Wirtschaftstheologie

Ich habe schon des Öfteren den Begriff des Wirtschaftstheologen gebraucht (z.B. hier, hier und hier). Es ist an der Zeit diesen zu erläutern. Wesentlich begründet wurde diese Wortschöpfung durch Alexander Rüstow, der übrigens auch andere heute geläufige Begriffe erfunden hat, wie z.B. den des Neoliberalismus.

Um zu verstehen, wie die Begriffe Wirtschaft und Theologie im gleichen Wort landen können, müssen wir uns zunächst ein bisschen mit letzterer beschäftigen. Natürlich ist das Feld der Theologie so komplex und vielfältig, dass man ganze Bibliotheken damit füllen kann, und zu jeder Aussage über Theologie gibt es irgendwo auf der Welt einen Theologen, der die Ausnahme ist, welche die Regel bestätigt. Dennoch gibt es religionsübergreifend gewisse Muster, die für die Theologie kennzeichnend sind.

Es gibt in jeder Religion, die auf irgendeiner heiligen Textsammlung gründet, Gelehrte, die ihr Leben damit verbringen, diese Schriften zu studieren, zu interpretieren und sie mit der beobachtbaren realen Welt in Zusammenhang bringen. In unserem Kulturkreis fällt diese Aufgabe christlichen Theologen zu, die sich natürlich in ihren Ansichten und Arbeitsweisen in verschiedenste Denkschulen aufteilen. Jahrhundertelang haben sich kluge Köpfe selbigen über diverse Einzelprobleme der Theologie zerbrochen und so ein hochkomplexes Gedankengebilde geschaffen, das allen möglichen Kriterien wissenschaftlicher Methodik gerecht wird und weit über die in der Bibel verewigten Inhalte hinaus geht.

Dennoch haben viele Religionsgelehrte dieser Welt, aller Methodik zum Trotz, Probleme, einer kritischen Prüfung ihrer Arbeit hinsichtlich des wissenschaftlichen Gehaltes Stand zu halten. Wissenschaft enthält im Wesentlichen zwei wichtige Bausteine. Der erste ist die Erhebung einer empirischen Datenbasis, also die Beobachtung der beobachtbaren Welt, um Fakten und Daten zu sammeln. Das zweite ist das Schlussfolgern aus diesen Fakten, um so zusätzliche Informationen abzuleiten. Theologie ist oft nur in dem zweiten Punkt eine Wissenschaft. Im ersten Punkt versagt sie meistens. Statt einer empirischen Datenbasis werden die Inhalte uralter Textsammlungen, von denen eigentlich kaum noch jemand weiß wer diese damals mit welchen Absichten verfasst hat, oft als axiomatisch angesehen. Je fundamentalistischer ein Gottesgelehrter ist, desto wörtlicher nimmt er die Aussagen der heiligen Texte seiner Religion als gegebenen Fakt hin, auf welchem dann Wissenschaft betrieben wird. Der Text bildet dann ein sogenanntes Axiom, also ein Informationsstück im Theoriegebäude, das selbst nicht durch andere Informationen begründet, bewiesen oder abgeleitet ist. Das Schlussfolgern weiteren Wissens auf diesen Axiomen kann dann mit Methoden ablaufen, die höchsten wissenschaftlichen Standards genügen. Jedoch besitzen diese Schlussfolgerungen dann genauso wenig Wahrheitsgehalt wie die Axiome, auf denen sie beruhen.

Nun sind Theologen ein dankbares Opfer, wenn man die wissenschaftliche Arbeit auf einer fragwürdigen Datenbasis belächeln möchte. Aber es gibt auch in anderen Wissenschaften Beispiele für komplexe Theoriegebäude, die auf falschen Axiomen beruhen. So ist die axiomatische Basis der homöopathischen Lehre (Ähnlichkeitsprinzip, Dynamisierung durch Verdünnung usw.) von Samuel Hahnemann am Schreibtisch erfunden worden und eben keine auf Fakten und Beobachtungen basierende empirische Datenbasis. So wie religiöse Gedankengebäude letztendlich eine Glaubensfrage sind, die nichts über die Realität unsere Welt aussagen, ist es auch die Homöopathie.

Es sind also auch angesehene Wissenschaften, wie im Falle der Homöopathie die Medizin, im 21. Jahrhundert nicht davor gefeit, sich auf ein Terrain zu begeben, dass zukünftige Generationen mit Sätzen beschreiben werden, die mit „Damals glaubte man noch …“ beginnen. Was aber werden diese Generationen über unsere Ökonomen zu sagen haben?

Es gibt heute bei den Wirtschaftswissenschaftlern natürlich alle möglichen Facetten an Meinungen, Ansichten und Axiomen. Da Wirtschaft einerseits menschengemacht ist, gibt es viele Ökonomen, die aus der geisteswissenschaftlichen Ecke kommen und deren methodischen Werkzeugkasten mitbringen. Andererseits besitzt Wirtschaft durch den hohen Grad an geldbasiertem Handel auch eine in Zahlen fassbare Komponente, die es ermöglicht, Werkzeuge der Mathematik zu benutzen. Wieder andere Ökonomen sehen Wirtschaft als komplexes System und wenden ihren aus der Systemtheorie stammenden kybernetischen Werkzeugkasten an. Alle diese Menschen sind selbst natürlich Teil der Wirtschaft, und somit der Gefahr von Subjektivität ausgesetzt. Außerdem reden sie selten miteinander, weil sie die Methodik des jeweils anderen nicht nachvollziehen können.

In diesem Spektrum der ökonomischen Zunft gibt es ein paar Mainstreammeinungen, die axiomatisch für viele Ökonomen sind. Wenn genügend Ökonomen (also Fachleute) diese Axiome laut genug verbreiten, werden Laien dies für wissenschaftliche Wahrheit halten. Daher ist es wichtig, in ökonomischen Gedankenkonstrukten die Axiome zu kennen, um wissenschaftliche Wahrheit von ökonomischen Glaubensbekenntnissen zu trennen.

Wesentlicher Bestandteil ökonomischen Glaubens ist der Glaube an den Markt. Der Markt ersetzt als quasitranszendente Entität den wohlwollenden Schöpfergott und wird am Ende schon alles richten, wenn wir nur fest genug an ihn glauben. Der Glaube an den Markt zeigt Parallelen zu religiösen Extremisten. Verhält sich die Realität nicht wie religiös gewünscht oder vorhergesagt, so liegt für religiöse Extremisten oft die Ursache darin, dass die Gesellschaft oder Teile davon nicht gläubig genug sind oder religiöse Rituale nicht ausreichend verfolgt haben. Analog dazu versuchen Wirtschaftsextremisten, auftretendes Marktversagen immer dadurch zu erklären, dass der böse Staat mit irgendeinem Rest Regulierung schuld an der Situation ist. Marktversagen und seine Mechanismen (Spekulation, Nashgleichegwichte, geplante Obsoleszenz, Monopole, Externalitäten etc.) sind bekannt und gut untersucht, es existieren jede Menge Beispiele dafür (staatliche vs. private Rente). Wer die Existenz von Marktversagen bestreitet, der ist entweder ein getäuschter Laie oder ein ziemlich verbohrter Ideologe. Letztere tarnen sich leider häufig im wirtschaftswissenschaftlichen Gewand.

Ein zweiter Pfeiler der ökonomischen Religion ist der Glaube an Preise. Dies ist natürlich Voraussetzung dafür, dass der Markt Recht hat. Nur wenn immer und überall alle Preise stimmen, dann kann der Markt, der diese Preise in Kaufentscheidungen überführt, auch immer recht haben. Großartigerweise tarnen einige Markttheologen ihren Glauben gar nicht, sondern sagen, wie z.B. dieser Herr, den wir bereits kennengelernt haben: „„Ja. Der Markt ist rational, das glaube ich noch immer. Preise an Finanzmärkten spiegeln stets die verfügbaren Informationen wider.““

Da stellt sich natürlich direkt die Frage, ob es vielleicht sein kann, dass schlicht nicht alle relevanten Informationen verfügbar sind. Und dann kommen wir auch direkt zur Frage, ob es überhaupt möglich ist, in einer komplexen Welt alle relevanten Informationen zu erfassen und als solche zu erkennen. Aber eine sachliche Diskussion, die man von einem seriösen Wissenschaftler erwarten kann, ist nicht Herrn Famas Sache. Kritiker seines Glaubens haben nicht Recht, denn wenn sie recht hätten, müssten sie in der Lage sein die Zukunft vorauszusagen („Aber Leute haben versucht zu prognostizieren, wann die Preise wieder heruntergehen. Und es gibt keinen Beweis, dass sie es können. Sie alle können also über Blasen reden, aber es gibt keinen Beweis, dass sie existieren.“). Hier werden Aussagen der Existenz von Blasen mit der Möglichkeit ihrer Vorhersage vermischt. Das wäre, als würde man bestreiten, dass es im nächsten Jahr Wetter gibt, nur weil jetzt noch niemand eine präzise Wettervorhersage für das nächste Jahr machen kann.

Der Glaube an den Preis hat enorme Implikationen im markttheologischen Glaubenskonstrukt. Aus der Annahme, dass Preise immer Recht hätten, wird geschlussfolgert, dass für jeden Geldfluss ein realer Gegenwert existiert. Wenn der einer Zahlung zugrunde liegende Preis stimmt, dann muss in dem zugehörigen Handel ein gleicher Gegenwert geschaffen worden sein. Diese Implikation ist der wesentliche Grund dafür, dass sich die Markttheologie zur herrschenden Sichtweise unseres Gesellschaftssystems aufgeschwungen hat. Sie bedeutet nämlich, dass diejenigen, die am meisten Geld abgreifen, im Gegenzug dazu am meisten Wert geschöpft haben müssen. Damit wird die Maximierung des monetären Einkommens moralisch gerechtfertigt. Dies ist natürlich grober Unfug, gibt es doch genügend Beispiele für sich selbst vermehrende leistungslose Einkommen. Aber jede gesellschaftliche Oberschicht benötigt eine Ideologie, die ihre Besserstellung gegenüber der Masse rechtfertigt. Früher war es der Hochadel von Gottes Gnaden, heute ist es der Glaube an den Markt, der wirtschaftliches Faustrecht legitimiert. Es ist letztlich das Recht des Stärkeren: Wer am meisten Kohle abgreift, der muss ja in einem perfekten Markt am meisten Wert geschöpft haben und somit diese ganze Kohle auch verdient haben. In dieser kruden Logik es sich der Bezieher leistungslosen Einkommens sogar leisten, seine ausgebeuteten Angestellten als Minderleister zu bezeichnen. Dabei ist es gar nicht möglich, keine „C-Mitarbeiter“ zu haben, denn es gibt in einem Wettbewerbssystem zwangsläufig immer einen letzten Platz, so wie es auch in der Bundesligatabelle immer einen letzten Platz gibt.

Glaubenssysteme, die die Realität leugnen, zeigen nicht nur Widersprüche zur realen Welt, sondern oft auch innere Widersprüche auf. Innere Widersprüche sind in der Wissenschaft ein harter Beweis dafür, dass eine Theorie falsch, unwahr, zu stark vereinfacht oder unvollständig ist. So gibt es natürlich Ausnahmen zu der Regel der Heiligkeit der Preise. So hat ein Wirtschaftstheologe auf Wikipedia dieses schöne Beispiel hinterlassen: „“Aufgrund schlechter makroökonomischer Fundamentaldaten wird eine Abwertung der Währung A erwartet, d. h. der Wechselkurs gegenüber einer anderen stabilen Währung B wird sich ändern. Der Spekulant kauft nun die seiner Meinung nach stabilere Währung B, um sie nach erfolgter Abwertung von A zurück zu tauschen. Ebendiese Transaktion leitet aber die Abwertung ein. Insofern kann man sagen, dass der Kapital- bzw. Devisenmarkt angesichts der makroökonomischen Daten die Währungen neu bewertet hat. Spekulation ist hier also ein Mechanismus zur Anpassung des Preissystems an neue Informationen, so dass die Ressourcenallokation verbessert wird.““

Der Preis hat also immer Recht, außer dann, wenn jemand an einem anderen Preis verdienen kann. Dann leitet er mit seiner Spekulation eine Preisänderung ein, verdient daran und hat so gutes für die Welt geschaffen. Zum Glück gibt es ja die Hohepriester des Börsenparketts, die die Welt immer so erklären, dass wir sie auch verstehen können …

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