Ökonomische Ponerologie

Wir hatten uns vor einiger Zeit mit der Frage nach der Natur des Menschen und deren Wechselwirkungen mit unserem Wirtschaftssystem beschäftigt. Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Entfremdung durch hohe Arbeitsteilung zu Ausbeutung, Trittbrettfahrerei und unfairem Wettbewerb führt. Tatsächlich ist diese Erkenntnis jedoch nur eine Komponente eines komplexen Wechselspiels verschiedenster Einflussfaktoren, die das zwischenmenschliche Zusammenspiel prägen.

Während Entfremdung besonders bei einfachen Menschen auftritt, die weit unten in der wirtschaftlichen Organisationshierarchie leben, muss es weiter oben Menschen geben, bei denen Fäden zusammenlaufen und deren Entfremdung dadurch abnimmt. Natürlich finden auch hier Formen der Entfremdung nach unten hin statt, welcher Manager begibt sich denn schon in die Werkshallen outgesourcter Produktionsstätten, um zu sehen, wie dort geschuftet wird. Trotzdem fließen dort mehr Informationen zusammen als dem normalen Arbeiter/Konsumenten zur Verfügung stehen und trotzdem werden Entscheidungen getroffen, die aus menschlich-moralischen Gesichtspunkten nicht nachvollziehbar sind.

Bei der Erklärung menschlicher Empathie über die Spiegelneuronen haben wir den Normalfall menschlichen Verhaltens beleuchtet. Normal bedeutet in diesem Sinne, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen diese Verhaltenskomponente vergleichsweise stark aufweist. Aber Menschen sind verschieden. So wie es große und kleine Menschen gibt, gibt es auch Menschen mit mehr oder weniger stark ausgeprägter Empathie. Und es gibt die Extremfälle ohne Empathie, die Psychopathen. Psychopathen zeigen keinerlei Mitgefühlt für irgendeinen Mitmenschen und richten ihr gesamten Verhalten nach der eigenen Bedürfnisbefriedigung aus. Gesellschaftliche Normen halten sie nur ein, wenn die Konsequenzen von Strafverhalten wie Gefängnisstrafen schwerer wiegen als der durch Strafverhalten erzielbare Nutzen.

Psychopathen zeigen neben der fehlenden Empathie weitere Abweichungen vom normalen Menschen. Sie wichten das Hier und Jetzt höher als die Zukunft, denn mit der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, geht die Fähigkeit einher, sich in das zukünftige Ich zu versetzen. Beides fällt ihnen schwer. Psychopathen wissen, dass sie anders sind und halten sich gegenüber normalen „schwachen“ Menschen für überlegen. Sie haben gelernt durch Lügen, Spielen der Opferrolle oder anderen Kniffen normale Menschen zu manipulieren und bewerten sich selbst nicht nach moralischen Maßstäben, sondern nach der Fähigkeit, die Welt um sie herum zu ihren Gunsten zu manipulieren. In ihrem starken Gegenwartsbezug zeigen sie oft unkontrolliertes Genussmittelverhalten.

Evolutionär ist ein gewisser Anteil von Psychopathen nicht unplausibel. Einerseits sind Individuen, die sich auf Kosten anderer bereichern, gegenüber diesen im Vorteil. Andererseits sind Gruppen von Egoisten gegenüber Gruppen von Altruisten im Nachteil, da letztere durch gegenseitige Hilfe Risikostreuung betreiben. Es handelt sich also um ein Nashgleichgewicht, aus dem ein gewisser Prozentsatz an erfolgreichen Psychopathen hervorgeht, der jedoch klein genug ist, um das Überleben der Gruppe nicht zu gefährden.

Nun gilt diese Nichtgefährdung für die Steinzeit, die uns evolutionär geprägt hat. Durch extrem flache Hierarchien in kleinen Gruppen war der mögliche schädliche Einfluss von Psychopathen auf das Gesellschaftssystem extrem begrenzt. Aber wie ist das in organsierten Gesellschaften? Was kann ein Psychopath anrichten, der auf Befehl Millionenbeträge, tausende Arbeiter oder gar Soldaten in Bewegung setzen kann?

Mit dieser Frage hat sich Andrzei M. Lobaczewski in seinem Buch „Politische Ponerologie“ auseinandergesetzt. Lobaczewski stellt fest, dass Machtstrukturen Psychopathen magisch anziehen. Da Pychopathen sich über die Fähigkeit, ihre Umgebung zu ihren Gunsten zu manipulieren, definieren, und Macht nichts anderes ist als das Potenzial, die Umgebung zu beeinflussen, streben sie nach Machtpositionen. Darüber hinaus sind Psychopathen sowohl skrupellos, als auch hervorragende Manipulatoren, und schaffen es so, erfolgreich in Hierarchien aufzusteigen. Es ist nach Lobaczewski nur eine Frage der Zeit, bis in irgendeiner Organisation eine gewisse Anzahl höherer Posten durch Psychopathen besetzt ist. Für ihn ist das Versagen politischer Systeme keine Frage von Verfassungen oder zugrunde liegenden Wertesystemen, sondern eine Folge der Durchdringung von Machtsystemen durch Psychopathen.

Was bedeutet das für unser Wirtschaftssystem? Nach Lobaczewski müsste es unter Managern einen höheren Anteil von Psychopathen geben als unter der Gesamtbevölkerung. Diese müssten dort nicht aufgrund ihrer fachlichen, sondern aufgrund ihrer manipulativen Fähigkeiten sitzen. Robert Hare, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Psychopathie, auf den diverse Tests zur Erkennung von Psychopathen zurückgehen, war 2010 Co-Autor einer Studie, die genau das untersucht hat. Der Anteil potentieller Psychopathen lag bei dieser Studie bei 1,2% in der normalen Bevölkerung, aber bei 5,9% unter Managern. Weiterhin stellte die Studie, die ebenfalls die fachliche Eignung der Manager untersuchte, fest, dass Psychopathen, wenn sie fachliche Minderleister sind, dies durch Auftreten und Verhalten mehr als kompensieren.

Nun gibt es nicht nur echte Psychopathen und normale Menschen, die alle lieb und fromm sind. Unter den Normalen gibt es sehr unterschiedlich stark ausgeprägtes moralisches Verhalten. Der Mechanismus, mit dem ein paar Prozent Psychopathen ein „pathologisches Kontrollsystem“ schaffen, mit dem sie eine „Pathokratie“ beherrschen, verläuft über eine zweite Reihe von Verhaltenspsychopathen, die normal geboren wurden, aber in ihrer Entwicklung psychopathische Züge übernommen haben. Werden normale Menschen lang genug einer psychopathischen Umgebung ausgesetzt, stumpft ein Teil von ihnen derart ab, dass sie psychopathisches Verhalten mit übernehmen. Dabei hängt der Anteil von Dauer und Intensität ab.

Haben wir also erst einmal ein Wirtschaftssystem, in denen das Verhalten der herrschenden Elite durch einen vergrößerten Teil von echten Psychopathen geprägt ist, so führt dass dazu, dass normale Menschen ebenfalls psychopathische Handlungsweisen übernehmen. Dies ist ein sich selbst verstärkender Prozess, denn durch Selbstauslese wird eine pathologische Hierarchie immer die bevorzugen, die sich entsprechend amoralisch Verhalten. Viele moralisch integre Menschen wählten den Ausstieg aus dem System, als sie vor dem Dilemma standen, ihre Position in der Hierarchie nur durch unmoralisches Auftreten halten zu können. Übrig blieben die pathologischen Fälle.

Tatsächlich sind Manager nicht die Spitze der wirtschaftlichen Elite. Sie sind die oberen 1%, die die Drecksarbeit für die oberen 0,1% machen. Während die oberen 0,1% ererbter Geldadel sind, in dem Psychopathen genauso selten oder häufig sind wie in der normalen Bevölkerung, stellen die oberen 1% ihre Handlanger dar. Die oberen 0,1% müssen nicht arbeiten, sie leben von Zinsen und Dividenden und bezahlen die oberen 1% dafür, zu managen und Verwaltung zu machen. Dort sammeln sich die Aufsteiger (aus der Mitte, nicht von ganz unten). Dort sorgt die Selbstauslese für eine Konzentration von Psychopathen. Dort werden Leute entlassen, betrügerische Geschäftsideen geboren und systematisch Kosten externalisiert. Der Psychopath als Geschäftsbetrüger ist nicht zufällig eine fast klischeehaft häufig vorkommende Figur. Selbst das FBI hat sich mit diesem Phänomen schon beschäftigt.

Wenn also Psychopathen unser Wirtschaftssystem prägen, wie macht sich dann psychopathisches Verhalten in der neoliberalen Ideologie bemerkbar? Wie beim Psychopathen, der die Gegenwart höher wichtet als die Zukunft, ist auch unser Wirtschaftssystem durch enges Schielen auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet. Langfristige Investitionen oder gar generationsübergreifendes Denken sind ihm fremd. Wie der Psychopath auch pflegt unser Wirtschaftssystem einen parasitären Lebensstil. Es zehrt unsere Ökosysteme, arme Volkswirtschaften und die eigene Unterschicht aus. Und wie ein Psychopath bewertet unser Wirtschaftssystem nicht nach moralischen Kategorien, sondern nach Nutzen. Gut ist, was Gewinne bringt. Verpackt wird das in eine marktideologische Klausel, nach der Gewinne gut sind, weil sie vom Markt hervorgebracht wurden. Wer wissen möchte, ob sein Vorgesetzter ein Psychopath ist, kann dessen Verhalten mit den Checklisten von Hare oder Cleckley vergleichen.

An dieser Stelle könnte dieser Blogbeitrag aufhören, um die Erkenntnis, dass wir in einem psychopatischen Wirtschaftssystem leben, ein bisschen sacken zu lassen. Wir sind aber noch nicht ganz fertig, denn es gibt eine Querverbindung von Lobaczewski zu aktuellen Ereignissen.

Nicht nur wirtschaftliche, sondern gerade politische Systeme sind anfällig für die Pathologisierung durch Psychopathen. Längst ist jedem aufgefallen, dass Spitzenpolitiker lügen können ohne rot zu werden, ihre Meinung nicht nach einem moralischen, sondern einen machtpolitischen Kompass richten und hochtalentiert darin sind, Menschen so zu manipulieren, dass sie gewählt werden. Natürlich gibt es in der Politik jede Menge geborene und erworbene Psychopathen. Gefährlich wird es dann, wenn diese Menschen über Krieg und Frieden entscheiden.

1985 hat Lobaczewski, der sein Werk in Polen vor der Geheimpolizei verstecken musste, sein Manuskript an einen Exilpolen in den USA geschickt. Dieser versprach, einen Verleger zu finden. Leider war dieser Exilpole selbst Psychoapth, und hat das Manuskript daher verschwinden lassen. Erst der Fall des eisernen Vorhanges bot Lobaczewski die Möglichkeit, sein Werk zu veröffentlichen.

Besagter Exilpole, er heißt Zbigniew Brzezinski, hat ein paar Jahre später sein Meisterwerk veröffentlicht. Es heißt „The Grand Chessboard“ und zeigt mit psychopathischer Kühle, an welchen Ecken der Erde seine mächtige Wahlheimat USA Konflikte schüren und Kriege anzetteln muss, um die weltweite Nummer Eins zu bleiben. Brzezinski, der mittlerweile als wichtigster außenpolitscher Berater der USA seit Kissinger gehandelt wird, haben wir den Ukrainekonflikt zu verdanken. Aber das ist eine andere Geschichte.