Alles so wie immer

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Teil 4: Die Freihändler

Teil 5: Aus dem eigenen Stall

Die letzten 15 Jahre sind in unserer Gesellschaft geprägt durch einen massiven Imageverlust der USA. Nach dem kalten Krieg glaubten viele, dass die „Guten“ gewonnen hätten und dass die USA ein Garant für Frieden, Sicherheit und Wohlstand wären. Und so stand nach dem 11. September die Welt (oder das, was wir dafür halten) mehr oder weniger geschlossen hinter den USA, um ihr in den Krieg gegen den Terror zu folgen. Heute ist die Situation eine andere. War für die meisten Verbündeten scheinbar nachvollziehbar, warum Afghanistan ein Land zum einmarschieren ist, so erfolgte im Irakkrieg das erste Schisma. Nachdem immer größeren Teilen der westlichen Welt klar geworden ist, dass der Regimechange in der Ukraine und das Chaos in Syrien ebenfalls ein Werk der USA sind, stellen sich immer mehr (Bürger, nicht Politiker) die Frage, ob wir als Verbündeter der USA auf der richtigen Seite stehen.

Wer ein bisschen nachbohrt stellt fest, dass das Verhalten der USA in den letzten 15 Jahren keine wirkliche Eskalation darstellt, sondern seit dem zweiten Weltkrieg dem gleichen Modus Operandi folgt, dass sie seit dieser weltweit offene und verdeckte Operationen benutzt, wann immer wirtschaftliche, politische oder ideologische Interessen auf diese Weise durchgesetzt werden können. Wir wollen in diesem Blogbeitrag noch weiter nachbohren und sehen, dass die heutige gewalttätige US-Politik nicht erst mit dem zweiten Weltkrieg begann, sondern eine nahtlose Fortsetzung der brutalen europäischen Kolonialpolitik der frühen Neuzeit ist.

Von der Gründung Jamestowns im Jahre 1607 bis zur amerikanischen Unabhängigkeit 1776 hat die britische Kolonialgemeinschaft in Nordamerika schon entscheidende Prägungen erhalten. Während Frankreich oft vergleichsweise gute Beziehung zu den Ureinwohnern Nordamerikas unterhielt, brach schon drei Jahre nach der Ankunft der englischen Siedler der erste der drei Powhatan-Kriege aus, später gefolgt von der Virginia Rebellion, die im Vertrag von 1677 mündete, in der sich die unterzeichnenden Stämme dem englischen König unterwerfen mussten, um Rechte auf Landnutzung und Waffenbesitz zu erhalten. Als die wachsenden Interessenssphären der englischen Kolonisten mit den Gebietsansprüchen ihres alten Erbfeindes, den Franzosen, zusammenstießen, folgte eine Reihe von Kriegen, die als Franzosen- und Indianerkriege bekannt sind. Bis auf kleine Ausnahmen standen die Ureinwohner dabei auf Seiten der Franzosen, welche in den meisten dieser Konflikte den Kürzeren zogen.

Territoriale Ausdehnung war also von Anfang an den Kampf gegen die Ureinwohner geknüpft, mit denen nie wirklich gute Beziehungen bestanden haben. Zwei Besonderheiten machten den Kampf zwischen Engländern und Ureinwohnern besonders brutal. Zum einen wanderten aufgrund religiöser Konflikte besonders viele Engländer in die neue Welt aus, so dass diese Kolonien eine viel größere Bevölkerung als die französischen hatten und somit viel größere Landflächen der Einheimischen beanspruchten. Zum anderen waren die Stämme Nordamerikas nicht mit den Großreichen der Inka und Azteken zu vergleichen. Die spanischen Konquistadoren mussten, hatten sie erst einmal die Armee geschlagen, lediglich die Staatsoberhäupter durch einen Statthalter ersetzen, und schon beugten sich die schutz- und führungslosen Untertanen dem neuen Herren. Die Stämme Nordamerikas hingegen waren sozial weniger stark gegliedert, hier war jeder erwachsene Mann auch Krieger. Die Kriege mit den Indianern endeten also oft genug im Genozid oder der Vertreibung.

Nach der Unabhängigkeit der englischen Kolonien und Gründung der USA setzte sich die brutale Praxis fast nahtlos fort. 1803 wurden mit dem Louisiana-Kauf mehr als zwei Millionen Quadratkilometer Land von den Franzosen erworben. Dass dort Menschen lebten, war zweitrangig. 1830 wurde der Indian-Removal-Act beschlossen, der vorsah, alle Indianer östlich des Mississippi nach Westen „umzusiedeln“. Während dieser Umsiedlungen starben Tausende von Choctaw, Muskogee, Chickasaw, Cherokee und Seminolen. Schon damals war die Presse, die von problemlosen Umsiedlungen sprach, blind für Opfer, die nicht weiß und europäischer Abstammung waren. Das letzte große Kapitel der Kriege gegen die Ureinwohner Nordamerikas waren die Kriege gegen die Sioux, die sich als militärisch auf Augenhöhe agierten, aber gegen die Hungerkampagne durch systematisches Abschlachten der Büffelherden keine Chance hatten.

Während die USA sich also „daheim“ ihr Land zusammenraubten (man erinnere sich an den Krieg gegen Mexico, in dem die USA sich ihren heutigen Südwesten eroberten), befreiten sich andere Kolonien von ihren europäischen Herren. Zwischen 1808 und 1833 erkämpften sich praktisch alle spanischen Kolonien der neuen Welt, bis auf Kuba und Puerto Rico, ihre Unabhängigkeit. 1823 wurde die Monroe-Doktrin erlassen, die besagte, dass alle Europäer, die unabhängige Gebiete in den Amerikas kolonisieren, gegen US-Interessen handeln. Damit schufen sich die USA erstmalig eine Interessenssphäre, die weit über die direkt an ihr Gebiet grenzenden Länder hinausging und nutzen erstmals „soft Power“, um als scheinbarer Garant für Freiheit aufzutreten.

Doch die Monroe-Doktrin sagte eben nichts darüber aus, ob nicht die USA sich unabhängige Gebiete wieder Untertan machen können, wie sie es 1898 taten, als auf der Seite Kubas in den Unabhängigkeitskrieg der Kubaner gegen die Spanier eingriffen. Mit der Gewissheit, die „Guten“ zu sein und als ehemalige Kolonie anderen zu helfen, für die Freiheit zu kämpfen, erklärten die USA Spanien den Krieg und schickten nicht nur Truppen nach Kuba, sondern auch auf die Philippinen und nach Guam. Doch die „Guten“ zu sein war eben nur Fassade. Nach dem Sieg über Spanien wurde Kuba zwar formal unabhängig, doch die USA drohten Kuba, es solange besetzt zu halten, bis sie einen Vertrag, das „Platt Amendment“ unterschrieben, der es den USA erlaubte, jederzeit in Kuba militärisch zu intervenieren, um die Regierung zu schützen, die Freiheit und Eigentum (der amerikanischen Investoren) garantiert. Auch die Philippinen und Guam wurden nicht frei, sondern abhängige Gebiete. Ein Jahr nachdem die USA „geholfen“ haben, das Joch der Spanier abzuschütteln, begann auf den Philippinen ein Aufstand gegen die neuen Besatzer.

Der Raub Kubas zeigt ein Muster, das sich bis heute in Varianten fortsetzt. Zunächst wird ein moralischer Grund erdacht, warum militärisch eingegriffen werden muss, um die Öffentlichkeit zu überzeugen. Damals ging es angeblich um die Freiheit Kubas, heute angeblich um Menschenrechte. Dann braucht es ein Ereignis, in dem die USA das Opfer sind, dass die Stimmung katalysiert. Bis heute ist schließlich weder geklärt, ob das Kriegsschiff „Maine“ in Havanna durch einen Unfall oder einen Anschlag sank, und ob für letzteren Fall überhaupt eine Verbindung zu Spanien besteht. Der Tonkin-Zwischenfall in Vietnam oder die Operation Northwoods-Dokumente zeigen, dass False-Flag-Operationen immer wieder durch die USA  geplant und sogar durchgeführt wurden, um Kriege der Öffentlichkeit zu verkaufen. Anschließend wird das durch das Ereignis legitimierte öffentliche Mandat überreizt: Damals wurde aus einem Einsatz in Kuba eine globale Aktion gegen die Reste des spanischen Weltreiches. Heute wird aus dem Durchsetzen einer Flugverbotszone ein uneingeschränkter Luftkrieg.

Besonders wichtig ist die Schaffung von indirekten Abhängigkeiten. Teil des amerikanischen Mythos als Freiheitsgarant ist die Tatsache, dass die USA im Gegensatz zum britischen Empire keine nennenswerten Kolonien besessen haben, sondern immer Herrschaftsstrukturen geschaffen haben, die auf den ersten Blick nach Freiheit und Demokratie aussehen. So wie das Platt Amendment von den kubanischen Volksvertretern zwangslegitimiert wurde, um es als demokratischen Willen Kubas darzustellen, achten die USA auch heute noch darauf, direkte politische Hierarchien zu vermeiden. So möchte man zwar Wahlen in Syrien, aber Assad soll doch bitte nicht antreten dürfen.

1904 ergänzte Roosevelt die Monroe-Doktrin um das „Roosevelt Corollary“, das es den USA erlaubt, in Lateinamerika militärisch einzugreifen, wenn die Länder dort „abstoßendes und miserables Fehlverhalten“ zeigen. Damit erklärten die USA die westliche Hemisphäre zu ihrem Hinterhof, in dem kein Europäer etwas zu suchen hat und in dem die USA jederzeit militärisch eingreifen können. Und das taten sie auch reichlich.

Wurde in Panama 1903, also vor dem Roosevelt Corollary, nur indirekt eingegriffen, um es von Kolumbien abzuspalten, um dort den Panamakanal zu bauen, so erfolgte wenige Jahre später bereits eine offene Besetzung Nicaraguas. Es ging unter anderem weiter mit Grenzübergriffen gegen Mexico, der Besetzung Hawaiis, der Besetzung der Dominikanischen Republik und einer Militärintervention in Chile.

Smedley D. Butler, ein hochdekorierter General schrieb in seinem Buch „War is a Racket“ über seine Einsätze:

„Ich war 33 Jahre und vier Monate in aktivem Militärdienst und während dessen verbrachte ich die meiste Zeit als Weltklasse-Schläger für Großunternehmen, für die Wall Street und die Banken. Kurz, ich war ein Gauner, ein Gangster des Kapitalismus. Ich half, Mexico und besonders Tampico 1914 für amerikanische Ölinteressen zu sichern. Ich half, Haiti und Kuba zu einem schönen Platz für die Jungs der National City Bank zu machen, um Gewinne einzufahren. Ich half bei der Plünderung eines halben Dutzends mittelamerikanischer Länder für den Vorteil der Wall Street. Ich half 1902-1912, Nicaragua für die Internationale Bank der Brown-Brüder aufzubereiten. Ich setzte 1916 die amerikanischen Zuckerinteressen in der Dominikanischen Republik durch. Ich half 1903, Honduras für die amerikanischen Obstkonzerne zurechtzurücken. In China sorgte ich 1927 dafür, dass Standard Oil ungestört seinen Weg gehen kann. Wenn ich zurückblicke, ich hätte Al Capone noch etwas lehren können. Sein Höhepunkt war es, mit seinen Gauner in drei Distrikte zu kontrollieren, ich war auf drei Kontinenten unterwegs.“

Der einzige Unterschied vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in dem seit 1607 betriebenen brutalen Spiel, sich gewaltsam Zugang zu allem zu verschaffen, was man haben möchte, bestand lediglich darin, dass die USA von einem amerikanisch-pazifischem zu einem globalen Imperium wurden. Das Spiel war das gleich wie bisher, mit den gleichen Regeln und Methoden. 1948 sagte George F. Kennan, Chefplaner im US-Außenministerium:

„Wir besitzen etwa 50 % des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6,3 % seiner Bevölkerung. Dieser Unterschied ist im Verhältnis zwischen uns und den Völkern Asiens besonders groß. In einer solchen Situation kommen wir nicht umhin, Neid und Missgunst auf uns zu lenken. Unsere eigentliche Aufgabe in der nächsten Zeit besteht darin, eine Form von Beziehungen zu finden, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten. Um das zu erreichen, werden wir auf alle Sentimentalitäten und Tagträumereien verzichten müssen; und wir werden unsere Aufmerksamkeit überall auf unsere ureigensten, nationalen Vorhaben konzentrieren müssen. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass wir uns heute den Luxus von Altruismus und Weltbeglückung leisten könnten… […] Wir sollten aufhören von vagen – und für den Fernen Osten – unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser“

Für das Imperium ist Krieg weder die „ultima ratio“, also das letzte Argument, wie es in alte Kanonen eingraviert ist, noch die „Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln“, wie Clausewitz schrieb. Krieg ist für das Imperium, das nur durch Krieg gewachsen ist, einfach nur ein „ratio“ und einfach nur „Politik“. Und das Imperium weiß, dass die Öffentlichkeit das anders sieht und dass Krieg immer mit soft Power verkauft werden muss.

Aus dem eigenen Stall

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Teil 4: Die Freihändler

Der Umzug des Imperiums von Europa und insbesondere Großbritannien in die USA ist nur dann nachvollziehbar, wenn klar ist, dass die USA und Großbritannien zwar politisch zwei verschiedene Staaten sind, wirtschaftlich, sozial und kulturell aber trotzdem so eng verwoben sind, dass sie von außen betrachtet als Einheit wahrgenommen werden können. Bevor wir näher darauf eingehen, dass nicht nur beide Länder, sondern mittlerweile der gesamte Westen, von einer gemeinsamen Elite beherrscht werden, von einem Geldadel, der die Politik in beiden Ländern bestimmt, und somit eine gemeinsame Spitze der sozialen Hierarchie bildet, wollen wir an unserem eigenen Beispiel sehen, dass ein Umzug eines imperialen Zentrums von einer Nation zur anderen historisch nicht ungewöhnlich ist.

Der deutschsprachige Kulturraum besteht zurzeit aus den drei Nationen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dies war nicht immer so, sondern im Laufe der Geschichte gab es diverse politische Gebilde, die diesen Raum politisch gliederten. Im Mittelalter gehörten alle deutschsprachigen Gebiete zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, dessen imperiales Zentrum vom 15. Jahrhundert bis zur formalen Abwicklung des Reiches 1806 in Österreich lag, weil die Habsburger in dieser Zeit den deutschen Kaiser stellten (die Schweiz wurde 1648 formal unabhängig). Es dauerte dann bis 1938, bis Österreich und Deutschland wieder einen gemeinsamen politischen Körper bildeten, diesmal mit der Reichshauptstadt Berlin und deutscher Führung. Ein weiteres historisches Beispiel einer imperialen Schwerpunktverschiebung ist Kublai Khan, der durch Marco Polo bekannte Enkel Dschingis Khans, der den Schwerpunkt des größten geographisch zusammenhängenden Imperiums aller Zeiten aus der Mongolei nach China verlegte.

Als in der frühen Neuzeit die Europäer begannen, die Welt zu unterjochen, geschah dies zunächst im Wesentlichen unter spanischer Dominanz und resultierte unter Karl V. im ersten globalen Imperium. Und auch wenn Europäer sich immer wieder militärisch bekämpft haben, so haben sie doch Jahrhunderte lang gemeinsam den Rest der Welt unterjocht und sind sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnet, dem Rest der Welt jedoch von oben herab. Mit den USA entstand eine weitere westliche Nation, die auf Augenhöhe mit den Europäern stand. Politisch, wirtschaftlich und kulturell sind die Briten und US-Amerikaner besonders eng verbandelt, bilden also innerhalb der westlichen Welt einen noch engeren Kreis, für den in Deutschland der Sammelbegriff der angelsächsischen Länder benutzt wird, um sie von anderen westlichen Nationen zu unterscheiden.

Die großen Landbesitzer, die zur Gründung der USA die Oberschicht bildeten, bekamen im Zuge der Industrialisierung Konkurrenz. Mit Bankiers und Industriellen kamen neue Typen von Kapitalbesitzern. Diese wanderten zusammen mit vielen Fachkräften, die aus den Niedriglohnländern Europas ins Hochlohnland Vereinigte Staaten flüchteten und brachten Startkapital, Geschäftsmodelle und Beziehungen mit. Dazu muss man wissen, dass es in Europa bereits eine internationale Finanzelite gab. Besonders bekannt ist die Bankiersfamilie Rothschild, die über einen österreichischen, französischen, englischen und neapolitanischen Zweig verfügte.

Betrachtet man heute die Geschichte der größten amerikanischen Bankhäuser, so lassen sich praktisch überall Wurzeln in Europa finden. Die größte Bank, JPMorgan Chase, geht unter anderem auf die Londoner George Peabody & Co zurück. Junius S. Morgan beteiligte sich an George Peabodys Londoner Bank und übernahm sie nach dessen Ruhestand und benannte sie in J.S. Morgan und Co um. Die heute zweitgrößte US-Bank ist die Bank of America, deren älteste Wurzel die Bank of Italy ist, welche von einem Sohn italienischer Einwander gegründet wurde. Die drittgrößte Bank ist die Citigroup, welche auf die 1812 gegründete City Bank of New York zurückgeht, die 1837 von dem deutschen Einwander John Jacob Astor übernommen wurde. War es in Europa sowieso üblich, dass der Hochadel eine nationenübergreifende Oberschicht bildete (so war der letzte deutsche Kaiser ein Cousin vom englischen König, den Königinnen von Spanien, Rumänien und Norwegen und der Kaiserin von Russland), so bildeten die großen Bankiersfamilien eine westliche Oberschicht, die sich über Europa und die USA erstreckten. Natürlich machten alle großen Bankhäuser internationale Geschäfte, hatten Niederlassungen in verschiedenen Ländern und auch die Vermögens- und Beziehungssicherung durch Heirat war nicht unüblich.

Allerdings waren nicht alle europäischen Nationen in der amerikanischen Oberschicht gleich stark vertreten. Der Großteil der amerikanischen Oberschicht hatte (und hat) englische Wurzeln und war sich dessen bewusst. Das Akronym WASP (white anglo-saxon protestant, also weißer angelsächischer Protestant) wird seit den 1950ern verwendet, um diesen Sachverhalt zu kennzeichnen. Das Wir-Gefühl der amerikanischen Oberschicht ist also an ein rassische, eine sprachlich-kulturelle und eine religiöse Identität geknüpft, welche in dieser Kombination nur durch die Briten und deren Nachfahren geteilt wird. Dieser Klebstoff ist auch die Vertrauensbasis der heutigen Geheimdiensttätigkeit der UKUSA-Staaten (UK, USA, Australien, Neuseeland, Kanada) untereinander.

Dazu kommt, dass lange Zeit die meisten Einwanderer in die USA von den britischen Inseln kamen, so dass neben der Elite auch die breite Masse der Bevölkerung diese Identität teilte. Die Angelsachsen selbst waren und sind sich dieser gemeinsamen Identität auch immer bewusst gewesen, so schrieb 1890 Josiah Strong, ein amerikanischer Kirchenmann (natürlich Protestant) und Autor:

„1700 hatte diese Rasse weniger als 6 Millionen Seelen. 1800 hatten sich die Angelsachsen (ich benutze diesen Begriff etwas weiter um alle englisch sprechenden Menschen zu beinhalten) auf 20,5 Millionen vermehrt und heute, im Jahre 1890, beträgt ihre Anzahl 120 Millionen.“

Unter allen Präsidenten der USA gab es bisher nur zwei, die keine WASPs waren, nämlich Kennedy, der Katholik war und Barack Obama, der nicht weiß ist (durchaus aber ein protestantischer Teil-Angelsachse, da seine Mutter englischer Abstammung ist).

Des Weiteren haben Briten und Amerikaner (und Australier etc.) bis heute eine gemeinsame Kulturgeschichte. Sie teilen Shakespeares literarisches Erbe und hören (und verstehen!) im Radio die gleiche Musik. Sie sehen die gleichen Filme und Serien (ohne Synchronisation und Untertitel) und konsumieren die gleichen Nachrichten. Es gibt eine gemeinsame Öffentlichkeit in diesem Raum, etwas, das Europa z.B. fehlt, und somit Großbritannien trotz formaler EU-Mitgliedschaft auch heute noch eng an die USA und eben nicht an Kontinentaleuropa bindet.

Auch wenn das britische Empire formal ein anderer politischer Körper war als es die USA sind, so tritt die USA doch innerhalb des gemeinsamen ethnisch, kulturellen und religiös definierten angelsächsischen Raumes das Erbe des Empires an. Sowohl das britische Empire als auch die USA sehen sich dabei als Speerspitze der europäischen Dominanz über die Welt. Die kaufmännische Oberschicht der USA, die in dieser Gesellschaft die wirtschaftlich, politisch und kulturell dominierende Macht ist, ist damit aus dem gleichen Stall wie die kaufmännische Oberschicht des Empires.

Natürlich existiert eine solche transatlantische Oberschicht noch heute. Internationale Kaufleute, die Herrscher kaufen und Kriege finanzieren können, wie die Fugger vor 500 oder die Rothschilds vor 200 Jahren, agieren aber heute viel versteckter.

Wenn sich z.B. ein Politiker mit dem Vorstandsvorsitzenden eines DAX-Konzerns trifft, so halten viele letzteren für einen Teil der Oberschicht, weil der ja Millionär ist. Tatsächlich ist ein Manager eher Teil der oberen Mittelschicht, da er immer noch ein Angestellter ist, ein Handlanger. Das wirft die Frage auf, für wen er denn arbeitet. Die nichtssagende Antwort darauf ist: für die Aktionäre. Diese wählen den Vorstand auf der Aktionärsversammlung. Schaut man, wer diese Aktionäre sind, so stößt man auf die großen Investmentgesellschaften wie State Street, Vanguard, Black Rock, Fidelity usw. Diese besitzen Aktien an praktisch allen DAX-Unternehmen, sind aber selbst auch nur Dienstleister, die das Vermögen von Milliardären (das sind Menschen, die tausend Mal so viel Geld haben wie die popeligen Manager, die selbst nur Millionäre sind) anlegen. Und diese Milliardäre, die meisten sind amerikanische WASPS, sind die transatlantische Oberschicht, die sich unsichtbar hinter einem Geflecht aus Firmen und Gesellschaften verbirgt.

So besitzt die Familie Johnson 49% von Fidelity. Fidelity wiederum verwaltet Vermögen (von den Johnsons und anderen Milliardären) in Höhe von rund 1,8 Billionen Euro, was dem Bruttoinlandsprodukt von Indien entspricht. Sortiert man die großen Investmentgesellschaften nach ihrem Einfluss, so ist Fidelity aber nur auf Platz Drei. Die Liste der weltweit 50 einflussreichsten Investitionsvehikel für Milliardäre zeigt die weltweite Dominanz der transatlantischen Oberschicht mit angelsächsischem Schwerpunkt. Von diesen Top 50 kommen 24 aus den USA, acht aus Großbritannien, fünf aus Frankreich, sieben aus sonstigen europäischen Staaten, einer aus Kanada, vier aus Japan und einer aus China. Da Japan ein enger Verbündeter der USA ist (und seit dem zweiten Weltkrieg militärisch besetzt), gibt es lediglich ein Unternehmen unter den Top 50 (das chinesische), das nicht dem Einfluss der Oberschicht der imperialen Elite steht.

Der Umzug des Imperiums von Großbritannien in die USA ist für diese imperiale Elite eigentlich egal. Es ist ihnen gleich, welche westliche Nation als Bannerträger vorangeht, um den Rest der Welt für westliche Wirtschaftsinteressen gewaltsam zu öffnen. Teilnahme am „freien“ Weltmarkt bedeutet einseitigen Zugang für westliche Konzerne, die mittlerweile alle international agieren und kaum an einen bestimmten Nationalstaat gebunden sind. Und auch für die restliche Welt ist es egal, welches nationale Emblem die Soldaten tragen, die westliche Interessen gewaltsam durchsetzen. Selbst uns, die als Konsumenten seit langem als Nutznießer von dieser Ausbeutung profitieren, ist es egal, ob Öl aus dem Nahen Osten am Weltmarkt „verfügbar“ ist, weil es aus einer britischen Kolonie oder einem mit amerikanischen Stützpunkten übersäten „freien“ Land exportiert wird. Details, Formalien und Methoden haben sich geändert, die grundlegende Konstellation westlicher Dominanz und Ausbeutung nicht