Ölmärchen

Seit Monaten fällt der Ölpreis beständig, und seit ein paar Wochen hat auch die allgemeine Presse das Thema auf dem Radar. Nun wird um diese Tatsache des fallenden Ölpreises die Story gestrickt, dass die Saudis die amerikanische Frackingkonkurrenz aus dem Markt drängen möchten. So oder so ähnlich schreiben es z.B. das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung und der Focus.

Nun sind Journalisten heutzutage ja weder für eine saubere Berichterstattung noch für hohe Kompetenz in Energiefragen bekannt. Was steckt also wirklich hinter dem fallenden Ölpreis? Und was habend die Saudis eigentlich damit zu tun?

Die erste Frage ist relativ leicht beantwortet. Öl ist ein Energieträger und wir wissen, dass wirtschaftliche Aktivität untrennbar mit Energieverbauch verbunden ist. Der Ölpreis reagiert auf Angebot und Nachfrage. Wird aufgrund weniger wirtschaftlicher Aktivität weniger Öl nachgefragt, fällt der Ölpreis. Ein fallender Ölpreis ist also ein Indikator für eine lahmende Weltkonjunktur. Da die Förderung von Rohöl* laut IEA (Internationale Energieagentur) seit etlichen Jahren um die 74-75 Millionen Barrel pro Tag vor sich hin stagniert, kann ein Preisrutsch durch ein plötzliches Überangebot mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen werden.

Natürlich ist es theoretisch denkbar, dass große Teilnehmer am Ölmarkt irgendwelche Aktionen unternehmen, um den Ölpreis in irgendeiner Weise zu beeinflussen, aber gemäß Occam ist diejenige Erklärung die wahrscheinlichste, für die am wenigsten Märchen dazu erfunden werden muss. Und damit landen wir weit weg von möglichen Preisverschwörungen bei schlichter Marktreaktion auf Nachfrageänderungen.

Und warum schreiben dann alle vom Preiskrieg mit den Saudis? Erinnern wir uns ein paar Jahre zurück. Als der Frackingboom in den USA begann, überschlugen sich die Freunde des ewigen Konsums mit Meldungen, wie diese tolle neue Technologie die Energieversorgung über Generationen sichern soll. Obama selbst sprach in seiner State-of-the-Union-Rede 2012 von „Erdgas für 100 Jahre“. Ein Jahr später haben wir schon festgestellt, dass der geringe Erdgaspreis nicht von Dauer sein wird. Damals schrieb ich: „“Die Mehrzahl der Bohrfirmen hat sich aus der Gasbohrung verabschiedet und bohrt lieber nach unkonventionellem Öl, da dort der Marktpreis viel höher ist“.“ Dieser Wechsel vom Gasfracking auf Ölfracking ist von der allgemeinen Presse überhaupt nicht registriert worden. Dabei ist er von enormer Bedeutung. Gasfracking war nie rentabel und ist in den USA mittlerweile auf dem Sterbebett angelangt. Die Frackingfirmen haben sich daher einem anderen Rohstoff, nämlich Öl zugewandt.

Das Problem ist, dass Fracking trotzdem nie rentabel wurde. Seit etlichen Jahren liegen nach offiziellen Angaben der nationalen US-Energiebehörde EIA die Ausgaben für das Fracken von Öl oder Gas (blaue Linie) über den durch den Verkauf erzielten Erlösen (grüne Linie).

Einnahmen und Ausgaben von Energieunternehmen in den USA gemäß EIA.

Diese Lücke muss permanent durch neue Kredite geschlossen werden. Und in Zeiten von niedrigen Zinsen finden sich willige Anleger, die sich vom Märchen der Wundertechnologie Fracking verzaubern lassen. Damit genügend Schafe ihr Erspartes dort investieren, läuft seit Jahren die PR-Maschine für Fracking auf Hochtouren. Nur wenn glaubhaft gemacht werden kann, dass Fracking ein Business für die nächsten hundert Jahre ist (und Obama hat es geglaubt) wähnen Anleger dort einen sicheren Hafen. Daher hat auch die allgemeine Presse das Detail, dass mittlerweile Öl statt Gas gefrackt wird, übersehen. Die meisten Berichte zu diesem Thema basieren auf Meldungen, die gezielt lanciert wurden, um den Fracking-Hype am Leben zu halten.

Um die Kredite zu bekommen, mit denen die Fracking-Firmen ihr Schneeballgeschäft am Leben halten, brauchten sie Sicherheiten. Diese lagen in den Schürfrechten für Öl und Gas. Je mehr dort zu holen war, desto größere Kredite waren damit abzusichern. Also übertrieben sie die Schätzungen für die Öl und Gasvorräte gewaltig. Sogar die EIA ließ sich davon täuschen. Kleinlaut musste die Behörde später zugeben, dass z.B. die Vorräte im viel gehypten Monterey Shale in Kalifornien um 96% nach unten korrigiert werden mussten, weil sie um den Faktor 25 zu hoch geschätzt waren. Die tatsächlich dort förderbaren 600 Millionen Barrel Öl reichen der öldurstigen US-Wirtschaft gerade einen Monat.

Fracking ist also die ganze Zeit nichts anderes gewesen als eine Investitionsblase. Natürlich verdient Wallstreet kräftig daran mit, wenn große Mengen Geld verschoben und Kredite vergeben werden. Viele sind in dieser Blase steinreich geworden, aber jede Blase muss irgendwann mal platzen. Dies sind für Leute, die sich damit auskennen, allerdings keine Neuigkeiten. Schon vor drei Jahren warnte der Öl-Analyst und Autor Richard Heinberg vor dem Platzen der Frackingblase. Nur der Umstieg von Gasfracking auf Ölfracking hielt die Party noch bis heute am Leben.

Nun lahmt aber die Weltkonjunktur, der Ölpreis sinkt und die Blase platzt, weil mittlerweile auch der dümmste Investor sich an drei Fingern abzählen kann, dass bei derzeitigen Ölpreisen das aufwendige Fracking nicht rentabel sein kann. Ohne die ständige Infusion neuer Kredite bricht das Frackinggeschäft wie ein Kartenhaus zusammen.

Wenn so eine Blase platzt, verlieren viele gutgläubige Investoren viel Geld und andere, die sich von Anfang an der Blase bewusst waren, kommen mit großen Gewinnen davon. Daher will nach so einer Blase niemand zugeben, dass es eine Blase war und jeder behauptet, keiner hätte das Ende vorhersehen können. Für diese Art der Ausrede haben Ökonomen sogar einen Begriff erfunden, den „Black Swan“. Ein Black Swan ist, platt gesagt, alles, was ein Investor nicht vorhergesehen hat.

Nun ist eine lahmende Weltkonjunktur mit einer sinkenden Ölnachfrage sicherlich kein Black Swan, da dies alle paar Jahre wieder auftritt. Daher kommen nun die Saudis ins Spiel. Um einen Black Swan zu schaffen, wird einfach ein Preiskrieg der Saudis herbeifabuliert. Anstatt zuzugeben, dass Fracking Unfug war, wird behauptet, die Saudis gäben alles, um das großartige Fracking aus dem Markt zu drängen. Wer dabei die Berichterstattung etwas aufmerksamer liest, der stellt fest, dass den Saudis gar nicht vorgeworfen wird, den Markt mit billigem Öl zu fluten, was bei einem Preiskrieg das Mittel der Wahl wäre. Stattdessen wirft man den Saudis vor dass sie seit Jahren nichts an ihrer Förderpolitik ändern. Man macht also jemanden, der offensichtlich nichts getan hat, zum Sündenbock.

Übrigens ist Saudi Arabien gar nicht mehr in der Lage, große Preiskriege um das Öl anzuzetteln. Zwar ist Saudi Arabien mit 9-10 Millionen Barrel Tagesförderung der größte Ölproduzent der Welt, aber während vor zehn Jahren noch rund 60 Bohrtürme ausreichten, um diese stagnierende Menge zu fördern, sind es heute rund dreimal so viele Bohrtürme, weil auch in Saudi Arabien die ergiebigsten Quellen langsam versiegen (dies ist aber nichts im Vergleich zu den rund 1500 Bohrtürmen, die die USA für eine insgesamt kleinere Fördermenge benötigen). Außerdem verbrauchen die Saudis mittlerweile rund ein Drittel ihres Öls selbst, mit stark steigender Tendenz, so dass die exportierbare Menge permanent weniger wird. Die Saudis haben kaum Interesse an niedrigen Ölpreisen, weil sie mit immer weniger exportierbarem Öl weiter wachsende Staatsausgaben schultern müssen.

Wir werden also im Jahr 2015 erleben, wie die Frackingblase platzt (sehr wahrscheinlich) und wie die Weltkonjunktur langsam erlahmt (ziemlich wahrscheinlich), der Ölpreisverfall sagt es ja voraus.

Zu guter Letzt noch ein Ölmärchen zum Abschied: Obwohl wir wissen, dass der Ölpreis ein Zeichen für eine lahmende Weltkonjunktur ist, glaubt der IWF, er wäre eine Konjunkturspritze. Die Idee dahinter ist, dass wir das Geld, dass wir weniger für Öl ausgeben, für andere Dinge ausgeben, und so zusätzlich Nachfrage erzeugen, was die Wirtschaft ankurbelt. Tatsächlich ist es ein Nullsummenspiel. Jeden Euro, den wir mehr ausgeben, geben die Saudis und andere Exporteure weniger aus, weil sie weniger Einnahmen durch den niedrigen Ölpreis haben. Aber scheinbar ist in unserer Welt nichts so schlimm, wie dem fehlenden Wirtschaftswachstum ins Auge zu blicken.

* Da die IEA gerne von ausreichend großen Ölvorräten bis ans Ende unserer Tage schwärmt, gibt sie lieber die Menge von 89 Millionen Barrel an, indem zu dem Rohöl Bioethanol und andere brennbare Flüssigkeiten hinzugezählt werden.