der Glaube an ewiges Wachstum, der ein so tiefer Bestandteil unseres zivilisatorischen Selbstverständnisses ist, einer realistischeren Einschätzung gewichen ist. Die ersten Studenten der Wirtschaftswissenschaften fordern bereits, dass diese ihren theologischen Elfenbeinturm verlassen. Doch dies sind nur einige wenige, während die Masse von Ökonomen und Politikern weiter aufs BIP starrt.

Die Vermessung des Ameisenhaufens

Wir haben uns letztes Mal mit dem Phänomen der Emergenz beschäftigt, also mit der Entstehung von neuen Strukturen durch das Zusammenspiel einzelner Teile. So wie sich aus dem instinktgetriebenen Verhalten von einzelnen Ameisen ein gut koordinierter Ameisenhaufen ergibt, ergibt sich aus dem Handelsverhalten von einzelnen Menschen das Phänomen „Markt“.

Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften ist es nun, dieses Phänomen wissenschaftlich zu beschreiben. Das Ziel ist es dabei, das System so gut zu verstehen, dass man Vorhersagen treffen kann, die stimmen. Das ist in eigentlich allen Wissenschaften so. Der Meteorologe muss Wettervorhersagen treffen, die stimmen, der Informatiker muss beweisen, dass sich sein Programm nicht aufhängt, der Arzt muss, bevor er ein Medikament verabreicht, wissen, welche Wirkungen es auf den Körper entfaltet. Und ein Wirtschaftswissenschaftler muss Marktverhalten prognostizieren können.

Dabei ist der Vergleich mit dem Meteorologen besonders naheliegend, weil auch das Wetter ein emergentes chaotisches System ist. Letztendlich passiert beim Wetter nichts anderes, als das verschiedene Moleküle in der Gegend herumwuseln und ab zu mit ihren Nachbarn zusammendengeln. Aus diesem rein lokalen Phänomen ergeben sich über Wechselwirkungen so komplexe Gebilde wie Schäfchenwolken oder Tiefdruckgebiete. Auch Wetter ist chaotisch, weshalb kurzfristige Vorhersagen meist sehr hohe Trefferwahrscheinlichkeiten haben, langfristige Wetterprognosen aber fast unmöglich sind.

Die wissenschaftliche Methodik hinter der Vermessung eines Wissenschaftsgegenstandes ist eigentlich immer recht ähnlich. Man sucht einerseits nach messbaren Größen, die eine Aussage über den Zustand des Systems treffen und andererseits nach Wirkmechanismen, wie sich verschieden Größen des Systems gegenseitig beeinflussen.

Der Mediziner misst z.B. den Blutzuckergehalt oder den Insulinspiegel und kann so ein Aussage über den Zustand eines Patienten treffen und weiß aus verschiedenen Laborversuchen, dass ein hoher Blutzuckerwert den Körper dazu bringt, Insulin auszuschütten, welches den Blutzucker zu den Körperfettzellen abschiebt. So kann er basierend auf den gemessenen Werten eine wissenschaftliche Prognose erstellen, z.B. „wenn Sie weiter so viel Zucker fressen, dann platzen Sie irgendwann“.

Der Meteorologe misst ebenfalls Zustandsgrößen seines Systems, üblicherweise Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, und er kennt die Wechselwirkungen dieser Größen. Er weiß, dass durch die Corioliskraft der Wind entlang der Isobaren verläuft und so die Luftmassen verschiebt und kann prognostizieren, wann es wo anfängt zu regnen.

Der Wirtschaftswissenschaftler muss also zwei Dinge tun: Er muss sinnvolle messbare Größen finden, die den Zustand seines Systems beschreiben, und er muss versuchen, die Zusammenhänge zwischen diesen Größen zu bestimmen, so dass er Prognosen erstellen kann.

Bei der Vermessung von Märkten und Ameisenhaufen muss zunächst zwischen Fluss- und Zustandsgrößen unterschieden werden. Wir haben dies bereits bei der Simulation des Geldsystems getan. Zustandsgrößen sind innerhalb eines Geldsystems im Wesentlichen Kontostände. Flussgrößen beschreiben nun, wie sehr sich Zustandsgrößen ändern. Flussgrößen sind also in einem Geldsystem Geldflüsse von einem Konto auf ein anderes.

An dieser Stelle sage ich bewusst Geldsystem und nicht Markt oder Wirtschaftssystem. Nicht jede Geldaktivität ist Teil des Wirtschaftssystems. Wer mehrere Konten hat und dazwischen Geld umherschaufelt, macht erst mal nix wirtschaftliches, da er in diesem Moment nicht an der planmäßigen Deckung von Bedarf teilnimmt. Wer einen Kuchen backt, der betreibt zwar Wirtschaft, weil er planmäßig seinen Bedarf an Kuchen deckt, ist aber nicht Teil des Geldsystems.

Hier zeigt sich eine große Schwierigkeit bei der Vermessung von Märkten. Natürlich bieten Preise Zahlenwerte, die direkt vergleichbar sind und somit sind Preise und Geldmengen für jeden Wirtschaftswissenschaftler die einfachste Möglichkeit, an Zahlen zu kommen, die den Zustand seines Wirtschaftssystems beschreiben. Jedoch darf bereits hier nie außer Acht gelassen werden, dass diese Zahlen nicht die vollständige Wahrheit sind. Eine denkbare Alternative könnte auch die Erhebung der Arbeitsstunden sein, die in Waren und Dienstleistungen stecken. Aber schon hier stellt sich die Frage nach der Vergleichbarkeit und der Erhebbarkeit der Daten, so dass der Wirtschaftswissenschaftler kaum eine Wahl hat und Preise und Kontostände nutzen muss. Er muss ich aber immer bewusst sein, dass diese Daten oft eine Krücke sind.

Deutlich besser als in der Vermessung ganzer Volkswirtschaften sind Wirtschaftswissenschaftler bei der Vermessung einzelner Unternehmen. Dies ist natürlich auch einfacher, weil es übersichtlicher ist und das Unternehmen ja Zugriff auf alle unternehmensinternen Informationen hat. In so einem Unternehmen werden zunächst alle Zustandsgrößen ermittelt. Das sind natürlich Kontostände oder Schulden, die das Unternehmen hat oder die jemand beim Unternehmen hat, das ist aber auch der Wert von Immobilien, Maschinen, Fahrzeugen, Büroausstattungen etc. Das alles zusammen ergibt den Gesamtwert von Dingen, über die das Unternehmen verfügt. Im Laufe eines Jahres kommen zu diesen Zustandsgrößen Flussgrößen. Flussgrößen geben an, wie sich Zustandsgrößen ändern. Maschinen und Fahrzeuge werden abgenutzt und verlieren an Wert, diese Wertänderung nennt sich dann Abschreibung. Kontostände und Schuldenstände ändern sich, die Lager werden voller oder leerer. Am Ende des Jahres ergeben sich aus den Flüssen des Geschäftsjahres neue Zustandsgrößen. Diese Methode ist schon ziemlich gut und für Unternehmen auch geeignet, da dort alle Waren und Dienstleistungen, die in das Unternehmen fließen oder vom Unternehmen an andere fließen, mit einem Preis belegt sind, so dass hier tatsächlich die Größen des Geldsystems mit den Größen des Wirtschaftssystems übereinstimmen.

Aber wie macht es der Volkswirt mit ganzen Volkswirtschaft? Zunächst verzichtet er einfach mal ganz großzügig darauf, irgendwelche Zustandsgrößen zu ermitteln. Natürlich gibt es Mittel und Wege, den Gesamtwert der Immobilien, Unternehmen, Kontostände etc. in einer Volkswirtschaft zumindest abzuschätzen. Dies wäre dann die Ausgangsbasis für eine Betrachtung der Flussgrößen. Die Flussgrößen für eine Volkswirtschaft wären dann z.B. die neu produzierten Waren und Dienstleistungen, aber auch die Abschreibungen auf Fahrzeuge, Maschinen, Immobilien und Infrastruktur. Dazu kommen dann noch ein paar Größen, die den Geld- und Warenaustausch mit dem Ausland beschreiben und fertig wäre die Vermessung einer Volkswirtschaft. Aber all dies tut der Volkswirt nicht. Er bemisst die Wirtschaft mit einer einzigen Größe, nämlich dem Gesamtwert aller gehandelten Waren und Dienstleistungen und nennt das dann Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Preise von tatsächlich gehandelten Gütern sind Geldflüsse vom Käufer zum Verkäufer. Der BIP-messende Volkswirt misst also eine Flussgröße. Diese ist aber, wenn man nicht die anderen Flussgrößen und die Ausgangswerte der Zustandsgrößen kennt, ohne Aussage. Man stelle sich vor, ein Meteorologe oder ein Arzt würden eine einzelne Flussgröße benutzen, um ihre Aussagen zu treffen. Wie viel Information über das Wetter enthält die Aussage, dass soundsoviel Kubikkilometer Luftmassen gestern über Deutschland hinweggezogen sind? Kann ein Arzt einem Patienten Ernährungsratschläge geben, wenn er nur weiß, wie viele Kalorien dieser zum Frühstück isst, aber nicht, was er sonst noch verzehrt und ob er dabei Über- oder Untergewicht hat?

Wir müssen also an dieser Stelle festhalten, dass wir eigentlich gar keinen Schimmer haben, wie groß unser deutscher Ameisenhaufen ist, wie viel Wert er enthält und wie viel dort produziert und konsumiert wird. Dafür, dass viele Volkswirte vorgeben, ihre Aussagen auf wissenschaftliche Methodik zu stützen, ist das eigentlich ziemlich dünn. Eine Gesamterhebung des Wertes einer Volkswirtschaft müsste auch Externalitäten berücksichtigen. Verliert eine Immobilien an Wert, weil der Flugplatz nebenan eine weitere Landebahn bekommt und die Lärmbelastung steigt, dann geht dies bisher ins BIP nicht ein. Es zählen bisher nur Bau und Nutzung des Flugplatzes, weil dort Geld für Produkte fließt. Kein Wunder also, dass diverse Wirtschaftsgutachten solche Projekte immer als Wachstumstreiber bewerten. Bei der grundschiefen Bewertungsgrundlage kann ja auch gar kein anderes Ergebnis herauskommen.

Aber wir haben nicht nur keinen Schimmer wie groß unser Ameisenhaufen ist, dank der Universalität der Emergenz können wir ihn auch gar nicht sachlich vermessen. Wir haben letztes Mal festgestellt, dass emergente Systeme immer eine Form von Selbstreferenz aufweisen. Wir haben außerdem in einem früheren Beitrag festgestellt, dass Selbstreferenz zu einer Optimierung von Systemen bezüglich ihres Bewertungsparameters führen kann. So ist nicht nur der Pfauenschwanz eine emergente Kuriosität ohne wirklichen Sinn, sondern auch unser BIP ist gefangen in einem Teufelskreis, in dem versucht wird, es zu steigern, weil es wichtig ist, und in dem es wichtig ist, weil ständig versucht wird, es zu steigern.

Denkt man dies konsequent zu Ende, muss man sich die Frage stellen, ob die Politik überhaupt eine auf sachlichen Analysen fundierte Wirtschaftspolitik machen kann, oder ob nicht grundsätzlich die Gefahr besteht, dass die Messgrößen, die die Politik zur Handlungsgrundlage macht, immer in einen Kreislauf aus Bewertung und Beeinflussung geraten können. Da dies nicht auszuschließen ist, stellt sich grundsätzlich die Frage nach Sinn und Unsinn von Wirtschaftspolitik.

Das kleine ferne Bhutan fährt in seiner Wirtschaftspolitik daher einen komplett anderen Ansatz. Anstatt den Handel von Waren und Dienstleistungen zu messen in der Hoffnung, dass ein jeder Freude daran hat, so wie wir es tun, wird in Bhutan statt des Bruttoinlandsproduktes direkt das Bruttonationalglück gemessen. Basierend auf einem Gesetz von 1729, nach dem eine Regierung nur dann eine Legitimation hat, wenn sie zur Zufriedenheit des Volkes führt, wird seit 1972 das Bruttonationalglück offiziell als wichtiger erachtet als das Bruttoninlandsprodukt.

Dort fließen direkt die Sachen ein, die auch bei uns von vielen Menschen als wichtig erachtet werden, wie Gesundheit, Bildung, zwischenmenschliche Beziehungen, politische Teilhabe usw. Diese Dinge herbeizuführen ist eigentlich Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Während also in Bhutan die Wirtschaft danach ausgerichtet wird, dass die Menschen in geeigneter Work-Life-Balance ein Leben ohne Stress und Depressionen führen, nehmen wir genau dies in Kauf, damit unser Ameisenhaufen möglichst viel Zeug produziert, das wir eigentlich nicht brauchen, mit dem wir dann Menschen beeindrucken wollen, die wir eigentlich nicht mögen.

Subtile Meinungsmache

Wir haben letztes Mal gesehen, dass unsere „unabhängigen Medien“ gar nicht so unabhängig sind, sondern sich in den Händen einiger weniger Familien und Individuen befinden. Weiterhin haben wir gesehen, dass bei all diesen Medienunternehmern gleiche finanzielle Anreize dazu führen, dass bestimmte Meinungsbilder überall gleichermaßen vertreten werden.

Aber wie funktioniert das in der Praxis? Müsste uns nicht auffallen, wenn die Medien einseitige Beiträge schreiben? Anhand eines Interviews in der Zeit Online wollen wir analysieren, mit welchen Methoden eine scheinbar ausgewogene und faire Debatte über den Mindestlohn und Altersarmut tatsächlich ein einseitiges Weltbild stützt. Die Zeit interviewt Bernd Raffelhüschen und Sahra Wagenknecht zu diesem Thema.

Die Gehirnwäsche des Lesers beginnt schon bei der Überschrift. Dies ist wichtig, um auch Lesern, die den Artikel selbst nicht lesen, sondern nur dessen Überschrift sehen, das gewünschte Weltbild zu implementieren. Es wird von allen möglichen Zitaten ausgerechnet das gewählt, das den Mindestlohn bestmöglich mit einer einfachen Botschaft diskreditiert („„Der Mindestlohn treibt Menschen in die Armut““). Genauso hätte man als Überschrift auch Frau Wagenknecht mit „“8,50 sind deutlich zu niedrig““ zitieren können. Die Überschrift hätte dann den gegenteiligen Effekt erzielt.

Nach dem Titel folgt ein Untertitel, bestehend aus einem griffigen Thema und der Vorstellung der Gesprächspartner. Die zu diskutierende Fragstellung lautet „“Kann der Mindestlohn Altersarmut in Deutschland reduzieren?““ Diese Fragestellung ist ganz hervorragend dazu geeignet, die Interessen der Reichen und Mächtigen zu schützen. Die Diskussion ist eine der Verteilung quer durch diverse gesellschaftliche Gruppen, es wird im folgenden Gespräch um Altersarmut, Mindestlohn, Armut bei Alleinerziehenden und junge Menschen mit häufig wechselnden Jobs gehen. Die gesamte Diskussion dreht sich darum, wie die wachsende Armut zwischen den verschiedenen angesprochenen gesellschaftlichen Gruppen am besten verteilt wird. Interessant ist aber, worum es nicht geht. Es geht nicht darum, ob auch die Reichen und Wohlhabenden einen Beitrag leisten. Es geht nicht darum, wie durch immer größere Ungleichverteilung trotz wachsender Wirtschaft immer mehr Leute immer ärmer werden. Dies sind Tabu-Themen in der Presse, denn dies sind Themen, bei denen es darum geht, ob die milliardenschweren Medienmogule nicht doch finanziell stärker in den Unterhalt der gesamtgesellschaftlichen Kosten eingebunden werden müssen.

Weiter werden dann die beiden Interviewpartner vorgestellt: „“Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht und der Ökonom Bernd Raffelhüschen streiten über richtige Konzepte.““. Diese Vorstellung ist inhaltlich zwar nicht falsch, drängt dem Leser aber ein verzerrtes Bild auf. Herr Raffelhüschen wird als „Ökonom“ vorgestellt, also als Mann vom Fach, der sich sachlich mit dieser Thematik beschäftigt und Frau Wagenknecht als „Linken-Politikerin“, also als jemand, der die Welt durch die politische Brille betrachtet. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Herr Raffelhüschen ist zwar auch Ökonom, aber auch jemand, der im Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe und der Volksbank Freiburg sitzt sowie als Berater für die Victoria Versicherung AG tätig ist. Dieser Mann ist kein unabhängiger Fachmann, sondern jemand, der sein Geld damit verdient, dass der Staat seine Sicherungssysteme aushöhlt und Menschen so in die Arme der privaten Finanzwirtschaft treibt, damit sie sich dort für ihr Alter absichern. Frau Wagenknecht hingegen ist zwar auch Linken-Politikerin, das ist richtig, aber sie ist auch Ökonomin. Frau Wagenknecht hat einen Doktortitel in Volkswirtschaftslehre und ist also keine weltfremde Ideologin, sondern durchaus in der Lage, sich wissenschaftlich mit wirtschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Man hätte also die beiden Interviewpartner auch vorstellen können mit „„Versicherer Bernd Raffelhüschen und Ökonomin Sahra Wagenknecht“ streiten über richtige Konzepte“. Damit hätte man Herrn Raffelhüschen in die unseriöse Ecke gestellt, aus der er vielleicht auch kommt. Wirklich seriös und journalistisch gut wäre gewesen, beide Personen etwas ausführlicher vorzustellen.

Der eigentliche Artikel hat noch gar nicht begonnen und schon wurde dem Leser eine vorgefertigte Meinung aufgedrückt, bestehend aus vier Teilen: Der Mindestlohn ist schlecht, Herr Raffelhüschen ist vom Fach, Frau Wagenknecht ist nicht vom Fach und uns allen geht es zukünftig schlechter, gewöhnt euch schon mal dran.

Zu Beginn des eigentlichen Gesprächs wenden sich die Zeit-Journalisten direkt an Herrn Raffelhüschen und konfrontieren ihn mit einer Aussage der OECD über das Problem Altersarmut in Deutschland und einem Zitat von ihm selbst, das das Gegenteil behauptet. Anschließen wird er mit einer Statistik konfrontiert, über die er sich ebenfalls äußern kann. Der Artikel beginnt also damit, einer Person, die davon lebt, dass Kleinanleger Vertrauen in eine private Altersvorsorge haben, ein Forum zu geben, auf dem er öffentlich kundtun kann, dass sinkende staatliche Renten nicht zu Altersarmut führen, wenn man mehr als eine Rente hat. So schön kann Schleichwerbung sein.

Ein kurzes Wortgefecht später landen wir bei Herrn Raffelhüschens Kernthese, welche schon prominent in der Überschrift platziert wurde. Er sagt dann: „„Tatsächlich treibt der Mindestlohn die Menschen in Armut. Viele, die im Moment über den Niedriglohnsektor in die normale Arbeitswelt einsteigen, sind für den Mindestlohn schlicht nicht produktiv genug. Sie bleiben in Hartz IV. Die Schätzungen gehen von 500.000 bis zu einer Million Menschen“.“

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass Herr Raffelhüschen hier einen der zentralen Pfeiler des neoliberalen Gedankengebäudes zum Ausdruck bringt, den der Vollbeschäftigung. Wie wir bereits wissen, führt eine Maximierung der Beschäftigung nicht zu einer Maximierung des Wohlstandes, sondern zu einer Minimierung der Löhne. Wohlstand ist das Produkt aus geleisteten Stunden und dem zugehörigen Stundenlohn. Herr Raffelhüschen stellt selbst fest, dass es nicht genügend Arbeit gibt, um Vollbeschäftigung für alle zu einem angemessen Lohn zu gewährleisten. Er drückt das großartig aus, indem er sagt: „“Viele, die im Moment über den Niedriglohnsektor in die normale Arbeitswelt einsteigen, sind für den Mindestlohn schlicht nicht produktiv genug.““ Die Anzahl der am Markt gehandelten Arbeitsstunden ist nach ganz grundlegendem Wirtschaftswissen Ergebnis aus Angebot und Nachfrage. Herr Raffelhüschen dreht es nun so, als wären die Arbeitslosen schuld daran, weil sie zu unproduktiv seien. Auch dies ist eine Kernthese des Neoliberalismus: die Armen sind immer selbst Schuld.

Die gesamte Diskussion in dieser inhaltlichen Tiefe zu reflektieren würde jedoch zu weit gehen. Aber auch dieser fehlende Platz für Tiefe ist natürlich im Sinne der Medienmogule. Inhaltlich ist das Gespräch selbst wenig wertvoll, da beide Gesprächspartner aneinander vorbeireden und das knappe Format kaum Zeit lässt, den weit gespannten Themenbogen sinnvoll abzuarbeiten. Dem Leser bleibt damit die eigentliche inhaltliche Ebene vollständig verborgen, er kann selbst nicht nachvollziehen, inwieweit die ausgetauschten Argumente schlüssig und inhaltlich richtig sind. Dies ist nun im Kontext mit zu Beginn des Artikels vorgenommene Konditionierung des Lesers zu betrachten. Wenn dieser sich selbst aufgrund der fehlenden inhaltlichen Argumentation kein analytisches Fachurteil bilden kann, dann folgt er seinem Bauchgefühl. Und dieses wurde zuvor gezielt beeinflusst. Das Bauchgefühl sagt, dass der neutrale Experte im Zweifelsfall Recht hat gegenüber dem, der Interessen vertritt. Durch geschickte Vorstellung der Beteiligten werden Herr Raffelhüschen als Experte und Frau Wagenknecht als linke Polittante hingestellt. Das Bauchgefühl sagt, dass der Wissenschaftler bestimmt ein lieber Mensch ist, ein bisschen kauzig vielleicht, aber kein böser. Solange die Presse verheimlicht, dass Herr Raffelhüschen ein knallharter Finanzmanager ist, kann er sich in diesem Image sonnen.

Besonders großartig ist in diesem Kontext natürlich die Äußerung von Herrn Raffelhüschen „“Wir Wissenschaftler waren immer für einen Mix aus umlagefinanzierter und kapitalgedeckter Rente““. Damit stellt er sich wieder als der Mann der Wissenschaft dar, als der er ja schon zu Beginn des Artikels vorgestellt wurde. Eigentlich müsste man Wissenschaftler ersetzen durch das, mit dem er sein Haupteinkommen bestreitet. Dann würde der Satz lauten: „“Wir privaten Versicherer waren immer für einen Mix aus umlagefinanzierter und kapitalgedeckter Rente“.“ Die scheinbaren Fachbegriffe „umlagefinanziert“ und „kapitalgedeckt“ sind nur Umschreibungen für staatlich und privat, denn die staatliche Rente ist umlagefinanziert, die private Rente ist kapitalgedeckt. Komplett übersetzt sagt Herr Raffelhüschen also: „„Wir privaten Versicherer waren immer für einen Mix aus staatlicher und privater Rente“.“ Und hier wird klar, was Herr Raffelhüschen möchte. An einer rein umlagefinanzierten (=staatlichen) Rente verdient er keinen Cent. Natürlich ist er an einem Mix interessiert. All dies tarnt er als wissenschaftliche Aussage und der Leser glaubt es ihm. Hier stehen finanzielle Interessen über dem journalistischen Ethos, da diese Tarnung nicht gelüftet wird.

Auf die Frage, wie denn Herr Raffelhüschen privat vorsorge, antwortet er: „„Ich habe viele Eier auf viele Körbe verteilt. Das ist das Vernünftigste, was man tun kann und zugleich das Einzige, das man im Allgemeinen allen empfehlen kann.““ Wir erinnern uns, welche Eier das sind: Ein dickes Vorstandsgehalt der ERGO-Gruppe, ein dickes Vorstandsgehalt der Volksbank Freiburg, ein dicker Beratervertrag bei der Victoria-Versicherung AG und natürlich sein vergleichsweise popeliges Beamtengehalt als Professor für Finanzwissenschaft. Letzteres trägt zwar nicht viel zu seinem Einkommen bei, aber er kann den Professorentitel nutzen, um sich überall als Mann der Wissenschaft zu verkleiden. Es ist geradezu zynisch bei einem derartigen Einkommen sich selbst als Vorbild für verantwortungsbewusste Altersvorsorge hinzustellen.

Dieser Artikel ist nicht durch irgendeine windige Verschwörung zustande gekommen, er ist das Produkt dezentraler Selbstzensur. Selbstzensur findet in unserer „freien“ Presse täglich und überall statt. Der Journalist möchte seinen Arbeitgeber nicht vor den Kopf stoßen, der Medienunternehmer seine Werbekunden nicht verprellen und da alle beteiligten Unternehmen in Besitz einiger weniger sind, gibt es sowieso Themen, die in den Medien Tabus sind. Selbstzensur führt zu kleinen Maßnahmen, hier eine Information weglassen, dort ein anderes Wort wählen, ein Thema meiden, weil der Chef/Kunde/Hauptaktionär das nicht so gut finden.

In totalitären Gesellschaften, in denen jeder weiß, dass der Staat die Medien kontrolliert, haben die Bürger oft ein feines Gefühl dafür entwickelt, zu lesen, was zwischen den Zeilen steht, oder zu erkennen, was nirgends geschrieben ist. Es klingt für uns ein bischen absurd, weil wir ja eine ach so freie Gesellschaft sind, aber je neoliberaler wir werden, desto mehr werden Medien bloße Mittel zur Mehrung des Wohlstandes derjenigen die über sie verfügen. Es ist Zeit, dass auch wir lernen, die marktwirtschaftlich organisierten Medien kritisch zu konsumieren.

Pfauenschwanzvergleich

Wir haben letztes Mal gesehen, dass in der Wirtschaft die Bewertung durch Kennzahlen regelmäßig dazu führt, dass eine bloße Optimierung auf die Größe der Kennzahl dazu führt, dass der eigentliche Sinn und Zweck aus den Augen verloren wird. Wir werden sehen, dass diese Tatsache direkt zur Frage der Lohngerechtigkeit führt.

Wir fangen dazu mal wieder beim Urschleim von Wirtschaft an. Wirtschaft ist die planmäßige Deckung von Bedarf. In einer Volkswirtschaft geschieht diese planmäßige Deckung gemeinsam. Das bedeutet jeder einzelne steuert mehr oder weniger viele Dienstleistungen und Produkte dazu bei, dass ein volkswirtschaftlicher Kuchen entsteht, der dann wieder auf alle verteilt wird. Dabei gibt es auch Personen, die nicht direkt selbst dazu beisteuern, sondern dafür sorgen, dass andere effizienter den Kuchen vergrößern können. Und dann gibt es Leute, die gar nicht zum Kuchen beitragen, weil sie nicht können, nicht wollen oder nicht dürfen.

Nachdem in der Volkswirtschaft der Kuchen geschaffen wurde, wird er auf die einzelnen Individuen verteilt. Je nach Organisationsart der Wirtschaft geschieht das nach unterschiedlichen Verteilungsschlüsseln. In der Marktwirtschaft üblich ist der Verteilungsschlüssel des Geldes. In der klassischen neoliberalen Theorie ist das in Geld gemessen Einkommen eines Menschen der gerechte Lohn für seinen Beitrag zum Kuchen. Das Einkommen ist also der Indikator für die Wertschöpfung, die jemand betreibt.

An dieser Stelle wird bereits das Problem offensichtlich. Natürlich kann man versuchen, möglichst viel Wert zu schaffen und so sein Einkommen zu vergrößern. Aber das ist anstrengend und mühselig. Da der Zugang zum Kuchen aber tatsächlich ausschließlich davon abhängt, wie viel Geld man eingenommen hat und es ist egal ist, ob und wie viel Gegenwert dafür geschaffen wurde, ist der Anreiz enorm, zu versuchen, sein Einkommen auf irgendeine Art und Weise zu mehren, egal ob man dafür Werte schafft.

Insofern ist das Einkommen das Pfauenrad des Homo Oeconomicus. Es ist total egal ob der Pfau tatsächlich fit ist und Wertschöpfung betreibt. Wichtig ist nur, dass er ein möglichst großes Rad hat, um möglichst viel vom Kuchen zu bekommen. Dies ist die Quelle praktisch aller Formen von Marktversagen. Der Markt leidet unter diesem systeminhärenten fehlerhaften Anreizmechanismus. Wer versucht, sein Einkommen zu maximieren ohne dafür den entsprechenden Gegenwert zu schöpfen, verursacht grundsätzlich Marktversagen, weil er mehr vom Gesamtkuchen bekommt als ihm möglicherweise zusteht.

Wir haben ja in früheren Beiträgen bereits verschiedene Formen von Marktversagen kennengelernt. Jede einzelne kann darauf zurückgeführt werden, wie versucht wird, das eigene Einkommen zu steigern ohne dabei den entsprechenden Gegenwert zu schaffen.

Bei der geplanten Obsoleszenz werden Produkte bewusst derart gestaltet, dass sie nach einer dem Hersteller bekannten Zeit für den Kunden ihren Nutzen oder Wert verlieren. Dadurch wird der Kuchen künstlich enorm verkleinert, da die Produkte mit nur unwesentlich verändertem Aufwand ein Vielfaches der Lebensdauer haben könnten. Der Produzent sichert sich so aber einen regelmäßigen Einkommensstrom (und damit Zugang zum Kuchen), da der Kunde gezwungen ist, sein abgelaufenes Produkt gegen Geldzahlung immer wieder zu ersetzen.

Spekulation ist geradezu der Inbegriff des Bereicherns ohne eigene Gegenwertschöpfung. Die Hoffnung, durch bloßes Handeln zu Geld zu gelangen, lockt Millionen Hobby- und Profizocker an die Finanzmärkte. Übernimmt der klassische Einzelhandel tatsächlich noch eine Wertschöpfende Funktion, indem er logistisch tätig ist und Waren vorrätig hält, haben Finanzmärkte längst ihre ursprüngliche Funktion als branchenübergreifender Kapitalverteiler verloren, der eigentlich mal der effizienten Ressourcenallokation dienen sollte. Diese Funktion wird im Fall von Aktien nämlich nur erfüllt, wenn Aktien ausgeschüttet oder zurückgekauft werden, denn nur dann ändert sich das Kapital der jeweiligen Firma. Jeglicher Handel von existierenden Aktien hat daher erst einmal keinen volkswirtschaftlichen Nutzen sondern ist bloße Zockerei. Tatsächlich schaden die Finanzmärkte sogar der Realwirtschaft, da sie spekulative Preise erzeugen, die eine marktoptimierte Verteilung von Ressourcen verhindern.

Bei Nash-Gleichgewichten handelt es sich nicht an sich um eine Strategie, um auf Kosten des Gesamtkuchens seinen eigenen Zugang zu diesem zu vergrößern, sondern um eine Situation, bei der eine solche Strategie andere dazu zwingt einem zu folgen. Hat ein Wirtschaftsteilnehmer einmal einen Weg gefunden, seinen Kuchenzugang ohne entsprechende Wertschöpfung zu vergrößern (etwa durch Werbung), so müssen seine Konkurrenten ebenfalls Werbung schalten, um gleichzuziehen. Der Kunde muss dies alles bezahlen und Werbung an sich ist keine konsumierbare Wertschöpfung. Sie ist sogar Antiwertschöpfung, denn während Wirtschaft die planmäßige Deckung von Bedarf ist, ist Werbung die planmäßige Erschaffung von Bedarf. Sie verursacht also nicht nur Kosten, die zur Vergrößerung des Kuchens dann fehlen, sondern sorgt auch noch dafür, dass der Kuchen, egal wie groß, immer zu klein ist, da sie neue Bedarfe weckt.

Die Giralgeldschöpfung von Banken ist, ähnlich der Spekulation, Bereicherung ohne Kuchenvergrößerung in Reinform. Übrigens ist das Auftreten dieser extremen Ausprägungen der wertschöpfungsfreien Bereicherung im Banken- und Finanzsektor Grund genug, diese konsequent zu hinterfragen und als Bürger soweit wie möglich zu boykottieren (schon die private Altersvorsorge gekündigt?). Bei der Giralgeldschöpfung wird kein einziger konsumierbarer Wert geschaffen. Stattdessen erschaffen die Banken mit dem neuen Geld einen neuen Zugang zum gleichgroß gebliebenen Kuchen, den sie gegen Zinsen vermieten. Dabei werden natürlich alle anderen Kuchenzugänge entwertet. Jeder kann seinen Zugang aber wieder vergrößern, indem er sich bei der Bank frisches Geld holt. Für die Banken ein todsicheres Geschäftsmodell, für alle, die auf Geld als Tauschmittel angewiesen sind, ist es versteckte Abhängigkeit.

Bei Monopolen hat ein Akteur genügend Marktmacht, um das Marktgleichgewicht zu verschieben. Üblicherweise nutzt er dies, um da Angebot zu verknappen und die Preise zu erhöhen. Über die Verknappung des Angebotes verringert er seinen Beitrag zum Gesamtkuchen, während er über die Erhöhung der Preise seine finanziellen Einnahmen und damit seinen Anteil am Kuchen erhöht.

Kapitaleinkünfte sind auch ein Weg, ohne eigene Wertschöpfung Zugang zum Kuchen zu bekommen. Zwar deckt der Vermieter vordergründig den Bedarf des Mieters nach Wohnraum, stellt diesem also ein Stück Kuchen zur Verfügung, jedoch hat der Vermieter dieses Stück ja nicht gebacken. Die eigentliche Wertschöpfung haben die Architekten und Handwerker betrieben, die das Haus geplant und gebaut haben. Als Besitzer von Aktien, Anleihen und Immobilien kann man sich also stetigen Zugang zum Kuchen verschaffen, ohne dafür Wertschöpfung betreiben zu müssen. Wobei, so fair muss man sein, ein Vermieter, der seine Immobilien selbst plant, verwaltet und deren Bau und Erhalt koordiniert, durchaus Wertschöpfung betreibt, indem er das Zusammenspiel von Handwerkern, Verwaltern und Architekten derart optimiert, dass die Wertschöpfung und damit der Kuchen möglichst groß werden.

Externalitäten schließlich sind ein Effekt, wo jemand nicht nur wenig zum Kuchen beiträgt um sich zu bereichern, sondern sogar den Kuchen dabei verkleinert. Wer bei der Produktion seiner Güter Schmutz, Lärm und Unordnung erzeugt, der erschafft den zuvor gedeckten Bedarf nach Sauberkeit, Ruhe und Ordnung neu. Damit wird der Kuchen im Verhältnis zum Bedarf kleiner, da letzterer größer wird. Die dafür eigentlich fällige Entschädigung wird aber nicht ausgezahlt sondern die streicht sich der Produzent ein und vergrößert so illegitim seinen Zugang zum Gesamtkuchen.

Wir haben also das in einem Geldsystem grundsätzlich vorhandene Problem, dass der Anreiz, durch ehrliche Wertschöpfung seinen Zugang zum volkswirtschaftlichen Kuchen zu verdienen, nicht so groß ist wie der, diesen durch möglichst schnelles Anhäufen von Geld, egal auf welchem Wege zu erreichen. Dies wirft enorme Probleme auf, die wir bisher geschickt kaschieren können. Während also der Kuchen, den wir selbst produzieren, durch diesen Anreizfehler immer kleiner wird, können wir – noch – relativ viel Kuchen konsumieren , weil wir die Ressourcen unserer Enkel von Billiglöhnern in Asien zu Kuchen verarbeiten lassen. Dies machen wir bisher so geschickt, dass wir uns all die Sperenzchen leisten können, und alle Leute mit durchfüttern, die viel vom Kuchen konsumieren, aber wenig dazu beitragen. Aber die Zeit der billigen Rohstoffe geht mit deren Begrenztheit ihrem Ende entgegen und in Asien steigen die Löhne. Es ist nur ein Frage er Zeit, bis unser Kuchen kleiner wird.

Das Kleinerwerden des Kuchens hat gigantische soziale Sprengkraft. Seit 200 Jahren haben einen stetig wachsenden Kuchen, mit dem alle glücklich sind, solange jeder jedes Jahr ein bisschen mehr Kuchen hat. Dabei war es egal, ob einige größere Stücke haben, denn es ging für alle bergauf. Aber ein kleiner werdender Kuchen bedeutet Einschnitte. Damit sind große Fragen verbunden. Wessen Stück wird zuerst kleiner? Ist es überhaupt noch gerechtfertigt, wenn jemand sein Stück weiter vergrößert?

Die Antworten auf diese Fragen sind elementar. Sollen die unteren Teile der Mittelschicht in die Unterschicht abrutschen, um so deren Kuchenkonsum zu drosseln oder sollen die, deren Stücke am größten sind, zuerst etwas abgeben? So ist der Mindestlohn ein Weg, ersteres zu verhindern und die Begrenzung der Wochenarbeitszeit ein weiterer, um sinnlosen Wettbewerb um den dadurch nicht größer werdenden Kuchen zu verhindern.

Jeder, der ein hohes Einkommen hat, aber wenig dafür tut, muss sein Handeln legitimieren. Er muss der Gesellschaft gegenüber glaubhaft vertreten, dass er den Kuchen, der er isst, auch verdient hat. Die große Strategie dazu ist die, zu verschleiern, dass das Einkommen als persönliches Pfauenrad nur ein schlechter Indikator für die eigene Wertschöpfung ist. Um zu verhindern, dass auf breiter Front hinterfragt wird, ob denn der Pfau mit dem größten Rad (Einkommen) auch der ist, der die Art am besten erhält (und am meisten Kuchen produziert), wird einfach behauptet, es müsse so sein, das Rad sei ja schließlich am größten.

Also werden die erfolgreichsten Kuchenerschleicher als „Leistungsträger“ gelobt, schließlich zahlen sie am meisten Kuchensteuer, und die über den Tisch gezogenen als „Minderleister“ abgetan, sonst hätten sie ja mehr Kuchen. Nur wenn erkannt wird, dass Wertschöpfung und Einkommen grundsätzlich NICHT das gleiche sind, weil ein Anreizfehler in unserem Wirtschaftssystem dafür sorgt, dass beide Größen entkoppelt werden, nur dann kann sachlich und fundiert über Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten diskutiert werden. Solange Einkommen mit Wertschöpfung gleichgesetzt wird, solange wird die Debatte immer unter der grundfalschen Prämisse der Kuchenerschleicher geführt und kann von diesen inhaltlich scheinbar nicht verloren werden.

Das Pfauenrad der Volkswirtschaft

Bevor wir uns in die üblichen Abgründe des Wirtschaftswahnsinns begeben, machen wir einen kleinen Exkurs in die Biologie. Erst wenn wir verstanden haben, warum der Pfau ein so großes Rad hat, können wir verstehen, warum Kennzahlen aus der Wirtschaft mit Vorsicht zu genießen sind. Aber zunächst zum Pfau.

Im Laufe der Evolution optimiert sich jeder Organismus auf das von ihm bewohnte Ökosystem. Für den Pfau, oder genauer für den in unseren Zoos beliebten blauen Pfau (Pavo cristatus) ist das der indische Subkontinent. Nur der Pfau, der besser an seine Umgebung angepasst ist, kann sich fortpflanzen und Nachkommen zeugen. Richtig? Offensichtlich nicht ganz. Denn zur Anpassung gehört schließlich auch, dass man von Fressfeinden, im Falle unseres Pfaus Tiger, Menschen und Leoparden, schwer gesehen wird und schnell fliehen kann. Daher hat das Pfauenweibchen ein braunes Tarnkleid und kein störendes Pfauenrad.

Wieso aber hat das Männchen solch unsinnige Accessoires? Hat nicht das getarnte wendige Männchen größere Überlebenschancen als das leuchtend blaue Männchen mit dem störenden Rad? Warum gibt letzteres dann seine Gene weiter? Der „Fehler“ liegt beim Weibchen. Zum Weitertragen der Gene gehören nämlich zwei Dinge: Man muss überleben und man muss sich fortpflanzen. Es bringt keinem getarnten Pfau (evolutionär) etwas, nicht gefressen zu werden, wenn er kinderlos an Altersschwäche stirbt. Warum aber suchen sich die Pfauen-Frauen die bunten Männchen aus? Weil sie Kennziffern-geil sind.

Steht das Pfauenweibchen vor der Wahl ein unauffälliges oder ein auffälliges Männchen zum Partner zu erwählen, dann „denkt“ sie wie folgt: Wenn der bunte Mann trotz seines auffälligen Gefieders und seines störenden Rades immer noch nicht gefressen wurde, dann muss der ja dermaßen fit sein, dass der bestimmt die besten Gene hat. Also nimmt sie ihn zum Partner. Das Pfauenrad dient als Fitness-Indikator. Je größer das Pfauenrad ist, das der Pfau mit sich herumtragen kann, desto besser muss er an seine ökologische Nische angepasst sein, um trotzdem zu überleben.

Dieses Auswahlprinzip kann sich verselbstständigen. Bis zu einem gewissen Grad mag es in Ordnung sein, sich einen Nachteil zu verschaffen, um seine Stärken zur Schau zu tragen. Jedoch besteht das Risiko, dass diese Entwicklung in eine evolutionäre Sackgasse führt. Irgendwann könnte das Pfauenrad so groß sein, dass es der Art zum Nachteil wird. Dies kann z.B. geschehen, indem eine andere Vogelart, die die gleiche ökologische Nische besiedelt, den Pfau einfach dadurch verdrängt, dass bei ihr auch die Männchen getarnt sind und sich Tiger, Menschen und Leoparden lieber an den leichter zu findenden und zu fangenden Pfauen sattfressen.

So soll es (zumindest behaupten das einige Evolutionsbiologen) dem Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) ergangen sein. Dieser hat sein Fitnessmerkmal, das nutzlose Geweih, welches einfach nur Frauen beeindrucken soll, derart überoptimiert, dass es irgendwann drei Meter breit war und ständig zwischen den Bäumen hängengeblieben ist. Da war man natürlich für seine Fressfeinde leichte Beute. Schwupps ist er ausgestorben.

Wir versuchen jetzt diesen Sachverhalt so allgemein zu beschreiben, dass wir ihn von der Biologie lösen können. Wir haben zunächst irgendeine Gruppe von Entitäten (ein Klugsprechwort für „Ding“). Dies können Pfauen, Professoren oder Volkswirtschaften sein. Diese Entitäten (Dinger) haben alle irgendwelche Eigenschaften. Nun stellt man fest, dass ein bestimmtes Merkmal mit der Qualität der Entitäten korreliert. Das heißt im Klartext, dass man anhand dieses einen Merkmals schon sehr gut abschätzen kann, ob diese Entität insgesamt gut oder schlecht ist. Der fittere Pfau kann sich ein größeres Rad leisten, der fleißige Professor veröffentlicht mehr neue Forschungserkenntnisse und die produktivere Volkswirtschaft hat das größere Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wichtig ist nun die Kausalität, also wer verursacht was. Der fleißigere Professor generiert mehr neues Wissen. Dieses Wissen wird veröffentlicht, also produziert der fleißigere Professor mehr Veröffentlichungen. Die produktivere Volkswirtschaft produziert mehr Waren. Wo mehr Waren vorhanden sind, werden auch mehr gegen Geld getauscht. Wo mehr Geldgeschäfte abgeschlossen werden, ist das BIP größer.

Sobald ein Indikator, also eine Eigenschaft, die mit der Qualität der betrachteten Entität korreliert, gefunden ist, besteht die Gefahr, dass er sich verselbstständigt. Das Pfauenweibchen ist ja kein kluges reflektierendes Wesen, das sich bei jedem Männchen die Frage stellt, ob denn die Größe des Rades noch ein zeitgemäßes Merkmal zum Feststellen der Fitness ist. Ihr hat die Evolution ins Hirn gemeißelt, dass ein großes Rad eine Riesenfitness bedeutet. Daher muss der männliche Pfau gar nicht so fit sein, dass er sich das große Rad leisen kann und trotzdem alt und grau wird. Er muss einfach nur das große Rad haben um das Weibchen zu bekommen. Und wenn er dann, vom Fortpflanzungsakt erschöpft, vom Tiger gefressen wird, dann ist das so. Denn dadurch, dass das Weibchen sich nach dem Indikator richtet, kehrt sie die Kausalität um. Der Pfau hat kein großes Rad, weil er fit ist, sondern er hat ein großes Rad, weil dann das Weibchen glaubt, er wäre fit. So gewinnt nicht der fitteste Pfau, sondern der mit dem größten Rad. So wird der Indikator wirkungslos, weil er die Kopplung zu seiner ursprünglichen Ursache verloren hat.

Das gleiche gilt für den Professor. Wenn die Universität beschließt, fleißige Professoren mit einem Bonus zu bedenken, der an die Anzahl der Veröffentlichungen gekoppelt ist, dann muss der Professor gar nicht forschen, um an seinen Bonus zu kommen, er muss nur möglichst jeden Darmwind, den er zufällig im Labor aufgezeichnet hat, in bunte Messkurven verpacken und daraus eine Fachveröffentlichung machen. Es bekommt also nicht der fleißigste Professor den Bonus, der die meisten Erkenntnisse gewinnt, sondern der, der am meisten buntes Papier produziert. Auch hier wurde durch die Kopplung des Indikators (Anzahl der Veröffentlichungen) an einen Bonus dessen ursprüngliche Kopplung (an den Erkenntnisgewinnt) aufgehoben. Er wurde wirkungslos.

Nun kann kein Pfauenweibchen dieser Welt so kennzifferngeil sein wie Wirtschaftsleute es sind. In der Welt der Wirtschaftsmenschen wimmelt es nur so von volkswirtschaftlichen Indikatoren, Kennzahlen und Key Performance Indicators. Für all diese Werte hat mal irgendjemand festgestellt, dass sie eine Aussage darüber treffen, wie fit ein Betrieb, eine Abteilung, eine Volkswirtschaft oder sonst ein Wirtschaftsteilnehmer ist.

Nehmen wir z.B. die Arbeitslosigkeit. Irgendwann hat mal jemand festgestellt, dass eine Regierung, die (im Sinne des Betrachters) gute Wirtschaftspolitik macht, geringe Arbeitslosenzahlen produziert. Diese Erkenntnis hat die Runde gemacht und somit wurde die Arbeitslosenrate zu einer Kennzahl für die Güte von Regierungen. Plötzlich war es für Regierungen viel einfacher gute Wirtschaftspolitik zu machen, denn man musste ja gar nicht mehr die große komplexe Wirtschaft steuern, sondern nur noch durch ein paar Maßnahmen Arbeitslose aus der Statistik schmeißen.

Das gleiche gilt für Inflation. Regierungen ohne solide Finanzbalance müssen in irgendeiner Form Geld drucken um ihre Ausgaben zu decken, was die Inflation anheizt. Also dachte sich mal jemand, ich nehme die Inflationsrate als Indikator dafür wie gut die Regierung ist. Das war toll für die Regierung, denn anstatt ihren Haushalt in Ordnung zu bringen, muss sie nur noch ihre Inflationsraten fälschen (so wie die USA das tun).

Der große Indikator aber für unsere Wirtschaft ist immer noch das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es ist das Pfauenrad einer jeden Volkswirtschaft. So ist z.B. bei Spiegel-Online zu lesen, dass das Welt-BIP endlich wieder ordentlich wächst. Juhu, unser Pfauenrad wird größer. Aber ist unser Pfau damit auch fitter? Was misst das BIP eigentlich und wie aussagekräftig ist das?

Das Problem wird in bereits in dem Wikipediaartikel, den sicher ein Ökonom verfasst hat, ersichtlich. Dort steht: „Es misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Periode mithilfe von Produktionsfaktoren hergestellt werden, die sich im Besitz von Inländern befinden“. Das klingt erstmal nicht schlecht. Weiter heißt es jedoch: „Dies ist gleichbedeutend mit den an Inländer geflossenen Einkommen aus Erwerbstätigkeit und Vermögensbesitz“. Dies ist natürlich falsch. Wenn ich (Inländer) mit meinem Backofen (Produktionsfaktor) ein Brot (Ware) backe (Dienstleistung), dann fließt dies nicht ins BIP ein, weil ich kein monetäres Einkommen dadurch habe. Wenn jedoch ein Finanzguru bei einem anderen Finanzguru eine Versicherung für ein Finanzprodukt abschließt, und dafür Geld bekommt, dann fließt das ins BIP. Wenn wir jetzt überlegen, dass Wirtschaft ja per Definition die planmäßige Deckung von Bedarf ist (z.B. Brot bakcen für den Bedarf nach Essen) dann muss dieser für eine Versicherung eines Finanzproduktes schon sehr an den Haaren herbeigezogen werden. Das lässt natürlich daran zweifeln, wie aussagekräftig unser Pfauenrad-BIP tatsächlich ist. Das BIP misst eben nicht die Größe der Wirtschaft, sondern die Größe des Geldflusses. Es sagt nichts darüber aus, wie sinnvoll, nützlich oder bedarfsdeckend die Güter sind, für die das Geld gezahlt wurde oder ob überhaupt Güter oder Dienstleistungen im Spiel waren.

Problematisch wird das Ganze dann, wenn Begründungen oder Vorteile an den Indikator geknüpft werden. Wir haben je gerade gesehen, dass viele Wertschöpfungen (z.B. Erzeugung und Verarbeitung in Haus und Garten, gegenseitige Unterstützung in Familie und Nachbarschaft) gar nicht ins BIP einfließen, während Finanzgeschäfte zwangsläufig immer einfließen, weil sie ja lediglich aus der Manipulation von Geldflüssen bestehen, welche ja vom BIP erfasst werden. Daher blähen in Ländern, in denen viel Geld hin- und hergeschoben wird, wie der Schweiz und dem vereinigten Königreich, die Finanzgeschäfte das BIP besonders auf.

Statt aber zu erkennen, dass diese Verzerrung ein Ergebnis der Ungenauigkeit der Kennziffer BIP ist, wird die heilige Kennziffer gar nicht in Frage gestellt. So wie das Pfauenweibchen durch sexuelle Selektion das Pfauenrad über Generationen immer größer werden lässt, bis der Pfau daran zerbricht, glauben Ökonomen tatsächlich, dass ein Finanzsektor, der virtuelles Geld im Kreis fahren lässt, einen sinnvollen Beitrag zum Decken realer menschlicher Bedarfe leistet. So wie das Pfauenrad, einst ein Indikator der Fitness, längst auf Kosten der Fitness geht, so wächst ins BIP einfließende Finanzsektor längst auf Kosten der Realwirtschaft, z.B. über den Mechanismus der Spekulation, bzw. auf Kosten des Verbrauchers (geplante Obsoleszenz).

Wer zukünftig einen Politiker, Ökonom oder sonst jemanden sieht, der sich wichtig über Kennzahlen, BIP und Wirtschaftswachstum auslässt, sollte gedanklich dessen Kopf durch den eines Pfauenweibchens ersetzen. Und wenn weiterhin unsere Wirtschaft danach optimiert wird, dass das BIP möglichst jedes Jahr größer wird, dann können wir nur hoffen, dass das BIP nicht eines Tages vom Pfauenrad zum Riesenhirschgeweih wird.