Die private Ökonomie der Karriere

Jeder scheint in unserer Gesellschaft zu wissen, dass man in jungen Jahren Zeit und Mühe investieren muss, um Karriere zu machen, damit man später im Leben mal auf soliden finanziellen Beinen steht. Das schlägt sich nicht nur in Ratschlägen älterer an die jüngere Generation nieder („Jung, du musst was ordentliches lernen!“), sondern auch in einer ganzen Generation von jungen Leuten, die für ihren Lebenslauf leben. Die Beziehung zerbricht am Auslandssemester? Macht nix, ist ja gut für den Lebenslauf! Ein Jahr Sklavenarbeit in Form eines unbezahlten Praktikums? Macht nix, ist ja gut für den Lebenslauf! In den gesündesten und aktivsten Jahren de Lebens keine Zeit für Hobbys, Freunde und Familie? Macht auch nix, ist ja gut für den Lebenslauf!

Macht das ökonomisch aber überhaupt Sinn? Das ist natürlich eine Frage des Zieles. Ist es das Lebensziel, möglichst viele große Einkommensströme zu generieren, so kann das zweifellos eine sinnvolle Tätigkeit sein. Man kann seine Lebensziele aber auch anders stecken. Das Ziel kann auch Freizeitmaximierung sein. Oder möglichst viel Spaß im Beruf zu haben, oder, oder, oder …

Nun haben uns die nihilistischen Philosophen mit der Erkenntnis zurückgelassen, dass es keinen allgemein gültigen Lebenssinn gibt, sondern jeder von uns diesen für sich selbst schaffen muss. Das bedeutet zwar ein bisschen Grübelei, schafft aber gleichzeitig große Freiheiten in der Lebensgestaltung. Ich behaupte aber mal, die meisten haben ähnliche Vorstellungen ihres Lebensweges. Lebensqualität in jedweder Form benötigt meistens Zeit und Geld. Hat man keine Zeit, kann auch beliebig viel Geld keine Lebensqualität kaufen, hat man kein Geld, kann man auch mit beliebig viel Zeit wenig anfangen. Wir haben also ein Optimierungsproblem aus Zeit und Geld.

Da wir nackt auf die Welt kommen und ein begrenztes Leben haben, steht uns also im Leben eine bestimmte Menge Zeit zur Verfügung. Die erste Frage, die sich daraus ergibt ist, wieviel von dieser Zeit konsumieren wir direkt als Freizeit und setzen sie in Lebensqualität um, und welchen Teil der Zeit opfern wir, um damit ein Einkommen zu generieren. Letzteres wirft eine weitere Frage auf, nämlich die der Investitionsstrategie. Ich kann Zeit direkt in Geld umsetzen, indem ich für Lohn arbeite, oder ich kann Zeit investieren in Bildung oder ähnliches, was zwar in diesem Moment kein Einkommen generiert, aber später dafür hoffentlich umso mehr.

Wir haben also drei Möglichkeiten, unsere Zeit zu verteilen. Wir können sie direkt als Freizeit konsumieren, wir können sie in Arbeitslohn umsetzen und wir können sie in Bildung investieren. Ganz wichtig ist dabei, zu beachten, dass der Grenznutzen von Lohnarbeit und Bildung begrenzt ist (das gilt natürlich nur für den finanziellen Nutzen, der ideelle Nutzen von Bildung ist ja nicht messbar).

Zufriedenheit in Abhängigkeit des Einkommens.

Relativ bekannt dazu ist diese Grafik, die verschiedene Länder der Welt in ein Koordinatensystem aus Pro-Kopf-Einkommen und Zufriedenheit einteilt. Sie wird alle Jahre wieder von allen möglichen Forschern neu erstellt und kommt immer zu dem gleich Ergebnis: Bis etwa zu einem gewissen Level nimmt die Zufriedenheit mit steigendem Einkommen stark zu. Über diesem Level trägt ein steigendes Einkommen kaum noch zu zusätzlicher Zufriedenheit bei. Dieser Schwellwert liegt bei rund 10.000$ im Jahr, also rund 640€ im Monat. Diese Menge Geld ist notwendig, um echte Bedürfnisse zu befriedigen, um sich zu kleiden, um zu wohnen, um zu essen und um Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung zu haben. Alles zusätzliche Einkommen, das darüber hinausgeht, erhöht zwar den materiellen Konsum, trägt damit aber nicht (wie im letzten Blogbeitrag besprochen) zu einer erhöhten Zufriedenheit bei.

Jetzt muss man natürlich fairerweise feststellen, dass die Lebenshaltungskosten in Deutschland höher sind als in manchen anderen Ländern (aber nicht zu den höchsten gehören!) und dass hier 640€ vielleicht nicht ausreichen. Aber um den genauen Wert geht es auch nicht, sondern es geht darum, dass jeder, der Zeit gegen Geld handelt, um dieses Geld dann auszugeben, sich bewusst machen muss, was er opfert und was er dafür bekommt, wenn er sich mit diesem Handel besserstellen will. Und ein Handel macht grundsätzlich nur dann Sinn, wenn man danach besser gestellt ist.

Genauso muss sich jeder, der Zeit gegen Aufstiegschancen handelt, prüfen, ob sich dieser Handel lohnt, und ob er danach besser gestellt ist. Dabei gilt noch die Besonderheit, dass man hier auf Risiko spielt, da man keine garantierte Vergütung bekommt. Während bei der Lohnarbeit von vornherein klar ist, wieviel Geld man für seine Arbeit bekommt, handelt man bei der Investition in Karriere lediglich Chancen. Jede Verbesserung im Lebenslauf erhöht die Chancen auf einen besseren oder besser bezahlten Job, ist aber keine Garantie, d.h. die Investition in Karriere enthält immer ein spekulatives Element. Dabei muss man aufpassen, sich nicht auf ein Hase-und-Igel-Rennen einzulassen.

Wer für seinen Lebenslauf lebt, der möchte aus der Masse herausstechen, um an die Top-Jobs zu kommen. Vereinfacht gesagt bekommt das bestqualifizierte Drittel einer Bevölkerung das bestbezahlte Drittel der Jobs und das schlechtestqualifizierte Drittel der Bevölkerung die am schlechtesten bezahlten Jobs. Nehmen wir mal an, das bestbezahlte Drittel hat eine Berufsausbildung, das mittlere Drittel einen Schulabschluss und das am wenigsten qualifizierte Drittel keinen Schulabschluss. In diesem Fall reicht ein Schulabschluss für ein Leben in der Mittelschicht und wer Karriere machen will, der muss einen Beruf lernen. Alle diese Leute wollen nun, dass es den Kindern mal besser geht, und deshalb trichtert das Drittel ohne Schulabschluss seinen Kindern ein, ja die Schule erfolgreich zu beenden, weil man dann in der Mittelschicht landet. Das Drittel mit Schulabschluss trichtert seinen Kindern ein, ja einen Beruf zu lernen, weil man dann in den Top-Jobs landet und die Leute mit eben diesen Jobs trichtern ihren Kindern ein, auf jeden Fall zu studieren, damit man nicht nur im oberen Drittel, sondern ganz weit vorne in der Spitze landet.

Als Ergebnis wird die nächste Generation kein Stück besser gestellt sein als ihre Eltern. Da das gesamte Qualifikationsniveau der Bevölkerung sich angehoben hat, sind zwar die Kinder höher qualifiziert als ihre Eltern, aber haben sich dadurch keinen finanziellen Aufstieg erschaffen. Die Kinder der Eltern ohne Schulabschluss haben sich zwar alle mühsam erfolgreich durch die Abschlussprüfungen gequält, ohne dass ihnen jemand bei den Hausaufgaben helfen konnte, erreichen dadurch aber keinen sozialen Aufstieg. Auch die Kinder der Mittelschicht verharren in der Mittelschicht, weil sie zwar einen Beruf gelernt haben, dies aber nicht mehr reicht, um an die guten Jobs zu kommen, für die man neuerdings studiert haben muss.

Dieses Szenario ist zwar stark vereinfacht, trifft auf die Realität jedoch prinzipiell zu. So konnte man noch vor zwei Generationen in großen Konzernen Karriere machen, wenn man eine Ausbildung zum Industriekaufmann/-frau gemacht hat. Vor einer Generation musste man bereits BWL studiert haben für eine Karriere, die Bürokaufleute blieben in der Sachbearbeiterebene hängen. Heutzutage gibt ein derart großes Angebot an BWL-Absolventen, dass diese die Sachbearbeiterbene füllen. Für die Karriere benötigt man mittlerweile eine Promotion … oder Kontakte. Die Industriekaufleute, die früher fachlich gearbeitet haben, werden nach unten in Bürohilfsjobs gedrückt.

Es verhält sich mit der Wettbewerbsfähigkeit von Menschen auf dem Arbeitsmarkt also wie mit der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. Es wird immer die am wenigsten qualifizierten Arbeitskräfte geben, die immer die schlechtbezahlten Jobs machen. Wer also sein Leben seinem Lebenslauf opfert, muss sich darüber klar sein, dass dies keine Garantie auf einen gutbezahlten Job ist, sondern dass es ein Glücksspiel ist, bei dem man auch auf der Stelle treten kann.

Was folgt für uns als einzelner daraus? Einerseits muss man natürlich in einer Welt steigender Anforderungen irgendwie Schritt halten, um nicht hinten herunter zu fallen, andererseits sind die Erfolgsaussichten, sich durch Qualifikation hochzuarbeiten eher gering. Wenn unsere Strategie ist, möglichst wenig Zeit zu investieren, um größtmögliche Lebensqualität im Leben zu erreichen, dann kann es ein guter Weg sein, Bildung und Qualifikation als Selbstzweck und nicht als Baustein des Lebenslaufes zu betrachten. Dies senkt zunächst ganz erheblich die Investitionskosten. Wenn ich mich zwinge etwas zu lernen, in der Hoffnung später damit Geld zu verdienen, investiere ich Zeit, die ich eigentlich lieber anders genutzt hätte. Lerne ich aber Dinge, die ich interessant und unterhaltsam finde, dann investiere ich nicht Zeit sondern konsumiere sie, weil das Verfolgen von persönlichen Interessen die Lebensqualität erhöht.

Weiterhin führt das interessengeleitete Lernen dazu, später Berufe auszuüben, die einem ebenfalls Freude bereiten. Auch hier wird die Lohnarbeit nicht zu einem Handel von Zeit gegen Geld, da die Arbeit selbst nicht geopferte sondern (zumindest in Teilen) auch konsumierte Zeit ist, die die Lebensqualität erhöht. Ein interessengeleite Berufswahl führt natürlich auch dazu, dass man qualitativ hochwertige Arbeitsergebnisse liefert, sodass man sich um beruflichen Erfolg nicht so die großen Gedanken machen muss, da dieser quasi ein Abfallprodukt ist. Natürlich wird man damit nicht reich und macht auch keine Karriere, aber man wird mit Sicherheit viel Freude haben und genug Geld verdienen um deutlich über den magischen 10.000$ Jahreseinkommen zu landen, die man (als notwendige, nicht als hinreichende Bedingung!) braucht, um glücklich zu sein.