Der Durchblicker

Griechenland hat eine Regierung gewählt, die der Troika eiskalt den Mittelfinger zeigt. In Deutschland sehen Politiker und Journalisten das Ende des Abendlandes gekommen. Tatsächlich ist aber ein kleines Wunder passiert. Nachdem jahrelang neoliberale Ideologen aus Deutschland und aller Welt in Griechenland Amok gelaufen sind, hat Griechenland mit Yanis Varoufakis nun einen Finanzminister, der zu der raren Spezies der wissenschaftlichen Ökonomen gehört, die keine marktideologische Brille aufhaben. Anstatt nun das siebenundneunzigste Portrait (1, 2, 3, …, 94, 95, 96) über ihn zu schreiben, wollen wir ihn ein wenig selbst zu Wort kommen lassen. Wer seine Blogs liest (hier und hier) stellt fest, dass Yanis ein überaus unterhaltsamer Mensch ist, der anschaulich erklärt, humorvoll formuliert und über glasklaren Blicke auf die Probleme und Grenzen der Wirtschaftswissenschaften besitzt.

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden bei Yanis viele bekannte Themen wiederfinden. So kennen wir bereits die Notwendigkeit der Prognose als echte Feuertaufe zur Bestätigung einer Theorie und auch die Besessenheit der Ökonomen mit statistischen Kennwerten ist uns nicht fremd. Yanis schreibt dazu:

„Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Travestie! Während ihre große Abhängigkeit von statistischen Kennwerten uns glauben lässt, sie wäre eine Form der angewandten Statistik, so entspricht sie tatsächlich eher einer Art computerisierter Astrologie: Eine Form von Hokuspokus, die versucht, ihr Image auszubessern, indem sie von wissenschaftlichen Methoden, Anschauungen und Prozessen Gebrauch macht. Ist dies nicht zu hart geurteilt?“

„Nicht im geringsten. Der Zweck der Wirtschaftswissenschaften ist es, ökonomische Theorien mit statistischen Mitteln zu testen. Tatsächlich wird jedoch am Ende nur getestet, ob eine „reduzierte Form“, also Gleichungen (oder Gleichungssysteme), die zur eigenen Theorie passen, auch zu den Daten passen. Das Problem ist natürlich, dass gezeigt werden kann, dass die zu testende „reduzierte Form“ auch zu einer unendlichen Anzahl konkurrierender Theorien passt. Daher können die Wirtschaftswissenschaften nur vortäuschen, sie würden zwischen sich gegenseitig widersprechenden Theorien unterscheiden. Alles was sie tatsächlich tun, ist die Aufdeckung empirischer Regelmäßigkeiten ohne ursächliche Erklärung. Frech gesagt ist es ihnen unmöglich, absurde Schlussfolgerungen wie „Weihnachten hat seine Ursache im vorherigen Anstieg in der Nachfrage nach Kinderspielzeug“ zu vermeiden.“

Nicht nur stellt Yanis fest, dass der Vergleich von Gleichungen mit statistischen Kenndaten nur begrenzt aussagekräftig ist, auch die Erzeugung der Kenndaten selbst (z.B. BIP) ist mehr als fragwürdig:

„Du musst nur sehen, wie ökonomische Kennzahlen zustandekommen, um zu beschließen, dass du nicht damit arbeiten möchtest. Es ist ein bisschen wie mit der Wurst, die man nicht essen möchte, weil man gesehen hat, wie sie hergestellt wurde.“

Das großartige ist, das Yanis in seiner Forschung die Möglichkeit hatte, deutlich tiefer und intensiver in eine Volkswirtschaft zu gucken, als es viele andere Ökonomen konnten. Eines Tages schrieb Gabe Newell, Vorsitzender der Spielefirma Valve und Leser von Yanis Blog an diesen eine Email:

„In unserer Firma diskutierten wir das Thema der Verbindung von Volkswirtschaften in zwei virtuellen Umgebungen (erschaffen dabei eine gemeinsame Währung) und kämpften gerade mit ein paar größeren Problemen bei den Zahlungsbilanzen, als mir in den Sinn kam ‚das ist wie bei Griechenland und Deutschland‘.“

So kam Yanis zu Valve und begann, die Tauschwirtschaft des Spiels Team Fortress 2 zu analysieren. Dabei hatte er Zugriff auf sämtliche Transaktionsdaten dieser digitalen Welt, und konnte somit viel detaillierter in eine Volkswirtschaft gucken, als es Ökonomen tun, die nur mit statistischen Kennzahlen arbeiten.

Vielleicht erinnern wir uns dunkel an den Nobelpreisträger, der behauptete, Marktpreise wären immer perfekt, weil alle verfügbaren Informationen da irgendwie mit drin stecken. Nun, Yanis hat herausgefunden, das dies nicht so ist. Da er tatsächlich alle verfügbaren Marktdaten hatte (so wie alle Team Fortress 2 Marktteilnehmer), konnte er die Tauschpreise vergleichen und so sehen, dass der Marktpreis nie alle verfügbaren Informationen enthielt. Denn verschiedene Tauschgeschäfte liefen bei verschiedenen relativen Preisen ab, was die Möglichkeit schuf, durch Handel diese Preisunterschiede zu nutzen (Arbitrage):

„Die Antwort ist: Arbitragemöglichkeiten scheinen perfekte Informationen zu überleben. Transparenz vernichtet nicht die Möglichkeit, sich durch Handel guten Profit zu verschaffen.“

Diese Erkenntnis, dass es kein Marktgleichgewicht gibt, hat schon enorme Auswirkungen auf das klassische Marktbild:

„Warum ist Marktgleichgewicht so ein zentrales Konzept in den Wirtschaftswissenschaften? Die einfache Antwort ist, dass wir Ökonomen ohne ein Marktgleichgewicht keine Chance haben, irgendetwas zu erklären, geschweige denn etwas zu prognostizieren (Preise, Mengen, usw.).“

[…]

„Sollten wir erwarten, dass die Wirtschaft sich im Marktgleichgewicht befindet? Wir wünschten es. Aber wenn wir annähmen, wie viele Ökonomen es tun, dass das Marktgleichgewicht die meiste Zeit vorherrscht, so wohnten wir im Wunderland. Tatsächlich dachten die ersten großen Ökonomen (Leute wie Adam Smith und David Ricardo) nie daran, dass eine Volkswirtschaft sich austarieren und ein Marktgleichgewicht erreichen würde. Sie hofften nur, dass Wettbewerb dazu führt, dass die Volkswirtschaft sich in Richtung des Marktgleichgewichtes bewegt, was etwas deutlich anderes ist, als das Gleichgewicht tatsächlich zu erreichen.“

Auch wenn Presse und Politiker bei uns Yanis als wirtschaftspolitischen Hasardeur darstellen, der als griechischer Finanzminister Europa ins finanzielle Chaos stoßen wird, so ist festzuhalten, dass kaum ein deutscher Politiker oder Journalist auch nur im Entferntesten Yanis wirtschaftlichen Durchblick hat. In seinem „Modest Proposal“ für eine neue Europäische Krisenpolitik zeigt er seine analytische Schärfe und seine realpolitischen Verstand, indem er eine Lösung vorschlägt, die der institutionellen Randbedingungen der EU und der Befindlichkeiten der Mitglieder gerecht wird. Seine Herangehensweise an die Euro-Krise ist für jeden, der beruflich Probleme löst, plausibel, und unterscheidet sich dennoch von den in der Politik üblichen ideologisch motivierten Lösungen. Er zerlegt das Gesamtproblem, das zu komplex ist, um es als Ganzes zu lösen, in Teilprobleme, die klein genug sind, um getrennt voneinander gelöst zu werden.

„Die Krise der Eurozone entfaltet sich in vier miteinander verwobenen Bereichen.“

„Bankenkrise: […] Die Eurozone hat eine Zentralbank ohne Regierung und nationale Regierungen ohne unterstützende Zentralbanken, welche einem globalen Netzwerk aus Mega-Banken gegenüber stehen, die sie unmöglich überwachen können. […]“

„Schuldenkrise: Die Kreditkrise von 2008 zeigte, dass es unmöglich ist, in der Eurozone eine saubere Trennung der öffentlichen Schulden vorzunehmen. […] Die Anleihenkäufe der EZB können weder die Fähigkeit versagender Märkte, Geld zu verleihen, noch die Fähigkeit versagender Regierungen, Geld zu leihen, wieder herstellen.“

„Investitionskrise: […] Die Bürde der Wirtschaftsreformen fiel genau auf die Defizitgebiete, die sie nicht tragen konnten, weder durch Entwertung der Währung noch durch öffentliche Ausgaben. Damit floss das Geld aus den Regionen ab, die Investitionen am dringendsten benötigten. So herrscht in Europa nicht nur ein allgemeiner Investitionsmangel, sondern auch eine sehr ungleiche Verteilung dieser Investitionen zwischen den Überschuss- und den Defizitgebieten.“

„Soziale Krise: […] Von Athen bis Dublin, von Lissabon bis Ostdeutschland haben Millionen Europäer den Zugang zu grundlegender Versorgung und ihre Würde verloren. Arbeitslosigkeit wütet, Obdachlosigkeit und Hunger nehmen zu. Renten wurden gekürzt, während Steuern auf notwendige Güter steigen. […]“

Zusammengefasst möchte Yanis diese vier Krisen in vier Streichen lösen:

„Der erste Streich, das Fall-zu-Fall-Banken-Programm, überbrückt die Hürde der unvollständigen Bankenunion und entkoppelt die Schuldenlast öffentlicher Haushalte von der Rekapitalisierung der Banken und erlaubt so eine durchdachtere Bankenunion zu einem späteren Zeitpunkt.“

„Durch den zweiten Streich, das begrenzte-Schuldenumwandlungs-Programm, schrumpft der Berg der öffentlichen Schulden in der Eurozone durch eine EZB-ESM-Umwandlung der Maastricht-konformen Schulden der Mitgliedsstaaten.“

„Der dritte Streich, das Investment-geführte-Erholungs-und-Annäherungsprogramm nutzt globale Zahlungsüberschüsse um sie in Europäische Investitionen zu verwandeln.“

„Der vierte Streich, das soziale-Solidaritäts-Notprogramm, nutzt Geldmittel aus den Asymmetrien an der Wurzel der Krise, um menschliche Grundbedürfnisse zu decken, die aus dieser Krise entstanden sind.“

Jede dieser Teillösungen ist natürlich wieder recht komplex. Wichtig für uns ist, dass in Griechenland erstmals in der Wirtschaftspolitik Menschlichkeit und Vernunft walten. Vielleicht werden wir eines Tages auch so klug wie die Griechen, und hören auf, die Probleme unseres Landes Berufspolitikern ohne Sachverstand anzuvertrauen.

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