Die Vermessung des Ameisenhaufens

Wir haben uns letztes Mal mit dem Phänomen der Emergenz beschäftigt, also mit der Entstehung von neuen Strukturen durch das Zusammenspiel einzelner Teile. So wie sich aus dem instinktgetriebenen Verhalten von einzelnen Ameisen ein gut koordinierter Ameisenhaufen ergibt, ergibt sich aus dem Handelsverhalten von einzelnen Menschen das Phänomen „Markt“.

Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften ist es nun, dieses Phänomen wissenschaftlich zu beschreiben. Das Ziel ist es dabei, das System so gut zu verstehen, dass man Vorhersagen treffen kann, die stimmen. Das ist in eigentlich allen Wissenschaften so. Der Meteorologe muss Wettervorhersagen treffen, die stimmen, der Informatiker muss beweisen, dass sich sein Programm nicht aufhängt, der Arzt muss, bevor er ein Medikament verabreicht, wissen, welche Wirkungen es auf den Körper entfaltet. Und ein Wirtschaftswissenschaftler muss Marktverhalten prognostizieren können.

Dabei ist der Vergleich mit dem Meteorologen besonders naheliegend, weil auch das Wetter ein emergentes chaotisches System ist. Letztendlich passiert beim Wetter nichts anderes, als das verschiedene Moleküle in der Gegend herumwuseln und ab zu mit ihren Nachbarn zusammendengeln. Aus diesem rein lokalen Phänomen ergeben sich über Wechselwirkungen so komplexe Gebilde wie Schäfchenwolken oder Tiefdruckgebiete. Auch Wetter ist chaotisch, weshalb kurzfristige Vorhersagen meist sehr hohe Trefferwahrscheinlichkeiten haben, langfristige Wetterprognosen aber fast unmöglich sind.

Die wissenschaftliche Methodik hinter der Vermessung eines Wissenschaftsgegenstandes ist eigentlich immer recht ähnlich. Man sucht einerseits nach messbaren Größen, die eine Aussage über den Zustand des Systems treffen und andererseits nach Wirkmechanismen, wie sich verschieden Größen des Systems gegenseitig beeinflussen.

Der Mediziner misst z.B. den Blutzuckergehalt oder den Insulinspiegel und kann so ein Aussage über den Zustand eines Patienten treffen und weiß aus verschiedenen Laborversuchen, dass ein hoher Blutzuckerwert den Körper dazu bringt, Insulin auszuschütten, welches den Blutzucker zu den Körperfettzellen abschiebt. So kann er basierend auf den gemessenen Werten eine wissenschaftliche Prognose erstellen, z.B. „wenn Sie weiter so viel Zucker fressen, dann platzen Sie irgendwann“.

Der Meteorologe misst ebenfalls Zustandsgrößen seines Systems, üblicherweise Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, und er kennt die Wechselwirkungen dieser Größen. Er weiß, dass durch die Corioliskraft der Wind entlang der Isobaren verläuft und so die Luftmassen verschiebt und kann prognostizieren, wann es wo anfängt zu regnen.

Der Wirtschaftswissenschaftler muss also zwei Dinge tun: Er muss sinnvolle messbare Größen finden, die den Zustand seines Systems beschreiben, und er muss versuchen, die Zusammenhänge zwischen diesen Größen zu bestimmen, so dass er Prognosen erstellen kann.

Bei der Vermessung von Märkten und Ameisenhaufen muss zunächst zwischen Fluss- und Zustandsgrößen unterschieden werden. Wir haben dies bereits bei der Simulation des Geldsystems getan. Zustandsgrößen sind innerhalb eines Geldsystems im Wesentlichen Kontostände. Flussgrößen beschreiben nun, wie sehr sich Zustandsgrößen ändern. Flussgrößen sind also in einem Geldsystem Geldflüsse von einem Konto auf ein anderes.

An dieser Stelle sage ich bewusst Geldsystem und nicht Markt oder Wirtschaftssystem. Nicht jede Geldaktivität ist Teil des Wirtschaftssystems. Wer mehrere Konten hat und dazwischen Geld umherschaufelt, macht erst mal nix wirtschaftliches, da er in diesem Moment nicht an der planmäßigen Deckung von Bedarf teilnimmt. Wer einen Kuchen backt, der betreibt zwar Wirtschaft, weil er planmäßig seinen Bedarf an Kuchen deckt, ist aber nicht Teil des Geldsystems.

Hier zeigt sich eine große Schwierigkeit bei der Vermessung von Märkten. Natürlich bieten Preise Zahlenwerte, die direkt vergleichbar sind und somit sind Preise und Geldmengen für jeden Wirtschaftswissenschaftler die einfachste Möglichkeit, an Zahlen zu kommen, die den Zustand seines Wirtschaftssystems beschreiben. Jedoch darf bereits hier nie außer Acht gelassen werden, dass diese Zahlen nicht die vollständige Wahrheit sind. Eine denkbare Alternative könnte auch die Erhebung der Arbeitsstunden sein, die in Waren und Dienstleistungen stecken. Aber schon hier stellt sich die Frage nach der Vergleichbarkeit und der Erhebbarkeit der Daten, so dass der Wirtschaftswissenschaftler kaum eine Wahl hat und Preise und Kontostände nutzen muss. Er muss ich aber immer bewusst sein, dass diese Daten oft eine Krücke sind.

Deutlich besser als in der Vermessung ganzer Volkswirtschaften sind Wirtschaftswissenschaftler bei der Vermessung einzelner Unternehmen. Dies ist natürlich auch einfacher, weil es übersichtlicher ist und das Unternehmen ja Zugriff auf alle unternehmensinternen Informationen hat. In so einem Unternehmen werden zunächst alle Zustandsgrößen ermittelt. Das sind natürlich Kontostände oder Schulden, die das Unternehmen hat oder die jemand beim Unternehmen hat, das ist aber auch der Wert von Immobilien, Maschinen, Fahrzeugen, Büroausstattungen etc. Das alles zusammen ergibt den Gesamtwert von Dingen, über die das Unternehmen verfügt. Im Laufe eines Jahres kommen zu diesen Zustandsgrößen Flussgrößen. Flussgrößen geben an, wie sich Zustandsgrößen ändern. Maschinen und Fahrzeuge werden abgenutzt und verlieren an Wert, diese Wertänderung nennt sich dann Abschreibung. Kontostände und Schuldenstände ändern sich, die Lager werden voller oder leerer. Am Ende des Jahres ergeben sich aus den Flüssen des Geschäftsjahres neue Zustandsgrößen. Diese Methode ist schon ziemlich gut und für Unternehmen auch geeignet, da dort alle Waren und Dienstleistungen, die in das Unternehmen fließen oder vom Unternehmen an andere fließen, mit einem Preis belegt sind, so dass hier tatsächlich die Größen des Geldsystems mit den Größen des Wirtschaftssystems übereinstimmen.

Aber wie macht es der Volkswirt mit ganzen Volkswirtschaft? Zunächst verzichtet er einfach mal ganz großzügig darauf, irgendwelche Zustandsgrößen zu ermitteln. Natürlich gibt es Mittel und Wege, den Gesamtwert der Immobilien, Unternehmen, Kontostände etc. in einer Volkswirtschaft zumindest abzuschätzen. Dies wäre dann die Ausgangsbasis für eine Betrachtung der Flussgrößen. Die Flussgrößen für eine Volkswirtschaft wären dann z.B. die neu produzierten Waren und Dienstleistungen, aber auch die Abschreibungen auf Fahrzeuge, Maschinen, Immobilien und Infrastruktur. Dazu kommen dann noch ein paar Größen, die den Geld- und Warenaustausch mit dem Ausland beschreiben und fertig wäre die Vermessung einer Volkswirtschaft. Aber all dies tut der Volkswirt nicht. Er bemisst die Wirtschaft mit einer einzigen Größe, nämlich dem Gesamtwert aller gehandelten Waren und Dienstleistungen und nennt das dann Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Preise von tatsächlich gehandelten Gütern sind Geldflüsse vom Käufer zum Verkäufer. Der BIP-messende Volkswirt misst also eine Flussgröße. Diese ist aber, wenn man nicht die anderen Flussgrößen und die Ausgangswerte der Zustandsgrößen kennt, ohne Aussage. Man stelle sich vor, ein Meteorologe oder ein Arzt würden eine einzelne Flussgröße benutzen, um ihre Aussagen zu treffen. Wie viel Information über das Wetter enthält die Aussage, dass soundsoviel Kubikkilometer Luftmassen gestern über Deutschland hinweggezogen sind? Kann ein Arzt einem Patienten Ernährungsratschläge geben, wenn er nur weiß, wie viele Kalorien dieser zum Frühstück isst, aber nicht, was er sonst noch verzehrt und ob er dabei Über- oder Untergewicht hat?

Wir müssen also an dieser Stelle festhalten, dass wir eigentlich gar keinen Schimmer haben, wie groß unser deutscher Ameisenhaufen ist, wie viel Wert er enthält und wie viel dort produziert und konsumiert wird. Dafür, dass viele Volkswirte vorgeben, ihre Aussagen auf wissenschaftliche Methodik zu stützen, ist das eigentlich ziemlich dünn. Eine Gesamterhebung des Wertes einer Volkswirtschaft müsste auch Externalitäten berücksichtigen. Verliert eine Immobilien an Wert, weil der Flugplatz nebenan eine weitere Landebahn bekommt und die Lärmbelastung steigt, dann geht dies bisher ins BIP nicht ein. Es zählen bisher nur Bau und Nutzung des Flugplatzes, weil dort Geld für Produkte fließt. Kein Wunder also, dass diverse Wirtschaftsgutachten solche Projekte immer als Wachstumstreiber bewerten. Bei der grundschiefen Bewertungsgrundlage kann ja auch gar kein anderes Ergebnis herauskommen.

Aber wir haben nicht nur keinen Schimmer wie groß unser Ameisenhaufen ist, dank der Universalität der Emergenz können wir ihn auch gar nicht sachlich vermessen. Wir haben letztes Mal festgestellt, dass emergente Systeme immer eine Form von Selbstreferenz aufweisen. Wir haben außerdem in einem früheren Beitrag festgestellt, dass Selbstreferenz zu einer Optimierung von Systemen bezüglich ihres Bewertungsparameters führen kann. So ist nicht nur der Pfauenschwanz eine emergente Kuriosität ohne wirklichen Sinn, sondern auch unser BIP ist gefangen in einem Teufelskreis, in dem versucht wird, es zu steigern, weil es wichtig ist, und in dem es wichtig ist, weil ständig versucht wird, es zu steigern.

Denkt man dies konsequent zu Ende, muss man sich die Frage stellen, ob die Politik überhaupt eine auf sachlichen Analysen fundierte Wirtschaftspolitik machen kann, oder ob nicht grundsätzlich die Gefahr besteht, dass die Messgrößen, die die Politik zur Handlungsgrundlage macht, immer in einen Kreislauf aus Bewertung und Beeinflussung geraten können. Da dies nicht auszuschließen ist, stellt sich grundsätzlich die Frage nach Sinn und Unsinn von Wirtschaftspolitik.

Das kleine ferne Bhutan fährt in seiner Wirtschaftspolitik daher einen komplett anderen Ansatz. Anstatt den Handel von Waren und Dienstleistungen zu messen in der Hoffnung, dass ein jeder Freude daran hat, so wie wir es tun, wird in Bhutan statt des Bruttoinlandsproduktes direkt das Bruttonationalglück gemessen. Basierend auf einem Gesetz von 1729, nach dem eine Regierung nur dann eine Legitimation hat, wenn sie zur Zufriedenheit des Volkes führt, wird seit 1972 das Bruttonationalglück offiziell als wichtiger erachtet als das Bruttoninlandsprodukt.

Dort fließen direkt die Sachen ein, die auch bei uns von vielen Menschen als wichtig erachtet werden, wie Gesundheit, Bildung, zwischenmenschliche Beziehungen, politische Teilhabe usw. Diese Dinge herbeizuführen ist eigentlich Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Während also in Bhutan die Wirtschaft danach ausgerichtet wird, dass die Menschen in geeigneter Work-Life-Balance ein Leben ohne Stress und Depressionen führen, nehmen wir genau dies in Kauf, damit unser Ameisenhaufen möglichst viel Zeug produziert, das wir eigentlich nicht brauchen, mit dem wir dann Menschen beeindrucken wollen, die wir eigentlich nicht mögen.

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2 Gedanken zu “Die Vermessung des Ameisenhaufens

  1. Danke für den Beitrag.
    Ja, es fehlt an echten Zielen. (BIP-)Wachstum als ein zu verfolgendes Ziel ist zum Selbstzweck verkommen. Ohne geht’s halt nicht, wird den Kritikern ja gern entgegengehalten. Zeigt aber nur, wie angepasst und eingefahren die Denkweisen mittlerweile sind.

    Wichtiges Thema ist auch das „wie“ und „was“ gemessen wird. Ohne vollständige Kenntnis des Systems (ein Ding der Unmöglichkeit bei komplexen Systemen) entdeckt man zwar Oberflächliches, ohne aber Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge ziehen zu können. So lässt sich denn auch nicht vernünftig steuern.

    Als Beispiel vielleicht die exponentiell wachsenden Geldvermögen. Klar offensichtlich, dass diese durch Zins- und Zinseszins *bedingt sind*, oder? Der Nachweis wurde ja auch hier im Blog erbracht, dass der Zins eben nicht *ursächlicher* Grund ist.
    Eine Korrelation stellt keinen hinreichenden kausalen Zusammenhang her, eine endgültige „Wahrheit“ wird sich wahrscheinlich nie finden. Es geht immer nur nach bestem Wissen und Gewissen.

    Theoriegebilde wie die Neoklassik, die meint, auf Geld als Messgröße komplett verzichten zu können, gehören realistischerweise in die Tonne.

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    • Das wusste schon meine Oma.Jahrgang 1904 und schon lange tot. Die sagte immer:“Geld regiert die Welt.“ So einfach ist das. Und die hatte bei weitem keine Kenntnisse in BWL.
      @ deedl: …damit unser Ameisenhaufen möglichst viel Zeug produziert, das wir eigentlich nicht brauchen, mit dem wir dann Menschen beeindrucken wollen, die wir eigentlich nicht mögen.
      Und dass das dafür verwendete Geld nur als Schuldschein existiert, dass hat meine Oma 1923 selbst erlebt, als sie dafür Waren (Werte) einkaufen musste und am nächsten Tag schon doppelt so viel Schuldscheine auf den Tisch legen musste. Unsere Währung ist heute aber stabil. – Noch und nur deshalb, weil das unsinnige produzierte Zeug von der manipulierten Konsumentenherde wie irre gekauft wird. Weil, wie @deedl: …damit unser Ameisenhaufen möglichst viel Zeug produziert, das wir eigentlich nicht brauchen, mit dem wir dann Menschen beeindrucken wollen, die wir eigentlich nicht mögen.
      „Bloß gut, dass die Leute das (Geld) System nicht verstehen, sonst gäbe es eine Revolution noch heute.“
      J. Gauck

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