Das Erbe der Fugger

Karl V. war seinerzeit der mächtigste Mann Europas. Zu seinem Herrschaftsbereich gehörten neben seiner spanischen Heimat auch die Niederlande, Belgien, Sizilien, Sardinien und der südliche Teil des italienischen Stiefels. Außerdem erbte er das Habsburgerreich, bestehend aus Österreich, Böhmen und Ungarn. In Übersee herrschte er über den Großteil der Neuen Welt und die Philippinen. Als 1519 die Wahl zum deutschen Kaiser anstand – einer der wichtigsten Titel, die Karl noch fehlten – benötigte er 852.000 Gulden, um die wahlberechtigten Fürsten zu schmieren. So viel Geld hatte er nicht, also musste er es sich leihen. Den größten Teil dieser Summe lieh er sich bei den damals wohlhabendsten Unternehmern Europas – den Fuggern.

Dieser Deal illustriert in vielerlei Hinsicht die wirtschaftlichen Umwälzungen die am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit stattfanden. Die mittelalterliche Gesellschaft war agrarisch geprägt. Die wesentliche Wertschöpfung fand in der Landwirtschaft statt und war relativ nachhaltig. Die Gesellschaft unterlag einer klaren feudalen Hierarchie, deren zugrunde liegender „Gesellschaftsvertrag“ Schutz gegen Steuern lauteten, wobei letztere oft in Form von Naturalien und Dienstleistungen (Fron) geleistet wurde. Natürlich hatte der Adel Privilegien, musste aber im Gegensatz zu den Bauern im Krieg seinen Kopf hinhalten. Berühmt ist die Schlacht von Azincout, bei der auf französischer Seite weit über 1500 Adelige und Ritter starben, darunter drei Herzöge.

Die Fugger waren weder Adelige noch Bauern, sie repräsentierten einen neuen sozialen Typus, der formal in der feudalen Hierarchie ganz unten stand, weil sie weder adelig waren noch klerikale Ämter besetzten. Aufgrund ihres enormen durch kaufmännische Aktivitäten erworbenen Reichtums hoben sie sich jedoch deutlich von den Bauern und Handwerkern ab, die den Großteil des dritten Standes bildeten. Da der wesentliche Teil der europäischen Wertschöpfung zum Ende des Mittelalters immer noch fest in feudale Strukturen eingebettet oder aber in kirchlicher Hand war, besetzten die Kaufleute zunächst Nischen. Wesentlich war dabei einerseits der Fernhandel zur See, der im Norden den Hansestädten und im Süden Stadtstaaten wie Genua und Venedig Wohlstand brachte. Im Binnenland wurde andererseits besonders der Bergbau (auch hier waren die Fugger aktiv) zu einer wichtigen Einnahmequelle. Zu erwähnen ist dabei der Abbau der deutschen Silbervorkommen, der zu erheblicher Wohlstandskonzentration führte. Dass sich Karl V., der mächtigste Adelige Europas, bei einem einfachen Bürger Geld leihen muss, weil dieser Bürger über größere finanzielle Mittel verfügte, illustriert, wie die Kaufleute dem Adel als mächtigste soziale Gruppe den Rang abliefen.

Viele Bergwerke waren zum Ende des Mittelalters erschöpft, so dass sich die europäischen Kaufleute nach anderen Einnahmequellen umsehen mussten. Hier zeichnet sich bereits der Wandel von einer nachhaltigen Wirtschaft zur kurzfristigen auf reinen Profit orientierten Wirtschaft ab. Glücklicherweise eröffnete die Entdeckung der Neuen Welt 1492 und des Seeweges nach Indien 1498 neue ungeahnte Geschäftsfelder. Die Kolonisierung der Welt durch Europa ist nicht zu trennen vom Aufstieg der europäischen Kaufleute und der weltweiten Etablierung des Kapitalismus westlicher Prägung.

Schon Kolumbus erste Reise wurde von Kaufleuten mitfinanziert. Sieben Wochen nachdem Karl V. sich mit dem Geld der Fugger zum Kaiser wählen ließ, brach in Mexico Hernan Cortez mit 500 Spießgesellen auf, um zur Aztekenhauptstadt Tenochtitlan zu marschieren. Diese Expedition hat Cortez praktisch ausschließlich über geliehenes Geld finanziert. Die Angst vor den Gläubigern zwang Cortez zu einer enormen Rücksichtslosigkeit. Die Gläubiger selbst blieben in Europa und bekamen eine satte Dividende, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Ein halbes Jahrhundert nach Cortez Feldzug war die Bevölkerung Mexikos durch die spanische Besatzung und durch die von Cortez und seine Nachfolgern eingeschleppten Krankheiten von 25 Mio. auf 2,5 Mio. Einwohnern gefallen (im Vergleich dazu starben im ersten Weltkrieg rund 10 Mio. Soldaten).

In der neuen Welt bildeten die Kaufleute, die sich dort ansiedelten, nachdem die schmutzige Eroberungsarbeit getan war, die neue Oberschicht. Das Feudalsystem war streng an sein Land und Besitztümer gebunden und viel zu unflexibel, um sich in die Neue Welt auszubreiten. Der „Adel“ der Neuen Welt waren die Plantagenbesitzer. Während feudaler Landbesitz relativ autark war, waren Plantagen von Anfang an in die entstehende globale Wirtschaft eingebunden. Die Arbeitskräfte kamen unfreiwillig aus Afrika, die Produkte gingen nach Europa.

Ein anderes Kind der frühen Neuzeit, das unsere Wirtschaft bis heute prägt, ist die Aktiengesellschaft. Schon im Mittelalter bündelten Kaufleute ihre Investitionen, um das kapitalintensive Bergbaugeschäft zu betreiben. Als die Kolonisationsbranche wuchs, war es natürlich naheliegend, hier ebenfalls Investitionen zu bündeln. 1602 gründeten niederländische Unternehmer die Niederländische Ostindien-Kompanie, die oft als erste moderne Aktiengesellschaft bezeichnet wird.

Um moderne Aktiengesellschaften zu verstehen, muss man sich deren Geschichte ansehen. Die Ostindienkompanie tat alles, was nötig war, um ihren Investoren Gewinne zu erwirtschaften. Dabei ging es von Anfang an nicht darum, mit friedlichem Handel Produkte von einem Ort zum anderen zu karren und dabei die Preisunterschiede in Gewinn umzuwandeln. Es ging darum, jede erdenkliche Maßnahme zu ergreifen, um sich Gewinn zu verschaffen. Aktiengesellschaften waren nie ehrbare Kaufleute.

Mit dem Startkapital von 17 Kaufleuten rüstete die Niederländische Ostindien-Kompanie als erstes eine Flotte von 12 Schiffen aus, die schwer bewaffnet waren und 1603 in See stachen. 1605 eroberte die Streitmacht das portugiesische Fort Victoria auf den Molukken. Dies ist kein Einzelfall. Der Einsatz von militärischer Gewalt für die Durchsetzung von Monopolen und Handelsinteressen war damals bei vielen Aktiengesellschaften in den Kolonien üblich. Es verdeutlicht, wieweit Organisationen, die nur der Gewinnausschüttung verpflichtet sind, gehen, wenn man sie lässt.

Noch weiter ging die britische Ostindien-Kompanie. Sie machte das komplette Kolonialgeschäft zu ihrem Erwerbszweig. Sie erwarb in Indien Territorien, baute Festungen, führte Kriege, schloss Frieden und übte die zivile und die Strafgerichtsbarkeit in Indien aus. Es war die vollständige Privatisierung der Kolonialwirtschaft und Kolonialverwaltung in einem Unternehmen – das perfekte Monopol. Auch in Westindien waren die Aktiengesellschaften nicht zimperlich. Die Niederländische Westindien-Kompanie hatte im Laufe ihres Bestehens allein für den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika fast vierhundert Schiffe in Betrieb, die „human resources“ zu den Plantagen der Neuen Welt brachten.

Ein anders Phänomen, das sich in der frühen Neuzeit bereits ankündigte, ist die enorme Fehlallokation von Ressourcen, zu der Märkte fähig sind. Da die damals gängigen Zahlungsmittel Edelmetallmünzen waren, war der Beschaffung von Edelmetall einer der Kernwirtschaftszweige der spanischen Kolonien. Unter Karls Herrschaft wurde 1545 im heutigen Bolivien die Bergbaustadt Potosi gegründet, schließlich hatte er ja noch Schulden bei den Fuggern zu tilgen. Gelegen in einer unwirtlichen Hochebene, die weder Nahrung, noch Baustoffe oder Brennstoffe liefert, wuchs Potosi bald zu einer der größten Städte der Welt heran. Die allermeisten der weit über 100.000 Einwohner waren damit beschäftigt, alle zum Leben benötigten Güter heranzuschaffen. Die Stadt verschlang enorme Unterhaltungskosten, produzierte jedoch kaum nutzbare Waren- oder Dienstleistungen. Aber Silber. Potosi war die ergiebigste Mine der Welt und dass jährlich tausende neue Arbeiter benötigt wurden, weil die harte Arbeit in den Minen so viele Menschen dahinraffte, war eine bloße wirtschaftliche Randbedingung. Genützt hat es eigentlich nichts. Die Verschiffung von Unmengen von Silber aus der Neuen Welt führte in Europa zu einer Inflation. Die Preise, über Jahrhunderte relativ stabil, erhöhten sich in Europa um das drei- bis vierfache. So hat sich zwar Spaniens Anteil am Europäischen Warenkuchen erhöht, aber insgesamt wurde kein Mehrwert geschaffen und der spanische Wohlstand wurde durch indianisches Blut und Preissteigerungen für alle anderen Europäer bezahlt. Potosi hat nie Werte geschöpft, sondern nur größere Werte in Spaniens Taschen umgeleitet, als der Unterhalt der Stadt gekostet hat. Betriebswirtschaftlich war Potosi ein Gewinn, aber volkswirtschaftlich totales Marktversagen.

Auch andere uns heute geläufige Formen von versagenden Märkten haben ihre Ursprünge in der frühen Neuzeit. 1719 investierten Kaufleute aus ganz Europa in Aktien der französischen Mississippi-Kompanie. Ein Jahr zuvor war die Stadt New Orleans gegründet worden. Nachdem der Aktienkurs sich verzwanzigfacht hatte, wurde immer mehr Leuten klar, dass die kleine Kolonie aus ohne ausreichende Vorlaufzeit keine hohen Gewinne abwerfen können wird, und die Spekulationsblase platzte. Auf der Suche nach Renditen wanderte das Kapital von Paris nach London, wo unter anderem die Aktien der Südseekompanie an der Börse gehandelt wurden. Obwohl schon acht Jahre alt, hatte diese Kompanie bisher kaum Handelsaktivitäten vorzuweisen und finanzierte sich dadurch, dass sie als Bad Bank für Staatsanleihen fungierte und dafür vom Staat das Recht erhielt, neue Aktien zu emittieren. Ein Jahr später, der Aktienkurs hatte sich verzehnfacht, es war noch nie eine Dividende ausgezahlt worden, wurde langsam offensichtlich, dass die Südseekompanie hoffnungslos überbewertet war. Isaac Newton, eines der bekanntesten Spekulationsopfer, verlor seine investierten 20.000 Pfund. Das Platzen der Südseeblase führte in England zu einer Rezession. Zum Ersten Mal hatten die Finanzmärkte mit ihren Spekulationsauswüchsen der Realwirtschaft geschadet.

In der frühen Neuzeit, in die das Zeitalter der Entdeckungen und die Kolonialzeit fallen, verschaffte sich Europa den Zugriff auf einen großen Teil des Reichtums der Welt. Die davon am meisten profitierende soziale Gruppe waren die Kaufleute, die den Adel in vielerlei Hinsicht als dominierende Gesellschaftsschicht ablösten. Das kaufmännisch geprägte Wirtschaftssystem legte die Grundlagen für die Art und Weise, wie wir heutzutage Wirtschaft betrachten und was wir für wirtschaftlich normal halten. Es zeigte sich auch frühzeitig, zu welchen Exzessen ein ungezügeltes Gewinnstreben führen kann und wie Investitionsvehikel wie Aktiengesellschaften dazu führen, das scheinbar ehrbare Investoren indirekt von einer brutalen Ausbeutung profitieren, an der sie direkt nicht mitwirken. Das damals entstandene Weltwirtschaftssystem, bei dem internationaler Handel allein der Bereicherung einer am Handel teilnehmenden Seite diente und bei der Krieg, Sklaverei und Gewalt legitime Mittel der Unternehmensführung waren, prägt grundlegende Züge der Weltwirtschaft, besonders den Handel mit Entwicklungsländern (den ehemaligen Kolonien), bis heute.

Der Kredit der Fugger an Karl war übrigens eine hervorragende Investition. Zwar gab es vielerlei Kritik und Bedenken, einem Nichtdeutschen auf den deutschen Thron zu helfen, doch Karl räumte den Fuggern umfangreiche Handelsprivilegien ein. Zwischen 1511 und 1546 hatte sich das Vermögen der Fugger um das 25-fache vermehrt. Schon damals war es also üblich, dass Kaufleute Politikern zur Macht verhalfen, damit diese deren wirtschaftliche Interessen durchsetzen – auch gegen den Willen und das Interesse der eigenen Landsleute.

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Wirtschaftstheologie

Ich habe schon des Öfteren den Begriff des Wirtschaftstheologen gebraucht (z.B. hier, hier und hier). Es ist an der Zeit diesen zu erläutern. Wesentlich begründet wurde diese Wortschöpfung durch Alexander Rüstow, der übrigens auch andere heute geläufige Begriffe erfunden hat, wie z.B. den des Neoliberalismus.

Um zu verstehen, wie die Begriffe Wirtschaft und Theologie im gleichen Wort landen können, müssen wir uns zunächst ein bisschen mit letzterer beschäftigen. Natürlich ist das Feld der Theologie so komplex und vielfältig, dass man ganze Bibliotheken damit füllen kann, und zu jeder Aussage über Theologie gibt es irgendwo auf der Welt einen Theologen, der die Ausnahme ist, welche die Regel bestätigt. Dennoch gibt es religionsübergreifend gewisse Muster, die für die Theologie kennzeichnend sind.

Es gibt in jeder Religion, die auf irgendeiner heiligen Textsammlung gründet, Gelehrte, die ihr Leben damit verbringen, diese Schriften zu studieren, zu interpretieren und sie mit der beobachtbaren realen Welt in Zusammenhang bringen. In unserem Kulturkreis fällt diese Aufgabe christlichen Theologen zu, die sich natürlich in ihren Ansichten und Arbeitsweisen in verschiedenste Denkschulen aufteilen. Jahrhundertelang haben sich kluge Köpfe selbigen über diverse Einzelprobleme der Theologie zerbrochen und so ein hochkomplexes Gedankengebilde geschaffen, das allen möglichen Kriterien wissenschaftlicher Methodik gerecht wird und weit über die in der Bibel verewigten Inhalte hinaus geht.

Dennoch haben viele Religionsgelehrte dieser Welt, aller Methodik zum Trotz, Probleme, einer kritischen Prüfung ihrer Arbeit hinsichtlich des wissenschaftlichen Gehaltes Stand zu halten. Wissenschaft enthält im Wesentlichen zwei wichtige Bausteine. Der erste ist die Erhebung einer empirischen Datenbasis, also die Beobachtung der beobachtbaren Welt, um Fakten und Daten zu sammeln. Das zweite ist das Schlussfolgern aus diesen Fakten, um so zusätzliche Informationen abzuleiten. Theologie ist oft nur in dem zweiten Punkt eine Wissenschaft. Im ersten Punkt versagt sie meistens. Statt einer empirischen Datenbasis werden die Inhalte uralter Textsammlungen, von denen eigentlich kaum noch jemand weiß wer diese damals mit welchen Absichten verfasst hat, oft als axiomatisch angesehen. Je fundamentalistischer ein Gottesgelehrter ist, desto wörtlicher nimmt er die Aussagen der heiligen Texte seiner Religion als gegebenen Fakt hin, auf welchem dann Wissenschaft betrieben wird. Der Text bildet dann ein sogenanntes Axiom, also ein Informationsstück im Theoriegebäude, das selbst nicht durch andere Informationen begründet, bewiesen oder abgeleitet ist. Das Schlussfolgern weiteren Wissens auf diesen Axiomen kann dann mit Methoden ablaufen, die höchsten wissenschaftlichen Standards genügen. Jedoch besitzen diese Schlussfolgerungen dann genauso wenig Wahrheitsgehalt wie die Axiome, auf denen sie beruhen.

Nun sind Theologen ein dankbares Opfer, wenn man die wissenschaftliche Arbeit auf einer fragwürdigen Datenbasis belächeln möchte. Aber es gibt auch in anderen Wissenschaften Beispiele für komplexe Theoriegebäude, die auf falschen Axiomen beruhen. So ist die axiomatische Basis der homöopathischen Lehre (Ähnlichkeitsprinzip, Dynamisierung durch Verdünnung usw.) von Samuel Hahnemann am Schreibtisch erfunden worden und eben keine auf Fakten und Beobachtungen basierende empirische Datenbasis. So wie religiöse Gedankengebäude letztendlich eine Glaubensfrage sind, die nichts über die Realität unsere Welt aussagen, ist es auch die Homöopathie.

Es sind also auch angesehene Wissenschaften, wie im Falle der Homöopathie die Medizin, im 21. Jahrhundert nicht davor gefeit, sich auf ein Terrain zu begeben, dass zukünftige Generationen mit Sätzen beschreiben werden, die mit „Damals glaubte man noch …“ beginnen. Was aber werden diese Generationen über unsere Ökonomen zu sagen haben?

Es gibt heute bei den Wirtschaftswissenschaftlern natürlich alle möglichen Facetten an Meinungen, Ansichten und Axiomen. Da Wirtschaft einerseits menschengemacht ist, gibt es viele Ökonomen, die aus der geisteswissenschaftlichen Ecke kommen und deren methodischen Werkzeugkasten mitbringen. Andererseits besitzt Wirtschaft durch den hohen Grad an geldbasiertem Handel auch eine in Zahlen fassbare Komponente, die es ermöglicht, Werkzeuge der Mathematik zu benutzen. Wieder andere Ökonomen sehen Wirtschaft als komplexes System und wenden ihren aus der Systemtheorie stammenden kybernetischen Werkzeugkasten an. Alle diese Menschen sind selbst natürlich Teil der Wirtschaft, und somit der Gefahr von Subjektivität ausgesetzt. Außerdem reden sie selten miteinander, weil sie die Methodik des jeweils anderen nicht nachvollziehen können.

In diesem Spektrum der ökonomischen Zunft gibt es ein paar Mainstreammeinungen, die axiomatisch für viele Ökonomen sind. Wenn genügend Ökonomen (also Fachleute) diese Axiome laut genug verbreiten, werden Laien dies für wissenschaftliche Wahrheit halten. Daher ist es wichtig, in ökonomischen Gedankenkonstrukten die Axiome zu kennen, um wissenschaftliche Wahrheit von ökonomischen Glaubensbekenntnissen zu trennen.

Wesentlicher Bestandteil ökonomischen Glaubens ist der Glaube an den Markt. Der Markt ersetzt als quasitranszendente Entität den wohlwollenden Schöpfergott und wird am Ende schon alles richten, wenn wir nur fest genug an ihn glauben. Der Glaube an den Markt zeigt Parallelen zu religiösen Extremisten. Verhält sich die Realität nicht wie religiös gewünscht oder vorhergesagt, so liegt für religiöse Extremisten oft die Ursache darin, dass die Gesellschaft oder Teile davon nicht gläubig genug sind oder religiöse Rituale nicht ausreichend verfolgt haben. Analog dazu versuchen Wirtschaftsextremisten, auftretendes Marktversagen immer dadurch zu erklären, dass der böse Staat mit irgendeinem Rest Regulierung schuld an der Situation ist. Marktversagen und seine Mechanismen (Spekulation, Nashgleichegwichte, geplante Obsoleszenz, Monopole, Externalitäten etc.) sind bekannt und gut untersucht, es existieren jede Menge Beispiele dafür (staatliche vs. private Rente). Wer die Existenz von Marktversagen bestreitet, der ist entweder ein getäuschter Laie oder ein ziemlich verbohrter Ideologe. Letztere tarnen sich leider häufig im wirtschaftswissenschaftlichen Gewand.

Ein zweiter Pfeiler der ökonomischen Religion ist der Glaube an Preise. Dies ist natürlich Voraussetzung dafür, dass der Markt Recht hat. Nur wenn immer und überall alle Preise stimmen, dann kann der Markt, der diese Preise in Kaufentscheidungen überführt, auch immer recht haben. Großartigerweise tarnen einige Markttheologen ihren Glauben gar nicht, sondern sagen, wie z.B. dieser Herr, den wir bereits kennengelernt haben: „„Ja. Der Markt ist rational, das glaube ich noch immer. Preise an Finanzmärkten spiegeln stets die verfügbaren Informationen wider.““

Da stellt sich natürlich direkt die Frage, ob es vielleicht sein kann, dass schlicht nicht alle relevanten Informationen verfügbar sind. Und dann kommen wir auch direkt zur Frage, ob es überhaupt möglich ist, in einer komplexen Welt alle relevanten Informationen zu erfassen und als solche zu erkennen. Aber eine sachliche Diskussion, die man von einem seriösen Wissenschaftler erwarten kann, ist nicht Herrn Famas Sache. Kritiker seines Glaubens haben nicht Recht, denn wenn sie recht hätten, müssten sie in der Lage sein die Zukunft vorauszusagen („Aber Leute haben versucht zu prognostizieren, wann die Preise wieder heruntergehen. Und es gibt keinen Beweis, dass sie es können. Sie alle können also über Blasen reden, aber es gibt keinen Beweis, dass sie existieren.“). Hier werden Aussagen der Existenz von Blasen mit der Möglichkeit ihrer Vorhersage vermischt. Das wäre, als würde man bestreiten, dass es im nächsten Jahr Wetter gibt, nur weil jetzt noch niemand eine präzise Wettervorhersage für das nächste Jahr machen kann.

Der Glaube an den Preis hat enorme Implikationen im markttheologischen Glaubenskonstrukt. Aus der Annahme, dass Preise immer Recht hätten, wird geschlussfolgert, dass für jeden Geldfluss ein realer Gegenwert existiert. Wenn der einer Zahlung zugrunde liegende Preis stimmt, dann muss in dem zugehörigen Handel ein gleicher Gegenwert geschaffen worden sein. Diese Implikation ist der wesentliche Grund dafür, dass sich die Markttheologie zur herrschenden Sichtweise unseres Gesellschaftssystems aufgeschwungen hat. Sie bedeutet nämlich, dass diejenigen, die am meisten Geld abgreifen, im Gegenzug dazu am meisten Wert geschöpft haben müssen. Damit wird die Maximierung des monetären Einkommens moralisch gerechtfertigt. Dies ist natürlich grober Unfug, gibt es doch genügend Beispiele für sich selbst vermehrende leistungslose Einkommen. Aber jede gesellschaftliche Oberschicht benötigt eine Ideologie, die ihre Besserstellung gegenüber der Masse rechtfertigt. Früher war es der Hochadel von Gottes Gnaden, heute ist es der Glaube an den Markt, der wirtschaftliches Faustrecht legitimiert. Es ist letztlich das Recht des Stärkeren: Wer am meisten Kohle abgreift, der muss ja in einem perfekten Markt am meisten Wert geschöpft haben und somit diese ganze Kohle auch verdient haben. In dieser kruden Logik es sich der Bezieher leistungslosen Einkommens sogar leisten, seine ausgebeuteten Angestellten als Minderleister zu bezeichnen. Dabei ist es gar nicht möglich, keine „C-Mitarbeiter“ zu haben, denn es gibt in einem Wettbewerbssystem zwangsläufig immer einen letzten Platz, so wie es auch in der Bundesligatabelle immer einen letzten Platz gibt.

Glaubenssysteme, die die Realität leugnen, zeigen nicht nur Widersprüche zur realen Welt, sondern oft auch innere Widersprüche auf. Innere Widersprüche sind in der Wissenschaft ein harter Beweis dafür, dass eine Theorie falsch, unwahr, zu stark vereinfacht oder unvollständig ist. So gibt es natürlich Ausnahmen zu der Regel der Heiligkeit der Preise. So hat ein Wirtschaftstheologe auf Wikipedia dieses schöne Beispiel hinterlassen: „“Aufgrund schlechter makroökonomischer Fundamentaldaten wird eine Abwertung der Währung A erwartet, d. h. der Wechselkurs gegenüber einer anderen stabilen Währung B wird sich ändern. Der Spekulant kauft nun die seiner Meinung nach stabilere Währung B, um sie nach erfolgter Abwertung von A zurück zu tauschen. Ebendiese Transaktion leitet aber die Abwertung ein. Insofern kann man sagen, dass der Kapital- bzw. Devisenmarkt angesichts der makroökonomischen Daten die Währungen neu bewertet hat. Spekulation ist hier also ein Mechanismus zur Anpassung des Preissystems an neue Informationen, so dass die Ressourcenallokation verbessert wird.““

Der Preis hat also immer Recht, außer dann, wenn jemand an einem anderen Preis verdienen kann. Dann leitet er mit seiner Spekulation eine Preisänderung ein, verdient daran und hat so gutes für die Welt geschaffen. Zum Glück gibt es ja die Hohepriester des Börsenparketts, die die Welt immer so erklären, dass wir sie auch verstehen können …

Die unsichtbare Ameisenpfote

Vor einiger Zeit haben wir bereits festgestellt, dass man zum Verständnis der Wirtschaft durchaus Anleihen bei der Biologie beziehen kann. Heute werden wir sehen, warum das prinzipiell überhaupt geht. Dazu lernen wir ein nahezu ubiquitäres Phänomen kennen, ohne deren Kenntnis wichtige Fragen des Universums (Wo kommen wir her? Und warum überhaupt?) schnell in der Esoterik landen: das Phänomen der Emergenz (aus dem Lateinischen von „e(x-)mergere“: aus etwas entstehen, erscheinen, auftauchen).

Am besten veranschaulichen lässt sich dieses Phänomen an einem Ameisenhaufen. Einzelne Ameisen sind von Natur aus grandios dumm. Sie besitzen kein zentrales Nervensystem sondern bestehen nur aus einer Ansammlung von Reflexen, anhand derer sie auf Sinnesreize reagieren. Eine mögliche Reaktion einer Ameise ist nun das Aussenden von Duftstoffen. Diese Duftstoffe sind gleichzeitig Sinnesreize für andere Ameisen. Und ab hier wird es interessant.

Nehmen wir mal an, Forscher hätten bisher im Wald nur einzelne Ameisen gefunden, diese aber sehr detailliert untersucht. Sie wüssten den Körperbau der Ameisen und sie wüssten nach welchen Regeln Sinneseindrücke verarbeitet werden. Kämen diese Forscher von alleine je auf die Idee, dass Ameisen gigantische Paläste bauen können? Dass sie arbeitsteilig sind und manchmal sogar Kriege führen? Nein, denn Arbeitsteilung, Kriege und Paläste sind emergent.

Emergenz ist die Komplexität von Systemen, die sich erst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Systembestandteile ergibt, die für sich betrachtet viel weniger komplex sind. Ameisen sind da ein hervorragendes Beispiel, denn Ameisen sind dumm, besitzen keine Hierarchie (die „Königin“ hat ja nix zu melden, sie ist ja nur eine Gebärmaschine) und sind alle nahezu identisch (sogar genetisch, denn alle Arbeiterinnen sind Geschwister). Erst das Zusammenspiel vieler Ameisen führt zu komplexem Verhalten. Elementar dabei ist die Kommunikation über Duftstoffe untereinander. Sie ermöglichen beliebig komplexe Wirkzusammenhänge, die sich selbst oder gegenseitig verstärken oder abschwächen können.

Jetzt stellen wir uns mal vor, eines Tages wird durch einen blöden Zufall (z.B. ein unglücklicher Sturz auf der Treppe oder ein Atomunglück) eine einzelne Ameise plötzlich mit Intelligenz geschlagen. Diese Ameise, wir nennen sie Adam Schmidt, betrachtet nun den emsigen Ameisenhaufen und bewundert, wie effizient und zielstrebig alle Arbeiterinnen zur rechten Zeit am rechten Ort sind, um dort die richtige Arbeit zu verrichten. Adam Schmidt wird ein Buch verfassen, es „Der Wohlstand der Ameisenhaufen“ nennen und darin schreiben: „Das Individuum möchte gar nicht die Gemeinschaft voranbringen, es folgt nur eigenen Interessen. Und es handelt so, dass seine Instinke am besten befriedigt sind. Dabei führt die Handlung, geleitet durch eine unsichtbare Ameisenpfote in eine Richtung, die gar nicht seine Absicht war. Durch Folgung seiner niederen Instinke erfüllt es die Interessen der Gemeinschaft besser, als wenn es direkt versuchen würde, Gutes für diese zu tun.“

Spätestens hier wird deutlich, warum es Parallelen zwischen der Wirtschaft und der Biologie gibt. Leben, und damit alles, was in der Biologie geschieht, ist emergent. Würden wir nur die die 92 natürlichen chemischen Elemente kennen und die Naturgesetze, die deren Wirkzusammenhänge beschreiben, kämen wir nicht auf die Idee, dass daraus Leben entsteht, wenn man nur lange genug wartet. Ebenso ist Wirtschaft emergent. Jeder Mensch muss sich jeden Morgen überlegen, was er heute so den Tag treibt, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Dabei zieht er natürlich die Interaktion mit anderen Menschen in Betracht. Daraus entsteht dann Kultur, Wirtschaft und Zivilisation.

Der Erfindung des Geldes kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Es ermöglicht neue Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Menschen. Naturgemäß werden sich in einer Tauschwirtschaft nur Menschen finden, deren Angebote und Bedarfe an Naturalien sich irgendwie gegenseitig decken. Die Gesamtmenge an Interaktionen und Gütern ist damit begrenzt. Existiert eine Vielzahl unterschiedlichster Produkte, so wird es immer schwerer, einen Tauschpartner zu finden. Tauschen die Menschen dann aber nur Grundbedarfsgüter, um so möglichst viele Tauschpartner zu haben, so sinkt die Produktvielfalt. Die Erfindung des Geldes schafft nun eine Interaktionsschnittstelle, die zwischen beliebigen Individuen kompatibel ist. Jeder Mensch kann mit Geld irgendetwas anfangen. Damit steigt die Möglichkeit der Individuen, miteinander zu interagieren, ohne dass dafür die Produktvielfalt eingeschränkt werden muss. So entstehen Möglichkeiten für die Emergenz neuer Komplexitäten. Kluge Wirtschaftswissenschaftler haben für diese emergenten Interaktionskomplexitäten einen Fachbegriff gefunden: Sie nennen es „Markt“.

Das Wissen um die Emergenz wirtschaftlicher System ist aus verschiedenen Gründen enorm wichtig. Der erste Grund ist der der sachlichen Betrachtung. Markt als emergente Komplexität ist weder gut noch böse. Er ist kein Allheilmittel, für das wir Schreine errichten müssen, er ist aber auch kein Sündenbock für alles Übel dieser Welt. Markt entsteht immer, sobald Menschen innerhalb eines Geldsystemes Waren und Dienstleistungen austauschen. Selbst in failed states, unter totalitären Regimen und Gefängnissen gibt es Markt. Als Geldmittel dienen dann z.B. Zigaretten oder andere Güter, die zählbar und lagerfähig sind. Jegliche moralische Dimension in Marktdebatten ist esoterisches Geschwätz, denn emergente Phänomene sind nun mal da. Sich darüber zu unterhalten, ob Markt lieb oder böse ist, ist, als würde man darüber diskutieren, ob das Wetter moralisch verwerfliche Absichten hat. Die moralische Bewertung des Phänomens Markt an sich ist jedoch scharf davon zu trennen, ob Individuen das Phänomen Markt benutzen, um sich persönlich auf Kosten der Gemeinschaft zu bereichern. Hier entsteht durchaus eine moralische Dimension, da das Individuum, im Gegensatz zum Markt, ein bewusst handelnder Akteur ist.

Sachlich betrachtet ist Markt also da und kann funktionieren, kann aber auch schiefgehen. Markt ist nicht inhärent nützlich oder schädlich, denn Markt unterliegt noch einer anderen Eigenschaft emergenter Systeme: Chaotischem Verhalten.

Um zu verdeutlichen was das ist, betrachten wir zunächst ein nicht chaotisches System: Eine Eidechse die sich morgens in die Sonne legt, tut dies, um ihre Körpertemperatur zu erhöhen und somit ihren Stoffwechsel hochzufahren. Generell laufen chemische Reaktionen bei höheren Temperaturen schneller ab als bei niedrigeren. Will die Eidechse flink sein und erfolgreich jagen, muss sie sich aufwärmen. Wir können also sagen, je wärmer desto schneller und je kälter desto langsamer ist die Eidechse. Dieses Verhalten gilt jedoch nur für einen sehr begrenzten Temperaturbereich. Verlassen wir diesen Temperaturbereich, wird es chaotisch. Wird die Eidechse zu warm, spielen plötzlich andere Naturgesetze eine Rolle, die bisher nicht zum Tragen kamen. Bei 35°C Körpertemperatur ist die Eidechse schon ziemlich agil, bei 40°C ist noch schneller aber schon bei 45°C ist sie plötzlich tot. Ähnliches gilt für niedrige Temperaturen. Chemische Reaktionen kommen erst bei -273°C vollständig zum erliegen, aber so weit muss die Eidechse gar nicht runterkühlen, da sie schon bei 0° zu Eis gefriert und dann ebenfalls tot ist. Die Eidechse zeigt also in einem begrenzten Temperbereich ein vorhersagbares Verhalten, aber bei bestimmten Temperaturgrenzen (bei 0°C und 42°C) können schon Änderungen der Temperatur um wenige Grad zum totalen Systemausfall führen. Solche Tipping Points finden sich nicht nur in biologischen, sondern auch in wirtschaftlichen Systemen.

Auch Märkte zeigen chaotisches Verhalten. Preise ändern sich regelmäßig, mal steigen sie und mal fallen sie. Es gibt Preisanstiege, die zu Spekulationsblasen führen, wenn genügend Glücksritter aufspringen. Andere Preisanstiege haben dies nicht zur Folge. Ob und wann ein Preisanstieg eine Spekulationsblase verursacht ist schwer vorhersehbar, aber es besteht die Möglichkeit, dass ein geringer Preisanstieg zu einer Spekulationsblase führt, was als chaotisches Verhalten einzuordnen ist.

Es ist also wichtig zu verstehen, dass Märkte emergente Systeme sind, um zu verstehen, dass solche Systeme zu chaotischem Verhalten neigen und somit eben nicht stabil sind. Die nobelpreisverdächtige Frage nach dem Informationsgehalt von Preisen ist ja gerade nur zu beantworten, wenn man dies verstanden hat. Auch die Frage, nach welcher Dynamik sich der Marktpreis bei Angebots- oder Nachfrageänderungen entwickelt, erhält ihre Tiefe erst durch das chaotische Verhalten emergenter Systeme. Weiterhin macht dieses chaotische Verhalten allgemeine Aussagen über Märkte schwierig, denn jeder Markt ist anders und funktioniert im Sinne der effizienten Ressourcenverteilung verschieden gut.

Grundsätzliche Vorraussetzung für chaotisches Verhalten ist die Selbstreferenz emergenter Systeme, also die Tatsache, dass die einzelnen Teile des Systems ihr Verhalten nicht nur nach der äußeren Umgebung, sondern auch nach dem inneren Zustand des Systems ausrichten. So wie die Ameise den Duftstoffen ihrer Artgenossen folgt, folgt der Spekulant den Preissignalen seiner Artgenossen. Diese Selbstreferenz ist sowohl Voraussetzung für Emergenz als auch Teil des chaotischen Verhaltens.

Diese chaotische Eigenschaft von Emergenz spielt auch in der Ordnungspolitik eine Rolle. In der sozialen Marktwirtschaft soll der Staat fehlerhaftes Marktverhalten erkennen und lenkend einwirken. Tatsächlich haben wir das Gefühl, die Politik sei nur noch damit beschäftigt, Fehler zu korrigieren, die durch frühere Gesetzgebung erst entstanden sind. Dieser Eindruck ist nicht falsch, er ist jedoch nicht ausschließlich den Politikern in die Schuhe zu schieben. Schließlich ist bei einem chaotischen System vorher gar nicht absehbar, was das Gesetz alles für Auswirkungen hat. Die Nebenwirkungen einer Gesetzgebung sind also nicht immer nur dem Politiker anzulasten, da er alle Auswirkungen des Gesetzes vorher gar nicht hätte abschätzen können. Es ist also richtig, dass die Politik Flickschusterei betreibt, es ist aber keine unbedingte Schwäche der Politik, sondern auch der unmöglichen Vorhersagbarkeit wirtschaftlicher Entwicklungen geschuldet.

Wir halten also fest, dass „Markt“ ein emergentes Phänomen ist, das durch geldmittelbasierte Interaktion von Menschen entsteht. Märkte sind weder gut noch böse, aber sie sind schwer vorhersagbar und schwer zu kontrollieren. Da wir Menschen Schwierigkeiten haben, Emergenz zu verstehen, und immer nach einem Schöpfer suchen, der die Emergenz zu verantworten hat, bleibt die „Unsichtbare Hand“ von Adam Smith für den Markt das, was der Schöpfergott für unsere Artenvielfalt ist: Der Versuch, eine zentrale Instanz zu finden, die die Vielfalt und Komplexität zu verantworten hat, weil wir uns nicht vorstellen können, dass solche Dinge ohne Zweck zustande kommen können.

Pfauenschwanzvergleich

Wir haben letztes Mal gesehen, dass in der Wirtschaft die Bewertung durch Kennzahlen regelmäßig dazu führt, dass eine bloße Optimierung auf die Größe der Kennzahl dazu führt, dass der eigentliche Sinn und Zweck aus den Augen verloren wird. Wir werden sehen, dass diese Tatsache direkt zur Frage der Lohngerechtigkeit führt.

Wir fangen dazu mal wieder beim Urschleim von Wirtschaft an. Wirtschaft ist die planmäßige Deckung von Bedarf. In einer Volkswirtschaft geschieht diese planmäßige Deckung gemeinsam. Das bedeutet jeder einzelne steuert mehr oder weniger viele Dienstleistungen und Produkte dazu bei, dass ein volkswirtschaftlicher Kuchen entsteht, der dann wieder auf alle verteilt wird. Dabei gibt es auch Personen, die nicht direkt selbst dazu beisteuern, sondern dafür sorgen, dass andere effizienter den Kuchen vergrößern können. Und dann gibt es Leute, die gar nicht zum Kuchen beitragen, weil sie nicht können, nicht wollen oder nicht dürfen.

Nachdem in der Volkswirtschaft der Kuchen geschaffen wurde, wird er auf die einzelnen Individuen verteilt. Je nach Organisationsart der Wirtschaft geschieht das nach unterschiedlichen Verteilungsschlüsseln. In der Marktwirtschaft üblich ist der Verteilungsschlüssel des Geldes. In der klassischen neoliberalen Theorie ist das in Geld gemessen Einkommen eines Menschen der gerechte Lohn für seinen Beitrag zum Kuchen. Das Einkommen ist also der Indikator für die Wertschöpfung, die jemand betreibt.

An dieser Stelle wird bereits das Problem offensichtlich. Natürlich kann man versuchen, möglichst viel Wert zu schaffen und so sein Einkommen zu vergrößern. Aber das ist anstrengend und mühselig. Da der Zugang zum Kuchen aber tatsächlich ausschließlich davon abhängt, wie viel Geld man eingenommen hat und es ist egal ist, ob und wie viel Gegenwert dafür geschaffen wurde, ist der Anreiz enorm, zu versuchen, sein Einkommen auf irgendeine Art und Weise zu mehren, egal ob man dafür Werte schafft.

Insofern ist das Einkommen das Pfauenrad des Homo Oeconomicus. Es ist total egal ob der Pfau tatsächlich fit ist und Wertschöpfung betreibt. Wichtig ist nur, dass er ein möglichst großes Rad hat, um möglichst viel vom Kuchen zu bekommen. Dies ist die Quelle praktisch aller Formen von Marktversagen. Der Markt leidet unter diesem systeminhärenten fehlerhaften Anreizmechanismus. Wer versucht, sein Einkommen zu maximieren ohne dafür den entsprechenden Gegenwert zu schöpfen, verursacht grundsätzlich Marktversagen, weil er mehr vom Gesamtkuchen bekommt als ihm möglicherweise zusteht.

Wir haben ja in früheren Beiträgen bereits verschiedene Formen von Marktversagen kennengelernt. Jede einzelne kann darauf zurückgeführt werden, wie versucht wird, das eigene Einkommen zu steigern ohne dabei den entsprechenden Gegenwert zu schaffen.

Bei der geplanten Obsoleszenz werden Produkte bewusst derart gestaltet, dass sie nach einer dem Hersteller bekannten Zeit für den Kunden ihren Nutzen oder Wert verlieren. Dadurch wird der Kuchen künstlich enorm verkleinert, da die Produkte mit nur unwesentlich verändertem Aufwand ein Vielfaches der Lebensdauer haben könnten. Der Produzent sichert sich so aber einen regelmäßigen Einkommensstrom (und damit Zugang zum Kuchen), da der Kunde gezwungen ist, sein abgelaufenes Produkt gegen Geldzahlung immer wieder zu ersetzen.

Spekulation ist geradezu der Inbegriff des Bereicherns ohne eigene Gegenwertschöpfung. Die Hoffnung, durch bloßes Handeln zu Geld zu gelangen, lockt Millionen Hobby- und Profizocker an die Finanzmärkte. Übernimmt der klassische Einzelhandel tatsächlich noch eine Wertschöpfende Funktion, indem er logistisch tätig ist und Waren vorrätig hält, haben Finanzmärkte längst ihre ursprüngliche Funktion als branchenübergreifender Kapitalverteiler verloren, der eigentlich mal der effizienten Ressourcenallokation dienen sollte. Diese Funktion wird im Fall von Aktien nämlich nur erfüllt, wenn Aktien ausgeschüttet oder zurückgekauft werden, denn nur dann ändert sich das Kapital der jeweiligen Firma. Jeglicher Handel von existierenden Aktien hat daher erst einmal keinen volkswirtschaftlichen Nutzen sondern ist bloße Zockerei. Tatsächlich schaden die Finanzmärkte sogar der Realwirtschaft, da sie spekulative Preise erzeugen, die eine marktoptimierte Verteilung von Ressourcen verhindern.

Bei Nash-Gleichgewichten handelt es sich nicht an sich um eine Strategie, um auf Kosten des Gesamtkuchens seinen eigenen Zugang zu diesem zu vergrößern, sondern um eine Situation, bei der eine solche Strategie andere dazu zwingt einem zu folgen. Hat ein Wirtschaftsteilnehmer einmal einen Weg gefunden, seinen Kuchenzugang ohne entsprechende Wertschöpfung zu vergrößern (etwa durch Werbung), so müssen seine Konkurrenten ebenfalls Werbung schalten, um gleichzuziehen. Der Kunde muss dies alles bezahlen und Werbung an sich ist keine konsumierbare Wertschöpfung. Sie ist sogar Antiwertschöpfung, denn während Wirtschaft die planmäßige Deckung von Bedarf ist, ist Werbung die planmäßige Erschaffung von Bedarf. Sie verursacht also nicht nur Kosten, die zur Vergrößerung des Kuchens dann fehlen, sondern sorgt auch noch dafür, dass der Kuchen, egal wie groß, immer zu klein ist, da sie neue Bedarfe weckt.

Die Giralgeldschöpfung von Banken ist, ähnlich der Spekulation, Bereicherung ohne Kuchenvergrößerung in Reinform. Übrigens ist das Auftreten dieser extremen Ausprägungen der wertschöpfungsfreien Bereicherung im Banken- und Finanzsektor Grund genug, diese konsequent zu hinterfragen und als Bürger soweit wie möglich zu boykottieren (schon die private Altersvorsorge gekündigt?). Bei der Giralgeldschöpfung wird kein einziger konsumierbarer Wert geschaffen. Stattdessen erschaffen die Banken mit dem neuen Geld einen neuen Zugang zum gleichgroß gebliebenen Kuchen, den sie gegen Zinsen vermieten. Dabei werden natürlich alle anderen Kuchenzugänge entwertet. Jeder kann seinen Zugang aber wieder vergrößern, indem er sich bei der Bank frisches Geld holt. Für die Banken ein todsicheres Geschäftsmodell, für alle, die auf Geld als Tauschmittel angewiesen sind, ist es versteckte Abhängigkeit.

Bei Monopolen hat ein Akteur genügend Marktmacht, um das Marktgleichgewicht zu verschieben. Üblicherweise nutzt er dies, um da Angebot zu verknappen und die Preise zu erhöhen. Über die Verknappung des Angebotes verringert er seinen Beitrag zum Gesamtkuchen, während er über die Erhöhung der Preise seine finanziellen Einnahmen und damit seinen Anteil am Kuchen erhöht.

Kapitaleinkünfte sind auch ein Weg, ohne eigene Wertschöpfung Zugang zum Kuchen zu bekommen. Zwar deckt der Vermieter vordergründig den Bedarf des Mieters nach Wohnraum, stellt diesem also ein Stück Kuchen zur Verfügung, jedoch hat der Vermieter dieses Stück ja nicht gebacken. Die eigentliche Wertschöpfung haben die Architekten und Handwerker betrieben, die das Haus geplant und gebaut haben. Als Besitzer von Aktien, Anleihen und Immobilien kann man sich also stetigen Zugang zum Kuchen verschaffen, ohne dafür Wertschöpfung betreiben zu müssen. Wobei, so fair muss man sein, ein Vermieter, der seine Immobilien selbst plant, verwaltet und deren Bau und Erhalt koordiniert, durchaus Wertschöpfung betreibt, indem er das Zusammenspiel von Handwerkern, Verwaltern und Architekten derart optimiert, dass die Wertschöpfung und damit der Kuchen möglichst groß werden.

Externalitäten schließlich sind ein Effekt, wo jemand nicht nur wenig zum Kuchen beiträgt um sich zu bereichern, sondern sogar den Kuchen dabei verkleinert. Wer bei der Produktion seiner Güter Schmutz, Lärm und Unordnung erzeugt, der erschafft den zuvor gedeckten Bedarf nach Sauberkeit, Ruhe und Ordnung neu. Damit wird der Kuchen im Verhältnis zum Bedarf kleiner, da letzterer größer wird. Die dafür eigentlich fällige Entschädigung wird aber nicht ausgezahlt sondern die streicht sich der Produzent ein und vergrößert so illegitim seinen Zugang zum Gesamtkuchen.

Wir haben also das in einem Geldsystem grundsätzlich vorhandene Problem, dass der Anreiz, durch ehrliche Wertschöpfung seinen Zugang zum volkswirtschaftlichen Kuchen zu verdienen, nicht so groß ist wie der, diesen durch möglichst schnelles Anhäufen von Geld, egal auf welchem Wege zu erreichen. Dies wirft enorme Probleme auf, die wir bisher geschickt kaschieren können. Während also der Kuchen, den wir selbst produzieren, durch diesen Anreizfehler immer kleiner wird, können wir – noch – relativ viel Kuchen konsumieren , weil wir die Ressourcen unserer Enkel von Billiglöhnern in Asien zu Kuchen verarbeiten lassen. Dies machen wir bisher so geschickt, dass wir uns all die Sperenzchen leisten können, und alle Leute mit durchfüttern, die viel vom Kuchen konsumieren, aber wenig dazu beitragen. Aber die Zeit der billigen Rohstoffe geht mit deren Begrenztheit ihrem Ende entgegen und in Asien steigen die Löhne. Es ist nur ein Frage er Zeit, bis unser Kuchen kleiner wird.

Das Kleinerwerden des Kuchens hat gigantische soziale Sprengkraft. Seit 200 Jahren haben einen stetig wachsenden Kuchen, mit dem alle glücklich sind, solange jeder jedes Jahr ein bisschen mehr Kuchen hat. Dabei war es egal, ob einige größere Stücke haben, denn es ging für alle bergauf. Aber ein kleiner werdender Kuchen bedeutet Einschnitte. Damit sind große Fragen verbunden. Wessen Stück wird zuerst kleiner? Ist es überhaupt noch gerechtfertigt, wenn jemand sein Stück weiter vergrößert?

Die Antworten auf diese Fragen sind elementar. Sollen die unteren Teile der Mittelschicht in die Unterschicht abrutschen, um so deren Kuchenkonsum zu drosseln oder sollen die, deren Stücke am größten sind, zuerst etwas abgeben? So ist der Mindestlohn ein Weg, ersteres zu verhindern und die Begrenzung der Wochenarbeitszeit ein weiterer, um sinnlosen Wettbewerb um den dadurch nicht größer werdenden Kuchen zu verhindern.

Jeder, der ein hohes Einkommen hat, aber wenig dafür tut, muss sein Handeln legitimieren. Er muss der Gesellschaft gegenüber glaubhaft vertreten, dass er den Kuchen, der er isst, auch verdient hat. Die große Strategie dazu ist die, zu verschleiern, dass das Einkommen als persönliches Pfauenrad nur ein schlechter Indikator für die eigene Wertschöpfung ist. Um zu verhindern, dass auf breiter Front hinterfragt wird, ob denn der Pfau mit dem größten Rad (Einkommen) auch der ist, der die Art am besten erhält (und am meisten Kuchen produziert), wird einfach behauptet, es müsse so sein, das Rad sei ja schließlich am größten.

Also werden die erfolgreichsten Kuchenerschleicher als „Leistungsträger“ gelobt, schließlich zahlen sie am meisten Kuchensteuer, und die über den Tisch gezogenen als „Minderleister“ abgetan, sonst hätten sie ja mehr Kuchen. Nur wenn erkannt wird, dass Wertschöpfung und Einkommen grundsätzlich NICHT das gleiche sind, weil ein Anreizfehler in unserem Wirtschaftssystem dafür sorgt, dass beide Größen entkoppelt werden, nur dann kann sachlich und fundiert über Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten diskutiert werden. Solange Einkommen mit Wertschöpfung gleichgesetzt wird, solange wird die Debatte immer unter der grundfalschen Prämisse der Kuchenerschleicher geführt und kann von diesen inhaltlich scheinbar nicht verloren werden.

Das Pfauenrad der Volkswirtschaft

Bevor wir uns in die üblichen Abgründe des Wirtschaftswahnsinns begeben, machen wir einen kleinen Exkurs in die Biologie. Erst wenn wir verstanden haben, warum der Pfau ein so großes Rad hat, können wir verstehen, warum Kennzahlen aus der Wirtschaft mit Vorsicht zu genießen sind. Aber zunächst zum Pfau.

Im Laufe der Evolution optimiert sich jeder Organismus auf das von ihm bewohnte Ökosystem. Für den Pfau, oder genauer für den in unseren Zoos beliebten blauen Pfau (Pavo cristatus) ist das der indische Subkontinent. Nur der Pfau, der besser an seine Umgebung angepasst ist, kann sich fortpflanzen und Nachkommen zeugen. Richtig? Offensichtlich nicht ganz. Denn zur Anpassung gehört schließlich auch, dass man von Fressfeinden, im Falle unseres Pfaus Tiger, Menschen und Leoparden, schwer gesehen wird und schnell fliehen kann. Daher hat das Pfauenweibchen ein braunes Tarnkleid und kein störendes Pfauenrad.

Wieso aber hat das Männchen solch unsinnige Accessoires? Hat nicht das getarnte wendige Männchen größere Überlebenschancen als das leuchtend blaue Männchen mit dem störenden Rad? Warum gibt letzteres dann seine Gene weiter? Der „Fehler“ liegt beim Weibchen. Zum Weitertragen der Gene gehören nämlich zwei Dinge: Man muss überleben und man muss sich fortpflanzen. Es bringt keinem getarnten Pfau (evolutionär) etwas, nicht gefressen zu werden, wenn er kinderlos an Altersschwäche stirbt. Warum aber suchen sich die Pfauen-Frauen die bunten Männchen aus? Weil sie Kennziffern-geil sind.

Steht das Pfauenweibchen vor der Wahl ein unauffälliges oder ein auffälliges Männchen zum Partner zu erwählen, dann „denkt“ sie wie folgt: Wenn der bunte Mann trotz seines auffälligen Gefieders und seines störenden Rades immer noch nicht gefressen wurde, dann muss der ja dermaßen fit sein, dass der bestimmt die besten Gene hat. Also nimmt sie ihn zum Partner. Das Pfauenrad dient als Fitness-Indikator. Je größer das Pfauenrad ist, das der Pfau mit sich herumtragen kann, desto besser muss er an seine ökologische Nische angepasst sein, um trotzdem zu überleben.

Dieses Auswahlprinzip kann sich verselbstständigen. Bis zu einem gewissen Grad mag es in Ordnung sein, sich einen Nachteil zu verschaffen, um seine Stärken zur Schau zu tragen. Jedoch besteht das Risiko, dass diese Entwicklung in eine evolutionäre Sackgasse führt. Irgendwann könnte das Pfauenrad so groß sein, dass es der Art zum Nachteil wird. Dies kann z.B. geschehen, indem eine andere Vogelart, die die gleiche ökologische Nische besiedelt, den Pfau einfach dadurch verdrängt, dass bei ihr auch die Männchen getarnt sind und sich Tiger, Menschen und Leoparden lieber an den leichter zu findenden und zu fangenden Pfauen sattfressen.

So soll es (zumindest behaupten das einige Evolutionsbiologen) dem Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) ergangen sein. Dieser hat sein Fitnessmerkmal, das nutzlose Geweih, welches einfach nur Frauen beeindrucken soll, derart überoptimiert, dass es irgendwann drei Meter breit war und ständig zwischen den Bäumen hängengeblieben ist. Da war man natürlich für seine Fressfeinde leichte Beute. Schwupps ist er ausgestorben.

Wir versuchen jetzt diesen Sachverhalt so allgemein zu beschreiben, dass wir ihn von der Biologie lösen können. Wir haben zunächst irgendeine Gruppe von Entitäten (ein Klugsprechwort für „Ding“). Dies können Pfauen, Professoren oder Volkswirtschaften sein. Diese Entitäten (Dinger) haben alle irgendwelche Eigenschaften. Nun stellt man fest, dass ein bestimmtes Merkmal mit der Qualität der Entitäten korreliert. Das heißt im Klartext, dass man anhand dieses einen Merkmals schon sehr gut abschätzen kann, ob diese Entität insgesamt gut oder schlecht ist. Der fittere Pfau kann sich ein größeres Rad leisten, der fleißige Professor veröffentlicht mehr neue Forschungserkenntnisse und die produktivere Volkswirtschaft hat das größere Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wichtig ist nun die Kausalität, also wer verursacht was. Der fleißigere Professor generiert mehr neues Wissen. Dieses Wissen wird veröffentlicht, also produziert der fleißigere Professor mehr Veröffentlichungen. Die produktivere Volkswirtschaft produziert mehr Waren. Wo mehr Waren vorhanden sind, werden auch mehr gegen Geld getauscht. Wo mehr Geldgeschäfte abgeschlossen werden, ist das BIP größer.

Sobald ein Indikator, also eine Eigenschaft, die mit der Qualität der betrachteten Entität korreliert, gefunden ist, besteht die Gefahr, dass er sich verselbstständigt. Das Pfauenweibchen ist ja kein kluges reflektierendes Wesen, das sich bei jedem Männchen die Frage stellt, ob denn die Größe des Rades noch ein zeitgemäßes Merkmal zum Feststellen der Fitness ist. Ihr hat die Evolution ins Hirn gemeißelt, dass ein großes Rad eine Riesenfitness bedeutet. Daher muss der männliche Pfau gar nicht so fit sein, dass er sich das große Rad leisen kann und trotzdem alt und grau wird. Er muss einfach nur das große Rad haben um das Weibchen zu bekommen. Und wenn er dann, vom Fortpflanzungsakt erschöpft, vom Tiger gefressen wird, dann ist das so. Denn dadurch, dass das Weibchen sich nach dem Indikator richtet, kehrt sie die Kausalität um. Der Pfau hat kein großes Rad, weil er fit ist, sondern er hat ein großes Rad, weil dann das Weibchen glaubt, er wäre fit. So gewinnt nicht der fitteste Pfau, sondern der mit dem größten Rad. So wird der Indikator wirkungslos, weil er die Kopplung zu seiner ursprünglichen Ursache verloren hat.

Das gleiche gilt für den Professor. Wenn die Universität beschließt, fleißige Professoren mit einem Bonus zu bedenken, der an die Anzahl der Veröffentlichungen gekoppelt ist, dann muss der Professor gar nicht forschen, um an seinen Bonus zu kommen, er muss nur möglichst jeden Darmwind, den er zufällig im Labor aufgezeichnet hat, in bunte Messkurven verpacken und daraus eine Fachveröffentlichung machen. Es bekommt also nicht der fleißigste Professor den Bonus, der die meisten Erkenntnisse gewinnt, sondern der, der am meisten buntes Papier produziert. Auch hier wurde durch die Kopplung des Indikators (Anzahl der Veröffentlichungen) an einen Bonus dessen ursprüngliche Kopplung (an den Erkenntnisgewinnt) aufgehoben. Er wurde wirkungslos.

Nun kann kein Pfauenweibchen dieser Welt so kennzifferngeil sein wie Wirtschaftsleute es sind. In der Welt der Wirtschaftsmenschen wimmelt es nur so von volkswirtschaftlichen Indikatoren, Kennzahlen und Key Performance Indicators. Für all diese Werte hat mal irgendjemand festgestellt, dass sie eine Aussage darüber treffen, wie fit ein Betrieb, eine Abteilung, eine Volkswirtschaft oder sonst ein Wirtschaftsteilnehmer ist.

Nehmen wir z.B. die Arbeitslosigkeit. Irgendwann hat mal jemand festgestellt, dass eine Regierung, die (im Sinne des Betrachters) gute Wirtschaftspolitik macht, geringe Arbeitslosenzahlen produziert. Diese Erkenntnis hat die Runde gemacht und somit wurde die Arbeitslosenrate zu einer Kennzahl für die Güte von Regierungen. Plötzlich war es für Regierungen viel einfacher gute Wirtschaftspolitik zu machen, denn man musste ja gar nicht mehr die große komplexe Wirtschaft steuern, sondern nur noch durch ein paar Maßnahmen Arbeitslose aus der Statistik schmeißen.

Das gleiche gilt für Inflation. Regierungen ohne solide Finanzbalance müssen in irgendeiner Form Geld drucken um ihre Ausgaben zu decken, was die Inflation anheizt. Also dachte sich mal jemand, ich nehme die Inflationsrate als Indikator dafür wie gut die Regierung ist. Das war toll für die Regierung, denn anstatt ihren Haushalt in Ordnung zu bringen, muss sie nur noch ihre Inflationsraten fälschen (so wie die USA das tun).

Der große Indikator aber für unsere Wirtschaft ist immer noch das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es ist das Pfauenrad einer jeden Volkswirtschaft. So ist z.B. bei Spiegel-Online zu lesen, dass das Welt-BIP endlich wieder ordentlich wächst. Juhu, unser Pfauenrad wird größer. Aber ist unser Pfau damit auch fitter? Was misst das BIP eigentlich und wie aussagekräftig ist das?

Das Problem wird in bereits in dem Wikipediaartikel, den sicher ein Ökonom verfasst hat, ersichtlich. Dort steht: „Es misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Periode mithilfe von Produktionsfaktoren hergestellt werden, die sich im Besitz von Inländern befinden“. Das klingt erstmal nicht schlecht. Weiter heißt es jedoch: „Dies ist gleichbedeutend mit den an Inländer geflossenen Einkommen aus Erwerbstätigkeit und Vermögensbesitz“. Dies ist natürlich falsch. Wenn ich (Inländer) mit meinem Backofen (Produktionsfaktor) ein Brot (Ware) backe (Dienstleistung), dann fließt dies nicht ins BIP ein, weil ich kein monetäres Einkommen dadurch habe. Wenn jedoch ein Finanzguru bei einem anderen Finanzguru eine Versicherung für ein Finanzprodukt abschließt, und dafür Geld bekommt, dann fließt das ins BIP. Wenn wir jetzt überlegen, dass Wirtschaft ja per Definition die planmäßige Deckung von Bedarf ist (z.B. Brot bakcen für den Bedarf nach Essen) dann muss dieser für eine Versicherung eines Finanzproduktes schon sehr an den Haaren herbeigezogen werden. Das lässt natürlich daran zweifeln, wie aussagekräftig unser Pfauenrad-BIP tatsächlich ist. Das BIP misst eben nicht die Größe der Wirtschaft, sondern die Größe des Geldflusses. Es sagt nichts darüber aus, wie sinnvoll, nützlich oder bedarfsdeckend die Güter sind, für die das Geld gezahlt wurde oder ob überhaupt Güter oder Dienstleistungen im Spiel waren.

Problematisch wird das Ganze dann, wenn Begründungen oder Vorteile an den Indikator geknüpft werden. Wir haben je gerade gesehen, dass viele Wertschöpfungen (z.B. Erzeugung und Verarbeitung in Haus und Garten, gegenseitige Unterstützung in Familie und Nachbarschaft) gar nicht ins BIP einfließen, während Finanzgeschäfte zwangsläufig immer einfließen, weil sie ja lediglich aus der Manipulation von Geldflüssen bestehen, welche ja vom BIP erfasst werden. Daher blähen in Ländern, in denen viel Geld hin- und hergeschoben wird, wie der Schweiz und dem vereinigten Königreich, die Finanzgeschäfte das BIP besonders auf.

Statt aber zu erkennen, dass diese Verzerrung ein Ergebnis der Ungenauigkeit der Kennziffer BIP ist, wird die heilige Kennziffer gar nicht in Frage gestellt. So wie das Pfauenweibchen durch sexuelle Selektion das Pfauenrad über Generationen immer größer werden lässt, bis der Pfau daran zerbricht, glauben Ökonomen tatsächlich, dass ein Finanzsektor, der virtuelles Geld im Kreis fahren lässt, einen sinnvollen Beitrag zum Decken realer menschlicher Bedarfe leistet. So wie das Pfauenrad, einst ein Indikator der Fitness, längst auf Kosten der Fitness geht, so wächst ins BIP einfließende Finanzsektor längst auf Kosten der Realwirtschaft, z.B. über den Mechanismus der Spekulation, bzw. auf Kosten des Verbrauchers (geplante Obsoleszenz).

Wer zukünftig einen Politiker, Ökonom oder sonst jemanden sieht, der sich wichtig über Kennzahlen, BIP und Wirtschaftswachstum auslässt, sollte gedanklich dessen Kopf durch den eines Pfauenweibchens ersetzen. Und wenn weiterhin unsere Wirtschaft danach optimiert wird, dass das BIP möglichst jedes Jahr größer wird, dann können wir nur hoffen, dass das BIP nicht eines Tages vom Pfauenrad zum Riesenhirschgeweih wird.

Geldsystem simulieren III

Wir haben letztes mal gesehen, dass die Zinsen für das im Umlauf befindliche Giralgeld aus den laufenden Geldflüssen bedient werden können, da Giralgeld durch Zinszahlung nicht verschwindet, sondern beliebig oft zirkulieren kann. Es gibt also keinen Zwang, neues Geld zu erzeugen, um Zinsen zu bedienen. Aufgrund der Mindestreserve und der von der Zentralbank gesteuerten Menge an Zentralbankgeld gibt es eine feste Obergrenze an schöpfbarem Giralgeld. Diese Grenze kann nur verschoben werden, wenn entweder die Zentralbank mehr Zentralbankgeld schafft oder aber die Mindestreserve gesenkt wird.

Zunächst müssen wir sehen, dass es gute Gründe gib, die Geldmenge zu erhöhen. Einer davon ist Wirtschaftswachstum. Wenn mehr Waren produziert und gehandelt werden, wird auch mehr Geld benötigt, um diesen Handel abzuwickeln. Da unsere Zivilisation seit etwa zwei Jahrhunderten (hier und da durch Krieg und Krise kurzzeitig unterbrochenes) Wirtschaftswachstum erlebt, gab es bisher gute Gründe, die Geldmenge zu vermehren. Dennoch gibt es Gründe, die volkswirtschaftlich weniger sinnvoll sind, die zu einer Vermehrung der Geldmenge führen. Sie liegen im Wesentlichen darin begründet, dass unser Geld durch Privatbanken geschöpft wird, die daran gut verdienen. Und schließlich ist die Giralgeldmenge nicht nur vom bisherigen Wirtschaftswachstum, sondern auch vom erwarteten zukünftigen Wirtschaftswachstum abhängig, so dass Geldschöpfung auch ein spekulatives Element hat.

In einer wachstumslosen Wirtschaft mit einem im Gleichgewicht befindlichen Geldsystem kann der Bankensektor seine Einnahmen nicht weiter vergrößern. Um mehr Einnahmen zu generieren, muss die Zentralbank entweder neues Geld schaffen oder die Mindestreserve muss gesenkt werden. Daher versucht der Bankensektor natürlich genau dies zu erreichen. In den USA hat es die Bankenlobby sogar in die Gremien der Zentralbank geschafft, deren Aktionäre über ein paar Umwege private Banken sind. Es gibt also keine systemischen Zwänge, die unser Geldsystem zum wachsen bringen, sondern es sind die Lobbyisten der Nutznießer, die versuchen, die Stellschrauben des Geldsystems so zu beeinflussen, dass ihr Gewinn ständig wächst.

Die beiden existierenden Stellschrauben sind, wie wir schon gesehen haben, die Zentralbankgeldmenge und die Mindestreserve. Beide Stellschrauben führen zu einer Vergrößerung der Geldmenge. Findet dies ohne reales Wirtschaftswachstum statt, führt dies zu Inflation. Da mehr Geld im Umlauf ist, aber die Menge an gehandelten Gütern sich nicht ändert, gibt es mehr Geld pro gehandeltem Gut und damit höhere Preise. Inflation ist für Banken immer ganz großartig, weil sie gut daran verdienen. In einer statischen Wirtschaft sind Einnahmen und Ausgaben der Bank ausgeglichen. Inflation hingegen bedeutet, dass die Banken neue Kredite vergeben und somit Giralgeld schöpfen, und dieses Giralgeld dann im Umlauf ist und nur verzögert zu den Banken zurückkommt und verzinst wird. Dies kann man in der Simulation der inflationären Notenbankpolitik gut erkennen. Die Einnahmen der Banken sind höher als die Ausgaben, was ohne die inflationäre Notenbankpolitik nicht der Fall wäre. Aber der inflationsbedingte Gewinn der Banken sind nur Peanuts, verglichen mit dem, was über Neubewertung der Sicherheiten geschöpft werden kann.

Wie wir bereits gesehen haben, muss eine wachsende Geldmenge durch entsprechende Sicherheiten abgesichert werden. Steigt der Wert der Sicherheiten, so kann die Bank mit den gleichen Sicherheiten zusätzliches Geld schöpfen. Banken haben also ein Interesse daran, dass ihre Sicherheiten an Wert gewinnen. Wenn alle Banken ihre Sicherheiten ein bisschen höher bewerten, kann man der Zentralbank gegenüber glaubhaft versichern, dass die Wirtschaft gewachsen ist und mehr Geld benötigt wird, so dass diese mehr Zentralbankgeld erzeugt. Wie können alle Sicherheiten mehr Wert haben? Durch Wirtschaftswachstum. Nur in einer wachsenden Wirtschaft können z.B. als Sicherheit hinterlegte Aktien alle an realem Wert gewinnen.

Dies geht aber auch in einer Wirtschaft, von der geglaubt wird, dass sie wächst. Geht man von einer wachsenden Wirtschaft aus, so kann man als Besitzer von Aktien, Unternehmensanteilen oder Markenrechten in Zukunft mehr Einnahmen erwarten als heute. Das bedeutet, der Wert des Besitzes bemisst sich nicht daran, was er heute an Gewinn generiert, sondern daran, was er zukünftig generiert. Eine positive wirtschaftliche Prognose erhöht also generell den Wert von Unternehmensanteilen und damit von bei der Bank hinterlegten Sicherheiten. Da niemand letztendlich wissen kann, wie die Zukunft aussieht, erhalten wir also hier ein spekulatives Element. Wie wir bereits gesehen haben, führen Spekulationen zu instabilen Preiszuständen.

Spekulieren die Banken auf Wirtschaftswachstum, so können sie die Sicherheiten höher bewerten und damit den Bedarf an Geld erhöhen, welcher dann durch die Zentralbank gedeckt wird. Bleibt dieses Wachstum aus, gibt es drei Möglichkeiten. Die erste ist schlichte Inflation. Der zweite ist ein Wachsen der Spekulationsblase, der dritte ist dann irgendwann ein Platzen der Spekulationsblase. Bleibt im Folgejahr das erwartete Wachstum aus, und erkennen hinreichend viele Marktteilnehmer dieses rational, so führt dies zu einem geänderten Verhältnis zwischen Geld- und Warenmenge, und damit zu Inflation. Allerdings kann der überzogene Wert der Sicherheiten auch bei ausbleibendem Wachstum gewährleistet werden, wenn für die weitere Zukunft neues Wachstum prognostiziert wird. Dann bleiben die Preise für Investitionsgüter hoch, während Konsumgüter und damit verbundene Kaufkraftmessungen sich nicht verändern. Da es immer ein Folgejahr gibt, in dem es bergauf gehen könnte, kann also der Wert von Investitionsgütern beliebig lange zu hoch angesetzt werden, solange dies genügend Menschen glauben. Die Spekulation auf Wirtschaftswachstum ist die größtmögliche Spekulationsblase von allen.

Irgendwann lässt sich jedoch die wirtschaftliche Realität nicht mehr verbergen. Dann platzt diese Blase. Wenn dies passiert, geschehen mehrere Dinge. Zunächst brechen alle Aktienkurse ein. Die Unternehmen wurden ja nur deshalb so hoch bewertet, weil geglaubt wurde, sie würden zukünftig gigantische Gewinne generieren. Sobald erkannt wird, dass die nicht der Fall ist, erfolgt eine Neubewertung. Unternehmen mit geringeren erwarteten Einnahmen sind weniger Wert, also brechen die Aktienkurse(zusammen mit Werten anderer Investitionsgüter) ein. Als nächstes gehen Banken bankrott. Alle Sicherheiten verlieren an Wert. Da Geldschöpfung ein Bilanzierungstrick ist, stimmt die Bilanz nicht mehr, sobald die Sicherheit an Wert verliert. Banken werden zahlungsunfähig.

Um ihre Bilanzen auszugleichen, müssen die Banken neue Sicherheiten aufbringen. Dies tun sie z.B., indem den Wertverlust der Sicherheiten ausgleichen, indem sie selbst Geld auf die hohe Kante legen, anstatt es auszugeben. Dieses Geld wird dann der Wirtschaft entzogen, die damit Probleme bekommt, ihre Kredite zu bedienen. Und schwupps gehen auch nicht-Banken pleite.

Unser Geldsystem ist nicht instabil, weil es ein inhärent instabiles Zinsgeldsystem ist, sondern es ist instabil, weil gewinnorientierte Privatbanken die Geldschöpfung betreiben, und diese ein spekulatives Element hat. Und Spekulation ist, wie wir hier und hier gesehen haben, inhärent instabil. Gewinnorientierte Privatbanken nehmen auf vielerlei Weg Einfluss auf die Geldmenge.

gewinnbasierteGeldvermehrung

Dies kann zu einem spekulativen Teufelskreis führen, bei dem ausbleibendes Wachstum durch Hoffnung auf mehr Wachstum kompensiert wird.

spekulativeGeldvermehrung

Dies lässt sich großartig simulieren. Wir beginnen mit einer statischen Wirtschaft, und erhöhen dann ab dem etwa 2000. Tag die Bewertung der Sicherheiten. Zusätzlich ergänzen wir eine Zentralbankpolitik, die die Geldmenge erhöht, sobald der Wert der Sicherheiten den Wert der Giralgeldmenge übersteigt. Und schwupps wächst die Geldmenge.

Geldmengenwachstum

Der Zwang zum Wachstum ist also keine Folge unseres Geldsystems, sondern unser Geldsystem passt dem sich dem spekulativen oder realen Bedarf nach Wachstum an. Es soll ja tatsächlich Ökonomen geben, die glauben, unsere Wirtschaft könne ewig wachsen. Nächstes mal werden wir sehen, ob dies so ist.

Spekulation II

Im letzten Beitrag haben wir anhand wirtschaftswissenschaftlicher Modelle gesehen, wie Spekulation zu sich selbst verstärkenden Trends führt und dies den Marktpreis verfälscht. Wir haben außerdem gesehen, dass die wesentliche Stärke eines Marktes, nämlich die Preisstabilität, durch Spekulation in das Gegenteil verkehrt wird.

Den spekulationsfreien Markt kann man auch als Blockschaltbild ausdrücken. Dabei fließen alle Kaufs- und alle Verkaufsabsichten in den Markt ein, es resultiert eine gehandelte Menge und ein Marktpreis. Dieses System ist Rückkopplungsfrei, es gibt keine zyklischen Informationsflüsse.

idealer Markt

In einem spekulativen Markt kommt zum realen Angebot und der realen Nachfrage ein spekulativer Anteil. Im Blockschaltbild setzt sich also die gesamte Nachfrage am Markt zusammen aus der realen Nachfrage von Käufern, die tatsächlich Interesse an dem Produkt haben, und der spekulativen Nachfrage, die durch Spekulanten entsteht, zusammen. Entsprechend setzt sich das gesamte Angebot zusammen aus dem realen und dem spekulativen Angebot.

spekulativer Markt

Die meisten Spekulanten extrapolieren lediglich aktuelle Preisentwicklungen. Wir können die spekulative Prognose daher durch einen Ableitungsbaustein modellieren. Die Veränderung des Preises geht dann positiv in die Nachfrage ein, steigende Preise erhöhen die spekulative Nachfrage. Hingegen wirken sich steigende Preise negativ auf das spekulative Angebot aus, was mit einem Minus modelliert werden soll.

preisbasierter spekulativer Markt

Wir haben also ein rückgekoppeltes System mit einem Ableitungsbaustein. Wir müssen daher einen Sprung in die Ingenieurwissenschaften machen, denn dort gibt es mathematische Methoden, um solche Rückkopplungen zu berechnen und zu kompensieren. Dieser Werkzeugkasten, bekannt als Regelungstechnik, ist seit Jahrzehnten bewährt und hat schon Menschen heil auf den Mond und wieder zurückgebracht.

Eines der wichtigsten Stabilitätskriterien in der Regelungstechnik ist das Nyquistkriterium. Ich unterlasse es hier, die mathematische Modellierung darzustellen, da es praktisch keinen Wirtschaftswissenschaftler gibt, der diese verstehen würde. Das Laplace- oder Fouriertransformieren von Zeitgrößen und die dazugehörige Modellierung komplexer Systeme gehört leider nicht zum Bildungskanon der Wirtschaftswissenschaften, womit elementare Werkzeuge für quantitative Analysen fehlen. Nicht zuletzt aufgrund fehlender Werkzeuge ergehen sich viele Wirtschaftswissenschaftler im monokausalen ideologischen Aneinandervorbeireden.

Das Nyquistkriterium besagt, dass große Signaländerungen in einer Rückkopplung nicht zu lange verzögert werden dürfen (auf Ingenieursdeutsch heißt das, die Phasenverschiebung darf bei Verstärkungen über eins nicht größer als 180 Grad sein). Anschaulich sieht man das beim Einstellen der Duschtemperatur. Die Laufzeit des Wassers im Schlauch verursacht zeitliche Verzögerungen. Zu starke Änderungen an den Armaturen führen regelmäßig zu zu kaltem bzw. zu heißem Wasser. Nur sehr kleine Änderungen (Verstärkungen) und Geduld bringen den gewünschten Erfolg. Das Problem mit Spekulationen ist, dass sie die Änderung des Preises betrachten, also eine Ableitung der Größe Preis. Der Regelungstechniker weiß, dass Ableitungen die Phasenverschiebung vergrößern und somit ein System potentiell instabil machen. Die Instabilitäten, die also der Wirtschaftswissenschaftler nur zeigen und anschaulich erklären, aber nicht berechnen kann, kann ein Regelungstechniker berechnen. Ein Regelungstechniker kann auch berechnen, was zu tun ist, um ein instabiles System stabil zu machen. Er baut dazu einen Regler ein.

Wie sieht so ein Regler für instabile Systeme aus? In instabilen Systemen fahren platt gesagt Signale im Kreis und verstärken sich dabei. Ein Regler muss im Prinzip die im Kreis fahrenden Informationen so weit abschwächen, dass sie sich nicht mehr verstärken. Die einfachsten Regler, die es gibt, sind daher einfache lineare Verstärker (sogenannte P-Regler wegen ihrer proportionalen Verstärkung), deren Verstärkung so gering ist, dass die im Kreis fahrenden Signale bei einem Umlauf nicht mehr zunehmen.

An dieser Stelle setzt die Finanztransaktionssteuer an. Sie dämpft die im Kreis fahrenden Signale, indem sie die spekulativ gehandelte Menge begrenzt. Je geringer die spekulativ gehandelte Menge ist, desto eher entspricht das Marktverhalten dem von realem Angebot und Nachfrage. Sie beträgt 0,1% und für Derivate 0,01%. Für reale Käufer und Verkäufer, die am tatsächlichen Handel mit dem Produkt interessiert sind, sind solche geringen Aufschläge auf den Preis viel besser als die durch Spekulation hervorgerufenen Preisschwankungen, die schnell in den dreistelligen Prozentbereich gehen können, wie z.B. die rund 150% Spekulationsaufschlag der DotCom-Blase zeigen. Außerdem ist die Transaktionssteuer bekannt und planbar, während dies spekulativ bedingte Preisschwankungen nicht sind.

(Anmerkung für Ingenieure: Regelungstechnisch bedeutet eine Verringerung der spekulativ gehandelten Menge eine Verringerung des Betrages der Übertragungsfunktion am offenen Regelkreis. Diese Betragsverringerung muss so groß sein, dass das Nyquistkriterium erfüllt wird. Dann wird das System im Sinne der realen Marktteilnehmer stabil.)

Wir konnten also zeigen, dass Spekulation schlecht für die Marktteilnehmer ist, weil sie den Markt instabil macht, dass eine Transaktionssteuer der mathematisch richtige Ansatz ist um die Nachteile von Spekulation zu beheben und dass für reale Marktteilnehmer die Transaktionssteuer ein Gewinn ist. Außerdem haben wir an mehreren Beispielen gesehen, dass die Realität zeigt, dass Spekulation zu Blasenbildungen führt. Zwei Anmerkungen möchte ich noch machen. Eine betrifft den Bauern, die andere Opportunitätskosten.

Jeder Befürworter von Spekulationen wird irgendwann in einer Diskussion das Beispiel des armen Bauern angeben, der seine Ernte schon im Voraus zu einem Festpreis verkauft, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Der Spekulant trägt nun das Risiko, weil er, wenn er Pech hat, für das Zeug mehr bezahlt hat als dann später der Marktpreis ist. Der Bauer hingegen kann Risikofrei sein Budget planen. Diese schöne Geschichte hat drei Haken. Erstens ist der Bauer kein Risiko losgeworden, sondern sein Risiko hat sich verändert. Er ist zwar gegen niedrige Preise abgesichert, kann aber dafür nicht mehr von sehr hohen Preisen profitieren. Er riskiert also mögliche Verluste. Der zweite Haken ist, dass für dieses Geschäft kein Spekulant notwendig ist, sondern dass der Käufer der Ware jemand sein kann, der das Produkt tatsächlich benötigt, z.B. ein Bäcker. In diesem Falle wären nur reale Marktakteure beteiligt. Die Spekulantenrolle wird also nicht benötigt. Der dritte Haken ist, dass der Bäcker im Falle des spekulativen Zwischenhändlers das Produkt vom Spekulanten zum Marktpreis kaufen muss, und so das Risiko der Preisschwankungen trägt. Der Käufer möchte sich aber auch gegen Preisschwankungen absichern, also hat der Bäcker möglicherweise auch ein Interesse, schon im Frühjahr einen Preis fix zu machen. Der beste Fall ist also, wenn sich Bauer und Bäcker schon im Frühjahr einigen, dann haben beide planbare Preise und planbare Mengen, und der Spekulant wird nicht benötigt.

Die neoliberale Ideologie behauptet, dass Spekulation gut ist, weil es das Marktgleichgewicht verbessert. Nehmen wir mal einen Moment an, dieser soeben ausführlich widerlegte Unfug wäre wahr, so gäbe es noch eine weitere Hürde, die der Spekulant nehmen müsste, nämlich die der Opportunitätskosten. Selbst wenn eine größere Wertschöpfung durch das neue Marktgleichgewicht entstünde, weil die Spekulation zu einer verbesserten Allokation von Ressourcen beitrüge, so reichte dies nicht aus, die Spekulation zu rechtfertigen. Denn der Spekulant hätte, anstatt zu spekulieren, ja auch in der Zeit aktiv selbst Wertschöpfung betreiben können, indem er z.B. eine Ware oder eine Dienstleistung produziert. Dies sind die Opportunitätskosten der Spekulation. Nur wenn die behauptete Mehrwertschöpfung durch Spekulation größer ist als die durch Arbeit, hat der Spekulant einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Eine andere Betrachtung ist die, dass der Spekulant für seine spekulative Tätigkeit einen Teil der Wertschöpfung konsumiert. Für die anderen Wirtschaftsteilnehmer, die diese Werte dann nicht mehr konsumieren können, ist es nur dann gerechtfertigt, den Spekulanten durchzufüttern, wenn seine angebliche Verbesserung der Ressourcenallokation zu einer Mehrwertschöpfung führt, die größer als sein Konsum ist. Auch dies ist äußerst fraglich.