Die private Ökonomie des Konsums

Wir haben uns in diesem Blog schon an verschiedenen Stellen mit den Kosten des Konsums auseinandergesetzt, die andere für uns tragen müssen, seien es der Geringverdiener, die Umwelt oder unsere Enkel. Doch was kostet uns unser Konsum persönlich? Die offensichtliche Antwort ist der Preis der Konsumgüter. Doch wir wären kein Wirtschaftsblog, wenn wir auf so einfache Fragen so einfache Antworten hätten.

Als kleinen Einstieg in das Thema gebe ich zunächst eine Literaturempfehlung, die oberflächlich gar nichts mit Wirtschaft zu tun hat, es geht um Ordnung im heimischen Haushalt. Interessant in diesem Pamphlet ist das Kapitel 2. Dort geht es im Prinzip darum, wie man solange seine Wohnung entrümpelt, bis sich der Putzaufwand merklich reduziert hat. Dinge, die wir besitzen, müssen also nicht nur gekauft, sondern auch geputzt und gelagert werden, und verursachen somit offensichtlich Aufwand der über den reinen Kaufpreis hinaus geht. Kann man diesen Aufwand monetär messen?

In Deutschland bewohnt jeder Bürger im Durchschnitt 45 Quadratmeter Wohnfläche. Diese Wohnfläche steht voll mit Schränken und Regalen, die wiederum voller gekaufter Dinge sind. All diese Dinge verursachen ständig Kosten. Wohnfläche muss gemietet oder vom Häuslebauer abbezahlt werden. Jeder Quadratmeter Wohnung muss beheizt und versichert werden. Und natürlich muss das ganze permanent gereinigt, aufgeräumt und instandgehalten werden.

Nehmen wir z.B. Omas Sammeltassen, die wir mal irgendwo geerbt haben und die nun in einer Vitrine vor sich hin stauben. Der Vitrinenschrank selbst benötigt vielleicht nur einen Quadratmeter Wohnfläche, aber wir stellen Möbel ja nicht dicht an dicht, sondern bedecken nur einen Bruchteil unserer Wohnfläche mit ihnen, so dass wir mal den Faktor vier benutzen, da der Platz vor dem Vitrinenschrank ja nicht mehr anderweitig genutzt werden kann. Legen wir an laufenden Kosten (Heizen, Miete, etc.) 10 Euro pro Quadratmeter pro Monat zugrunde, kosten uns Omas Sammeltassen jeden Monat stolze 40 Euro. Im Jahr sind das 480 Euro. Ich bezweifle, dass Omas Tassen so viel überhaupt wert sind, dass es sich lohnt, sie überhaupt ein Jahr zu lagern. Nach 10 Jahren in der Vitrine haben Omas Tassen Kosten verursacht, mit denen man sich einen guten Gebrauchtwagen hätte kaufen können.

Auch Textilien und Bekleidung sind enorme Kostentreiber. Warum sollte man sich ein T-Shirt kaufen, wenn man im Schlussverkauf für das gleiche Geld drei bekommt? Die meisten Kleidungsstücke, Schuhe und Accessoires, die man besitzt, werden nie oder nur sehr selten getragen, so dass ihr Nutzwert gegen Null tendiert. Männer tragen eh nur das, was oben auf dem Stapel liegt und Frauen haben chronisch sowieso nichts anzuziehen.

Ein großer Kleiderschrank mit drei Metern Breite benötigt basierend auf obiger Rechnung rund acht Quadratmeter Wohnfläche und kostet somit fast tausend Euro im Jahr an Miete. Wer seinen Kleiderschrank halbiert kann also rund 500 Euro im Jahr sparen. Jeder Quadratmeter Wohnung kostet rund 120 Euro im Jahr. Wer immer irgendwo auch nur einen Quadratmeter mit Dingen zustellt, die er nicht benötigt, verursacht übers Jahr enorme Kosten, die man bequem einsparen kann.

Ein großer Kostenfaktor kann auch die Küche sein. Paradoxerweise scheinen wir umso mehr Küchengeräte zu benötigen, je weniger wir selbst kochen. Mittlerweile gibt es die unsinnigsten Geräte. Paradebeispiele für sinnloses Küchenzubehör sind Allesschneider und Brotbackautomaten. Erstere benötigen mehr Zeit zum reinigen, als sie beim Schneiden sparen und letztere benötigt kein Mensch, da man Brote auch im Backofen backen kann (fragt sich mal jemand, warum Profis sowas nicht benutzen?). Natürlich gehören in jede heutige Küche auch diverse Tassen und Plastikbehälter, die man nie benutzt, da man viel zu viele davon hat. Auch hier gilt wieder, dass jeder Quadratmeter Küche, den man nicht braucht, 120 Euro im Jahr sparen kann. In sehr hochpreisigen Städten wie New York oder Paris, in denen jede freie Besenkammer sich für viel Geld untervermieten lässt, rechnet sich der eine oder andere sogar durch, ob er überhaupt eine Küche benötigt, oder ob er stattdessen für die gesparte Miete nicht jeden Tag warm essen gehen kann.

Jetzt mag jemand einwerfen, dass viele Leute ja ihr eigenes Haus oder ihre Eigentumswohnung besitzen, und daher keine Mietkosten anfallen. Diese könnten dann ja auch Konsumgüter horten, ohne dass dies ins Gewicht fiele. Dazu sei angemerkt, dass viele ihr Wohneigentum auf Pump kaufen, und sich über Jahrzehnte verpflichten, Kredite abzubezahlen. Für ein modernes neues Haus kann man pro Quadratmeter locker 1500 Euro als Richtwert ansetzen. Wer also 6000 Euro mehr bezahlen möchte, damit Omas Sammeltassen in der Vitrine einen schönen Platz haben, der möge das gerne tun. Er könnte von diesem Geld aber auch einen schönen Urlaub an so ziemlich jedem Ort dieser Welt machen.

Nun geht es bei diesen Betrachtungen nicht um Geiz, sondern um Opportunitätskosten. Es geht darum, den wirtschaftlich tragfähigsten Weg zu mehr Lebensqualität zu finden. Nachdem wir jetzt gesehen haben, dass all diese Dinge Geld kosten, sehen wir noch einen viel größeren Kostenfaktor: Sie kosten Zeit. Nehmen wir mal an, unser durchschnittlicher Deutscher putzt einmal wöchentlich seine 45 Quadratmeter ordentlich durch. Setzen wir dafür mal drei Stunden Zeit an für Saugen, wischen, wienern und hier und da noch Nippes zur Seite räumen, damit man überhaupt Platz zum reinigen hat. Diese Zeit addiert sich übers Jahr zu immerhin 156 Stunden Reinigungszeit. Bedenkt man, dass der übliche Arbeitnehmer vierzig Stunden die Woche arbeitet, so sind das rund vier Arbeitswochen, die jedes Jahr alleine dafür verbraucht werden, den ganzen Tand, den man besitzt, sauber zu halten.

Würde unser Durchschnittsdeutscher nun durch entrümpeln und anschließenden Umzug in eine kleinere Wohnung seine Putzzeit halbieren, so entspricht der Zeitgewinn zwei zusätzlichen Wochen Urlaub im Jahr. Zehn Quadratmeter weniger Wohnfläche summieren sich im Jahr zu 1200 Euro Mietersparnis. Damit kann man die gewonnenen zwei Wochen Freizeit schon sinnvoll mit Erlebnissen füllen. Dabei ist es wichtig, seine Ressourcen in Erlebnisse und nicht in Dinge umzusetzen, da man sonst wieder mehr Lagerraum benötigt.

Man kann aber noch viel mehr Zeit gewinnen. Wer seine Kosten dauerhaft senkt, weil er weniger Geld für Miete und für Konsumgüter ausgibt, der kann statt seine Ausgaben in Erlebnisse umzulenken auch seine Einnahmen nach unten anpassen. Warum sollte man Vollzeit arbeiten, wenn ein 30-Stunden-Job die Kosten deckt? Wer statt vierzig nur dreißig Stunden die Woche arbeitet, der gewinnt so viel Freizeit hinzu, wie es 11,5 zusätzlichen Wochen Urlaub entspricht. Wer schon immer mal ein schwieriges Instrument lernen wollte, oder durch Asien trampen oder einfach nur mehr Zeit für seine Garten oder seine Kinder haben möchte, kann diese hier gewinnen.

Wir befinden uns in einem Teufelskreis des Konsums. Wir haben keine Zeit, um uns nachhaltige Zufriedenheit über Erfahrungen, Erlebnisse und persönliche Erfolge zu verschaffen, daher müssen wir uns mit kurzfristiger Scheinzufriedenheit durch den Kauf von Dingen betrügen. Um diese Dinge zu kaufen und zu lagern, benötigen wir Geld. Für dieses wiederum müssen wir viel Zeit in einem Job verbringen, der uns meist keinen Spaß bringt. Und zu allem Überfluss erschöpft uns dieser Job sosehr, dass wir die Abende vor dem lebenszeitvernichtenden Fernseher abschalten, wo uns dann sorgfältig designte 30-Sekunden-Werbespots ordentlich das Gehirn solange durchwaschen, bis wir glauben, jedes Problem in unserem Leben durch den Kauf eines weiteren Produktes lösen zu können.

Letztendlich gilt für den normalen Bürger, der für sein Einkommen arbeiten muss, die Volksweisheit, dass Zeit Geld ist. Und Zeit ist für jeden Sterblichen eine begrenzte Ressource. Wer aus dieser begrenzten Ressource maximale Zufriedenheit ziehen will, der benötigt eine Investitionsstrategie. Er muss überlegen, welchen Sinn er seinem Leben gehen will. Er muss überlegen, was ihm in seinem Leben eigentlich Spaß macht und er muss überlegen, was er folgenden Generationen hinterlassen möchte.

Laut einer repräsentativen Umfrage vom NDR erleben Norddeutsche besondere Glücksmomente in folgender Reihenfolge: beim gemütlichen Zusammensein mit Freunden, wenn sie ihrem Hobby nachgehen, in der Natur, im Urlaub/auf Reisen, beim Musikhören, wenn sie sich an Nord-/Ostsee aufhalten, beim Sex, und dann erst im Job. Es ist anzunehmen, dass in Süddeutschland ähnliche Ergebnisse zustande kommen, wenn man Nord-/Ostsee durch Berge ersetzt. Alle diese Dinge kosten Zeit und nur einige Geld, so dass es eine äußert unkluge Investitionsstrategie ist, seine knappe Lebenszeit für Arbeit und Karriere zu opfern, wenn man mit dem gewonnenen Geld gar nicht die Dinge kaufen kann, die man braucht um glücklich zu werden.

Mein erster Investitionstipp für heute ist daher zunächst ein dauerhaftes Ausschalten des Fernsehers (übrigens 240 Euro im Jahr Miete). Das spart zwar nicht mehr die GEZ, aber immerhin mehrere Stunden pro Tag. In einem Land, indem selbst die beruflich und familiär stark eingespannte Altersgruppe der 30-49-jährigen jeden Tag dreieinhalb Stunden Zeit zum fern sehen findet, während Ehepaare nur rund eineinhalb Stunden pro Tag miteinander kommunizieren, ist es sicher nie verkehrt, den Fernsehkonsum zu reduzieren.

(Übrigens werden in diesen rund dreieinhalb Stunden Fernsehen etwa einhundert Werbespots konsumiert, die zusammen fast eine ganze Stunde dauern. Übers Jahr sind das etwa 300 Stunden Werbekonsum oder siebeneinhalb Werkwochen Montags bis Freitags acht Stunden lang Werbung gucken. Wer glaubt, er sei gegen Fernsehwerbung immun, der unterschätzt die Wirkung dieser massiven Konsumgehirnwäsche.)

Als zweiten Investitionstipp verweise ich nochmal auf den Literaturhinweis vom Anfang dieses Beitrages und wünsche viel Erfolg beim Entrümpeln und beim schrittweisen Ausstieg aus der Konsumspirale.

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6 Gedanken zu “Die private Ökonomie des Konsums

  1. Hallo deedl!
    Großartiger Beitrag! Sofort in mein Blog verlingt, denn neben dem Zeit-, Geld- und Lebensqualitätsgewinn, kann man die Recurcen auch dafür nutzen 10 oder 15 Jahre eher in Rente zu gehen, finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen und die gewonnene Lebenszeit privat zu nutzen.
    Der Malachit.

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  2. Danke für diesen interessanten Beitrag. Besonders mit dem Fernsehen hast Du absolut Recht. Seit ich mich nicht mehr einfach so vor den Fernseher setze, sondern vorher überlege, was ich sehen will und was nicht, habe ich mehr Zeit für andere interessante Dinge.

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  3. Viel Zustimmung, jedoch einige Anmerkungen:

    ist es wirklich so, dass, wenn wir den großen Schrank mit den vielen, zweifelsfrei oft nutzlosen Dingen nicht haben, dadurch dessen Mietkosten (auf die Fläche bezogen) sparen? Die Reinigungszeit ja, zugegeben, aber unsere Miete (und unsere Heiz- und Nebenkosten) sind definitiv nicht abhängig von den nützlichen oder nutzlosen Dingen, die wir auf dieser Fläche horten.
    Ähnlich verhält es sich mit der beispielhaften Tramper-Reise durch Asien: wenn wir weniger Stunden pro Woche arbeiten, so ergibt sich zwar summarisch sicher – theoretisch – die Zeit für eine solche Reise; praktisch aber eben leider nicht.
    So idealistisch, sinnvoll und gutmeinend speziell diese Tipps zu sein scheinen, realistisch sind diese nicht wirklich, mit Verlaub.
    Es stellt sich nämlich sehr häufig tatsächlich heraus, dass mehr auszufüllende Frei- also Erlebniszeit i.d.R. auch (bedauerlicherweise) mehr Kosten verursacht, die mit geringerer Arbeitszeit (ohne gleichzeitigen Lohnausgleich) nur schwer zu schultern sind.
    Sehr bedauerlich, aber sicher für viele nachvollziehbar.
    Danke dennoch für diesen stets interessanten, aufschlussreichen Blog.
    Beste Grüße.

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  4. Die Überlegungen habe ich mir auch schon gemacht. Tatsächlich war einiges leichter, als ich nur einen Studentenbude hatte. Ich habe für mich alleine eine 2,5-Zimmer-Wohnung in einem Dachgeschoss und weiß, dass ich auch mit weniger auskommen könnte, aber ich habe mir das bewusst so gewählt. Wichtig war mir aber nach dem Studium, dass ich nicht immer einen Blick auf die Küche haben muss. Eine separate Küche ist mir wichtig. Unwichtig sind mir neue Küchenmöbel und neueste Geräte. Ich habe noch nicht einmal eine Spülmaschine.

    Der Fernseher fristet bei mir ein Schattendasein. Während der WM lief er recht häufig, aber jetzt läuft er nur zur Lindenstraße und zum Tatort und selbst das ist nicht sicher.

    Ich habe als Kind viel ferngesehen, was ich heute nicht mehr verstehe. Den ganzen Müll habe ich mir reingezogen, auch noch als Jugendlicher. Ich glaube, jede Bundy- und Simpsonsfolge bis 2002 zehnmal gesehen zu haben, denn das lief ja in der Dauerschleife auf Pro Sieben.

    In zehn Tagen werde ich Urlaub machen. Es wird Heimaturlaub und ich plane ein paar Touren an die Ostsee. Kostet nicht viel. Ich werde das Fahrrad nutzen.

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  5. Sehr feiner Eintrag! Das Thema Zubehoer wuerde ich noch anfuegen – Teure Schuhe brauchen z. B. teures Beinkleid um wirklich teuer auszusehen, dieses braucht eine teure Bluse und eine teure Jacke und Tasche… Eine neue Haarfarbe braucht oft eine neue Farbpalette in Makeup und Kleidung, ein neuer Teppich zuhause das gleiche…

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