Günstlinge der Situation

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

In den letzten beiden Beiträgen haben wir gesehen, wie in der frühen Neuzeit die Kaufleute die dominierende soziale Schicht der westlichen Welt wurden und wie diese sich trotz Demokratisierung  einen überproportionalen Einfluss auf die heimische Politik sichergestellt haben. In diesem Beitrag werden wir sehen, wie historisches Glück die westliche Welt – und damit ihre Eliten – an die Spitze der globalen Machtpyramide katapultierten.

Die europäische Vorherrschaft über die Welt war um 1800 herum alles andere als sicher. Der einzige Kontinent, der unter den Europäern aufgeteilt war, waren die Amerikas, in denen seit 1492 der vielleicht größte Völkermord der Weltgeschichte stattgefunden hat. Doch die europäische Herrschaft wankte. In Nordamerika waren die USA bereits unabhängig, in Südamerika sollten in den nächsten Jahren fast alle Staaten folgen. Afrika und Asien waren zu den größten Teilen noch frei und unabhängig, die europäische Machtentfaltung erstreckte sich dort auf vergleichsweise kleine Gebiete an den Küsten.

Einer der Mythen der Europäisierung der Welt ist der, dass die Europäer von Anfang an durch Feuerwaffen überlegen waren. Tatsächlich setzten sich Feuerwaffen in Europa anfangs nicht durch ihre überlegene Feuerkraft durch, sondern durch ihre einfache Bedienbarkeit, die es ermöglichte, ungeübte Soldaten in kurzer Zeit zu mobilisieren. Noch im 30-jährigen Krieg (1618-1648), die Amerikas waren längst entvölkert, war der wichtigste Fußsoldat der Pikenier, der die Basis für den phalanxähnlichen Gevierthaufen bildete. Auch waren frühe Feuerwaffen keine so komplexe Technologie, dass sie nicht einfach zu kopieren waren. So brachten die Portugiesen 1543 die ersten Luntenschlossgewehre nach Japan. Die Japaner, die neben einer vergleichsweisen kleinen Samuraikaste über keine großen professionellen Heere verfügten, waren von der einfach zu bedienenden Waffe begeistert und produzierten sie in großen Mengen nach. Bei der japanischen Invasion Koreas 1592 war bereits jeder Vierte der 160.000 Soldaten ein Musketier.

Auch in anderen Bereichen war Europa nicht unbedingt führend. 1793 wurde Lord Macartney vom englischen König nach China geschickt. Am Hofe von Kaiser Qianlong wurde die Qualität seiner Geschenke ausgiebig begutachtet, bis der Kaiser sich zu folgender Antwort entschied: „Unser himmlisches Reich besitzt einen Überschuss an allem und hat keinen Mangel innerhalb seiner Grenzen.  Daher gibt es keinen Bedarf, die Erzeugnisse ausländischer Barbaren im Austausch für unsere eigenen Güter zu importieren“. Warum auch sollten die Chinesen seidene Gewänder gegen kratzende Wollsocken tauschen.

Es war um 1800 also keineswegs ausgemacht, dass ausgerechnet die zerstrittenen europäischen Mächte sich in den nächsten hundert Jahren zur absoluten Vorherrschaft über die Welt aufschwingen sollten. Erst recht war nicht abzusehen, dass unter allen europäischen Ländern das kleine England das mächtigste aller Imperien schaffen sollte. Doch das Glück kam den Briten zu Hilfe.

Jahrtausende lang waren die einzigen Energiequellen der Wirtschaft die Muskelkraft von Mensch und Tier für mechanische Arbeit und Brennholz als Wärmequelle. Im Mittelalter wurden dann Wind- und Wasserkraft erschlossen, um Mühlen, Schmiedehämmer, Pumpen und andere Werke anzutreiben.

Bereits im 18. Jahrhundert war der Anteil der Wälder an der Fläche Britanniens auf rund 7% geschrumpft (zum Vergleich: Deutschland hat heute ca. 32%). Holz als Bau- und Brennstoff musste für viel Geld aus Kontinentaleuropa importiert werden, so dass man frühzeitig anfing, die vor Ort verfügbare Steinkohle zu verbrennen. Aufgrund des Schwefelgehaltes sorgten Steinkohlefeuer jedoch im Hausgebrauch für eine enorme Geruchsbelastung. Des Weiteren war es wegen des Schwefels nicht möglich, Steinkohle für die Eisenverhüttung zu benutzen, die seinerzeit noch auf Holzkohle angewiesen war.

Als man die Steinkohlegruben immer tiefer grub, begannen diese, mit Grundwasser vollzulaufen. In Mitteleuropa (z.B. im Harz) war es üblich, Gruben mit von Wasserkraft getriebenen Kunstgestängen zu entwässern. Doch England war nicht nur arm an Holz sondern auch arm an Wasserkraft. Über Generationen von Tüftlern wurde im Laufe des 18. Jahrhundert daher eine Apparatur entwickelt, die mit Hilfe von Kohle Gruben entwässert – die Dampfmaschine. Eine weitere zunächst unscheinbare Entwicklung des 18. Jahrhundert war die Verkokung der Steinkohle. Mit diesem Prozess wurde die Steinkohle entschwefelt, was eine Verhüttung von Eisen mit Stein- statt Holzkohle ermöglichte.

England verfüge um 1800 also über ein Technologiepaket, dass es ermöglichte, mechanische Leistung für den Antrieb von Maschinen und Fahrzeugen in bisher ungeahnter Größe zu erzeugen und gleichzeitig konnte Eisen als Werkstoff für Maschinen, Gebäudeteile, Waffen und Fahrzeuge in Mengen erzeugt werden, die alles dagewesene übertrafen. Während Kontinentaleuropa in den napoleonischen Kriegen versank, legte England die Grundsteine seiner industriellen Revolution.

Natürlich kopierten die anderen europäischen Mächte und auch die USA und Japan im Laufe des 19. Jahrhunderts diese Technologien, doch Englands Startvorsprung sicherte ihm sein Empire. Hundert Jahre später, um 1900 herum, herrschte Queen Victoria über jeden vierten Bürger und jeden fünften Quadratmeter der Erde. Erst durch die industrielle Revolution bekam die westliche Welt einen technologischen Vorsprung, der sie über alle anderen Völker der Welt erhob. Gepanzerte Schiffe aus Stahl, die ohne Segel und Ruder die Wellen durchpflügten und Granaten verschossen, die mit industriell hergestellten Sprengstoffen gefüllt waren, konnten jederzeit an allen Küsten und Flüssen dieser Welt für Angst und Schrecken sorgen, während sie selbst praktisch unverwundbar waren. Mit der Kanonenbootpolitik bekam diese Art der Machtausübung sogar einen eigenen Namen. Erst diese neue Qualität von Waffen ermöglichte eine gottgleiche Übermacht, die mit den Luntenschlossgewehren der frühen Neuzeit nicht zu erreichen war.

Die industrielle Revolution, entstanden aus einer Not des Mangels, sicherte dem Westen eine Machtfülle, von der er bis heute zehrt. Nach M. Mann gibt es vier Formen der Macht: politische Macht, ideologische Macht, wirtschaftliche Macht und militärische Macht. Die Produktivitätsgewinne und technologischen Fähigkeitssprünge der industriellen Revolution wurden genutzt, um in allen vier Bereichen eine westliche Vorherrschaft zu erreichen.

Zunächst erlaubte die industrielle Erzeugung von Waren aufgrund des Preises und der Qualität eine Verdrängung von nichtindustrialisierten Konkurrenten auf den Märkten. So waren die Weber, die 1844 in Schlesien den Aufstand probten, nur deshalb so hoffnungslos verarmt, weil sie versuchten, mit bloßer Hand gegen die Maschinen Britanniens anzuweben.

Die wirtschaftliche Macht ließ sich in militärische Macht umsetzen. Kriegsgerät konnte in bisher nicht dagewesenem Maße in großer Stückzahl mit enormer Mobilität und Feuerkraft gebaut werden. Plötzlich erhielten die Europäer eine nie dagewesene Überlegenheit, wie etwa bei der Schlacht von Rorke’s Drift (1879), als eine Hand voll Briten eine Übermacht von tausenden von Zulukriegern zusammenschossen.

Die offensichtliche wirtschaftliche und militärische Überlegenheit des Westens begründete seine ideologische Macht. Die Idee des Fortschrittes wurde geboren und die Idee, dass der Westen weiter sei als andere Länder und diese seinem Beispiel folgen müssen. Diese ideologische Macht begründet einerseits brutales militärisches Eingreifen in bis dahin souveräne Länder, da der westliche Eingriff ja den Fortschritt bringt und nur zum Besten der unterentwickelten Völker stattfindet. Andererseits ermöglicht diese Ideologie auch die Beherrschung der unterjochten Völker, da die westliche Überlegenheit zumindest militärisch augenscheinlich war und die Idee des westlich geführten Fortschrittes einen scheinbaren Ausweg aus der Misere bot. Der Nichtwestler musste nur so werden wie der Westler, wenn er wieder unabhängig werden möchte. So bindet die Fortschrittsideologie fremde Kulturen an das scheinbar überlegene westliche Lebensmodell, die ihre Unterdrücker kopieren müssen, um frei zu sein. Hand in Hand mit der Fortschrittsideologie wuchs sein Zwillingsbruder, die Wachstumsideologie.

Im Zuge der Kolonisierung der Welt erfolgte schließlich die Umsetzung in politische Macht. Durch wirtschaftliche und militärische Zwänge wurden Länder und Völker, legitimiert durch den so gebrachten Fortschritt, in Kolonien verwandelt und somit zu formal abhängigen Gebieten, in denen die Kolonialmächte über Recht und Gesetz bestimmten.

Politische und militärische Macht wurde wieder in wirtschaftliche Macht umgewandelt. Mit dem Zwang, Hütten- oder Kopfsteuern zu bezahlen, wurde besonders in Afrika die sich selbst versorgende Landbevölkerung in dazu gezwungen, sich als Arbeitskräfte zu verkaufen. Kolonien hatten billige Arbeitskräfte und Rohstoffe zu liefern und teure fertige Produkte abzunehmen. Schließlich wurde die wirtschaftliche Macht benutzt, um die technische Entwicklung voranzutreiben und so die technische Vormachtstellung zu zementieren, die zur Beherrschung der Welt nötig war.

Den Kaufleuten als Elite des Westens fiel somit im 19. Jahrhundert die Welt in den Schoß, ohne dass sie viel dafür tun mussten. Das Glück der Geschichte schenkte ihnen ein Technologiepaket, dass sie so überlegen machten, dass sie den Handel der Welt nach ihrem Gusto gestalten konnten. Ein sich gegenseitig verstärkendes Geflecht aus militärischer, ideologischer politischer und wirtschaftlicher Macht sicherte ihre Dominanz. Bis heute versuchen die Völker der Welt, sich aus diesem Gewebe zu befreien.

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4 Gedanken zu “Günstlinge der Situation

  1. „Am Hofe von Kaiser Qianlong wurde die Qualität seiner Geschenke ausgiebig begutachtet, bis der Kaiser sich zu folgender Antwort entschied: „Unser himmlisches Reich besitzt einen Überschuss an allem und hat keinen Mangel innerhalb seiner Grenzen. Daher gibt es keinen Bedarf, die Erzeugnisse ausländischer Barbaren im Austausch für unsere eigenen Güter zu importieren“. Warum auch sollten die Chinesen seidene Gewänder gegen kratzende Wollsocken tauschen.“
    In diesem Zusammenhang sind die Rolle der Ost Indien Kompanie und insbesondere die sog. Opium Kriege aeusserst interessant. Das Problem enormer und chronischer Leistungsbilanzdefizite und der damit verbundene permanente Abfluss von Zahlungsmitteln mit seinen negativen Auswirkungen in der heimischen Wirtschaft, ist also keine Erfindung der USA sondern schon etwas aelter. Die „Loesung“ Rauschgift durch einen Hype fuer „triple A rated Wertpapiere“ zu ersetzen allerdings schon. Nachdem dieses „kreative“ Geschaeftsmodell 2007/8 ins Gerede gekommen ist, kann man also gespannt sein, welche Folgen das Erwachen der „Rauschgiftabhaengigen“ diesesmal zeitigen wird. Ich vermute mal angesichts der „Fortschritte“ menschlicher Geisteskraft eine Art Wiederholung der Geschichte angereichert mit dem Einsatz der einen oder anderen inzwischen verfuegbaren „technologischen Errungenschaft“.

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