Die Dopamin-Junkies

Im Gegensatz zu den meisten anderen Raubtieren ist der Mensch ein Hetzjäger. Zwar sind viele potentielle Beutetiere in unserer evolutionären Kinderstube, der afrikanischen Savanne, schneller als wir, aber wir besitzen ein paar einzigartige Fähigkeiten, die das mehr als ausgleichen. Nur wenige Tiere sind in der Lage, in der Hitze lange Strecken zu joggen. Jeder Mensch kann (bei uns Zivilisationsopfern allerdings mit etwas Training) einen Marathon laufen. Im Gegensatz zu anderen Savannenbewohnern hat der Mensch nicht nur kein Fell, sondern verfügt auch über die Fähigkeit, zu schwitzen, so dass er auch in der Mittagshitze unterwegs sein kann, ohne zu überhitzen.

Natürlich ist die Antilope schneller als der Mensch. Aber Sie überhitzt schnell. Sie muss nach einem schnellen aber kurzen Fluchtlauf ein schattiges Plätzchen aufsuchen, und sich abkühlen. Zeit für den Jäger, aufzuholen und sie erneut aufzuscheuchen. Noch heute jagen Völker wie die San im südlichen Afrika auf diese Weise.

Nun bedeutet eine Hetzjagd eine enorme Investition an Zeit aus Ausdauer. Es muss viel Energie aufgewandt werden. Prinzipiell ist es evolutionär sinnvoll, Energie zu sparen, weshalb Löwen gerne den ganzen Tag in der Sonne herumlungern. Es muss also einen Mechanismus geben, der uns hilft, den Energiesparmodus auszuschalten. Der Schlüssel dazu ist ein Hormon namens Dopamin.

Dopamin ist der Antreiber, wenn wir etwas haben wollen. Dopamin ist ein Schlüsselhormon in unserem Belohnungssystem. Die Motivation, die anstrengende Hetzjagd weiter zu betreiben, erfolgt über Dopaminausschüttung für die kleine Belohnung zwischendurch. Wir sind dermaßen große Dopamin-Junkies, dass wir Wege gefunden haben, die Dopaminausschüttung im Gehirn chemisch zu stimulieren, indem wir Nikotin, Alkohol oder Opium konsumieren.

Sobald wir die Gazelle erlegt und zubereitet haben, hat das Dopamin seinen Zweck erfüllt. Die Jagd ist vorbei, eine weitere Motivation ist nicht nötig. Wenn wir träge und satt unter einer Akazie liegen und die Gazelle verdauen, fällt der Dopaminspiegel in den Keller. Dopamin treibt uns an, unsere Bedürfnisse zu erfüllen und hat somit keine Aufgabe, wenn das Bedürfnis erfüllt ist. Nate Hagens, auf den wir später noch einmal zu sprechen kommen, fasste das ganze zusammen als „das Wollen ist stärker als das Haben“.

Nun leben wir nicht mehr im altsteinzeitlichen Afrika, sondern im fossilen Zeitalter in Mitteleuropa. Wir jagen unser Essen nicht, sondern gehen für Geld arbeiten, um dann mit dem Geld die Dinge zu kaufen, die unsere Bedürfnisse befriedigen. Trotzdem hat sich unsere Körperchemie nicht verändert. Wir sind weiterhin Dopamin-Junkies, und Dopamin ist die Zwischenbelohnung auf dem Weg zur Bedürfnisbefriedigung. Dopamin schütten wir aus, wenn wir stundenlang durch die modernen Ökosysteme der Innenstädte auf der Suche nach Beute streifen. Dopamin schütten wir aus, wenn wir in diesem Ökosystem eine Beute ausgemacht haben, wenn wir sie erlegt haben und wenn wir sie nach Hause getragen haben. So einfach macht uns Shopping glücklich. Wenn wir jedoch am nächsten oder übernächsten Tag in unseren Schrank blicken, und dort die gekaufte Beute liegen sehen, schütten wir kein Dopamin mehr aus. Der einzige Weg zu neuem Dopamin ist eine neue Jagd.

Musste der steinzeitliche Jäger noch darauf warten, dass sein Magen ihm ein Bedürfnis signalisiert, dass es zu befriedigen gilt, so hat diese Aufgabe heute die Werbung für uns übernommen. Wer einmal so weit von der Zivilisation entfernt war, dass er keinen Verkehrslärm gehört und keine bunt gekleideten Menschen mehr gesehen hat, der weiß für welche Umgebung wir evolutionär geschaffen sind. Die natürliche Welt ist viel leiser und hat viel gedecktere Farben als unsere künstliche Welt. Die Speisen, die sie uns bietet sind weniger süß und weniger salzig. Jede Abweichung von diesem eigentlichen Normalzustand war eine so große Ausnahme, dass sie unser voller Aufmerksamkeit erforderte. Besonders grelle Farben konnten reife Früchte oder giftige Insekten bedeuten. Jedes plötzliche Geräusch konnte durch ein Beutetier oder aber ein gefährliches Raubtier verursacht sein. Süße zuckerreiche Nahrung war so selten, dass wir so viel davon aßen wie wir konnten.

Diese Reize, die viel stärker als das sind, dessen wir in der Natur im Normalfall ausgesetzt waren, machen alle Konsumgüterzweige sich zu nutze. Schon Kinderspielzeug wird in bunten grellen Farben geliefert, weil „die Kinder das mögen“. Natürlich greifen Kinder, wenn sie die Wahl haben, nach dem grellen Spielzeug, weil dieser außergewöhnlich starke Reiz ihre volle Aufmerksamkeit bindet. Die Lebensmittelindustrie hat es verstanden, unser Essen so stark mit Zucker zu versetzen, dass wir so viel davon essen wie wir können, weil dieser Zuckerreiz mehr Aufmerksamkeit bindet als die Information, dass so viel Zucker eigentlich nicht gesund ist. Unsere Zivilisation ist übersät mit grellbunten Werbetafeln, die Produkte anpreisen.

Weil wir für eine so laute und bunte Welt eigentlich gar nicht geschaffen wurden, können wir aufdringliche Werbung nicht ohne weiteres ignorieren. Wenn ein Produkt nur penetrant genug angeboten wird, unter Ausnutzung des vollen Farb- und Tonspektrums, wird das dazu führen, dass dieses Angebot unsere Aufmerksamkeit erfährt. Und sobald das angepriesene Produkt auch nur das kleinste Feature besitzt, das wir positiv bewerten, gibt es den ersten kleinen Dopaminschub, der uns motiviert, uns aufzuraffen und auf die Jagd zu gehen.

Das „Wollen“ ist stärker als das „Haben“. Deshalb sind wir blind für das, was wir haben, und sehen nur das, was wir wollen. Wir sind (wohl-)habender als alle früheren Generationen. Ist uns egal, wir wollen ein größeres Haus. Wir sind wahrscheinlich auch (wohl-)habender als alle zukünftigen Generationen. Ist uns auch egal, wir wollen ein zweites Auto. Wir sind (wohl-)habender als die meisten anderen Menschen auf dieser Welt in unserer eigenen Generation. Ist uns auch egal, wir wollen noch länger noch weiter weg in den Urlaub fliegen.

Das „Wollen“ ist stärker als das „Haben“. Das lässt sich natürlich messen. Wir wissen bereits, dass ab einem gewissen Einkommen das Glück nicht weiter zunimmt. Aber das ist eine abstrakte Aussage einer Statistik, aus der wir als empathisch denkende Wesen nicht ohne weiteres Handlungen für uns selbst ableiten können. Selbst viele Menschen, die wirklich alles haben, also viel mehr als der ohnehin schon enorm wohlhabende Durchschnittsdeutsche, haben diese Erkenntnis bisher noch nicht gehabt. Auch sie sind Dopamin-Junkies. Wer täglich an der Börse zockt, der braucht sein Dopamin auf dem Weg zur nächsten Million. Die Millionen auf dem Konto sind wie eine verspeiste Antilope oder Klamotten im Schrank. Die Million, die man gerade erspekuliert, liefert den Dopaminschub für heute. Dennoch gibt es sie, die Aussteiger.

Einer von ihnen ist Nate Hagens. Nate hat als junger aufstrebender Mann wie so viele andere was mit Wirtschaft studiert, um damit Karriere zu machen. Und das hat er auch:

„Für viele Jahre erreichte ich einen hohen Status, gemessen an dem Maßstab, der heute so populär ist: ein dickes Gehalt, schnelle Autos, Reisen in exotische Länder, Frauen, der Reiz des neuen und am wichtigsten, Respekt als ,erfolgreiches‘ Mitglied der Gesellschaft. […] Meine Fähigkeit, aus Zahlen noch größere Zahlen zu machen (bzw. dessen Wahrscheinlichkeit zu verkaufen), erlaubte es mir, in einem turbokapitalistischen System Erfolg zu haben. […] Eines Tages, beim wandern, traf mich die Erkenntnis, dass meine Tätigkeit zu einer gewissen Seelenlehre führte und obwohl es meine Rechnungen bezahlte begann ich, mich dafür zu interessieren, wie die Welt funktionierte und wie ich dazu beitragen konnte, sie zu verbessern.“

Daraufhin beendete Nate seine Karriere als Finanzguru, gab all seinen Klienten ihr Geld zurück und lernte wie Wirtschaft, Natur, Energie und menschliches Verhalten zusammenhängen. Heute lebt er auf einer kleinen Farm in Wisconsin und schreibt Artikel und hält Vorträge. Nate musste erst alles haben, um zu erkennen, dass unsere kulturelle Prägung falsch ist. Natürlich erzieht uns die Werbung zu Menschen, die haben wollen, obwohl sie das Haben nicht glücklich macht. Diese Fehlprägung abzulegen ist enorm schwer, und nur wenige schaffen es.

Einige müssen erst sehr viel haben, um dies zu erkennen. Ein weiterer solcher Kandidat ist Warren Buffet. Warren ist einer der reichsten Männer der Welt. Eines Tages beschloss er, 99% seines Vermögens zu verschenken:

„Zunächst mein Versprechen: 99% meines Vermögens werden für wohltätige Zwecke ausgegeben […]. Mit diesem Versprechen gebe ich nicht meine wertvollste Ressource, die Zeit. Viele Menschen, und dazu gehören – worauf ich sehr stolz bin – meine drei Kinder, geben viel von ihrer Zeit und ihrem Talent um anderen zu helfen. Geschenke dieser Art sind viel wertvoller als Geld. […]Zu oft haben große Mengen Besitzes dazu geführt, dass diese schließlich den Eigentümer besaßen. Mein größter Besitz, neben meiner Gesundheit, sind interessante, facettenreiche und lang anhaltende Freundschaften.“

Im Gegensatz zu Nate holt sich Warren weiterhin seine Dopaminschübe an der Börse, verschenkt aber das so erhandelte Geld, weil es ihn nicht glücklich macht, während andere die damit zugänglichen Ressourcen tatsächlich brauchen.

Natürlich werden die allermeisten von uns nie in die Situation kommen, als gelangweilter Millionär den Sinn von Geld zu hinterfragen. Aber das müssen wir auch nicht. Unser Lebensstandard ist – gemessen an Mobilität, am Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung, am hygienischen Zustand unseres Wohnraumes – höher als der praktisch aller früheren Könige und Kaiser. Wir Durchschnittsdeutschen sind – gemessen an früheren, schlechter gestellten heutigen und zukünftigen Menschen – alle sowas wie Millionäre. Reicht das Wissen darum nicht aus, um sich von der grundfalschen Idee zu lösen, dass noch mehr Konsum in irgendeiner Weise unser Leben verbessert?

Sicherlich ist es sinnvoll (und für den Junkie scheinbar lebensnotwendig), als Ersatz für das Shopping andere Glückshormone zu finden, mit denen wir unsere Highs bekommen, wenn wir nicht mehr in der Innenstadt Klamotten jagen (oder im Baumarkt das nächste Werkzeug). Da wir auch bei sportlichen Aktivitäten jede Menge Glückshormone produzieren, sollten wir das Nicht-Shoppen als sportliche Herausforderung ansehen. So wie man beim Tauchen oder Dauerlaufen permanent seine Maximalzeit übertreffen kann, so kann man auch die Herausforderung annehmen den Zeitraum, in dem man keine Klamotten oder Werkzeuge kauft, kein Auto fährt oder generell kein Geld ausgibt (eine jeder wähle seine Sportart) permanent zu erhöhen. Ich wünsche jedem Leser, der zu diesen Spielen antritt, viel Spaß beim Genuss seines nächsten Highs.

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3 Gedanken zu “Die Dopamin-Junkies

  1. Hallo deedl!
    Ich lese immer sehr gerne die Beiträge in deinem Blog. Die Konsum-Animateure haben gerade wieder einmal meine Zeilen mit einer Werbefläche überblendet. Weg damit!
    So, weiter.
    Weniger ist in unserer überfüllten Welt wirklich mehr. Stimmt genau! Nur das kaufen, was man wirklich braucht. Allein dadurch sammelt sich bei uns schon ein Überschuss an, der sich nach und nach zu einem gewaltigen Berg an Werten anhäuft.
    Genau das ist das Grundprinzip des reich Werdens; – wenn man es denn will.
    Es ist in unserer Welt des Geldes aber auch genau das, was uns die Freiheit verschafft, so sein zu dürfen, wie wir möchten. Das zu errreichen ist mein Dopaminkick.
    Der Malachit.

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  2. Ersteinmal vielen Dank fuer den Hinweis auf Nate Hagens, der eine sehr interessante und, wie ich finde, eine ausgesprochen relevante Perspektive auf den wirtschaftlichen Status Quo eroeffnet.

    Ergaenzend zu ihrem Dopamin Erklaerungsansatz moechte ich auf die Bedeutung sog. Endorphine hinweisen, die in einem engen Zusammenhang mit Dopamin zu sehen sind:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Endorphine
    und Sie gleichzeitig auf die Dopaminhypothese aufmerksam machen, die eine Verbindung zwischen Hyperdopaminergie und Schizophronie herstellt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Dopaminhypothese
    „Die Schizophrenien sind eine Gruppe von psychotischen Krankheiten, die sich durch eine Realitätsverkennung auszeichnen. Bei dieser Krankheitsgruppe unterscheidet man die vielfältigen Symptome nach zwei übergeordneten Kategorien. Man spricht hierbei von Plus- oder Positiv- und Minus- oder Negativ-Symptomatiken. Die Plus-Symptomatiken gehen einher mit einem Mehr an als real erlebtem. Typisch für Plussymptome sind Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Ich-Störungen. Die Minus-Symptomatiken gehen einher mit einem verminderten Realitätserleben. Hierbei typisch sind Symptome wie Affektverflachung, Emotionaler- und Sozialer-Rückzug (Anti-Sozial), Denkverarmung, sogenannte Ambivalenz (widersprüchliche Emotionen und Gedanken) und weitere.“
    Auch die Verbindung mit Glutamat (Geschmacksverstaerker)ist aus diesem Blickwinkel betrachtet ausgesprochen interessant:
    „Die Schizophrenien können als ein Leiden aufgefasst werden, welches auf einem Ungleichgewicht des Neurotransmitterhaushaltes in einem feedback-regulierten System beruht.[28] Neurotransmitter sind eine Untergruppe der Botenstoffe und eine Hauptrolle in der Schizophrenie spielt hierbei neben dem Dopamin, das Serotonin und wohl auch das Glutamat.
    Eine Studie aus dem Jahre 1998 belegte die vorhergehenden Beobachtungen, von einer disregulierten, striatalen Dopaminfreisetzung bei den Schizophrenien.“

    Grob vereinfachend darf man wohl vermuten, dass Dopamin Junkies, also diejenigen, die ihr Glueck im „Wollen“, man koennte auch sagen im Streben nach „Mehr“ = Veraenderung suchen, die Realitaet, in der auch Bestandsgroessen (=Integral/Aufsummierung der Veraenderungen ueber Zeit) aus dem Blick verlieren.

    „….oder generell kein Geld ausgibt (eine jeder wähle seine Sportart) permanent zu erhöhen.“
    Sehr deutlich wird dies, wenn man den Stand des monetaeren Sparens und seine Folgen, in der deutschen Volkswirtschaft
    betrachtet (5100 Mrd. Euro Geldvermoegen = 63750 Euro pro Kopf). Wenn man dann noch weiss, dass das reichste Zehntel ueber 40% des Geldvermoegens auf sich vereinigt, dann erscheint mir Ihr obiger Apell in einem ausgesprochen interessanten Licht aufzuscheinen

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