Wachstum – der Tag danach

Nach einigen Jahrhunderten permanenten Wachstums, angetrieben durch den Zugriff auf Jahrmillionen von Jahren gespeicherten Sonnenlichtes in Form von Öl, Kohle und Gas einerseits und die Ressourcen der dritten Welt andererseits muss die moderne westliche Zivilisation zwangsläufig an einen Punkt kommen, an dem ihr die Ressourcen ausgehen, um ihr derzeitiges Wirtschaften aufrecht zu erhalten. Prognosen sind bekanntlich immer schwierig, besonders wenn es dabei um die Zukunft geht. Und so ranken die Vorhersagen der Zukunft irgendwo auf der Achse zwischen einer durch grüne Energien gespeisten rosigen Zukunft einerseits und der totalen Apokalypse andererseits.

Zunächst gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Beide resultieren aus der Tatsache, dass in unserer heutigen Welt der Großteil unserer reichlich vorhandene Ressourcen dazu genutzt wird, Berufe und Tätigkeiten durchzufüttern, die keinerlei Nutzen hervorbringen. Wie solche Tätigkeiten, z.B. Steuerfachleute, Marketingmenschen usw. in unserer angeblich so effizienten Wirtschaft zustande kommen, haben wir bereits an verschiedenen Stellen besprochen (z.B. hier und hier).

Die schlechte Nachricht lautet also: Viele Menschen gehen heute einer Tätigkeit nach, die in einer rohstoffärmeren Welt nicht mehr gesellschaftlich zu finanzieren ist. Das bedeutet, dass wer heute einen Beruf wählt, sich jetzt schon überlegen muss, ob es daran in ein paar Jahrzehnten noch Bedarf gibt. Die gute Nachricht hingegen ist diese: Es gibt genügend Arbeitskräfte, die zukünftig genutzt werden können, um eine kleiner werdende Rohstoffbasis durch mehr menschliche Arbeit zu kompensieren.

Unsere Rohstoffbasis wird sich zukünftig aus zwei Richtungen verkleinern. Natürlich wird die Zeit der fossilen Rohstoffe zu Ende gehen. Schon jetzt erreichen wir in vielen sonnigen Gegenden der Erde den Tipping Point, an dem Solarenergie die Kohle ablöst. Aber wir leben nicht nur von fossilen Rohstoffen, sondern auch von den nachwachsenden Ressourcen anderer Länder. Unser Holz kommt aus Russland, unser Bioethanol aus Südamerika und unser Palmöl aus Indonesien. Wenn all diese Länder sich eines Tages aus der wirtschaftlichen Umklammerung des Westens lösen und ihre Rohstoffe lieber selbst verbrauchen oder an die Inder und Chinesen verkaufen, dann wird es für Deutschland nicht leicht. Wie soll eine der am dichtesten besiedelten Industrienationen ihre Rohstoffe aus der eigenen Fläche gewinnen?

Nun zeigen beide Weltkriege, dass es prinzipiell möglich ist, in Deutschland mehr oder weniger genügend Kalorien zu produzieren, um die Bevölkerung am Leben zu erhalten. Sicherlich war Deutschland damals ein bisschen größer als heute, andererseits gab es durch den vergleichsweise plötzlichen Kriegsbeginn praktisch keine Zeit, die Landwirtschaft über mehrere Jahre in Ruhe von externen Abhängigkeiten zu lösen. Dieses historische Beispiel macht aber deutlich, welcher Arbeits- und Flächeneinsatz nötig ist, um nahrungsautark zu werden. Praktisch jeder muss zum Freizeitgärtner werden und in seinem Garten, Vorgarten oder der nächsten öffentlichen Grünfläche Gemüse ziehen. Die gesamten städtischen Grünanlagen, bisher angelegt nach Kriterien der Optik, der Pflege und der Abgasbeständigkeit, müssen nach und nach in Nutzflächen verwandelt werden. In den Ballungsgebieten direkt am Verbraucher Millionen von Bäumen stehen zu haben, die keine essbaren Früchte tragen, ist ein Luxus, den sich nur dekadente Überflussgesellschaften leisten können.

So absurd das aus heutiger Sicht klingt, so schleichend wird der Wandel kommen. Städtische Parks wandeln sich über viele Jahrzehnte, schon jetzt werden in ersten Städten wieder Obstbäume in die Parks gesetzt. Ein Baum hier, ein anderer da. So entstehen schleichend neue Trends. Irgendwann werden die ersten Kommunen auf die Idee kommen, ihre Wiesen zur Weidehaltung zu verpachten, da dies nicht nur zusätzliches Einkommen generiert, sondern auch die Kosten für das Rasenmähen und die Rasenschnittentsorgung wegfallen.

Auch die klassische Landwirtschaft wird sich wandeln und dies zeigt sich schon jetzt in den ersten Ansätzen. Das energieintensive Pflügen mit immer tieferen Pflügen und immer größeren (und spritfressenderen) Maschinen ist jetzt schon auf dem Rückweg. So zeigt z.B. diese Studie, dass man mit intelligentem Mischfruchtanbau auch ohne Umpflügen des Bodens die Ernte steigern kann. Auch dieser Versuch aus der Schweiz zeigt, dass nach anfänglicher Umstellung die Erträge im pfluglosen Anbau leicht höher sind.

Die Versorgung von Morgen liegt also natürlich in der Hand der Forschung, aber nicht in der Hand der Agroindustrie. Erträge werden nicht erzielt, indem immer größere Landmaschinen GPS-gesteuert immer mehr Produkte der chemischen Industrie auf den Acker kippen, sondern indem der Bauer aus der Rolle des agroindustriellen Kunden herauswächst und wieder zum Experten in eigener Sache wird. Er muss lernen, für seinen Boden und seine Region die bestmöglichen Fruchtfolgen zu finden.

Was bedeutet das aber für die Vielfalt im Supermarkt, wenn wir zukünftig nur noch regional und saisonal essen, weil wir nicht mehr die Energie haben, um landwirtschaftliche Produkte aus allen Klimazonen der Erde nach Mitteleuropa zu karren? Sie wird sich ändern, aber nicht abnehmen. Tatsächlich ist die Auswahl im Supermarkt nicht so groß, wie sie sein könnte, wenn man bedenkt, dass wir theoretisch Zugriff auf alle Nutzpflanzen dieser Welt haben. Es haben sich in der globalen Landwirtschaft nur eine Hand voll Obst- und Gemüsesorten etabliert. Mehr Früchte als Äpfel, Orangen, Bananen und das Universalgemüse Tomate, mit dem man jedem Fertigessen eine gemüsig-rote Erscheinung geben kann, essen viele Leute nicht. Wer hingegen kennt denn schon die Vielfalt unserer Klimazone? Wer hat denn schon mal Pastinaken oder Petersilienwurzel gegessen? Wer weiß denn schon, dass viele heimische Kohlsorten mehr Vitamin C haben als Orangen? Es gibt allein in Deutschland heute noch rund 1.500 Apfelsorten mit diversen Größen, Farben, Geschmäckern und Texturen, nur ein Handvoll davon schafft es in die Supermärkte. Regionalisierung der Nahrung bedeutet die Wiederentdeckung einer längst vergessenen Vielfalt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wird natürlich wenig davon begeistert sein, seine Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Es wird viele geben, die an ihren Gewohnheiten festhalten und immer höhere Preise für überteuerte importierte Paprika bezahlen (und sich dann beschweren, wie teuer gesunde Ernährung ist).

Die gute Nachricht ist also: Wir werden nicht verhungern, die Apokalypse bleibt aus. Die schlechte Nachricht, ist, dass unser Gesellschaftssystem sich wahrscheinlich nicht intelligent reformieren wird, sondern nur äußeren Zwängen folgend. Es werden nicht die zuerst ihren Lebensstandard herunterschrauben, die viel zu viel haben, sondern die Habenichtse werden zuerst leiden, weil sie innerhalb der jetzigen Ordnung ihren Zugang zu Ressourcen nicht durchsetzen können. Eine solche Entwicklung geschieht bereits in den USA, wo die praktische Abwesenheit eines Sozialstaates dazu führt, dass Millionen Menschen vollkommen aus dem Wirtschaftssystem herausgelöst sind. Dort rüstet sich die Polizei immer mehr auf und die Grenze zwischen der gewaltsamen Niederschlagung von Aufständischen im Iraq und dem Einsatz gegen demonstrierende Bürger des eigenen Landes verschwimmt.

Das ist natürlich bedenklich, aber es gibt auch für die Habenichtse eine gute Nachricht. In vergangenen Zeiten ist der Wert menschlicher Arbeit permanent gesunken, weil der vermehrte Einsatz von Energie, sowohl als treibende Kraft als auch in als Kapital gebundener Form, den Menschen aus immer mehr Tätigkeiten verdrängt hat. Wird Energie teurer, werden Maschinen teurer, wird die Instandhaltung von komplexen Produktionsmitteln teurer, so steigt die Nachfrage nach menschlicher Arbeit.

Des Weiteren steigen die Möglichkeiten, durch eigene Wertschöpfung Geld zu sparen. Schon jetzt sorgt unser Wirtschaftssystem – entgegen der Behauptung der Marktideologen – nicht für besonders effiziente Produkterzeugung. Ein Handwerker muss heute rund einen halben Tag arbeiten, um von seinem Lohn eine einzelne Handwerkerstunde zu kaufen. Aufgrund von offenen und versteckten Abgaben wie Steuern, Zinsen, Kosten für Unternehmensbuchhaltung usw. lohnt sich bei vielen Tätigkeiten ein Austausch am Markt nicht. In den meisten Teilen der Welt herrscht heute noch eine große Wertschöpfungstiefe direkt im Haushalt, besonders in den Bereichen Nahrungserzeugung, Nahrungsverarbeitung, Textilverarbeitung und Handwerk. Dies war auch bei uns früher üblich, und es wird wieder üblicher werden.

Der Trend dazu besteht bereits. Natürlich wird dieser nicht als Not gesehen, sondern als Chance, individuelle Produkte zu erzeugen, die nicht der geplanten Obsoleszenz unterliegen. Da in Zukunft niemand mehr durch Arbeit reich werden wird (falls das je ging) liegt der Fokus auch nicht mehr primär auf der monetären Wertschöpfung, sondern auf Lebensqualität und Zufriedenheit mit sich selbst.

Auch andere Absurditäten des Industriezeitalters werden verschwinden. Für viele Bleifüße heute ist ein Leben ohne Auto unvorstellbar. Je teurer das Auto wird, desto altbackener wirkt es jedoch, große Teile seiner Lebenszeit zu opfern, um ein solches zu finanzieren. Die Individualmobilität von morgen wird elektrisch. Aber es werden wenige eine zwei Tonnen schwere Maschine besitzen, um 75kg Mensch zu transportieren. Das eigene Auto wird für junge Menschen immer weniger erstrebenswert, während ältere daran festhalten.

Es wird also dauern, bis die Autokultur herausgewachsen ist. Mit etwas Glück wächst sie schneller heraus, als die Rohstoffe knapp werden, dann wird es nicht so viel Gemecker geben. Die Individualmobilität von morgen ist elektrisch, aber auf zwei Rädern. Während die Führerscheinrate jährlich sinkt, steigt der Absatz von E-Fahrrädern in Deutschland und Europa. Aber der fahrradbasierte Verkehr wird sich nicht auf den Personenverkehr beschränken. Es mehren sich die Zeichen, dass im städtischen Verkehr das Lastenfahrrad zukünftig eine größere Rolle spielt.

Der durch Wachstumsmodelle prognostizierte Abstieg der Wirtschaftskraft nach der Zeit des Rohstoffüberflusses kann zu sozialen Verteilungskämpfen führen, wenn man am status-quo festhält. Er kann aber auch eine Chance auf ein materiell einfacheres, aber dafür vielseitigeres und sinnstiftenderes Leben sein. So mögen unsere Modelle die Rahmenbedingungen der Zukunft vorhersagen, gestalten müssen wir sie immer noch selbst.

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2 Gedanken zu “Wachstum – der Tag danach

  1. Die Vision ist durchaus nachvollziehbar. In diesem Zusammenhang müssen wir allerdings auch den ungebremsten Populationsdruck aus den sich stark vermehrenden Siedlungsgebieten der Menschen berücksichtigen. Die Vermehrungsrate folgt einer Exponentialfunktion und diese wird durch christliche Nächstenliebe, humanistische Hilfe oder wie immer man das nennen mag, eher verstärkt. Bei Fortsetzung dieser Entwicklung, wird das Konfliktpotential so groß werden, dass der Mensch sich selbst erledigt. Und zwar bevor oder nachdem er sich elektrisch fortbewegt.
    Es wird wahrscheinlich etwas völlig Neues entstehen, wo von ich mir nicht einmal die Spur einer Vorstellung zu denken getraue. Der Mensch ist in seinem Wissen, Können und Tun zu weit von dem entfernt, was er zukünftig selbst verkraften kann. Ob er überleben wird ist unbestritten, in welcher Form ungewiss.
    Hier und jetzt, das ist für jeden selbst das Wichtigste. Und genau so sollte meiner Meinung nach jeder für sich und seine Familie das Beste tun.
    Der Malachit.

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