homo oeconomicus?

Den Begriff des „economic man“, des ökonomischen Menschen, erfand der Ire John Kells Ingram. Erst die Lateinisierung durch Pareto (dessen Leistung darin bestand, zu erkennen, dass Einkommen nicht normal verteil ist, sondern zugunsten der Wohlhabenden) führte zum „homo oecomonicus“, der als Begriff fester Bestandteil vieler wirtschaftlicher Weltanschauungen ist. Mindestens so alt wie der Begriff selbst ist die Debatte darüber, ob denn der Mensch nun ein rationales auf wirtschaftlichen Eigennutz bedachtes Wesen sei, oder ein altruistisches mitfühlendes.

Unsere Erfahrung zeigt beides. Wir sehen einerseits (auch bei uns selbst) ein Verhalten des Preisevergleichens, das rein rational danach strebt, möglichst viel Eigennutz für das Geld zu bekommen. Wir sehen aber auch, dass eine Vielzahl von Wirtschaftsleistungen einfach verschenkt wird. Freunde helfen beim Umzug, Kollegen geben ein Bier aus, und insbesondere Privathaushalt und Familie sind auch heute noch Bastionen der Verteilung von Gütern nach Bedarf. Niemand würde auf die Idee kommen, den Sonntagsbraten oder die Weihnachtsgeschenke danach zu verteilen, welchen wirtschaftlichen Nutzen die einzelnen Familienmitglieder haben.

Was stimmt also nun? Ist der Mensch empathisch oder rational? Die Antwort darauf lässt sich nicht pauschalisieren. Der Mensch kann beides sein. Sei Verhalten hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns gerade aktiv ist.

Ohne jetzt zu weit in die Gehirnologie abzudriften, gibt es verschiedene Teile des Gehirns, die für verschiedene Aufgaben zuständig ist. Rationale Entscheidungen werden in den Frontallappen des Großhirns getroffen, welche beim Menschen im Vergleich zum Resthirn größer sind als bei vielen Tieren. In unserem Zeitalter sind wir sehr frontallappenlastig geworden. Wir müssen alles genau abwägen und jede Entscheidung logisch schlussfolgern. So werden wir in der Schule darauf gedrillt, mit Hilfe der Frontallappen aus Vokabellisten und Grammatikregeln Sätze in fremden Sprachen zu konstruieren, obwohl dafür eigentlich das Broca-Areal und das Wernicke-Zentrum zuständig sind. Das erklärt, warum Kleinkinder innerhalb weniger Jahre ohne Unterricht fließen ihre Muttersprache lernen, aber in neun Jahren Schulenglisch wenig Sprachfunktionalität hängen bleibt. Irgendwo in diesem Frontallappen sitz auch unser homo oeconomicus.

Was den Menschen aber zum empathischen Wesen macht sind seine Spiegelneuronen. Diese aktivieren sich unserem Alltag ständig ohne unser zutun. Sehen wir beispielsweise, wie sich jemand den linken Zeigefinger in einer Tür klemmt (jetzt bitte Augen schließen und sich das bildlich vorstellen), so aktivieren sich bei uns die gleichen Neuronen, die bei demjenigen mit dem eingeklemmten Finger aktiv sind (na, gemerkt?). Dass wir „Autsch“ denken, die Stirn verkneifen und Luft die aufeinandergepressten Zähne einatmen, wenn wir sehen, wie jemand Schmerz hat, ist die Reaktion unserer Spiegelneuronen. Das gleiche gilt auch für das Fremdschämen. Wenn jemand etwas extrem peinliches macht, aktivieren sich bei uns die Neuronen, die für das Schamgefühl zuständig sind. Spiegelneuronen sind also Neuronen, die immer dann aktiv werden, wenn wir mitbekommen, was unseren Mitmenschen widerfährt und die dessen neuronale Reaktion kopieren, sie also „spiegeln“.

Diese Spiegelneuronen machen uns zu einem mitfühlenden Wesen. Die Aussage, dass ein Toter eine Tragödie, Millionen Tote aber nur eine Statistik sind, die für Remarque und Tucholsky belegt ist und die Stalin nachgesagt wird, hat ihre Ursache in genau dieser Unterscheidung verschiedener Hirnareale. Das Schicksal eines einzelnen können wir über unsere Spiegelneuronen nachfühlen, Zahlen und Statistiken hingegen werden dort ausgewertet, wo die Schule uns die Mathematik in den Frontallappen gemeißelt hat.

Die meiste Zeit seiner Geschichte hat der Mensch in Gesellschaftsformen verbracht, in der jeder jeden kannte. Dort hat sich als Wirtschaftsform häufig eine Schenkwirtschaft entwickelt. Diese basiert auf dem einfachen Prinzip, dass jeder kostenlos Waren und Dienstleistungen an andere verteilt. Wer Jagderfolg hatte, verteilt seine Beute, wer heilerische Fähigkeiten hat, der kümmert sich um Kranke usw. Diese Strategie führt zu Synergieffekten, da das Jagd- und Verletzungsrisiko in der Gruppe gestreut wird. Daher hat sich dieses Verhalten evolutionär durchgesetzt. Tatsächlich ist die Schenkwirtschaft also eine verzögerte Tauschwirtschaft, da alles, was das Individuum der Gruppe zugute kommen lässt, auch irgendwann wieder zurückkommt.

Jedoch funktioniert diese Schenkwirtschaft nur in Gruppen, in denen jeder jeden kennt. Die Spiegelneuronen verhindern Trittbrettfahrerei. Sieht ein Individuum, wie sich alle anderen in der Gruppe abplackern, so wächst das Bedürfnis, ihnen zu helfen. Dadurch tritt reines Nutznießertum kaum auf. Allerdings springen die Spiegelneuronen nur an, wenn man tatsächlich wahrnimmt, wie sehr jemand sich plagt. Dies ist jedoch nur in Gesellschaften mit geringer Arbeitsteilung, bei der man alle Produzenten der eigenen Konsumgüter persönlich kennt, der Fall. So eine Gesellschaft sind wir jedoch seit Jahrhunderten nicht mehr.

Unsere moderne Gesellschaft ist hoch arbeitsteilig. Die Herstellungsprozesse unserer Konsumgüter verteilen sich über den ganzen Globus und sind für uns praktisch unsichtbar. Wir haben keine Ahnung, wer unser Essen, unsere Kleidung, unsere Gebrauchsgüter herstellt, unter welchen Bedingungen diese Leute arbeiten und was sie dafür bekommen. Eine solche Gesellschaft spricht unsere Spiegelneuronen schlicht nicht an. Daher funktioniert auch Kommunismus nicht so ohne weiteres in einer Industriegesellschaft, da Kommunismus eine Schenkwirtschaft ist, bei der niemand daran gehindert wird, Trittbrettfahrer zu werden, da niemand mehr sieht, wie der Großteil der anderen beim Arbeiten schuftet.

Hohe Arbeitsteilung führt immer zu einer Entfremdung. Dies ist natürlich auch in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft nicht anders. In unserer Gesellschaft ist ja jeder sowohl Konsument von Gütern und Dienstleistungen als auch in irgendeiner Form Produzent.

Als Konsument kommunizieren wir mit dem Hersteller meist auf zwei Wegen. Der erste ist Werbung. Werbung ist naturgemäß sehr einseitig und ist darauf perfektioniert worden, unsere Spiegelneuronen zu täuschen. Die wichtigste Zutat für Werbung sind fröhliche Menschen. Fröhliche Mütter, die Zuckerbomben an fröhliche Kinder verteilen, fröhliche Omas, die Gemüse für irgendwelche Fertigsoßen mit der Hand schnibbeln, fröhliche Kunden, die von einem fröhlichen Finanzberater über den Tisch gezogen werden. Damit werden unsere Spiegelneuronen, die sich mit diesen Menschen mitfreuen, in einer Art und Weise belogen, die dafür sorgt, dass wir bei den beworbenen Produkten irgendwie ein schönes Gefühl haben. Das funktioniert auch mit Tieren, weshalb auf Milch.- und Eierpackungen oft Tiere zu sehen sind, die auf grünen Wiesen herumstreunern. Das hat natürlich mit realen Haltungsbedingungen nichts zu tun, aber unsere Spiegelneuronen freuen sich mit der abgebildeten Kuh über das grüne Gras.

Der zweite Weg auf dem wir als Kunde mit dem Hersteller kommunizieren ist der Preis. Dieser wird rational verarbeitet und hat nichts mit unsere Spiegelneuronen zu tun. Wenn also unser mitfühlendes Ich durch Werbung ausgeschaltet ist, bleibt nur der rationale Frontallappen übrig, um über den Kauf zu entscheiden.

Wir verhalten uns also beim Kauf oft als homo oeconomicus, aber nicht, weil wir grundsätzlich einer sind, sondern weil uns die Umstände dazu bringen. Da wir systematisch durch Werbung belogen und durch schlecht oder falsch deklarierte Produkte getäuscht werden, können wir gar keine moralischen Kaufentscheidungen treffen.

Als Produzenten sind wir meist Angestellte in irgendeinem Unternehmen. Unser Kunden kennen wir meist nicht persönlich und wenn, dann nur flüchtig. Den meisten Arbeitnehmern ist bewusst, dass sie, unabhängig davon wie viel sie tatsächlich leisten, nur so viel Gehalt bekommen, wie nötig ist, um die Arbeitnehmer bei der Stange zu halten. Dies führt auch auf Produzentenseite zu einem rationalen Verhalten. Wenn sowohl die Identifikation mit dem Kunden als auch mit dem Arbeitgeber fehlt, regt sich in den Spiegelneuronen gar nichts, der Angestellte verhält sich rational und versucht, mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Gehalt zu bekommen. Auch hier wird er durch die Umstände zum homo oeconomicus.

Wir leben also in einer Welt, die durch extreme hohe Arbeitsteilung zu einer extremen Entfremdung führt, bei der sich niemand mehr mit den anderen Menschen, die an den Wertschöpfungs- und Konsumprozessen beteiligt sind, identifizieren kann. Die Spiegelneuronen, die eigentlich dafür sorgen, dass wir grundsätzlich mitfühlende Wesen sind, werden durch Informationsmangel oder Werbung blockiert oder getäuscht, so dass es gar nicht möglich ist, moralische Entscheidungen als Marktteilnehmer zu treffen. Der Mensch wird zum homo oeconomicus, weil die Art, wie wir uns wirtschaftlich organsiert haben, uns dazu macht. Unser Wirtschaftssystem rechtfertigt aber sein Dasein damit, dass der Mensch ein rational handelndes Wesen sei und deshalb eine marktwirtschaftliche Organisation eine Art natürliche Ordnung darstellt. In diesem Zirkelschluss rechtfertigt das System seine Existenz über menschliche Eigenschaften, die erst in diesem System zum Tragen kommen.

Welche Implikationen hat das für einen selbst? Um in einer Welt, in der Menschen, die sich nicht persönlich kennen, permanent versuchen, sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen, kann man diesem Spiel nur entkommen, wenn man der Entfremdung entgegenwirkt. Wer für seine Arbeit anständig bezahlt werden möchte, muss ein persönliches Verhältnis zu seinen Kunden aufbauen, so dass deren Spiegelneuronen bereit sind, die eigene Leistung zu entschädigen. Dafür müssen diese aber mitbekommen, wie viel Fertigkeit und Mühe man in sein Produkt gesteckt hat. Möchte man als Kunde ernstgenommen werden, muss man ein persönliches Verhältnis zu den Produzenten der Waren und Dienstleistungen, die man konsumiert, aufbauen. Nur so sorgen die Spiegelneuronen des Produzenten dafür, Qualität und Preis auf ein Niveau zu bringen, dass der Produzent auch für sich selbst angemessen hält.

Natürlich sind wir größtenteils gefangen in dieser hocharbeitsteiligen Welt und können ihr in vielen Bereichen des Lebens nicht entkommen. Aber jedes bisschen Entfremdung, das wir durch Beziehung ersetzen, erhöht die Fairness, mit der wir selbst im Markt behandelt werden und eliminiert außerdem nutznießende Zwischenhändler.