Alles so wie immer

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Teil 4: Die Freihändler

Teil 5: Aus dem eigenen Stall

Die letzten 15 Jahre sind in unserer Gesellschaft geprägt durch einen massiven Imageverlust der USA. Nach dem kalten Krieg glaubten viele, dass die „Guten“ gewonnen hätten und dass die USA ein Garant für Frieden, Sicherheit und Wohlstand wären. Und so stand nach dem 11. September die Welt (oder das, was wir dafür halten) mehr oder weniger geschlossen hinter den USA, um ihr in den Krieg gegen den Terror zu folgen. Heute ist die Situation eine andere. War für die meisten Verbündeten scheinbar nachvollziehbar, warum Afghanistan ein Land zum einmarschieren ist, so erfolgte im Irakkrieg das erste Schisma. Nachdem immer größeren Teilen der westlichen Welt klar geworden ist, dass der Regimechange in der Ukraine und das Chaos in Syrien ebenfalls ein Werk der USA sind, stellen sich immer mehr (Bürger, nicht Politiker) die Frage, ob wir als Verbündeter der USA auf der richtigen Seite stehen.

Wer ein bisschen nachbohrt stellt fest, dass das Verhalten der USA in den letzten 15 Jahren keine wirkliche Eskalation darstellt, sondern seit dem zweiten Weltkrieg dem gleichen Modus Operandi folgt, dass sie seit dieser weltweit offene und verdeckte Operationen benutzt, wann immer wirtschaftliche, politische oder ideologische Interessen auf diese Weise durchgesetzt werden können. Wir wollen in diesem Blogbeitrag noch weiter nachbohren und sehen, dass die heutige gewalttätige US-Politik nicht erst mit dem zweiten Weltkrieg begann, sondern eine nahtlose Fortsetzung der brutalen europäischen Kolonialpolitik der frühen Neuzeit ist.

Von der Gründung Jamestowns im Jahre 1607 bis zur amerikanischen Unabhängigkeit 1776 hat die britische Kolonialgemeinschaft in Nordamerika schon entscheidende Prägungen erhalten. Während Frankreich oft vergleichsweise gute Beziehung zu den Ureinwohnern Nordamerikas unterhielt, brach schon drei Jahre nach der Ankunft der englischen Siedler der erste der drei Powhatan-Kriege aus, später gefolgt von der Virginia Rebellion, die im Vertrag von 1677 mündete, in der sich die unterzeichnenden Stämme dem englischen König unterwerfen mussten, um Rechte auf Landnutzung und Waffenbesitz zu erhalten. Als die wachsenden Interessenssphären der englischen Kolonisten mit den Gebietsansprüchen ihres alten Erbfeindes, den Franzosen, zusammenstießen, folgte eine Reihe von Kriegen, die als Franzosen- und Indianerkriege bekannt sind. Bis auf kleine Ausnahmen standen die Ureinwohner dabei auf Seiten der Franzosen, welche in den meisten dieser Konflikte den Kürzeren zogen.

Territoriale Ausdehnung war also von Anfang an den Kampf gegen die Ureinwohner geknüpft, mit denen nie wirklich gute Beziehungen bestanden haben. Zwei Besonderheiten machten den Kampf zwischen Engländern und Ureinwohnern besonders brutal. Zum einen wanderten aufgrund religiöser Konflikte besonders viele Engländer in die neue Welt aus, so dass diese Kolonien eine viel größere Bevölkerung als die französischen hatten und somit viel größere Landflächen der Einheimischen beanspruchten. Zum anderen waren die Stämme Nordamerikas nicht mit den Großreichen der Inka und Azteken zu vergleichen. Die spanischen Konquistadoren mussten, hatten sie erst einmal die Armee geschlagen, lediglich die Staatsoberhäupter durch einen Statthalter ersetzen, und schon beugten sich die schutz- und führungslosen Untertanen dem neuen Herren. Die Stämme Nordamerikas hingegen waren sozial weniger stark gegliedert, hier war jeder erwachsene Mann auch Krieger. Die Kriege mit den Indianern endeten also oft genug im Genozid oder der Vertreibung.

Nach der Unabhängigkeit der englischen Kolonien und Gründung der USA setzte sich die brutale Praxis fast nahtlos fort. 1803 wurden mit dem Louisiana-Kauf mehr als zwei Millionen Quadratkilometer Land von den Franzosen erworben. Dass dort Menschen lebten, war zweitrangig. 1830 wurde der Indian-Removal-Act beschlossen, der vorsah, alle Indianer östlich des Mississippi nach Westen „umzusiedeln“. Während dieser Umsiedlungen starben Tausende von Choctaw, Muskogee, Chickasaw, Cherokee und Seminolen. Schon damals war die Presse, die von problemlosen Umsiedlungen sprach, blind für Opfer, die nicht weiß und europäischer Abstammung waren. Das letzte große Kapitel der Kriege gegen die Ureinwohner Nordamerikas waren die Kriege gegen die Sioux, die sich als militärisch auf Augenhöhe agierten, aber gegen die Hungerkampagne durch systematisches Abschlachten der Büffelherden keine Chance hatten.

Während die USA sich also „daheim“ ihr Land zusammenraubten (man erinnere sich an den Krieg gegen Mexico, in dem die USA sich ihren heutigen Südwesten eroberten), befreiten sich andere Kolonien von ihren europäischen Herren. Zwischen 1808 und 1833 erkämpften sich praktisch alle spanischen Kolonien der neuen Welt, bis auf Kuba und Puerto Rico, ihre Unabhängigkeit. 1823 wurde die Monroe-Doktrin erlassen, die besagte, dass alle Europäer, die unabhängige Gebiete in den Amerikas kolonisieren, gegen US-Interessen handeln. Damit schufen sich die USA erstmalig eine Interessenssphäre, die weit über die direkt an ihr Gebiet grenzenden Länder hinausging und nutzen erstmals „soft Power“, um als scheinbarer Garant für Freiheit aufzutreten.

Doch die Monroe-Doktrin sagte eben nichts darüber aus, ob nicht die USA sich unabhängige Gebiete wieder Untertan machen können, wie sie es 1898 taten, als auf der Seite Kubas in den Unabhängigkeitskrieg der Kubaner gegen die Spanier eingriffen. Mit der Gewissheit, die „Guten“ zu sein und als ehemalige Kolonie anderen zu helfen, für die Freiheit zu kämpfen, erklärten die USA Spanien den Krieg und schickten nicht nur Truppen nach Kuba, sondern auch auf die Philippinen und nach Guam. Doch die „Guten“ zu sein war eben nur Fassade. Nach dem Sieg über Spanien wurde Kuba zwar formal unabhängig, doch die USA drohten Kuba, es solange besetzt zu halten, bis sie einen Vertrag, das „Platt Amendment“ unterschrieben, der es den USA erlaubte, jederzeit in Kuba militärisch zu intervenieren, um die Regierung zu schützen, die Freiheit und Eigentum (der amerikanischen Investoren) garantiert. Auch die Philippinen und Guam wurden nicht frei, sondern abhängige Gebiete. Ein Jahr nachdem die USA „geholfen“ haben, das Joch der Spanier abzuschütteln, begann auf den Philippinen ein Aufstand gegen die neuen Besatzer.

Der Raub Kubas zeigt ein Muster, das sich bis heute in Varianten fortsetzt. Zunächst wird ein moralischer Grund erdacht, warum militärisch eingegriffen werden muss, um die Öffentlichkeit zu überzeugen. Damals ging es angeblich um die Freiheit Kubas, heute angeblich um Menschenrechte. Dann braucht es ein Ereignis, in dem die USA das Opfer sind, dass die Stimmung katalysiert. Bis heute ist schließlich weder geklärt, ob das Kriegsschiff „Maine“ in Havanna durch einen Unfall oder einen Anschlag sank, und ob für letzteren Fall überhaupt eine Verbindung zu Spanien besteht. Der Tonkin-Zwischenfall in Vietnam oder die Operation Northwoods-Dokumente zeigen, dass False-Flag-Operationen immer wieder durch die USA  geplant und sogar durchgeführt wurden, um Kriege der Öffentlichkeit zu verkaufen. Anschließend wird das durch das Ereignis legitimierte öffentliche Mandat überreizt: Damals wurde aus einem Einsatz in Kuba eine globale Aktion gegen die Reste des spanischen Weltreiches. Heute wird aus dem Durchsetzen einer Flugverbotszone ein uneingeschränkter Luftkrieg.

Besonders wichtig ist die Schaffung von indirekten Abhängigkeiten. Teil des amerikanischen Mythos als Freiheitsgarant ist die Tatsache, dass die USA im Gegensatz zum britischen Empire keine nennenswerten Kolonien besessen haben, sondern immer Herrschaftsstrukturen geschaffen haben, die auf den ersten Blick nach Freiheit und Demokratie aussehen. So wie das Platt Amendment von den kubanischen Volksvertretern zwangslegitimiert wurde, um es als demokratischen Willen Kubas darzustellen, achten die USA auch heute noch darauf, direkte politische Hierarchien zu vermeiden. So möchte man zwar Wahlen in Syrien, aber Assad soll doch bitte nicht antreten dürfen.

1904 ergänzte Roosevelt die Monroe-Doktrin um das „Roosevelt Corollary“, das es den USA erlaubt, in Lateinamerika militärisch einzugreifen, wenn die Länder dort „abstoßendes und miserables Fehlverhalten“ zeigen. Damit erklärten die USA die westliche Hemisphäre zu ihrem Hinterhof, in dem kein Europäer etwas zu suchen hat und in dem die USA jederzeit militärisch eingreifen können. Und das taten sie auch reichlich.

Wurde in Panama 1903, also vor dem Roosevelt Corollary, nur indirekt eingegriffen, um es von Kolumbien abzuspalten, um dort den Panamakanal zu bauen, so erfolgte wenige Jahre später bereits eine offene Besetzung Nicaraguas. Es ging unter anderem weiter mit Grenzübergriffen gegen Mexico, der Besetzung Hawaiis, der Besetzung der Dominikanischen Republik und einer Militärintervention in Chile.

Smedley D. Butler, ein hochdekorierter General schrieb in seinem Buch „War is a Racket“ über seine Einsätze:

„Ich war 33 Jahre und vier Monate in aktivem Militärdienst und während dessen verbrachte ich die meiste Zeit als Weltklasse-Schläger für Großunternehmen, für die Wall Street und die Banken. Kurz, ich war ein Gauner, ein Gangster des Kapitalismus. Ich half, Mexico und besonders Tampico 1914 für amerikanische Ölinteressen zu sichern. Ich half, Haiti und Kuba zu einem schönen Platz für die Jungs der National City Bank zu machen, um Gewinne einzufahren. Ich half bei der Plünderung eines halben Dutzends mittelamerikanischer Länder für den Vorteil der Wall Street. Ich half 1902-1912, Nicaragua für die Internationale Bank der Brown-Brüder aufzubereiten. Ich setzte 1916 die amerikanischen Zuckerinteressen in der Dominikanischen Republik durch. Ich half 1903, Honduras für die amerikanischen Obstkonzerne zurechtzurücken. In China sorgte ich 1927 dafür, dass Standard Oil ungestört seinen Weg gehen kann. Wenn ich zurückblicke, ich hätte Al Capone noch etwas lehren können. Sein Höhepunkt war es, mit seinen Gauner in drei Distrikte zu kontrollieren, ich war auf drei Kontinenten unterwegs.“

Der einzige Unterschied vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in dem seit 1607 betriebenen brutalen Spiel, sich gewaltsam Zugang zu allem zu verschaffen, was man haben möchte, bestand lediglich darin, dass die USA von einem amerikanisch-pazifischem zu einem globalen Imperium wurden. Das Spiel war das gleich wie bisher, mit den gleichen Regeln und Methoden. 1948 sagte George F. Kennan, Chefplaner im US-Außenministerium:

„Wir besitzen etwa 50 % des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6,3 % seiner Bevölkerung. Dieser Unterschied ist im Verhältnis zwischen uns und den Völkern Asiens besonders groß. In einer solchen Situation kommen wir nicht umhin, Neid und Missgunst auf uns zu lenken. Unsere eigentliche Aufgabe in der nächsten Zeit besteht darin, eine Form von Beziehungen zu finden, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten. Um das zu erreichen, werden wir auf alle Sentimentalitäten und Tagträumereien verzichten müssen; und wir werden unsere Aufmerksamkeit überall auf unsere ureigensten, nationalen Vorhaben konzentrieren müssen. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass wir uns heute den Luxus von Altruismus und Weltbeglückung leisten könnten… […] Wir sollten aufhören von vagen – und für den Fernen Osten – unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser“

Für das Imperium ist Krieg weder die „ultima ratio“, also das letzte Argument, wie es in alte Kanonen eingraviert ist, noch die „Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln“, wie Clausewitz schrieb. Krieg ist für das Imperium, das nur durch Krieg gewachsen ist, einfach nur ein „ratio“ und einfach nur „Politik“. Und das Imperium weiß, dass die Öffentlichkeit das anders sieht und dass Krieg immer mit soft Power verkauft werden muss.

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