Die unsichtbare Ameisenpfote

Vor einiger Zeit haben wir bereits festgestellt, dass man zum Verständnis der Wirtschaft durchaus Anleihen bei der Biologie beziehen kann. Heute werden wir sehen, warum das prinzipiell überhaupt geht. Dazu lernen wir ein nahezu ubiquitäres Phänomen kennen, ohne deren Kenntnis wichtige Fragen des Universums (Wo kommen wir her? Und warum überhaupt?) schnell in der Esoterik landen: das Phänomen der Emergenz (aus dem Lateinischen von „e(x-)mergere“: aus etwas entstehen, erscheinen, auftauchen).

Am besten veranschaulichen lässt sich dieses Phänomen an einem Ameisenhaufen. Einzelne Ameisen sind von Natur aus grandios dumm. Sie besitzen kein zentrales Nervensystem sondern bestehen nur aus einer Ansammlung von Reflexen, anhand derer sie auf Sinnesreize reagieren. Eine mögliche Reaktion einer Ameise ist nun das Aussenden von Duftstoffen. Diese Duftstoffe sind gleichzeitig Sinnesreize für andere Ameisen. Und ab hier wird es interessant.

Nehmen wir mal an, Forscher hätten bisher im Wald nur einzelne Ameisen gefunden, diese aber sehr detailliert untersucht. Sie wüssten den Körperbau der Ameisen und sie wüssten nach welchen Regeln Sinneseindrücke verarbeitet werden. Kämen diese Forscher von alleine je auf die Idee, dass Ameisen gigantische Paläste bauen können? Dass sie arbeitsteilig sind und manchmal sogar Kriege führen? Nein, denn Arbeitsteilung, Kriege und Paläste sind emergent.

Emergenz ist die Komplexität von Systemen, die sich erst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Systembestandteile ergibt, die für sich betrachtet viel weniger komplex sind. Ameisen sind da ein hervorragendes Beispiel, denn Ameisen sind dumm, besitzen keine Hierarchie (die „Königin“ hat ja nix zu melden, sie ist ja nur eine Gebärmaschine) und sind alle nahezu identisch (sogar genetisch, denn alle Arbeiterinnen sind Geschwister). Erst das Zusammenspiel vieler Ameisen führt zu komplexem Verhalten. Elementar dabei ist die Kommunikation über Duftstoffe untereinander. Sie ermöglichen beliebig komplexe Wirkzusammenhänge, die sich selbst oder gegenseitig verstärken oder abschwächen können.

Jetzt stellen wir uns mal vor, eines Tages wird durch einen blöden Zufall (z.B. ein unglücklicher Sturz auf der Treppe oder ein Atomunglück) eine einzelne Ameise plötzlich mit Intelligenz geschlagen. Diese Ameise, wir nennen sie Adam Schmidt, betrachtet nun den emsigen Ameisenhaufen und bewundert, wie effizient und zielstrebig alle Arbeiterinnen zur rechten Zeit am rechten Ort sind, um dort die richtige Arbeit zu verrichten. Adam Schmidt wird ein Buch verfassen, es „Der Wohlstand der Ameisenhaufen“ nennen und darin schreiben: „Das Individuum möchte gar nicht die Gemeinschaft voranbringen, es folgt nur eigenen Interessen. Und es handelt so, dass seine Instinke am besten befriedigt sind. Dabei führt die Handlung, geleitet durch eine unsichtbare Ameisenpfote in eine Richtung, die gar nicht seine Absicht war. Durch Folgung seiner niederen Instinke erfüllt es die Interessen der Gemeinschaft besser, als wenn es direkt versuchen würde, Gutes für diese zu tun.“

Spätestens hier wird deutlich, warum es Parallelen zwischen der Wirtschaft und der Biologie gibt. Leben, und damit alles, was in der Biologie geschieht, ist emergent. Würden wir nur die die 92 natürlichen chemischen Elemente kennen und die Naturgesetze, die deren Wirkzusammenhänge beschreiben, kämen wir nicht auf die Idee, dass daraus Leben entsteht, wenn man nur lange genug wartet. Ebenso ist Wirtschaft emergent. Jeder Mensch muss sich jeden Morgen überlegen, was er heute so den Tag treibt, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Dabei zieht er natürlich die Interaktion mit anderen Menschen in Betracht. Daraus entsteht dann Kultur, Wirtschaft und Zivilisation.

Der Erfindung des Geldes kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Es ermöglicht neue Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Menschen. Naturgemäß werden sich in einer Tauschwirtschaft nur Menschen finden, deren Angebote und Bedarfe an Naturalien sich irgendwie gegenseitig decken. Die Gesamtmenge an Interaktionen und Gütern ist damit begrenzt. Existiert eine Vielzahl unterschiedlichster Produkte, so wird es immer schwerer, einen Tauschpartner zu finden. Tauschen die Menschen dann aber nur Grundbedarfsgüter, um so möglichst viele Tauschpartner zu haben, so sinkt die Produktvielfalt. Die Erfindung des Geldes schafft nun eine Interaktionsschnittstelle, die zwischen beliebigen Individuen kompatibel ist. Jeder Mensch kann mit Geld irgendetwas anfangen. Damit steigt die Möglichkeit der Individuen, miteinander zu interagieren, ohne dass dafür die Produktvielfalt eingeschränkt werden muss. So entstehen Möglichkeiten für die Emergenz neuer Komplexitäten. Kluge Wirtschaftswissenschaftler haben für diese emergenten Interaktionskomplexitäten einen Fachbegriff gefunden: Sie nennen es „Markt“.

Das Wissen um die Emergenz wirtschaftlicher System ist aus verschiedenen Gründen enorm wichtig. Der erste Grund ist der der sachlichen Betrachtung. Markt als emergente Komplexität ist weder gut noch böse. Er ist kein Allheilmittel, für das wir Schreine errichten müssen, er ist aber auch kein Sündenbock für alles Übel dieser Welt. Markt entsteht immer, sobald Menschen innerhalb eines Geldsystemes Waren und Dienstleistungen austauschen. Selbst in failed states, unter totalitären Regimen und Gefängnissen gibt es Markt. Als Geldmittel dienen dann z.B. Zigaretten oder andere Güter, die zählbar und lagerfähig sind. Jegliche moralische Dimension in Marktdebatten ist esoterisches Geschwätz, denn emergente Phänomene sind nun mal da. Sich darüber zu unterhalten, ob Markt lieb oder böse ist, ist, als würde man darüber diskutieren, ob das Wetter moralisch verwerfliche Absichten hat. Die moralische Bewertung des Phänomens Markt an sich ist jedoch scharf davon zu trennen, ob Individuen das Phänomen Markt benutzen, um sich persönlich auf Kosten der Gemeinschaft zu bereichern. Hier entsteht durchaus eine moralische Dimension, da das Individuum, im Gegensatz zum Markt, ein bewusst handelnder Akteur ist.

Sachlich betrachtet ist Markt also da und kann funktionieren, kann aber auch schiefgehen. Markt ist nicht inhärent nützlich oder schädlich, denn Markt unterliegt noch einer anderen Eigenschaft emergenter Systeme: Chaotischem Verhalten.

Um zu verdeutlichen was das ist, betrachten wir zunächst ein nicht chaotisches System: Eine Eidechse die sich morgens in die Sonne legt, tut dies, um ihre Körpertemperatur zu erhöhen und somit ihren Stoffwechsel hochzufahren. Generell laufen chemische Reaktionen bei höheren Temperaturen schneller ab als bei niedrigeren. Will die Eidechse flink sein und erfolgreich jagen, muss sie sich aufwärmen. Wir können also sagen, je wärmer desto schneller und je kälter desto langsamer ist die Eidechse. Dieses Verhalten gilt jedoch nur für einen sehr begrenzten Temperaturbereich. Verlassen wir diesen Temperaturbereich, wird es chaotisch. Wird die Eidechse zu warm, spielen plötzlich andere Naturgesetze eine Rolle, die bisher nicht zum Tragen kamen. Bei 35°C Körpertemperatur ist die Eidechse schon ziemlich agil, bei 40°C ist noch schneller aber schon bei 45°C ist sie plötzlich tot. Ähnliches gilt für niedrige Temperaturen. Chemische Reaktionen kommen erst bei -273°C vollständig zum erliegen, aber so weit muss die Eidechse gar nicht runterkühlen, da sie schon bei 0° zu Eis gefriert und dann ebenfalls tot ist. Die Eidechse zeigt also in einem begrenzten Temperbereich ein vorhersagbares Verhalten, aber bei bestimmten Temperaturgrenzen (bei 0°C und 42°C) können schon Änderungen der Temperatur um wenige Grad zum totalen Systemausfall führen. Solche Tipping Points finden sich nicht nur in biologischen, sondern auch in wirtschaftlichen Systemen.

Auch Märkte zeigen chaotisches Verhalten. Preise ändern sich regelmäßig, mal steigen sie und mal fallen sie. Es gibt Preisanstiege, die zu Spekulationsblasen führen, wenn genügend Glücksritter aufspringen. Andere Preisanstiege haben dies nicht zur Folge. Ob und wann ein Preisanstieg eine Spekulationsblase verursacht ist schwer vorhersehbar, aber es besteht die Möglichkeit, dass ein geringer Preisanstieg zu einer Spekulationsblase führt, was als chaotisches Verhalten einzuordnen ist.

Es ist also wichtig zu verstehen, dass Märkte emergente Systeme sind, um zu verstehen, dass solche Systeme zu chaotischem Verhalten neigen und somit eben nicht stabil sind. Die nobelpreisverdächtige Frage nach dem Informationsgehalt von Preisen ist ja gerade nur zu beantworten, wenn man dies verstanden hat. Auch die Frage, nach welcher Dynamik sich der Marktpreis bei Angebots- oder Nachfrageänderungen entwickelt, erhält ihre Tiefe erst durch das chaotische Verhalten emergenter Systeme. Weiterhin macht dieses chaotische Verhalten allgemeine Aussagen über Märkte schwierig, denn jeder Markt ist anders und funktioniert im Sinne der effizienten Ressourcenverteilung verschieden gut.

Grundsätzliche Vorraussetzung für chaotisches Verhalten ist die Selbstreferenz emergenter Systeme, also die Tatsache, dass die einzelnen Teile des Systems ihr Verhalten nicht nur nach der äußeren Umgebung, sondern auch nach dem inneren Zustand des Systems ausrichten. So wie die Ameise den Duftstoffen ihrer Artgenossen folgt, folgt der Spekulant den Preissignalen seiner Artgenossen. Diese Selbstreferenz ist sowohl Voraussetzung für Emergenz als auch Teil des chaotischen Verhaltens.

Diese chaotische Eigenschaft von Emergenz spielt auch in der Ordnungspolitik eine Rolle. In der sozialen Marktwirtschaft soll der Staat fehlerhaftes Marktverhalten erkennen und lenkend einwirken. Tatsächlich haben wir das Gefühl, die Politik sei nur noch damit beschäftigt, Fehler zu korrigieren, die durch frühere Gesetzgebung erst entstanden sind. Dieser Eindruck ist nicht falsch, er ist jedoch nicht ausschließlich den Politikern in die Schuhe zu schieben. Schließlich ist bei einem chaotischen System vorher gar nicht absehbar, was das Gesetz alles für Auswirkungen hat. Die Nebenwirkungen einer Gesetzgebung sind also nicht immer nur dem Politiker anzulasten, da er alle Auswirkungen des Gesetzes vorher gar nicht hätte abschätzen können. Es ist also richtig, dass die Politik Flickschusterei betreibt, es ist aber keine unbedingte Schwäche der Politik, sondern auch der unmöglichen Vorhersagbarkeit wirtschaftlicher Entwicklungen geschuldet.

Wir halten also fest, dass „Markt“ ein emergentes Phänomen ist, das durch geldmittelbasierte Interaktion von Menschen entsteht. Märkte sind weder gut noch böse, aber sie sind schwer vorhersagbar und schwer zu kontrollieren. Da wir Menschen Schwierigkeiten haben, Emergenz zu verstehen, und immer nach einem Schöpfer suchen, der die Emergenz zu verantworten hat, bleibt die „Unsichtbare Hand“ von Adam Smith für den Markt das, was der Schöpfergott für unsere Artenvielfalt ist: Der Versuch, eine zentrale Instanz zu finden, die die Vielfalt und Komplexität zu verantworten hat, weil wir uns nicht vorstellen können, dass solche Dinge ohne Zweck zustande kommen können.

Advertisements

3 Gedanken zu “Die unsichtbare Ameisenpfote

  1. Hallo deedl!
    Du schreibst: Die Nebenwirkungen einer Gesetzgebung sind also nicht immer nur dem Politiker anzulasten, da er alle Auswirkungen des Gesetzes vorher gar nicht hätte abschätzen können.
    Erstaunlich ist nur mit welcher verabsolutierenden Überzeugungskraft Politiker ihre Entscheidungen vertreten. Offensichtlich berücksichtigen sie überhaupt nicht, dass es sein könnte, dass sie sich in den Auswirkungen ihrer Entscheidungen geirrt haben könnten. Andererseits können sie ja eigentlich überhaupt nichts dafür und wir dürfen ihnen auch nicht böse sein. Also dann bis zur nächsten Wahl!
    Der Malachit.

    Gefällt mir

  2. Sehr gelungener Beitrag, bezüglich der Gesetzgebung allerdings mit der Einschränkung, dass die Verbandelung von (Wirtschafts-)Macht und Politik -> Lobbyismus, ja doch zu Ungunsten der Allgemeinheit darauf Einfluss nimmt. Das macht sich in schludrig geschriebenen Gesetzestexten bemerkbar, die offenbar bewusst schwammig formuliert sind, so dass am Ende die Gerichte über deren Auslegung entscheiden dürfen. Auf internationaler Ebene besteht ein riesiges Vakuum, was die Konzerne natürlich gerne als Spielwiese zum Austoben nutzen.

    Transparenz wäre eigentlich oberstes Gebot, aber Deutschland hat es m.W. immer noch nicht geschafft, die UN-Resolution bzgl. Korruption zu ratifizieren.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s