Das Erbe der Fugger

Karl V. war seinerzeit der mächtigste Mann Europas. Zu seinem Herrschaftsbereich gehörten neben seiner spanischen Heimat auch die Niederlande, Belgien, Sizilien, Sardinien und der südliche Teil des italienischen Stiefels. Außerdem erbte er das Habsburgerreich, bestehend aus Österreich, Böhmen und Ungarn. In Übersee herrschte er über den Großteil der Neuen Welt und die Philippinen. Als 1519 die Wahl zum deutschen Kaiser anstand – einer der wichtigsten Titel, die Karl noch fehlten – benötigte er 852.000 Gulden, um die wahlberechtigten Fürsten zu schmieren. So viel Geld hatte er nicht, also musste er es sich leihen. Den größten Teil dieser Summe lieh er sich bei den damals wohlhabendsten Unternehmern Europas – den Fuggern.

Dieser Deal illustriert in vielerlei Hinsicht die wirtschaftlichen Umwälzungen die am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit stattfanden. Die mittelalterliche Gesellschaft war agrarisch geprägt. Die wesentliche Wertschöpfung fand in der Landwirtschaft statt und war relativ nachhaltig. Die Gesellschaft unterlag einer klaren feudalen Hierarchie, deren zugrunde liegender „Gesellschaftsvertrag“ Schutz gegen Steuern lauteten, wobei letztere oft in Form von Naturalien und Dienstleistungen (Fron) geleistet wurde. Natürlich hatte der Adel Privilegien, musste aber im Gegensatz zu den Bauern im Krieg seinen Kopf hinhalten. Berühmt ist die Schlacht von Azincout, bei der auf französischer Seite weit über 1500 Adelige und Ritter starben, darunter drei Herzöge.

Die Fugger waren weder Adelige noch Bauern, sie repräsentierten einen neuen sozialen Typus, der formal in der feudalen Hierarchie ganz unten stand, weil sie weder adelig waren noch klerikale Ämter besetzten. Aufgrund ihres enormen durch kaufmännische Aktivitäten erworbenen Reichtums hoben sie sich jedoch deutlich von den Bauern und Handwerkern ab, die den Großteil des dritten Standes bildeten. Da der wesentliche Teil der europäischen Wertschöpfung zum Ende des Mittelalters immer noch fest in feudale Strukturen eingebettet oder aber in kirchlicher Hand war, besetzten die Kaufleute zunächst Nischen. Wesentlich war dabei einerseits der Fernhandel zur See, der im Norden den Hansestädten und im Süden Stadtstaaten wie Genua und Venedig Wohlstand brachte. Im Binnenland wurde andererseits besonders der Bergbau (auch hier waren die Fugger aktiv) zu einer wichtigen Einnahmequelle. Zu erwähnen ist dabei der Abbau der deutschen Silbervorkommen, der zu erheblicher Wohlstandskonzentration führte. Dass sich Karl V., der mächtigste Adelige Europas, bei einem einfachen Bürger Geld leihen muss, weil dieser Bürger über größere finanzielle Mittel verfügte, illustriert, wie die Kaufleute dem Adel als mächtigste soziale Gruppe den Rang abliefen.

Viele Bergwerke waren zum Ende des Mittelalters erschöpft, so dass sich die europäischen Kaufleute nach anderen Einnahmequellen umsehen mussten. Hier zeichnet sich bereits der Wandel von einer nachhaltigen Wirtschaft zur kurzfristigen auf reinen Profit orientierten Wirtschaft ab. Glücklicherweise eröffnete die Entdeckung der Neuen Welt 1492 und des Seeweges nach Indien 1498 neue ungeahnte Geschäftsfelder. Die Kolonisierung der Welt durch Europa ist nicht zu trennen vom Aufstieg der europäischen Kaufleute und der weltweiten Etablierung des Kapitalismus westlicher Prägung.

Schon Kolumbus erste Reise wurde von Kaufleuten mitfinanziert. Sieben Wochen nachdem Karl V. sich mit dem Geld der Fugger zum Kaiser wählen ließ, brach in Mexico Hernan Cortez mit 500 Spießgesellen auf, um zur Aztekenhauptstadt Tenochtitlan zu marschieren. Diese Expedition hat Cortez praktisch ausschließlich über geliehenes Geld finanziert. Die Angst vor den Gläubigern zwang Cortez zu einer enormen Rücksichtslosigkeit. Die Gläubiger selbst blieben in Europa und bekamen eine satte Dividende, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Ein halbes Jahrhundert nach Cortez Feldzug war die Bevölkerung Mexikos durch die spanische Besatzung und durch die von Cortez und seine Nachfolgern eingeschleppten Krankheiten von 25 Mio. auf 2,5 Mio. Einwohnern gefallen (im Vergleich dazu starben im ersten Weltkrieg rund 10 Mio. Soldaten).

In der neuen Welt bildeten die Kaufleute, die sich dort ansiedelten, nachdem die schmutzige Eroberungsarbeit getan war, die neue Oberschicht. Das Feudalsystem war streng an sein Land und Besitztümer gebunden und viel zu unflexibel, um sich in die Neue Welt auszubreiten. Der „Adel“ der Neuen Welt waren die Plantagenbesitzer. Während feudaler Landbesitz relativ autark war, waren Plantagen von Anfang an in die entstehende globale Wirtschaft eingebunden. Die Arbeitskräfte kamen unfreiwillig aus Afrika, die Produkte gingen nach Europa.

Ein anderes Kind der frühen Neuzeit, das unsere Wirtschaft bis heute prägt, ist die Aktiengesellschaft. Schon im Mittelalter bündelten Kaufleute ihre Investitionen, um das kapitalintensive Bergbaugeschäft zu betreiben. Als die Kolonisationsbranche wuchs, war es natürlich naheliegend, hier ebenfalls Investitionen zu bündeln. 1602 gründeten niederländische Unternehmer die Niederländische Ostindien-Kompanie, die oft als erste moderne Aktiengesellschaft bezeichnet wird.

Um moderne Aktiengesellschaften zu verstehen, muss man sich deren Geschichte ansehen. Die Ostindienkompanie tat alles, was nötig war, um ihren Investoren Gewinne zu erwirtschaften. Dabei ging es von Anfang an nicht darum, mit friedlichem Handel Produkte von einem Ort zum anderen zu karren und dabei die Preisunterschiede in Gewinn umzuwandeln. Es ging darum, jede erdenkliche Maßnahme zu ergreifen, um sich Gewinn zu verschaffen. Aktiengesellschaften waren nie ehrbare Kaufleute.

Mit dem Startkapital von 17 Kaufleuten rüstete die Niederländische Ostindien-Kompanie als erstes eine Flotte von 12 Schiffen aus, die schwer bewaffnet waren und 1603 in See stachen. 1605 eroberte die Streitmacht das portugiesische Fort Victoria auf den Molukken. Dies ist kein Einzelfall. Der Einsatz von militärischer Gewalt für die Durchsetzung von Monopolen und Handelsinteressen war damals bei vielen Aktiengesellschaften in den Kolonien üblich. Es verdeutlicht, wieweit Organisationen, die nur der Gewinnausschüttung verpflichtet sind, gehen, wenn man sie lässt.

Noch weiter ging die britische Ostindien-Kompanie. Sie machte das komplette Kolonialgeschäft zu ihrem Erwerbszweig. Sie erwarb in Indien Territorien, baute Festungen, führte Kriege, schloss Frieden und übte die zivile und die Strafgerichtsbarkeit in Indien aus. Es war die vollständige Privatisierung der Kolonialwirtschaft und Kolonialverwaltung in einem Unternehmen – das perfekte Monopol. Auch in Westindien waren die Aktiengesellschaften nicht zimperlich. Die Niederländische Westindien-Kompanie hatte im Laufe ihres Bestehens allein für den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika fast vierhundert Schiffe in Betrieb, die „human resources“ zu den Plantagen der Neuen Welt brachten.

Ein anders Phänomen, das sich in der frühen Neuzeit bereits ankündigte, ist die enorme Fehlallokation von Ressourcen, zu der Märkte fähig sind. Da die damals gängigen Zahlungsmittel Edelmetallmünzen waren, war der Beschaffung von Edelmetall einer der Kernwirtschaftszweige der spanischen Kolonien. Unter Karls Herrschaft wurde 1545 im heutigen Bolivien die Bergbaustadt Potosi gegründet, schließlich hatte er ja noch Schulden bei den Fuggern zu tilgen. Gelegen in einer unwirtlichen Hochebene, die weder Nahrung, noch Baustoffe oder Brennstoffe liefert, wuchs Potosi bald zu einer der größten Städte der Welt heran. Die allermeisten der weit über 100.000 Einwohner waren damit beschäftigt, alle zum Leben benötigten Güter heranzuschaffen. Die Stadt verschlang enorme Unterhaltungskosten, produzierte jedoch kaum nutzbare Waren- oder Dienstleistungen. Aber Silber. Potosi war die ergiebigste Mine der Welt und dass jährlich tausende neue Arbeiter benötigt wurden, weil die harte Arbeit in den Minen so viele Menschen dahinraffte, war eine bloße wirtschaftliche Randbedingung. Genützt hat es eigentlich nichts. Die Verschiffung von Unmengen von Silber aus der Neuen Welt führte in Europa zu einer Inflation. Die Preise, über Jahrhunderte relativ stabil, erhöhten sich in Europa um das drei- bis vierfache. So hat sich zwar Spaniens Anteil am Europäischen Warenkuchen erhöht, aber insgesamt wurde kein Mehrwert geschaffen und der spanische Wohlstand wurde durch indianisches Blut und Preissteigerungen für alle anderen Europäer bezahlt. Potosi hat nie Werte geschöpft, sondern nur größere Werte in Spaniens Taschen umgeleitet, als der Unterhalt der Stadt gekostet hat. Betriebswirtschaftlich war Potosi ein Gewinn, aber volkswirtschaftlich totales Marktversagen.

Auch andere uns heute geläufige Formen von versagenden Märkten haben ihre Ursprünge in der frühen Neuzeit. 1719 investierten Kaufleute aus ganz Europa in Aktien der französischen Mississippi-Kompanie. Ein Jahr zuvor war die Stadt New Orleans gegründet worden. Nachdem der Aktienkurs sich verzwanzigfacht hatte, wurde immer mehr Leuten klar, dass die kleine Kolonie aus ohne ausreichende Vorlaufzeit keine hohen Gewinne abwerfen können wird, und die Spekulationsblase platzte. Auf der Suche nach Renditen wanderte das Kapital von Paris nach London, wo unter anderem die Aktien der Südseekompanie an der Börse gehandelt wurden. Obwohl schon acht Jahre alt, hatte diese Kompanie bisher kaum Handelsaktivitäten vorzuweisen und finanzierte sich dadurch, dass sie als Bad Bank für Staatsanleihen fungierte und dafür vom Staat das Recht erhielt, neue Aktien zu emittieren. Ein Jahr später, der Aktienkurs hatte sich verzehnfacht, es war noch nie eine Dividende ausgezahlt worden, wurde langsam offensichtlich, dass die Südseekompanie hoffnungslos überbewertet war. Isaac Newton, eines der bekanntesten Spekulationsopfer, verlor seine investierten 20.000 Pfund. Das Platzen der Südseeblase führte in England zu einer Rezession. Zum Ersten Mal hatten die Finanzmärkte mit ihren Spekulationsauswüchsen der Realwirtschaft geschadet.

In der frühen Neuzeit, in die das Zeitalter der Entdeckungen und die Kolonialzeit fallen, verschaffte sich Europa den Zugriff auf einen großen Teil des Reichtums der Welt. Die davon am meisten profitierende soziale Gruppe waren die Kaufleute, die den Adel in vielerlei Hinsicht als dominierende Gesellschaftsschicht ablösten. Das kaufmännisch geprägte Wirtschaftssystem legte die Grundlagen für die Art und Weise, wie wir heutzutage Wirtschaft betrachten und was wir für wirtschaftlich normal halten. Es zeigte sich auch frühzeitig, zu welchen Exzessen ein ungezügeltes Gewinnstreben führen kann und wie Investitionsvehikel wie Aktiengesellschaften dazu führen, das scheinbar ehrbare Investoren indirekt von einer brutalen Ausbeutung profitieren, an der sie direkt nicht mitwirken. Das damals entstandene Weltwirtschaftssystem, bei dem internationaler Handel allein der Bereicherung einer am Handel teilnehmenden Seite diente und bei der Krieg, Sklaverei und Gewalt legitime Mittel der Unternehmensführung waren, prägt grundlegende Züge der Weltwirtschaft, besonders den Handel mit Entwicklungsländern (den ehemaligen Kolonien), bis heute.

Der Kredit der Fugger an Karl war übrigens eine hervorragende Investition. Zwar gab es vielerlei Kritik und Bedenken, einem Nichtdeutschen auf den deutschen Thron zu helfen, doch Karl räumte den Fuggern umfangreiche Handelsprivilegien ein. Zwischen 1511 und 1546 hatte sich das Vermögen der Fugger um das 25-fache vermehrt. Schon damals war es also üblich, dass Kaufleute Politikern zur Macht verhalfen, damit diese deren wirtschaftliche Interessen durchsetzen – auch gegen den Willen und das Interesse der eigenen Landsleute.