Die Vermessung des Ameisenhaufens

Wir haben uns letztes Mal mit dem Phänomen der Emergenz beschäftigt, also mit der Entstehung von neuen Strukturen durch das Zusammenspiel einzelner Teile. So wie sich aus dem instinktgetriebenen Verhalten von einzelnen Ameisen ein gut koordinierter Ameisenhaufen ergibt, ergibt sich aus dem Handelsverhalten von einzelnen Menschen das Phänomen „Markt“.

Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften ist es nun, dieses Phänomen wissenschaftlich zu beschreiben. Das Ziel ist es dabei, das System so gut zu verstehen, dass man Vorhersagen treffen kann, die stimmen. Das ist in eigentlich allen Wissenschaften so. Der Meteorologe muss Wettervorhersagen treffen, die stimmen, der Informatiker muss beweisen, dass sich sein Programm nicht aufhängt, der Arzt muss, bevor er ein Medikament verabreicht, wissen, welche Wirkungen es auf den Körper entfaltet. Und ein Wirtschaftswissenschaftler muss Marktverhalten prognostizieren können.

Dabei ist der Vergleich mit dem Meteorologen besonders naheliegend, weil auch das Wetter ein emergentes chaotisches System ist. Letztendlich passiert beim Wetter nichts anderes, als das verschiedene Moleküle in der Gegend herumwuseln und ab zu mit ihren Nachbarn zusammendengeln. Aus diesem rein lokalen Phänomen ergeben sich über Wechselwirkungen so komplexe Gebilde wie Schäfchenwolken oder Tiefdruckgebiete. Auch Wetter ist chaotisch, weshalb kurzfristige Vorhersagen meist sehr hohe Trefferwahrscheinlichkeiten haben, langfristige Wetterprognosen aber fast unmöglich sind.

Die wissenschaftliche Methodik hinter der Vermessung eines Wissenschaftsgegenstandes ist eigentlich immer recht ähnlich. Man sucht einerseits nach messbaren Größen, die eine Aussage über den Zustand des Systems treffen und andererseits nach Wirkmechanismen, wie sich verschieden Größen des Systems gegenseitig beeinflussen.

Der Mediziner misst z.B. den Blutzuckergehalt oder den Insulinspiegel und kann so ein Aussage über den Zustand eines Patienten treffen und weiß aus verschiedenen Laborversuchen, dass ein hoher Blutzuckerwert den Körper dazu bringt, Insulin auszuschütten, welches den Blutzucker zu den Körperfettzellen abschiebt. So kann er basierend auf den gemessenen Werten eine wissenschaftliche Prognose erstellen, z.B. „wenn Sie weiter so viel Zucker fressen, dann platzen Sie irgendwann“.

Der Meteorologe misst ebenfalls Zustandsgrößen seines Systems, üblicherweise Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, und er kennt die Wechselwirkungen dieser Größen. Er weiß, dass durch die Corioliskraft der Wind entlang der Isobaren verläuft und so die Luftmassen verschiebt und kann prognostizieren, wann es wo anfängt zu regnen.

Der Wirtschaftswissenschaftler muss also zwei Dinge tun: Er muss sinnvolle messbare Größen finden, die den Zustand seines Systems beschreiben, und er muss versuchen, die Zusammenhänge zwischen diesen Größen zu bestimmen, so dass er Prognosen erstellen kann.

Bei der Vermessung von Märkten und Ameisenhaufen muss zunächst zwischen Fluss- und Zustandsgrößen unterschieden werden. Wir haben dies bereits bei der Simulation des Geldsystems getan. Zustandsgrößen sind innerhalb eines Geldsystems im Wesentlichen Kontostände. Flussgrößen beschreiben nun, wie sehr sich Zustandsgrößen ändern. Flussgrößen sind also in einem Geldsystem Geldflüsse von einem Konto auf ein anderes.

An dieser Stelle sage ich bewusst Geldsystem und nicht Markt oder Wirtschaftssystem. Nicht jede Geldaktivität ist Teil des Wirtschaftssystems. Wer mehrere Konten hat und dazwischen Geld umherschaufelt, macht erst mal nix wirtschaftliches, da er in diesem Moment nicht an der planmäßigen Deckung von Bedarf teilnimmt. Wer einen Kuchen backt, der betreibt zwar Wirtschaft, weil er planmäßig seinen Bedarf an Kuchen deckt, ist aber nicht Teil des Geldsystems.

Hier zeigt sich eine große Schwierigkeit bei der Vermessung von Märkten. Natürlich bieten Preise Zahlenwerte, die direkt vergleichbar sind und somit sind Preise und Geldmengen für jeden Wirtschaftswissenschaftler die einfachste Möglichkeit, an Zahlen zu kommen, die den Zustand seines Wirtschaftssystems beschreiben. Jedoch darf bereits hier nie außer Acht gelassen werden, dass diese Zahlen nicht die vollständige Wahrheit sind. Eine denkbare Alternative könnte auch die Erhebung der Arbeitsstunden sein, die in Waren und Dienstleistungen stecken. Aber schon hier stellt sich die Frage nach der Vergleichbarkeit und der Erhebbarkeit der Daten, so dass der Wirtschaftswissenschaftler kaum eine Wahl hat und Preise und Kontostände nutzen muss. Er muss ich aber immer bewusst sein, dass diese Daten oft eine Krücke sind.

Deutlich besser als in der Vermessung ganzer Volkswirtschaften sind Wirtschaftswissenschaftler bei der Vermessung einzelner Unternehmen. Dies ist natürlich auch einfacher, weil es übersichtlicher ist und das Unternehmen ja Zugriff auf alle unternehmensinternen Informationen hat. In so einem Unternehmen werden zunächst alle Zustandsgrößen ermittelt. Das sind natürlich Kontostände oder Schulden, die das Unternehmen hat oder die jemand beim Unternehmen hat, das ist aber auch der Wert von Immobilien, Maschinen, Fahrzeugen, Büroausstattungen etc. Das alles zusammen ergibt den Gesamtwert von Dingen, über die das Unternehmen verfügt. Im Laufe eines Jahres kommen zu diesen Zustandsgrößen Flussgrößen. Flussgrößen geben an, wie sich Zustandsgrößen ändern. Maschinen und Fahrzeuge werden abgenutzt und verlieren an Wert, diese Wertänderung nennt sich dann Abschreibung. Kontostände und Schuldenstände ändern sich, die Lager werden voller oder leerer. Am Ende des Jahres ergeben sich aus den Flüssen des Geschäftsjahres neue Zustandsgrößen. Diese Methode ist schon ziemlich gut und für Unternehmen auch geeignet, da dort alle Waren und Dienstleistungen, die in das Unternehmen fließen oder vom Unternehmen an andere fließen, mit einem Preis belegt sind, so dass hier tatsächlich die Größen des Geldsystems mit den Größen des Wirtschaftssystems übereinstimmen.

Aber wie macht es der Volkswirt mit ganzen Volkswirtschaft? Zunächst verzichtet er einfach mal ganz großzügig darauf, irgendwelche Zustandsgrößen zu ermitteln. Natürlich gibt es Mittel und Wege, den Gesamtwert der Immobilien, Unternehmen, Kontostände etc. in einer Volkswirtschaft zumindest abzuschätzen. Dies wäre dann die Ausgangsbasis für eine Betrachtung der Flussgrößen. Die Flussgrößen für eine Volkswirtschaft wären dann z.B. die neu produzierten Waren und Dienstleistungen, aber auch die Abschreibungen auf Fahrzeuge, Maschinen, Immobilien und Infrastruktur. Dazu kommen dann noch ein paar Größen, die den Geld- und Warenaustausch mit dem Ausland beschreiben und fertig wäre die Vermessung einer Volkswirtschaft. Aber all dies tut der Volkswirt nicht. Er bemisst die Wirtschaft mit einer einzigen Größe, nämlich dem Gesamtwert aller gehandelten Waren und Dienstleistungen und nennt das dann Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Preise von tatsächlich gehandelten Gütern sind Geldflüsse vom Käufer zum Verkäufer. Der BIP-messende Volkswirt misst also eine Flussgröße. Diese ist aber, wenn man nicht die anderen Flussgrößen und die Ausgangswerte der Zustandsgrößen kennt, ohne Aussage. Man stelle sich vor, ein Meteorologe oder ein Arzt würden eine einzelne Flussgröße benutzen, um ihre Aussagen zu treffen. Wie viel Information über das Wetter enthält die Aussage, dass soundsoviel Kubikkilometer Luftmassen gestern über Deutschland hinweggezogen sind? Kann ein Arzt einem Patienten Ernährungsratschläge geben, wenn er nur weiß, wie viele Kalorien dieser zum Frühstück isst, aber nicht, was er sonst noch verzehrt und ob er dabei Über- oder Untergewicht hat?

Wir müssen also an dieser Stelle festhalten, dass wir eigentlich gar keinen Schimmer haben, wie groß unser deutscher Ameisenhaufen ist, wie viel Wert er enthält und wie viel dort produziert und konsumiert wird. Dafür, dass viele Volkswirte vorgeben, ihre Aussagen auf wissenschaftliche Methodik zu stützen, ist das eigentlich ziemlich dünn. Eine Gesamterhebung des Wertes einer Volkswirtschaft müsste auch Externalitäten berücksichtigen. Verliert eine Immobilien an Wert, weil der Flugplatz nebenan eine weitere Landebahn bekommt und die Lärmbelastung steigt, dann geht dies bisher ins BIP nicht ein. Es zählen bisher nur Bau und Nutzung des Flugplatzes, weil dort Geld für Produkte fließt. Kein Wunder also, dass diverse Wirtschaftsgutachten solche Projekte immer als Wachstumstreiber bewerten. Bei der grundschiefen Bewertungsgrundlage kann ja auch gar kein anderes Ergebnis herauskommen.

Aber wir haben nicht nur keinen Schimmer wie groß unser Ameisenhaufen ist, dank der Universalität der Emergenz können wir ihn auch gar nicht sachlich vermessen. Wir haben letztes Mal festgestellt, dass emergente Systeme immer eine Form von Selbstreferenz aufweisen. Wir haben außerdem in einem früheren Beitrag festgestellt, dass Selbstreferenz zu einer Optimierung von Systemen bezüglich ihres Bewertungsparameters führen kann. So ist nicht nur der Pfauenschwanz eine emergente Kuriosität ohne wirklichen Sinn, sondern auch unser BIP ist gefangen in einem Teufelskreis, in dem versucht wird, es zu steigern, weil es wichtig ist, und in dem es wichtig ist, weil ständig versucht wird, es zu steigern.

Denkt man dies konsequent zu Ende, muss man sich die Frage stellen, ob die Politik überhaupt eine auf sachlichen Analysen fundierte Wirtschaftspolitik machen kann, oder ob nicht grundsätzlich die Gefahr besteht, dass die Messgrößen, die die Politik zur Handlungsgrundlage macht, immer in einen Kreislauf aus Bewertung und Beeinflussung geraten können. Da dies nicht auszuschließen ist, stellt sich grundsätzlich die Frage nach Sinn und Unsinn von Wirtschaftspolitik.

Das kleine ferne Bhutan fährt in seiner Wirtschaftspolitik daher einen komplett anderen Ansatz. Anstatt den Handel von Waren und Dienstleistungen zu messen in der Hoffnung, dass ein jeder Freude daran hat, so wie wir es tun, wird in Bhutan statt des Bruttoinlandsproduktes direkt das Bruttonationalglück gemessen. Basierend auf einem Gesetz von 1729, nach dem eine Regierung nur dann eine Legitimation hat, wenn sie zur Zufriedenheit des Volkes führt, wird seit 1972 das Bruttonationalglück offiziell als wichtiger erachtet als das Bruttoninlandsprodukt.

Dort fließen direkt die Sachen ein, die auch bei uns von vielen Menschen als wichtig erachtet werden, wie Gesundheit, Bildung, zwischenmenschliche Beziehungen, politische Teilhabe usw. Diese Dinge herbeizuführen ist eigentlich Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Während also in Bhutan die Wirtschaft danach ausgerichtet wird, dass die Menschen in geeigneter Work-Life-Balance ein Leben ohne Stress und Depressionen führen, nehmen wir genau dies in Kauf, damit unser Ameisenhaufen möglichst viel Zeug produziert, das wir eigentlich nicht brauchen, mit dem wir dann Menschen beeindrucken wollen, die wir eigentlich nicht mögen.

Die unsichtbare Ameisenpfote

Vor einiger Zeit haben wir bereits festgestellt, dass man zum Verständnis der Wirtschaft durchaus Anleihen bei der Biologie beziehen kann. Heute werden wir sehen, warum das prinzipiell überhaupt geht. Dazu lernen wir ein nahezu ubiquitäres Phänomen kennen, ohne deren Kenntnis wichtige Fragen des Universums (Wo kommen wir her? Und warum überhaupt?) schnell in der Esoterik landen: das Phänomen der Emergenz (aus dem Lateinischen von „e(x-)mergere“: aus etwas entstehen, erscheinen, auftauchen).

Am besten veranschaulichen lässt sich dieses Phänomen an einem Ameisenhaufen. Einzelne Ameisen sind von Natur aus grandios dumm. Sie besitzen kein zentrales Nervensystem sondern bestehen nur aus einer Ansammlung von Reflexen, anhand derer sie auf Sinnesreize reagieren. Eine mögliche Reaktion einer Ameise ist nun das Aussenden von Duftstoffen. Diese Duftstoffe sind gleichzeitig Sinnesreize für andere Ameisen. Und ab hier wird es interessant.

Nehmen wir mal an, Forscher hätten bisher im Wald nur einzelne Ameisen gefunden, diese aber sehr detailliert untersucht. Sie wüssten den Körperbau der Ameisen und sie wüssten nach welchen Regeln Sinneseindrücke verarbeitet werden. Kämen diese Forscher von alleine je auf die Idee, dass Ameisen gigantische Paläste bauen können? Dass sie arbeitsteilig sind und manchmal sogar Kriege führen? Nein, denn Arbeitsteilung, Kriege und Paläste sind emergent.

Emergenz ist die Komplexität von Systemen, die sich erst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Systembestandteile ergibt, die für sich betrachtet viel weniger komplex sind. Ameisen sind da ein hervorragendes Beispiel, denn Ameisen sind dumm, besitzen keine Hierarchie (die „Königin“ hat ja nix zu melden, sie ist ja nur eine Gebärmaschine) und sind alle nahezu identisch (sogar genetisch, denn alle Arbeiterinnen sind Geschwister). Erst das Zusammenspiel vieler Ameisen führt zu komplexem Verhalten. Elementar dabei ist die Kommunikation über Duftstoffe untereinander. Sie ermöglichen beliebig komplexe Wirkzusammenhänge, die sich selbst oder gegenseitig verstärken oder abschwächen können.

Jetzt stellen wir uns mal vor, eines Tages wird durch einen blöden Zufall (z.B. ein unglücklicher Sturz auf der Treppe oder ein Atomunglück) eine einzelne Ameise plötzlich mit Intelligenz geschlagen. Diese Ameise, wir nennen sie Adam Schmidt, betrachtet nun den emsigen Ameisenhaufen und bewundert, wie effizient und zielstrebig alle Arbeiterinnen zur rechten Zeit am rechten Ort sind, um dort die richtige Arbeit zu verrichten. Adam Schmidt wird ein Buch verfassen, es „Der Wohlstand der Ameisenhaufen“ nennen und darin schreiben: „Das Individuum möchte gar nicht die Gemeinschaft voranbringen, es folgt nur eigenen Interessen. Und es handelt so, dass seine Instinke am besten befriedigt sind. Dabei führt die Handlung, geleitet durch eine unsichtbare Ameisenpfote in eine Richtung, die gar nicht seine Absicht war. Durch Folgung seiner niederen Instinke erfüllt es die Interessen der Gemeinschaft besser, als wenn es direkt versuchen würde, Gutes für diese zu tun.“

Spätestens hier wird deutlich, warum es Parallelen zwischen der Wirtschaft und der Biologie gibt. Leben, und damit alles, was in der Biologie geschieht, ist emergent. Würden wir nur die die 92 natürlichen chemischen Elemente kennen und die Naturgesetze, die deren Wirkzusammenhänge beschreiben, kämen wir nicht auf die Idee, dass daraus Leben entsteht, wenn man nur lange genug wartet. Ebenso ist Wirtschaft emergent. Jeder Mensch muss sich jeden Morgen überlegen, was er heute so den Tag treibt, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Dabei zieht er natürlich die Interaktion mit anderen Menschen in Betracht. Daraus entsteht dann Kultur, Wirtschaft und Zivilisation.

Der Erfindung des Geldes kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Es ermöglicht neue Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Menschen. Naturgemäß werden sich in einer Tauschwirtschaft nur Menschen finden, deren Angebote und Bedarfe an Naturalien sich irgendwie gegenseitig decken. Die Gesamtmenge an Interaktionen und Gütern ist damit begrenzt. Existiert eine Vielzahl unterschiedlichster Produkte, so wird es immer schwerer, einen Tauschpartner zu finden. Tauschen die Menschen dann aber nur Grundbedarfsgüter, um so möglichst viele Tauschpartner zu haben, so sinkt die Produktvielfalt. Die Erfindung des Geldes schafft nun eine Interaktionsschnittstelle, die zwischen beliebigen Individuen kompatibel ist. Jeder Mensch kann mit Geld irgendetwas anfangen. Damit steigt die Möglichkeit der Individuen, miteinander zu interagieren, ohne dass dafür die Produktvielfalt eingeschränkt werden muss. So entstehen Möglichkeiten für die Emergenz neuer Komplexitäten. Kluge Wirtschaftswissenschaftler haben für diese emergenten Interaktionskomplexitäten einen Fachbegriff gefunden: Sie nennen es „Markt“.

Das Wissen um die Emergenz wirtschaftlicher System ist aus verschiedenen Gründen enorm wichtig. Der erste Grund ist der der sachlichen Betrachtung. Markt als emergente Komplexität ist weder gut noch böse. Er ist kein Allheilmittel, für das wir Schreine errichten müssen, er ist aber auch kein Sündenbock für alles Übel dieser Welt. Markt entsteht immer, sobald Menschen innerhalb eines Geldsystemes Waren und Dienstleistungen austauschen. Selbst in failed states, unter totalitären Regimen und Gefängnissen gibt es Markt. Als Geldmittel dienen dann z.B. Zigaretten oder andere Güter, die zählbar und lagerfähig sind. Jegliche moralische Dimension in Marktdebatten ist esoterisches Geschwätz, denn emergente Phänomene sind nun mal da. Sich darüber zu unterhalten, ob Markt lieb oder böse ist, ist, als würde man darüber diskutieren, ob das Wetter moralisch verwerfliche Absichten hat. Die moralische Bewertung des Phänomens Markt an sich ist jedoch scharf davon zu trennen, ob Individuen das Phänomen Markt benutzen, um sich persönlich auf Kosten der Gemeinschaft zu bereichern. Hier entsteht durchaus eine moralische Dimension, da das Individuum, im Gegensatz zum Markt, ein bewusst handelnder Akteur ist.

Sachlich betrachtet ist Markt also da und kann funktionieren, kann aber auch schiefgehen. Markt ist nicht inhärent nützlich oder schädlich, denn Markt unterliegt noch einer anderen Eigenschaft emergenter Systeme: Chaotischem Verhalten.

Um zu verdeutlichen was das ist, betrachten wir zunächst ein nicht chaotisches System: Eine Eidechse die sich morgens in die Sonne legt, tut dies, um ihre Körpertemperatur zu erhöhen und somit ihren Stoffwechsel hochzufahren. Generell laufen chemische Reaktionen bei höheren Temperaturen schneller ab als bei niedrigeren. Will die Eidechse flink sein und erfolgreich jagen, muss sie sich aufwärmen. Wir können also sagen, je wärmer desto schneller und je kälter desto langsamer ist die Eidechse. Dieses Verhalten gilt jedoch nur für einen sehr begrenzten Temperaturbereich. Verlassen wir diesen Temperaturbereich, wird es chaotisch. Wird die Eidechse zu warm, spielen plötzlich andere Naturgesetze eine Rolle, die bisher nicht zum Tragen kamen. Bei 35°C Körpertemperatur ist die Eidechse schon ziemlich agil, bei 40°C ist noch schneller aber schon bei 45°C ist sie plötzlich tot. Ähnliches gilt für niedrige Temperaturen. Chemische Reaktionen kommen erst bei -273°C vollständig zum erliegen, aber so weit muss die Eidechse gar nicht runterkühlen, da sie schon bei 0° zu Eis gefriert und dann ebenfalls tot ist. Die Eidechse zeigt also in einem begrenzten Temperbereich ein vorhersagbares Verhalten, aber bei bestimmten Temperaturgrenzen (bei 0°C und 42°C) können schon Änderungen der Temperatur um wenige Grad zum totalen Systemausfall führen. Solche Tipping Points finden sich nicht nur in biologischen, sondern auch in wirtschaftlichen Systemen.

Auch Märkte zeigen chaotisches Verhalten. Preise ändern sich regelmäßig, mal steigen sie und mal fallen sie. Es gibt Preisanstiege, die zu Spekulationsblasen führen, wenn genügend Glücksritter aufspringen. Andere Preisanstiege haben dies nicht zur Folge. Ob und wann ein Preisanstieg eine Spekulationsblase verursacht ist schwer vorhersehbar, aber es besteht die Möglichkeit, dass ein geringer Preisanstieg zu einer Spekulationsblase führt, was als chaotisches Verhalten einzuordnen ist.

Es ist also wichtig zu verstehen, dass Märkte emergente Systeme sind, um zu verstehen, dass solche Systeme zu chaotischem Verhalten neigen und somit eben nicht stabil sind. Die nobelpreisverdächtige Frage nach dem Informationsgehalt von Preisen ist ja gerade nur zu beantworten, wenn man dies verstanden hat. Auch die Frage, nach welcher Dynamik sich der Marktpreis bei Angebots- oder Nachfrageänderungen entwickelt, erhält ihre Tiefe erst durch das chaotische Verhalten emergenter Systeme. Weiterhin macht dieses chaotische Verhalten allgemeine Aussagen über Märkte schwierig, denn jeder Markt ist anders und funktioniert im Sinne der effizienten Ressourcenverteilung verschieden gut.

Grundsätzliche Vorraussetzung für chaotisches Verhalten ist die Selbstreferenz emergenter Systeme, also die Tatsache, dass die einzelnen Teile des Systems ihr Verhalten nicht nur nach der äußeren Umgebung, sondern auch nach dem inneren Zustand des Systems ausrichten. So wie die Ameise den Duftstoffen ihrer Artgenossen folgt, folgt der Spekulant den Preissignalen seiner Artgenossen. Diese Selbstreferenz ist sowohl Voraussetzung für Emergenz als auch Teil des chaotischen Verhaltens.

Diese chaotische Eigenschaft von Emergenz spielt auch in der Ordnungspolitik eine Rolle. In der sozialen Marktwirtschaft soll der Staat fehlerhaftes Marktverhalten erkennen und lenkend einwirken. Tatsächlich haben wir das Gefühl, die Politik sei nur noch damit beschäftigt, Fehler zu korrigieren, die durch frühere Gesetzgebung erst entstanden sind. Dieser Eindruck ist nicht falsch, er ist jedoch nicht ausschließlich den Politikern in die Schuhe zu schieben. Schließlich ist bei einem chaotischen System vorher gar nicht absehbar, was das Gesetz alles für Auswirkungen hat. Die Nebenwirkungen einer Gesetzgebung sind also nicht immer nur dem Politiker anzulasten, da er alle Auswirkungen des Gesetzes vorher gar nicht hätte abschätzen können. Es ist also richtig, dass die Politik Flickschusterei betreibt, es ist aber keine unbedingte Schwäche der Politik, sondern auch der unmöglichen Vorhersagbarkeit wirtschaftlicher Entwicklungen geschuldet.

Wir halten also fest, dass „Markt“ ein emergentes Phänomen ist, das durch geldmittelbasierte Interaktion von Menschen entsteht. Märkte sind weder gut noch böse, aber sie sind schwer vorhersagbar und schwer zu kontrollieren. Da wir Menschen Schwierigkeiten haben, Emergenz zu verstehen, und immer nach einem Schöpfer suchen, der die Emergenz zu verantworten hat, bleibt die „Unsichtbare Hand“ von Adam Smith für den Markt das, was der Schöpfergott für unsere Artenvielfalt ist: Der Versuch, eine zentrale Instanz zu finden, die die Vielfalt und Komplexität zu verantworten hat, weil wir uns nicht vorstellen können, dass solche Dinge ohne Zweck zustande kommen können.