Opportunitätskosten

Aus aktuellem Anlass beschäftigen wir uns heute mit Opportunitätskosten. Dies sind die Kosten der entgangenen Möglichkeit. Möchte man beispielsweise Waffen an kurdische Kämpfer liefern (Kosten: 70 Mio €), dann fehlt das Geld für andere Dinge, wie z.B. die Lebensmittellieferung für Hungernde Syrer (Kosten: 44 Mio $, rund 34 Mio €). Da bliebe sogar noch etwas Geld für Herrn Dobrindt übrig, ein paar mehr Brücken zu sanieren (Kosten pro Brücke: durchschnittlich 12,8 Mio €).

US-Präsident Dwight D. Eisenhower, immerhin ein früherer General und dazu noch Republikaner, machte die Opportunitätskosten des Krieges in seiner Rede „The Chance for Peace“ 1953 auf eine Weise anschaulich, wie sie seinesgleichen heute nicht mehr über die Lippen käme.

“Jede Kanone, die hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel läuft, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet letztendlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu essen haben, an denen die frieren und keine Kleider haben. Eine Welt in Waffen gibt nicht einfach nur Geld aus. Sie bezahlt mit dem Schweiß ihrer Arbeiter, dem Einfallsreichtum ihrer Wissenschaftler und der Hoffnung ihrer Kinder. Die Kosten eines modernen schweren Bombers sind: eine moderne Massivhausschule in mehr als 30 Städten. Er kostet zwei Elektrizitätswerke, die jeweils 60.000 Menschen versorgen. Er kostet zwei komplett ausgestattete Krankenhäuser. Er kostet 50 Meilen betonierte Straßendecken. Wir bezahlen ein Jagdflugzeug mit einer halben Million Scheffel Weizen. Wir bezahlen einen einzelnen Zerstörer mit den neuen Häusern, die 8.000 Menschen beherbergt hätten.“

Übrigens bekommen die Syrer von der UNO jetzt nur noch rund 825 Kalorien qam Tag, das entspricht ungefähr einem Bic Mac und einem halben Liter Milch, is also nur die erste von den drei Mahlzeiten täglich, die man zum Leben benötigt.

Advertisements

Weniger Handelshemmnisse dank TTIP?

Nachdem wir in letzter Zeit ein wenig herumphilosophiert haben, ist es mal wieder an der Zeit, sich in die Grabenkämpfe des alltäglichen Wirtschaftswahnsinns zu begeben. Ein großes Thema der letzten Monate ist die Verhandlung des geplanten Freihandelsabkommens „TTIP“, die Transatlantic Trade and Investment Partnership.

Das erklärte Ziel von TTIP ist ja, den transatlantischen Handel anzukurbeln. Üblicherweise geschieht sowas, indem Zölle und Tarife gesenkt werden. Da aber zwischen den langjährigen engen Handelspartnern Europa und Nordamerika kaum noch Zölle bestehen, ist an dieser Stellschraube wenig zu drehen. Bei TTIP geht es daher um sogenannte „Nicht-tarifäre Handelshemmnisse“. Hinter diesem Begriff stecken im Prinzip alle Gesetze und Regelungen, die dafür Sorgen, dass ein Produkt auf der anderen Seite des Atlantiks so nicht verkäuflich ist.

Gerne nennt die EU dafür die Automobilindustrie. So haben die EU und die USA verschiedene Sicherheitsanforderungen an Blinker, Bremsen, Türschlösser etc. Die Idee ist nun, dass beide Seiten anerkennen, dass im 21. Jahrhundert auf beiden Seiten des Atlantiks Autos ziemlich sicher sind, und dass man die Sicherheitsstandards gegenseitig anerkennt. Damit sparen die Autohersteller bei der Markteinführung auf der anderen Atlantikseite Kosten für eine neue Sicherheitszertifizierung.

Das klingt erst mal gut und plausibel, versteckt aber ein viel tiefer liegendes Problem. Wenn man einen echten Freihandel im Automobilbereich möchte, dann sollte auch ein kleiner deutscher Mittelständler in der Lage sein, als Zulieferer für amerikanische Autokonzerne zu arbeiten und umgekehrt. Dieser hat aber ein viel gravierenderes Hindernis als das bisschen Papierkrieg in der PKW-Zulassung. Keine einzige Schraube die in Europa oder in den USA gefertigt wird ist auf der anderen Atlantikseite zu gebrauchen.

Schrauben sind Bauteile, die schon seit langem genormt werden, da eine Vereinheitlichung dafür sorgt, dass sie in riesigen Stückzahlen billig gefertigt werden können. Jeder Konstrukteur lernt auch frühzeitig, möglichst Normschrauben zu benutzen um Kosten zu senken. Es hat sich etabliert, für die Normung von Schrauben den Gewindeaußendurchmesser als Maß zu benutzen. So hat eine ISO-genormte M6-Schraube einen Außendurchmesser von 6 mm. Nun benutzen die Amerikaner bekanntlich nur sehr ungerne das Millimetermaß, sondern arbeiten noch mit Zoll und Fuß. Natürlich benutzt auch der amerikanische Konstrukteur Normschrauben, aber diese sind nach Bruchteilen des Zoll genormt. Der M6-Schraube am nächsten kommt dabei die ¼-Zoll-Schraube. Diese hat einen Durchmesser von umgerechnet 6,35 mm und ist somit praktisch gleich groß, aber leider nicht kompatibel.

Es gibt neben den unterschiedlichen Gewinden noch ein anderes gigantisches Handelshemmnis, dass es schwer macht, eine einfache Schraube über den Atlantik zu verkaufen. Für eine Schraube benötigt man entsprechendes Werkzeug. Auch dieses ist natürlich genormt. Eine europäische M6-Schraube hat üblicherweise einen 10 mm breiten Kopf. Für diesen gibt es in jedem Baumarkt diesseits des Atlantiks einen 10-mm-Schraubenschlüssel. Ihr amerikanischer Cousin, die ¼-Zoll-Schraube, hat je nach Ausführung einen 7/16-Zoll (9,525 mm) oder einen 3/8-Zoll-Kopf (11,1125 mm). Für diese Größen gibt es in den USA natürlich auch in jedem Baumarkt den passenden Schlüssel. Wenn jetzt aber eine Schraube über den Atlantik wandert, dann muss ihr neuer Besitzer sich komplett neu mit Werkzeug eindecken, um diese Schraube überhaupt verwenden zu können.

Hier zeigt sich schon, dass TTIP ein Abkommen für Großkonzerne ist. Vereinheitlicht werden nicht einzelne Teile, wie Schrauben, die dann frei gehandelt werden können, sondern vereinheitlicht werden fertige Produkte großer Unternehmen wie PKWs. Das Handelshemmnis der verschiedenen technischen Normen besteht weiterhin und belastet kleine Firmen umso mehr, da große Konzerne etwaige Kosten durch zusätzliche Werkzeugsätze viel besser schultern können.

Aber die Geschichte der Schraube ist ja noch längst nicht zu Ende. Kauft man ein technisches Produkt wie z.B. eben diese Schraube, so bekommt man dafür eine Dokumentation. Zu der Schraube gehört eine technische Zeichnung mit allen Abmessungen. Und natürlich muss für die Schraube auch angegeben sein, welchen Belastungen sie wie lange standhält, damit der Konstrukteur weiß, ob er lieber sechs oder acht Schrauben verwenden soll, damit ihm nicht der Fernseher von der Wand fällt.

Diese Dokumentation ist auf Papier gedruckt und befindet sich in einem Briefumschlag, der der Schraubensendung beiliegt. Nach dem Warenempfang wird diese Dokumentation natürlich in einem Ordner abgeheftet und ins Regal gestellt. Nun haben Hersteller von Druckerpapier, Briefumschlägen und Ordnern das Problem, dass ihre Produkte auf der anderen Atlantikseite nur schwer verkäuflich sind, da auch hier verschiedene Normen bestehen.

Während in Europa das am häufigsten anzutreffende Papierformat das A4-Blatt der ISO-Papiernorm ist, benutzt der Amerikaner für gleiche Zwecke gerne das Letter-A-Format. Beide sind ähnlich groß, aber das amerikanische Blatt ist etwas breiter, das europäische etwas höher. Während das amerikanische Format natürlich auf Zollmaßen basiert (8 ½ x 11 Zoll) basiert das europäische auf dem metrischen System (ein A0-Blatt hat eine Fläche von genau einem Quadratmeter, durch 4-maliges halbieren entsteht das A4-Blatt).

Um diese Papierformate herum ist beiderseits des Atlantiks eine gigantische Industrie aus Bürozubehör gewachsen, die zu den Papierformaten passende Locher, Ordner usw. herstellt. Wer glaubt, sein Locher wäre US-kompatibel, nur weil der verschiebbare Anschlag neben der A4-Marke eine Marke mit dem Schriftzug „US“ besitzt, der irrt gewaltig. Diese Marke ist nur dazu da, Post aus den USA mehr oder weniger gut zentriert in einen europäischen Ordner zu quetschen. In Europa benutzt man üblicherweise ein Zweiloch- oder Vierlochsystem. Dabei entsprechen die mittleren Löcher des Vierlochsystems den Löchern des Zweilochsystems. Wie man sich nun bereits denken kann, lochen unsere amerikanischen Freunde ganz anders. Sie benutzen üblicherweise drei Löcher, und diese haben natürlich einen zollbasierten Abstand (4 ¼ Zoll, rund 108 mm). Es gibt parallel zu diesem Dreilochsystem auch ein Zweilochsystem, aber dieses ist natürlich ebenfalls zollbasiert (2 ¼ Zoll, ca. 70 mm) und mit den europäischen Löchern (80 mm Abstand) inkompatibel.

Zu den verschiedenen Papier- und Lochformaten gibt es auf jeder Atlantikseite natürlich die passenden Aktenordner und Büromobiliar, das möglichst viele Aktenordner platzsparend unterbringt. Allerdings neigen die geringfügig breiteren amerikanischen Ordner dazu, in europäischen Regalen leicht überzustehen, während europäische Ordner oft ein bisschen zu hoch sind, um in amerikanische Regale zu passen.

Diese großartige Realsatire transatlantischen Handels wird natürlich von TTIP nicht angefasst. Übrigens entsprechen die europäischen Normen internationalen Standards, d.h. europäische Schrauben, Werkzeuge, Briefe und Locher sind mit solchen aus Asien, Südamerika oder Russland voll kompatibel. Es liegt also an den Amerikanern, sich ernsthaft um den Abbau echter Handelshemmnisse zu kümmern. Mit TTIP gehen sie diese Problematik aber überhaupt nicht an, sie bleibt außen vor.

Aber worum geht es dann bei TTIP, wenn nicht um Handelshemmnisse? Zum Beispiel geht es um die Externalisierung von Kosten. Große Konzerne versuchen immer, Kosten, die sie verursachen, auf andere abzuwälzen. Die Kosten für gesundheitliche Schäden an Mitarbeitern oder Kunden trägt aus Konzernsicht am besten das Gesundheitssystem, Umweltkosten die Allgemeinheit oder zukünftige Generationen und auch die Kosten für die Herstellung der Markttransparenz möchte man vermeiden. Aus europäischer Sicht besteht damit die Gefahr, dass staatliche Interventionen, die Marktversagen erkennen und ausgleichen, ausgehebelt werden.

Beliebte Beispiele sind Fracking, die Kennzeichnung von genveränderten Lebensmitteln und die berühmten Chlorhühnchen. Natürlich hat ein Produzent von Fleisch dafür Sorge zu tragen, dass sein Produkt nicht mit Keimen belastet ist. Dies geht über entsprechend hohe Hygienestandards in der gesamten Herstellungskette (teuer) oder ein Chlorbad an deren Ende (billig). Dabei ist das Chlor selbst auch gesundheitlich bedenklich. Trotz der Chlordesinfektion kommt es in den USA immer wieder zu Lebensmittelskandalen wegen keimbelasteten Fleisches. Die Kosten, die US-Schlachter an der Hygiene sparen, trägt der US-Kunde mit seiner Gesundheit.

Auch beim Fracking geht es um Kostenexternalisierung. Natürlich ist technisch es möglich, Fracking in einem gewissen Rahmen ausreichend sicher zu betreiben. Dieser Rahmen sind besonders tiefliegende Vorkommen und aufwendige technische Maßnahmen zur Gewährleistung des Grundwasserschutzes. Das ist aber nicht wirtschaftlich betreibbar. Mit Fracking machen Unternehmen nur Gewinn, wenn sie diese Kosten auf die Allgemeinheit umwälzen, bzw. auf zukünftige Generationen, die auf Jahrhunderte mit lokal verseuchtem Grundwasser klarkommen müssen.

Während in jedem Wirtschaftslehrbuch steht, dass der ideale Markt transparent zu sein hat, damit jeder Marktteilnehmer rational entscheiden kann, ist dies in der Realität natürlich nicht im Sinne des Verkäufers, der den Kunden über den Tisch ziehen will. So sind gentechnisch veränderte Lebensmittel in der EU kennzeichnungspflichtig, was nichts anderes als die Herstellung von Markttransparenz ist. Die US-Agrarlobby ist mächtig genug, diese lästige Pflicht auf ihrer Atlantikseite zu unterbinden.

Große Konzerne sind Gewinnmaximierungsapparate, die den fairen Markt predigen und dabei dessen Regeln wo immer es geht zu ihren Gunsten biegen. Der böse Staat ist ihnen dabei im Weg und muss wo es geht ausgehebelt werden. Bei TTIP geschieht dies über Schiedsgerichte. Dort können Unternehmen gegen Staaten klagen, die bei Marktversagen zuungunsten der Unternehmen eingreifen. So existiert in Nordamerika zwischen Kanada, Mexico und den USA das NAFTA-Abkommen, das ebenfalls solche für TTIP geplanten Schiedsgerichte zulässt. Gegenwärtig klagt die Firma Lone Pine Resources gegen die Provinz Quebec, weil dessen demokratisch gewählte Regierung Fracking verboten hat. Gefordert werden 250 Millionen Dollar Entschädigung als Kompensation für entgangene Gewinne. Aus Sicht von Lone Pine stellt das Frackingverbot ein Handelshindernis dar.

Auch in Europa gibt es Frackingverbote, wie z.B. in Frankreich, die amerikanische Firmen als Handelshindernis ansehen. Und auch das Verbot von Chlor in der Fleischdesinfektion könnte als Handelshindernis gesehen werden. Oder aber die Kennzeichnungspflicht für genveränderte Lebensmittel. Aber dies ist natürlich alles ungewiss. Gewiss hingegen ist, dass auch in einer Zukunft mit TTIP keine Schrauben, Aktenordner und Locher über den Atlantik gehandelt werden.