Die Freihändler

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Im Jahre 1845 war Großbritannien, aus Gründen die wir letztes Mal näher beleuchtet haben, die technologische Nummer Eins auf der Welt. Kein anderes Land konnte bei wesentlichen Parametern wie Stahlerzeugung, installierter Dampfmaschinenleistung oder der Länge des in Betrieb befindlichen Eisenbahnnetzes mithalten. Dies galt sowohl im Gesamtwert der Indikatoren als auch bei einer pro-Kopf-Betrachtung. Genau 100 Jahre später hingegen war die Situation eine ganz andere. Die neue Weltmacht waren die USA. Sie stellten die Hälfte der Weltwirtschaftskraft, waren die einzige Atommacht und schickten sich an, zum Hegemon der Welt zu werden.

Mit dieser Schwerpunktverschiebung von Großbritannien zu den USA, dem Umzug des Imperiums, werden sich die nächsten Blogbeiträge auseinandersetzen und beleuchten, wie der wirtschaftliche Aufstieg der USA nur gelang, weil die USA sich eben nicht an die Freihandelsideologie hielten, wie die USA ein Nachfolger „aus dem eigenen Stall“ sind, es also nicht das US-Imperium das britische Empire abgelöst, sondern der Schwerpunkt der angelsächsischen Hegemonie hat sich von Großbritannien in die USA verschoben hat, wie die moderne US-Außenpolitik eine konsequente Fortsetzung der Außenpolitik der letzten Jahrhunderte ist und wie der Aufstieg der USA zur Weltmacht in Teilen historischem Glück geschuldet war.

Einer der Gründerväter, Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA, schrieb 1791 sein Werk „Report on the Subject of Manufactures“. Dieses Buch ist im Wesentlichen eine Fortsetzung der damals üblichen merkantilistischen Wirtschaftspolitik anderer Staaten, nach der Handel kein Selbstzweck ist, sondern dem Staat zu dienen hat und demzufolge man nichts teuer kaufen muss, wenn man es selbst herstellen kann. Hamilton schlägt eine Zollwirtschaft vor, nach der Einfuhrzölle die wesentliche Einnahmequelle das Staates ein sollen, was sowohl die Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz schützt als auch die Bürger steuerlich entlastet. Man beachte dabei, dass dies eine totale Umkehr des heute üblichen Freihandels ist, in dem praktisch keine Zölle mehr vorkommen und das Steueraufkommen über Lohn- und Konsumsteuern im Wesentlichen vom Bürger direkt getragen wird. In der Zeit vor dem Sezessionskrieg machten so die Zölle oft mehr als 90% der Staatseinnahmen aus, bis ins späte 19. Jahrhundert immer noch mehr als die Hälfte. Es war also möglich, den Staat über Zölle ganz hervorragend zu finanzieren.

Viel wichtiger aber ist, dass die Zölle erst den Aufbau einer heimischen Industrie ermöglichten. Als einziges Land im 19. Jahrhundert strebte England nach Freihandel. England verfügte über Produkte, die mit leicht verfügbarer Kohle, modernen Maschinen und großen Stückzahlen billig produziert wurden. Es konnte viel mehr fertigen als der englische Markt oder seine Kolonien aufnehmen konnten und strebte nach Zugang zu anderen Märkten. Natürlich wollten andere Nationen, insbesondere Frankreich, Preußen und die USA, sich auch eine industrielle Basis schaffen. Diese ist naturgemäß im Anfangsstadium noch klein und wenig effizient, da die Stückzahlen gering sind, das Personal unerfahren ist und viele Wertschöpfungsketten vom Rohstoff bis zum ausgelieferten Produkt noch nicht eingespielt und aufeinander abgestimmt sind. Also schützten alle aufstrebenden Länder ihre Märkte durch Zölle vor der billigen britischen Konkurrenz und ermöglichten so den Aufbau einer heimischen Industrie. War diese erst einmal wettbewerbsfähig, so konnte man die Zollschranken später stückweise abbauen, um in Freihandelsabkommen neue Märkte für die heimische Industrie zu erschließen.

Aus genau diesem Grund unterwirft die westliche Welt heute die ehemaligen Kolonien der Dritten Welt dem Freihandelsdiktat. Unter einer Ideologie, die auf anekdotisch begründeten komparativen Vorteilen basiert, versucht man diese Staaten am Aufbau einer industriellen Konkurrenz zu hindern. Als Kolonien durften sie nicht produzieren, sondern nur Rohstoffe liefern und Produkte kaufen.

Die USA haben also früher dem Freihandel entsagt, um eine eigene Industrie aufzubauen und zwingen heute anderen den Freihandel auf, damit dort keine eigene Industrie entsteht.

Dabei bestand innerhalb der USA keineswegs Konsens über die Zollwirtschaft, sondern die Frage der Zölle war einer von vielen Zankäpfeln zwischen Nord- und Südstaaten. Die Südstaaten hatten kein Interesse an einer eigenen Industrie und waren als Rohstoffproduzenten auf den Zugang zu den Weltmärkten, insbesondere zur britischen Textilindustrie, angewiesen. Die Nordstaaten hingegen mussten sich vor der britischen Industrie schützen und profitierten von dem zollfreien Zugang zur Baumwolle aus dem Süden. Der Sezessionskrieg war also unter anderem auch ein Kampf der alten Eliten, der Landbesitzer, gegen die neuen Eliten, die Industriellen, und deren unterschiedlichen Bedürfnissen der staatlichen Wirtschaftspolitik.

Während die USA im Schutze ihrer Zölle zur Industriemacht wuchsen, begann England, ein weltweites Freihandelssystem zu erschaffen. Aufgrund seiner industriellen Stärke waren viele Branchen Englands, von der Kohleförderung und Textilindustrie über den Anlagenbau bis zum Schiffbau und zur Eisenbahntechnik weltweit ohne Konkurrenz. Der erste Freihandelspartner Englands war, neben den Kolonien, die wenig Wahl hatten, China. China fertigte alles, was es benötigte selbst und exportierte außerdem Waren nach Europa. Wir erinnern uns, dass China auf britische Ersuche um Handelsbeziehungen nicht einging. Das einzige britische Produkt, welches Absatz in China fand, war das Opium, nach dem die Opiumkriege benannt sind, in denen England erstmalig seine Kanonenbootpolitik anwandte. Nach ein paar militärischen Aktionen, bei denen auf jeden toten Briten rund 270 tote Chinesen kamen, unterschrieb der Kaiser einseitige „Verträge“, die es England erlaubten, Waren in China zu verkaufen.

Des Weiteren hob England seine eigenen Handelsbeschränkungen auf. Noch waren die Navigationsakten aus dem 17. Jahrhundert in Kraft, denen zufolge nur englische Schiffe englische Waren transportieren durften. Was damals in der Rolle des Schwächeren ein Schutz der heimischen Handelsschiffart besonders vor holländischer Konkurrenz war, wurde 1849, als England die größte und modernste Kriegs- und Handelsflotte der Welt besaß, nicht mehr nötig. Die Navigationsakten waren nur deshalb in Kraft, weil sie gegen den im frühen 17. Jahrhundert bestehenden Freihandel in drei Kriegen gegen die Niederländer durchgesetzt wurden. Wir sehen also schon, Freihandel hat nie etwas mit Freiheit zu tun, sondern ist immer eine Frage des Nutzens und wirtschaftliche Interaktion unterliegt oft genug militärisch erzwungenen Regeln.

Die USA lernten schnell von ihren angelsächsischen Brüdern. Sie kopierten deren Vorgehen in Japan, das im Gegensatz zum großen China ein einfacheres Opfer darstellte. Zehn Jahre nach den britisch-chinesischen Knebelverträgen fuhr Matthew Perry mit einer Kriegsflotte in die Bucht von Tokyo ein und machte deutlich, dass er diese erst wieder verließe, wenn ein Handelsvertrag zustande kam. So wurde unter Androhung von Gewalt ein Vertrag erzwungen, der den USA diverse Handelsrechte in Japan einräumte, den Japanern selbst aber keine Vorteile bot. Vier Jahre später folgte ein weiterer Vertrag, der die Importzölle für amerikanische Waren in Japan senkte, während gleichzeitig die USA weiterhin ihren eigenen Markt mit hohen Zöllen nach außen schützten.

Es gab aber auch faire Freihandelsverträge. So schlossen 1860 England und Frankreich einen Vertrag ab, der in beide Richtungen Zölle senkte, was zu einer Zunahme des Handelsvolumens in beide Richtungen führte. Dieser Vertrag ist insofern bemerkenswert, dass er zwei Länder betrifft, die sowohl militärisch als auch industriell auf einer vergleichbaren Stufe standen. Frankreich war inzwischen ebenfalls industrialisiert und konnte sich auf eine offenere Konkurrenz mit England einlassen. Dennoch zeigte sich langfristig, dass Frankreich aus diesem Vertrag keine Freihandelsgewinne ziehen konnte, und so wurde er 1892 widerrufen, um neue Zölle, die „Loi Meline“ einzuführen.

Die ideologische Rechtfertigung für den Freihandel lieferte natürlich ein Engländer, David Ricardo. Er zeigte, dass es theoretisch möglich ist, dass ein Land vom Freihandel profitierte, obwohl es in sämtlichen Wirtschaftszweigen weniger effizient produziert als sein Handelspartner, wenn es sich nur auf den Wirtschaftszweig konzentriert, bei dem es am wenigsten ineffizient produziert. Diese Argumentation unterfüttert er mit einem Zahlenbeispiel, welches bis heute jedem Studenten der Wirtschaftslehre vor die Nase gehalten wird.

Nun funktioniert Ricardos Zahlenbeispiel nur auf dem Papier, weil es Vereinfachungen trifft und Realitäten ignoriert. Eine wesentliche Annahme ist dabei, dass die technischen Fähigkeiten eines Landes als gegeben hinzunehmen sind. Er zeigt also nur, dass in seinem Modell technische Stagnation und Freihandel besser sind als technische Stagnation ohne Freihandel. Er macht keine Aussagen darüber, ob die Abschaffung der technischen Stagnation durch Entwicklung der eigenen Industrie nicht eine bessere Alternative zum Freihandel sein kann. Außerdem zwingt Ricardo dem armen Land auf, sich auf ein Produkt zu konzentrieren, so dass die gesamte Wirtschaft enorm anfällig gegen Preisschwankungen ist. Schließlich ignoriert Ricardo, dass es Transportkosten und Gewinnmargen für Händler gibt. Er verteilt die in seinem Modell entstehenden Gewinne vollständig auf beide handelnden Länder und geht somit davon aus, dass die Preisunterschiede in den Produktionskosten zwischen den Ländern nicht von den Zwischenhändlern abgeschöpft werden. Letzteres ist natürlich eine total illusorische Annahme, denn das Abschöpfen von Preisunterschieden ist der einzige Grund, warum es Zwischenhändler überhaupt gibt.

Ricardo lieferte aber die Rechtfertigung dafür, gewaltsam den Freihandel „zum Wohle aller“ in der Welt durchzusetzen. So wie es beim Freihandel fast nie um den freien Handel, sondern um die (wenn nötig gewaltsame) Ausnutzung der eigenen wirtschaftlichen Stärken ging, ging es bei der Berufung auf Ricardo fast nie um eine inhaltliche Debatte, sondern um die Rechtfertigung einer schamlosen Bereicherungspolitik. Daher hat Ricardo, der zweifellos interessante intellektuelle Anregungen für die Wirtschaftswissenschaften geliefert hat, bis heute einen bedeutenden Platz im Olymp der neoliberalen Theologie.

So wurde der Freihandel auch in den USA lange skeptisch beäugt. Insbesondere die Tatsache, dass ungehemmte internationale Konkurrenz auf die Löhne drückt, war damals ein Argument gegen den Freihandel. Im 19. Jahrhundert wuchs die US-Wirtschaft durch eine positive Wechselwirkung aus Löhnen und Nachfrage, indem hohe Löhne eine hohe Nachfrage generierte, die in hohen Gewinnen resultierte, die hohe Löhne ermöglichten. Ein fehlender Schutz aus Zöllen würde, so die Auffassung, diesen Kreis zerstören, indem der Wohlstand zu billigerer Arbeit, Rohstoffen oder Produkten im Ausland flösse. So wie heute Freihandel und Lohndrückerei Teil der Lebenswirklichkeit sind, waren deren Gegenteile, hohe Löhne und Schutzzölle, damals Teil der Lebenswirklichkeit. 1892 sagte William McKinley, ein späterer Präsident der USA, bei einer Rede in Boston:

„Im Freihandel ist der Händler der Meister und der Produzent der Sklave. Protektion ist das Gesetz der Natur, das Gesetz des Selbsterhaltes, der Eigenentwicklung, der Sicherung des höchsten und besten Schicksals des Menschengeschlechtes. Es wird gesagt, Protektion wäre unmoralisch … Warum, wenn es 63 Millionen [die US-Bevölkerung] aufbaut und erhebt, dann wird der Einfluss der 63 Millionen die Welt erheben. Nun, Sie sagen: „Kauft, wo es am günstigsten ist“ … Dies gilt aber für Arbeit genauso wie für alles andere. Lassen Sie mich eine Maxime ausrufen, die tausend Mal besser ist als jene, die Protektionsmaxime: „Kauft, wo ihr am einfachsten zahlen könnt!“ Und dieser Platz auf der Welt ist dort, wo Arbeit ihre höchste Vergütung erfährt. “

Es ist heute kaum zu glauben, dass McKinley Republikaner war.