Larrys Welt

Letztes Mal hatten wir uns mit psychopathischem Verhalten beschäftigt und festgestellt dass alle Machtstrukturen, also auch die wirtschaftlichen, Psychopathen magisch anziehen und diese dort in erhöhter Konzentration vertreten sind. Georg hatte daraufhin einen schönen Kommentar mit dem Link zu Larry Summers geleaktem Memo gepostet. Dieses ist nicht nur in dem Kontext einer Menschenverachtenden Weltsicht interessant, sondern bietet auch ein Musterbeispiel dafür, wie unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe und ökonomischer Scheinargumente eiskalt wirtschaftliche Interessen durchgesetzt werden.

Zunächst die Einleitung des Memos, von Larry geschrieben in seiner damaligen Funktion als Chefökonom der Weltbank, in deutscher Übersetzung:

„“Schmutzige Industrien‘: Nur so zwischen euch und mir, sollte die Weltbank nicht die Umsiedelung von schmutzigen Industrien in die dritte Welt fördern? Mir fallen dazu drei Gründe ein:““

Das Memo ist mittlerweile fast ein viertel Jahrhundert alt. Damals war Umweltverschmutzung durch ungefilterte Abwässer, Stäube und Abgase in den Industrienationen noch ein ernsthaftes Problem, während viele heute industrialisierte Schwellenländer damals kaum Industrie besaßen. Larry arbeitete bei der Weltbank. Diese Organisation gibt sich vordergründig als Entwicklungshilfeorganisation, mit dem offiziellen Ziel, die extreme Armut in der Welt zu beenden.

Die Weltbank, so sozial sie sich auch gibt, ist in Instrument der wirtschaftlichen Machtausübung. Zwar rühmt sich die Weltbank, derzeit 188 Mitglieder zu haben, doch sind diese nicht alle gleichberechtigt. Zum Zeitpunkt von Larrys Memo besaßen die USA und ihre wichtigsten Verbündeten (UKUSA, damalige NATO und Japan) bereits über 50% der Stimmanteile in der Weltbank. Es handelt sich hier also um eine Organisation, in der die sog. „Erste Welt“ umfassende Macht hat und diese nutzt, um weltweit wirtschaftliche Machtpolitik zu betreiben und ihre Interessen durchzusetzen.

Eine Teilorganisation der Weltbank ist die IFC, die International Finance Corporation. Hier die Selbstbeschreibung:

„“Wir bieten Investitionen, Beratung und Vermögensverwaltung. Unsere Dienstleistungen ermöglichen es uns, privaten Investoren dabei zu helfen, Geschäftsfelder zu erschließen – unsere Investitionen und Beratungsdienste können entsprechend der kundenspezifischen Bedürfnisse maßgeschneidert werden, um so Wertschöpfung zu generieren. Unser Fähigkeit, weitere Investoren anzuziehen, bringt zusätzliche Vorteile und hilft unseren Kunden bei der Kapitalakquise und verbessert ihre Geschäftsstrategien.““

Hier versteckt sich also eine weitere Aufgabe der Weltbank. Sie ist ein Dienstleister der Privatindustrie und hilft als Büttel der Konzerne, weltweit Ressourcen und Dienste zu privatisieren. Es bedarf schon einer gehörigen Portion neoliberaler Ideologie oder aber Ignoranz, um keinen Widerspruch zwischen der Bekämpfung der Armut und der Förderung von Neokolonialismus im Auftrag westlicher Konzerne zu sehen.

Allein Larrys Vorschlag, mehr Verschmutzung in die Dritte Welt zu migrieren, zeigt zugunsten welchen Ziels Larry diesen Widerspruch auflöst. Wie begründet er seinen Vorschlag?

„“1) Die Messung der Kosten von gesundheitsschädlicher Umweltverschmutzung hängen von den Verdienstausfällen durch erhöhte Krankheits- und Todesfälle ab. Von diesem Blickpunkt aus sollte eine gegebene Menge von gesundheitsschädlicher Umweltverschmutzung in dem Land mit den geringsten Kosten auftreten, welches das Land mit den geringsten Löhnen wäre. […]““

An dieser Stelle wird eine Reihe von Dingen offensichtlich. Zunächst kümmert sich Larry, wie vermutet, nicht um das Wohl der Ärmsten in der Welt, sondern ist daran interessiert, Wege zu finden, wie er den Giftmüll der ersten Welt (also seinen Giftmüll vor seiner Haustür) in die dritte Welt bekommt (also weg). Weiterhin verwendet er Scheinlogik, um diese Interessen durchzusetzen.

Er setzt die Kosten für Umweltverschmutzung mit den Verdienstausfällen durch Krankheit und Tod gleich. Dies ist neoliberale Selbstlegitimierung vom feinsten. Wir haben ja schon des Öfteren thematisiert, dass der Glaube, Preise spiegeln Wertschöpfung wider, Teil der neoliberalen Wirtschaftstheologie ist und dass es genügend Wege gibt, sein monetäres Einkommen auch ohne eigene Wertschöpfung zu maximieren. Setzt man aber monetäres Einkommen mit Wertschöpfung gleich, so stilisieren sich die Gewinner des Systems zu den wertschöpfenden Helden, den Leistungsträgern, während die Verlierer des Systems, die Armen und Ausgebeuteten, zu Minderleistern abgestempelt werden. Larry sagt im Prinzip, wenn durch Umweltverschmutzung ein paar Arme sterben, dann ist das nicht so schlimm, weil die ja eh nix leisten, sonst würden sie schließlich mehr verdienen.

Auf die Idee, die Kosten für Umweltverschmutzung mit dem anzusetzen, was es kostet, die Verschmutzung zu vermeiden bzw. wegzuräumen, was einer sauberen Einpreisung von Externalitäten entspräche, kommt er natürlich nicht. Diese Kosten wären wahrscheinlich überall auf der Welt gleich groß, womit es keinen Grund mehr gäbe, Schmutz und Giftmüll von Larrys Haustür in die dritte Welt zu exportieren. Er führt weiter aus:

„“2) Die Kosten der Verschmutzung sind wahrscheinlich nichtlinear, da die ersten Inkremente der Verschmutzung wahrscheinlich wenig Kosten verursachen. Ich habe schon immer gedacht, dass die unterbevölkerten Länder Afrikas wahnsinnig unterverschmutzt sind. Deren Luftverschmutzung ist wahrscheinlich unglaublich ineffizient niedrig verglichen mit Los Angeles oder Mexico City. […]““

Diese Aussage muss in den Kontext der ersten gerückt werden. Larry definiert die Kosten der Umweltverschmutzung mit dem Verdienstausfall derjenigen, die an Umweltverschmutzung erkranken oder sterben. Wenn er sagt, die ersten Inkremente verursachen geringe Kosten, dann meint er: Umweltverschmutzung wird erst dann zu einem Problem, wenn jemand so viel davon abbekommen hat, dass er durch Krankheit oder Tod arbeitsunfähig wird. Der ideale Mensch ist für Larry einer, der so viel Giftmüll in seinen Körper eingelagert hat, dass er gerade so noch arbeitsfähig ist. Mit ineffizient unterverseuchten Gebieten meint er Regionen, in denen die Menschen noch nicht an diesem Punkt angelangt sind. Auch hier gilt wieder, dass die Vermeidung von Umweltverschmutzung für Larry keinen Gedanken wert ist. Das Ökosystem und die darin lebenden Menschen sind die Senken für den Dreck, den Larry und seine Freunde mit ihrem Lebenswandel produzieren. Larry fährt fort:

„“3) Die Nachfrage nach einer sauberen Umwelt aus ästhetischen und gesundheitlichen Gründen hat wahrscheinlich eine hohe Einkommenselastizität. Die Sorgen um ein Gift, das die Wahrscheinlichkeit von Prostatakrebs um eins zu einer Million erhöht, sind in einem Land, in dem die Leute alt genug werden um Prostatakrebs zu bekommen, deutlich größer als in einem Land, in dem 200 von Tausend Kindern das 5 Lebensjahr nicht erreichen. […]““

Die hohe Einkommenselastizität bedeutet übersetzt: Wer so wenig verdient, dass er sich täglich darum sorgen muss, wie seine Kinder genug zu essen bekommen, der hat für krankmachende Umweltverschmutzung keinen Kopf. Und wer sich nicht beschwert, den kann man auch verschmutzen. Nach dieser Logik sinkt der Wert von Menschen, je mehr man sie wirtschaftlich ausbeutet, weshalb man sie dann umso stärker ausbeuten kann. Doch Larry ist sich – wenn scheinbar nicht emotional, dann doch rational – bewusst, dass diese Sicht auf moralische Bedenken stößt:

„“Das Problem mit den Argumenten gegen all diese Vorschläge für mehr Verschmutzung in der dritten Welt (intrinsisches Recht auf bestimmte Güter, moralische Gründe, soziale Bedenken, Fehlen angemessener Märkte, etc.) ist, dass diese mehr oder weniger effektiv gegen sämtliche Vorschläge der Weltbank für mehr Liberalisierung verwendet werden können.”“

Dieser Schlusssatz des Memos ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Zunächst ist da der Hinweis auf das Fehlen angemessener Märkte. Das bedeutet, Larry weiß, das Märkte versagen können und er weiß, dass sie es bei seinem Vorschlag auch tun werden. Es geht also bei der „Liberalisierung“ nicht darum, dass irgendetwas durch Märkte besser wird. Marktgläubigkeit ist nur die Ideologie, mit der eine auf westliche Eigeninteressen ausgerichtete neokoloniale Wirtschaftspolitik durchgesetzt wird. Weiterhin steckt in Larrys letztem Satz die Aussage, dass es gegen sämtliche Liberalisierungsmaßnahmen moralische, soziale und sogar wirtschaftliche Argumente gibt. Er weiß also, dass seine Vorschläge gemessen an anderen Maßstäben als seinem Eigeninteresse nicht zu rechtfertigen sind.

Bevor der geneigte Blogleser sich jetzt über die Larrys dieser Welt aufregt, muss er sich einer Sache bewusst sein. Unser Wohlstand ist nichts, das wir uns selbst hart erarbeitet haben, sondern unser Wohlstand ist das Ergebnis der Arbeit von Leuten wie Larry, die unermüdlich dafür sorgen, dass die von den hart arbeitenden 90% der Welt geschöpften Werte zu uns faulen und dicken 10% in der westlichen Welt fließen, die wir glauben, dass es unser natürliches Vorrecht wäre, Auto zu fahren, Wegwerfartikel zu konsumieren, Flugobst zu essen, die das Herumsitzen in einem Büro als „Arbeit“ bezeichnen und glauben, mit ein bisschen Mülltrennung die Welt zu verbessern. Larry und seine Freunde sorgen dafür, dass die Armen dieser Welt uns ihre Rohstoffe liefern, unsere Turnschuhe nähen und eine Mahlzeit am Tag weniger essen, damit wir unser Benzin mit Biokraftstoff verdünnen können. Solange wir Nutznießer von Larry sind, fehlt uns die Legitimation, sich moralisch über ihn zu echauffieren.

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2 Gedanken zu “Larrys Welt

  1. Bis auf den letzten Satz, den ich fuer ein Totschlagargument im Sinne der Larry’s dieser Welt halte, finde ich, dass Sie da eine sehr treffende Analyse des Memos erstellt haben.

    Ich konnte mir nicht aussuchen als weisser Mann in Deutschland geboren zu werden. Ich konnte mir auch nicht die Schule und Lehrer aussuchen, die mir eine westlich gepraegte Sichtweise der Welt beigebracht haben. Ich konnte mich allerdings im weiteren Verlauf meines Lebens in der Welt umsehen und musste dabei festellen, was Sie im letzten Absatz sehr treffend zusammengefasst haben. Meine Frage an Sie ist, wollen Sie mir die Beobachtung einer gewissen Diskrepanz zwischen den sog. westlichen Werten in Form von z.B. Menschenrechten und den tatsaechlichen Verhaeltnissen und das Recht einer moralischen Bewertung derjenigen, die sich freiwillig in die Verantwortung fuer die Errichtung und Erhaltung dieser Verhaeltnisse gedraengt haben, wirklich absprechen?

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  2. Der Beitrag, insbesondere der letzte Absatz stößt den/die Leser eher vor den Kopf, anstatt ihn/sie mitzunehmen.
    Wenn man die Realität anspricht, kommt schnell eine Art moralisierender Fatalismus heraus. Das ruft dann Reaktionen gegen die hineininterpretierte „Öko-Diktatur“ o.ä. hervor, meist aus Unwissen über die Zusammenhänge. Alles dreht sich um Energie und deren Nutzbarmachung. Von menschlicher Arbeitskraft angefangen über Nutztierhaltung und ein bisschen Wasserkraft ging es mit dem Verbrennen von Holz/Kohle/Öl/Gas und der Elektrifizierung steil bergan. Die Industrieländer leben seitdem in einer kaum zu beschreibenden Parallelwelt, mit Verschwendung aller Orten. Es werden sich nur keine Politiker finden, die das öffentlich anprangern. Jedes bisschen Einschneiden in die bisherigen Gewohnheiten ruft reaktionäre Kräfte hervor, die sich dem bis zum bitteren Ende widersetzen. Auf Verständnis oder Einsicht braucht man da nicht groß hoffen.
    Larry weiß das und setzt dementsprechend seine Prioritäten.

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