Die heilige Kuh

Wir hatten in einem früheren Beitrag ja schon mal gesehen, dass die Annahme, Märkte seien effizient, sich für den Bereich des Rentensystems nicht bestätigt. Nun reicht ja im Allgemeinen ein Gegenbeispiel, um eine These zu widerlegen. So reicht ein einziger schwarzer Schwan als Beweis aus, um die These, alle Schwäne wären weiß, als falsch zu überführen. Eigentlich sollte das Rentenbeispiel somit Genüge tun, um die These der effizienten Märkte zu widerlegen.

Die These der effizienten Märkte ist die heilige Kuh der Wirtschaftstheologen. Daher ist wichtig, an möglichst vielen Beispielen zu zeigen, dass Märkte nicht effizient sind, um klar zu machen, dass Marktversagen keine Ausnahme ist. Des Weiteren sind wir durch das ständige Mantra der angeblich so effizienten Märkte derart gehirngewaschen, dass man die Ineffizienz der Märkte gar nicht oft genug wiederholen kann. Das Gehirn ist, was Informatiker einen „assoziativen Speicher“ nennen. Es stellt Verknüpfungen zwischen Begriffen her, wenn diese gemeinsam auftreten. So denken viele bei der Jahreszeit Winter automatisch an Schnee, weil diese im Winter auftritt. Erzählt man oft genug, Märkte hätten eine bestimmte Eigenschaft, so stellt unser Gehirn – egal ob wir dies wollen oder nicht – automatisch eine Verbindung zwischen dem Begriff Markt und dieser behaupteten Eigenschaft her.

Es reicht also nicht, theoretisch zu wissen, dass Märkte ineffizient sind, wir müssen uns ein bisschen intensiver mit diesem Wissen beschäftigen, damit die neue Verbindung zwischen Ineffizienz und Markt auch bei uns im Gehirn ankommt. Wir müssen also die heilige Kuh nicht nur als solche identifizieren, sondern sie ausgiebig schlachten.

Der pseudowissenschaftliche Gedankengang hinter dem Irrglauben an die Märkte stellt zunächst die Annahme auf, Individuen würden permanent ihren Wohlstand maximieren. Liegt für zwei solcher hypothetischer Individuen die Möglichkeit vor, beider Wohlstand durch Handel zu verbessern, so würden sie den Handel eingehen. Dies wiederholen dann alle hypothetischen Individuen so lange, bis keine weiteren Handelsmöglichkeiten mehr vorliegen. Der dann erreichte – ebenfalls hypothetische – Punkt heißt „Pareto-Optimum“ und soll den größtmöglichen zu erreichenden Wohlstand darstellen. Das universelle Vergleichsmittel für den Nutzen bei der Handelsabwicklung ist dabei der Preis.

Dieser Gedankengang ist in der Wirtschaftstheologie zentral. Er ist der Grund, warum jegliche Form der Regulierung als negativ angesehen wird, weil sie verhindern könnte, dass ein Handel vorgenommen wird, der andererseits zu dem magischen Pareto-Optimum hätte führen können. Leider ist jeder einzelne Schritt dieses Gedankenganges falsch.

Zunächst ist Wohlstand eine abstrakte Größe, die zivilisierte Menschen erfunden haben, die in der Natur aber nicht vorkommt, genauso wenig wie Preise. In der Natur kommen Tiere und Pflanzen vor, Wetterphänomene, Landschaften, Essbares und einen selbst Essendes. Der Mensch wurde von der Evolution nicht optimiert, um abstrakte Größen zu maximieren, sondern er wurde optimiert, um seine Gene weiterzugeben. Dazu musste der Mensch nicht sein Bankkonto vergrößern, sondern er musste Nahrung finden, er musste sich vor Feinden schützen, er musste einen Partner für die Fortpflanzung finden, seine Nachkommen pflegen und seine Sippe schützen. Natürlich kann der Mensch lernen, mit abstrakten Größen wie Geld umzugehen, aber es ist nicht Teil des natürlichen menschlichen Verhaltens. So wie es den homo oeconomicus nicht gibt, gibt es nicht den nach Wohlstand strebenden Menschen.

Wenn Menschen primär nach Wohlstand streben würden, dann würden sie nicht in den Urlaub fahren, sondern in der Zeit einen Nebenjob ausüben. Sie würden kein Geld für Konsumgüter ausgeben, sondern alles was nicht zum unmittelbaren Überleben gebraucht wird in Aktien anlegen. Sie hätten keine Freunde, sondern nur Geschäftspartner. Sie würden nicht für Menschen in Not spenden, nicht ihren Kollegen beim Umzug helfen und kein Geld ausgeben, um Musik zu hören. Natürlich streben viele Menschen einen gewissen Wohlstand als Mittel zum Zweck an, und gerne hätte jeder mehr davon. Aber kaum ein Mensch ist bereit, seinen monetären Wohlstand zu maximieren, weil der immaterielle Preis, der Verlust an Lebensqualität, viel zu hoch dazu ist.

Sollten tatsächlich ein paar solcher Wohlstandsmaximierer existieren, so besagt die Theorie als nächstes, dass diese nach Handlungsoptionen suchen, die beider Wohlstand mehren, und dass, wenn so eine Option existiert, diese gefunden und der Handel durchgeführt wird. Auch das ist ein Hirngespinst aus dem Elfenbeinturm. Die Menge an möglichen Handelsoptionen für ein einzelnes Individuum ist praktisch unbegrenzt. Jeder Gegenstand oder Teil davon oder eine Kombination aus Gegenständen die ein Individuum besitzt, ergänzt um jede durch diese Person erbringbare Dienstleistung ist das, was eine Person anbieten kann. Als Tauschpartner stehen alle anderen Personen der Welt zur Verfügung und jede dieser Personen kann ebenfalls Geld, Gegenstände oder Dienstleistungen tauschen.

Aus dieser Menge von Handelsoptionen diejenigen herauszupicken, die maximalen Wohlstandsgewinn versprechen, ist unmöglich. Kein Mensch oder Computer kann das. Zunächst ist es unmöglich, die dazu benötigten Daten zu erheben, weil dazu alle Bedürfnisse und Besitztümer aller potentiellen Handelspartner bekannt sein müssten. Selbst wenn man diese Daten einmal hätte, wären sie in Windeseile nicht mehr aktuell. Und selbst wenn diese Daten immer aktualisiert vorlägen, müsste man praktisch unendlich viele Handlungsoptionen bewerten. Zumal jede Handlungsoption erst dann ausgewertet werden kann, wenn mit dem möglichen Handelspartner eine Preisverhandlung stattgefunden hat, aus der erst hervorgeht, wie das konkrete Geschäft überhaupt aussehen soll. Es müssten also permanent alle Marktteilnehmer über all diese Handlungsoptionen miteinander kommunizieren. Kein Computer und erst recht kein Mensch ist dazu in der Lage.

An einem Markt teilzunehmen ist also mit enormen Kosten verbunden. Der Marktteilnehmer muss permanent den Markt sichten, Informationen recherchieren, analysieren und mögliche Geschäfte ausloten. Die Realität zeigt, wie groß diese Kosten sind. Unternehmen halten sich große Abteilungen für die Markt- und Trendanalyse, für den Einkauf, und geben Unsummen dafür aus, Informationen über ihr Produkt in den Markt zu pumpen. Konsumenten, die eine fundierte Kaufentscheidung treffen wollen, lesen Produktbewertungen und Vergleichstests. Dies alles sind Kosten für die bloße Teilnahme am Markt. All diese Aufwände produzieren keine verwertbaren Waren und Dienstleistungen. Dabei geht jeder Marktteilnehmer das Risiko ein, dass all diese Aufwände zu der Erkenntnis führen, dass derzeit kein Geschäft vorgenommen werden kann, dass den eigenen Wohlstand mehrt, oder dass die Mehrung des Wohlstandes unterhalb der durch die Marktanalyse entstandenen Kosten liegt.

Marktteilnehmer können also unter Aufbringung enormer Aufwände und Kosten Geschäfte durchführen, die ihre Situation ein bisschen verbessern können. Wie wird dieser Sachverhalt jedoch durch die Wirtschaftstheologie pervertiert? Die Kosten werden alle vollständig ignoriert und dem Ergebnis wird unterstellt, perfekt zu sein.

Schließlich begehen Wirtschaftstheologen noch den Fehler, Wohlstand, Geld und Nutzen gleichzusetzen. Dies ist eine notwendige Bedingung, damit ein Preis als alleiniges Informationssystem ausreichend ist. Sobald man beginnt zwischen diesen Dingen zu unterscheiden, landet man schnell an dem Punkt, an dem Preise allein den Wohlstandsgewinn nicht anzeigen und somit Geld als wohlstandsmaximierendes Austauschmittel auf dem Weg zum magischen Pareto-Optimum unwirksam wird.

Nun ist es praktisch nicht möglich, eine so umfangreiche Pseudowissenschaft wie Wirtschaftstheologie aufzubauen, ohne dabei innere Widersprüche zu produzieren. Der Sargnagel für die Vergleichbarkeit von Preisen ist die Nutzenfunktion. Ein Euro ist eben nicht gleich ein Euro. Der Nutzen des Euros hängt davon ab, wieviele Euros man bereits besitzt. Irgendwo in der dritten Welt reicht ein Euro, um genügend Mehl zu kaufen, um ein Kind bis zur nächsten Ernte zu ernähren. In Monaco hingegen geht der Euro im allgemeinen Zahlenrauschen unter. Dies lässt sich empirisch gut nachweisen. Wir haben bereits gesehen, dass oberhalb eines gewissen Schwellwertes der zusätzliche Nutzen von Einkommen abnimmt, so dass wohlhabende Länder nicht unbedingt zufriedener sind als weniger wohlhabende, sobald ein Mindestmaß an Wohlstand erreicht ist. Nun gilt der abnehmende Nutzen von größerem Wohlstand nicht nur für Geld allgemein, sondern auch für einzelne Güter. Wer zu viert in einer Zweizimmerwohnung lebt, für den ist ein Zimmer mehr ein echter Gewinn an Lebensqualität. Wer zu zweit in einer Villa mit 11 Zimmern wohnt, für den ist ein weiteres Zimmer nur ein weiterer Raum der kaum genutzt wird.

Was hat nun die Nutzenfunktion für Folgen für die Vergleichbarkeit von Preisen? Ein einfaches Beispiel für Vergleichbarkeit ist die Feststellung, ob ein Preis größer oder kleiner ist als ein anderer. Nehmen wir an, wir hätten einen Handwerker, der für einen Kunden ein Wohnhaus mit Gästezimmern für 100.000€, oder aber in der gleichen Zeit für zwei Kunden je eine Wohnhütte für 40.000€ bauen könnte. Nach Gesichtspunkten des Preisvergleiches entscheidet er sich, den Kunden für das Wohnhaus mit Gästezimmern zu bedienen, denn

100.000€ > (40.000€ + 40.000€).

Betrachtet man aber den Nutzen, so zeigt sich, dass die beiden Hütten gemeinsam einen viel größeren Nutzen haben als das Gästehaus. Durch Anwendung einer einfachen Nutzenfunktion (z.B. N(x)=x^0.5) dreht sich das größer-gleich-Zeichen um

N(100.000€) < (N(40.000€) + N(40.000€)).

Anschaulich heißt das nichts anderes, als dass der Nutzen einer zusätzlichen Wohnhütte für eine weitere Familie viel größer ist als der Nutzen meist leerstehender Gästezimmer. Durch das bloße Vorhandensein der Nutzenfunktion (und dass sie existiert, bestreitet kein Ökonom) erlischt die direkte Aussagekraft von Preisen über den Nutzen, die Wertschöpfung oder den Wohlstand. Preise sind zwar vergleichbar, aber das Ergebnis des Vergleiches ist ohne jegliche Aussagekraft.

Wir sehen also, dass die Theorie des tollen Marktes, der dank preisbasierten Handels so schön dafür sorgt, dass alles zum magischen Pareto-Optimum strebt und dann der größtmögliche Wohlstand erreicht ist, ein Hirngespinst ist, das Menschen voraussetzt, die es nicht gibt, die dann Geschäfte durchführen, die in der Realität nie zustande kommen, und dabei unter völliger Ignorierung aller bei der Handelsabwicklung entstehenden Kosten ein Vergleichsmittel nutzen, dass ohne Aussagekraft ist.

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Auf dem Weg zur marktkonformen „Demokratie“

Am 01.09.2011 gab Merkel zusammen mit ihrem portugiesischen Darling Coelho eine Pressekonferenz. Coelho hatte gerade die Parlamentswahl gewonnen und machte sich nun daran, die Forderungen nichtportugiesischer Institutionen gegenüber seinem Volk durchzusetzen. Natürlich ist Portugal offiziell eine Demokratie, und damit bestimmt theoretisch das vom Volk gewählte Parlament und nicht der Gläubiger. In dieser Pressekonferenz machte Merkel eine Aussage, die ganz kurz ihr wahres Gesicht zeigte.

Sie sagte: „Wir leben ja in einer Demokratie und sind auch froh darüber. Das ist eine parlamentarische Demokratie. Deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments. Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist“

Diesen Satz muss man ein paar Mal lesen und auf sich wirken lassen, damit diese Ungeheuerlichkeit darin klar wird. Wenn Parlament und „Märkte“, letzteres sind nichts als die Interessen von Großinvestoren, nicht einer Meinung sind (ausgedrückt durch das „trotzdem“), dann muss sich das Parlament dem Markt unterordnen. Was Merkel dort fordert ist letztendlich eine Scheindemokratie, die nur noch in den Bereichen stattfindet, in denen die Interessen derjenigen, die offensichtlich über Staat, Regierung und Parlament stehen, nicht berührt werden. Und wo wir schon über Interessen von Investoren reden, in der gleichen Pressekonferenz sagte Merkel:

„Auch deutsche Unternehmen haben sicherlich Interesse, wenn es um die Privatisierungsprogramme Portugals geht.“

Dafür hat Merkel sich mit Coelho getroffen. Natürlich in Berlin, nicht in Portugal, damit klar ist, wer Koch ist und wer Kellner. Coelho hat seitdem brav den neoliberalen Ausverkauf seines Landes weiter bedient. Wir müssen uns vor Augen halten, dass Großinvestoren Investitionen, deren Rendite nicht im zweistelligen Bereich liegt, schlicht ignorieren. So maßlos vor zehn Jahren Ackermanns Ziel einer 25-prozentigen Eigenkapitalrendite schien, so normal ist dieses Ziel in der Welt der großen Investoren.

Das Problem ist nur, dass die Wirtschaft in der westlichen Welt kaum noch wächst, und auch die Weltwirtschaft wächst nur um wenigen Prozentpunkte. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen allgemeines Wirtschaftswachstum genügend Überschüsse bot, um sowohl die Renditeinteressen der Großen als auch einen steigenden Lebensstandard der Kleinen zu bedienen. Längst sind wir an einem Punkt, wo sich unser Wirtschaftssystem gegenseitig kannibalisieren muss, damit zweistellige Renditen gesichert werden können. Wir wissen, dass die drei wesentlichen Arten von Akteuren in unserer Wirtschaft die Unternehmen, der Staat und die Privathaushalte sind. Damit ist also klar, wem sich die Unternehmen zur Beute machen müssen, um weiter zu wachsen: Staaten und deren Bürger.

Nichts anderes passiert in Portugal. Staatliche Betriebe werden privatisiert, die Löhne und Renten der Bürger werden gestutzt. Natürlich wird Portugal sich mit diesen Maßnahmen nicht erholen. Aber das ist nicht Zweck der Übung, Portugal soll nicht satt werden, sondern Portugal ist die Mahlzeit. Eine der Mahlzeiten.

Eine andere ist Griechenland. Als Anfang des Jahres Griechenland eine neue Regierung gewählt hat, hat diese es sich zur Aufgabe gemacht, nicht klein beizugeben, während Griechenland ausblutet, sondern griechische Interessen aktiv zu vertreten. Finanzminister Yanis Varoufakis war angetreten, um mit Sachverstand eine einvernehmliche Lösung zu finden. Damals wusste Yanis nicht, dass es eben nicht darum geht, Griechenland zu helfen.

Heute ist er schlauer. In einem Interview nach seinem Rücktritt (hier die deutsche Übersetzung) gibt er einen Einblick darüber, wie in „Verhandlungen“ versucht wurde, das widerspenstig wählende griechische Volk zu bezwingen. Sein Versuch, einen inhaltlichen Konsens zu finden, wurde nie akzeptiert, weil er nicht Teil des Drehbuches war:

„Nicht, dass es nicht gut angekommen wäre – es gab schlicht eine völlige Weigerung, wirtschaftlich zu argumentieren. Völlig … Man bringt ein Argument vor, an dem man wirklich gearbeitet hat – um sicher zu sein, dass es logisch schlüssig ist – und dann schaut man in leere Gesichter. Es ist, als hätte man nichts gesagt. Was man sagt ist unabhängig von dem, was sie sagen. Man hätte ebenso gut die schwedische Nationalhymne singen können – das hätte die gleiche Antwort erhalten. Und das ist irritierend, für jemanden, der an akademische Debatten gewöhnt ist… Die andere Seite engagiert sich immer. Nun, da gab es gar kein Engagement. Es war noch nicht einmal Beleidigt sein, es war, als hätte niemand etwas gesagt.“

Es geht um keine Lösung für Griechenland. Es geht darum, dass sich die griechischen Volksvertreter den „Märkten“ unterordnen. Über Schäuble, Merkels rechte Hand bei der Umsetzung von marktkonformer „Demokratie“ in Südeuropa, sagt Yanis:

„Schäuble war durchweg stimmig. Seine Sicht war, „Ich diskutiere das Programm nicht – es wurde von der vorhergehenden Regierung akzeptiert, und wir können es unmöglich erlauben, dass Wahlen irgend etwas ändern. Denn wir haben die ganze Zeit Wahlen, es gibt 19 von uns, wenn immer bei einer Wahl sich etwas ändern würde, dann würden die Verträge zwischen uns nichts bedeuten.“
Also an diesem Punkt musste ich aufstehen und sagen, „Nun, vielleicht sollten wir einfach in den Schuldnerländern keine Wahlen mehr abhalten,“ und da gab es keine Antwort. Die einzige Deutung, die ich [ihrer Sicht] geben kann, ist, „Ja, das wäre eine gute Idee, aber schwierig umzusetzen. Also entweder Sie unterschreiben auf der gepunkteten Linie, oder Sie sind raus.“ “

An der griechischen Regierung sollte ein Exempel statuiert werden. Verhandlungen sind nicht vorgesehen, das griechische Parlament hat abzunicken, was ihm vorgegeben wird. Dazu wurden die Griechen mit ziellosen Verhandlungen mürbe gemacht:

„Schauen Sie, mein Vorschlag von Anfang an war dieser: Dies ist ein Land, das auf Grund gelaufen ist, schon vor langer Zeit auf Grund gelaufen… Sicher müssen wir dieses Land reformieren – darüber waren wir uns einig. Weil Zeit bedeutend ist, und weil die Zentralbank während der Verhandlungen Druck auf die Liquidität ausübte, um uns unter Druck zu setzen, damit wir unterliegen, war mein ständiger Vorschlag an die Troika sehr einfach: kommen wir über die drei oder vier wichtigen Reformen überein, über die wir übereinkommen können, wie das Steuersystem, die Mehrwertsteuer, und die sofort umsetzen. Und Sie nehmen die Liquiditätsbeschränkungen der EZB zurück. Sie wollen eine umfassende Übereinkunft – verhandeln wir weiter – und in der Zwischenzeit bringen wir die Reformen ins Parlament, bei denen wir uns einig sind.
Und sie sagten, „Nein, nein, nein, das muss eine umfassende Überprüfung sein. Nichts wird umgesetzt, wenn Sie es wagen, irgendwelche Gesetze auf den Weg zu bringen. Das wird als einseitige Handlung betrachtet werden, die sich feindselig gegen den Prozess richtet, zu einer Übereinkunft zu kommen.“ Und dann, einige Monate später, plaudern sie den Medien gegenüber aus, dass wir das Land nicht reformiert hätten, und dass wir Zeit vergeuden würden! Und so … wurden wir in eine Falle gelockt.“

Auch das muss man zweimal lesen. Während die EZB langsam den Geldhahn zugedreht hat (der für alle anderen weit offen steht), wird einer demokratisch gewählten Regierung unverholen gedroht, ja nicht alleine in ihrem Land tätig zu werden, um ihr dann hinterher Untätigkeit vorzuwerfen. Während also der demokratische Prozess bewusst blockiert wird, werden Entscheidungen von Gremien getroffen, die keinerlei Legitimation unterliegen:

„Es gab einen Augenblick, als der Präsident der Eurogruppe beschloss, gegen uns vorzugehen und uns tatsächlich ausschloss, und es bekannt machte, dass Griechenland eigentlich auf dem Weg aus der Eurozone hinaus war…Es gibt die Sitte, dass Veröffentlichungen einstimmig sein müssen, und der Präsident kann nicht einfach ein Treffen der Eurozone einberufen und ein Mitgliedsland ausschließen. Und er sagte, „Oh, ich bin sicher, dass ich das tun kann.“ Für 5-10 Minuten wurde das Treffen unterbrochen, Angestellte, Funktionäre redeten miteinander, am Telefon, und irgendwann sprach mich ein Funktionär, irgendein Rechtsexperte, an, und sagte Folgendes, dass „nun, die Eurogruppe gibt es juristisch nicht, es gibt keinen Vertrag, der diese Gruppe einberufen hat.“
Also wir haben eine nicht existierende Gruppe, die die größte Macht hat, das Leben der Europäer zu bestimmen. Sie ist niemand Rechenschaft schuldig, da sie juristisch nicht existiert; es werden keine Aufzeichnungen erstellt; und sie ist vertraulich. Also kein Bürger weiß jemals, was dort drin gesagt wird… Das sind Entscheidungen über Leben und Tod, und kein Mitglied ist irgend jemand eine Antwort schuldig.“

In den letzten Tagen haben sich in Griechenland die Ereignisse überschlagen. Trotz eines klaren Votums bei der Volksabstimmung hat Premier Tsipras quasi kapituliert. Niemand weiß, welche Pistole ihm dafür in irgendwelchen Hinterzimmern auf die Brust gesetzt wurde. Wir wissen aber, dass die „Verhandlungen“ nie fair oder konsensorientiert waren, sondern gekennzeichnet durch

„das völlige Fehlen diplomatischer Skrupel, auf Seiten der vermeintlichen Verteidiger der europäischen Demokratie. […] wenn sehr mächtige Personen einem in die Augen schauen und sagen, „Sie haben Recht mit dem, was Sie sagen, aber wir werden Euch dennoch zerquetschen.“ “