Markt und Medien

Als sich die Journalisten der Sunday Times 1999 im Rahmen der Millenniums-Euphorie Gedanken machten, wer denn die wichtigsten Persönlichkeiten des scheidenden Jahrtausends waren, so fiel es nicht schwer, den ersten Platz in diesem Ranking zu besetzen. Die Ehre ging an Johannes Gutenberg, der im 15. Jahrhundert dem Abendland den Buchdruck mit beweglichen Lettern bescherte. Man könnte einem Journalisten, also jemandem, der sein Geld mit Druckerzeugnissen verdient, eine gewisse Voreingenommenheit unterstellen, die sich jedoch als unbegründet erweist im Angesicht der Tatsache, dass unter den von der Sunday Times als am bedeutendsten erachteten zehn Personen Gutenberg nur einer von drei nicht-Angelsachsen ist.

Die Bedeutung der Medien wurde offenkundig, als sich im 18. Jahrhundert die Aufklärer kluge Gedanken um neue Staats- und Gesellschaftsformen machten (seitdem ein abendländisches Hobby mit vielen Nebenwirkungen). Locke und Montesquieu entwickelten die Idee der Gewaltenteilung, die Idee, dass die Macht im Staate sich auf drei Säulen – gesetzgebend, ausführend und rechtsprechend – zu stützen habe. Rousseau und andere erkannten schnell, dass eine Säule fehlte: die vierte Macht, die Macht der Medien (damals immer noch das gedruckte Buch oder Pamphlet).

In unserer heutigen westlichen Zivilisation ist die vierte Macht die einzige, die hauptsächlich privatwirtschaftlich organisiert ist. Damit ist zwar einerseits gewährleistet, dass nach dem Prinzip der Gewaltenteilung diese unabhängig von anderen staatlichen Institutionen ist, jedoch ist sie deshalb nicht transparent oder gar demokratisch legitimiert. Was passiert, wenn man der „unsichtbaren Hand“ des Marktes freie Bahn lässt? Eine Bestandsaufnahme.

Schon seit langem weiß der Volksmund, dass der Leibhaftige sein Geschäft immer auf dem größten Haufen verrichtet, es war an den kommunistischen Urvätern Marx und Engels, diesen Sachverhalt in hochsprachliche Worte zu fassen und einige sehr radikale Lösungsansätze zu entwickeln, die den einen oder anderen Praxistest zur mäßig bestanden haben. Auch unser Blog hat sich diesem Phänomen schon angenommen, andere Autoren haben den schönen Begriff des Fettaugensyndroms dafür gefunden.

Der kluge Wirtschaftswissenschaftler hat dafür jedoch ein tolles Wort mit lateinischen Wurzeln geprägt, er nennt es „Konsolidieren“, was so viel wie „festigen“ oder „zusammenfügen“ bedeutet. Alle großen Branchen unterliegen diesem Effekt. So war die Automobilbranche vor hundert Jahren noch ein Sammelsurium aus unzähligen unabhängigen Herstellern. Heute besteht sie noch aus einer Handvoll großer Konzerne. Das gleiche ist mit den Medien passiert. Gab es im 19. Jahrhundert in jeder Kleinstadt eine unabhängige Tageszeitung, sind es heute wenige große Konzerne, die Medienwelt lenken. Wir werden gleich sehen, warum dies von Relevanz ist.

In der Wirtschaft geht es oft um Anreize. Es geht darum, was ein Individuum sich morgens nach dem Aufstehen überlegt, was es den Tag über tun möchte. Auch ein Journalist unterliegt täglich einem Anreizsystem. Ein Journalist muss sich, wie jeder andere normale Mensch auch, überlegen, wie er seinen Urlaub finanziert, welches Auto er sich leisten kann, wie er seiner Frau ihren Wintergarten und seinen Kindern den Sportverein finanzieren kann. Da ein Journalist in einer konsolidierten Medienwelt zwangsläufig in oder für einen großen Konzern arbeitet, gibt es nur einen Weg, sein Gehalt zu erhöhen. Er muss in der Hierarchie aufsteigen. Dieser Aufstieg gelingt nicht, indem man gegen den Strom schwimmt, sondern indem man seinem Geldgeber gefällt. Wie man seinem Geldgeber gefällt, ist manchmal sehr offensichtlich. So muss ein Bild-Reporter als Teil seines Arbeitsvertrages die Leitlinien der Axel Springer SE unterschreiben. Dort unterschreibt er dafür, für die „Einigungsbemühungen der Völker Europas“ und die „Unterstützung des transatlantischen Bündnisses“ einzutreten. Man kann sich an zwei Fingern abzählen, wie objektiv so ein Journalist darüber berichtet, wenn in Osteuropa die USA den Putsch einer Junta unterstützen, damit diese in die EU eintritt.

Nun ist im Falle der Axel Springer SE scheinbar offensichtlich, in welche Richtung dort die Wahrheit verbogen wird. Jedoch führt nun das Fettaugensyndrom, ich meine natürlich die Konsolidierung der Medienbranche, dazu, dass über Unternehmensverschachtelungen Medien von der Springerpolitik betroffen sind, bei denen die politische Ausrichtung eben nicht transparent gemacht wird. So gehören dem Springerkonzern auch Radiosender, wie Antenne 1 oder Radio NRW, die unter dem Deckmantel der freien Berichterstattung natürlich auch eine Berichterstattung vollziehen, bei der jeder Mitarbeiter versucht, seinem Geldgeber maximal zu gefallen, um so durch Karriere im Konzern sein Privateinkommen zu mehren.

Eigentlich müsste man jedoch die Axel Springer SE als positives Beispiel anführen, macht sie doch immerhin ein bisschen transparent, welche Absichten sie hat. Andere Fische im Medienteich sind größer und manche schweigsamer. Einer der größten Medienkonzerne hierzulande ist Bertelsmann. Bertelsmann gehört nicht nur der Verlag Gruner + Jahr, der mit Stern, GEO und seinen Beteiligungen am Spiegel-Verlag das Bildungsbürgertum des Landes mit Informationen füttert, sondern auch die RTL-Group, die mit RTL, RTL II, VOX und N-TV breite Bevölkerungsschichten des Landes mit Nachrichten versorgt. Was hat Bertelsmann für Motive? Zunächst hat die Bertelsmann-Stiftung, der der Laden gehört, eine umfangreiche Agenda, die mit vielen schwammigen Versprechungen eine bessere Welt verspricht. Eine solche Aussage ist z.B.: „Als unabhängige Reformkraft wollen wir Blockaden aufheben, die der Zukunftsentwicklung entgegenstehen, um so die gesellschaftliche Entwicklung voranzubringen.“ Welche Blockaden dies sind, wird offensichtlich, wenn man die Konzernstruktur genauer ansieht. Zu Bertelsmann gehört auch der Verwaltungsdienstleister Arvato, der gerne Geld damit verdient, als Privatunternehmen öffentliche Verwaltungen zu ersetzen. Natürlich wird Bertelsmann auf allen Kanälen den ineffizienten Staat propagieren und behaupten, es könne viel effizienter arbeiten als der Staat, um an diesen Kuchen zu kommen. Eine öffentliche Verwaltung ist schließlich ein natürliches Monopol. Und die vierte Macht im Staat hat, wenn sie privatwirtschaftlich organisiert ist, eben nicht die Aufgabe, die Wahrheit zu verkünden, sondern Geld zu verdienen.

Aber es geht noch intransparenter. Der journalistische Goldstandard für den Wahrheitsgehalt von Nachrichten ist die Nachrichtenagentur Reuters. Reuters gehört als Teil des Thomson-Reuters-Konzerns von der Thomson- Familie, gegenwärtig vertreten durch die Person David Thomson, dessen Großvater keine Kosten und Mühen scheute, sich als Kanadier einen britischen Adelstitel zu verschaffen. Was treibt die Thomsons um? Reuters bedient nach eigenen Angaben mit seinen Nachrichten etwa eine Milliarde Menschen. Eine Milliarde, deren Weltbild von den Ängsten und Nöten eines einzigen Mannes geprägt wird. Diesen Mann treibt natürlich, wie auch Uli Hoeneß und Alice Schwarzer, die Angst um, Steuern zahlen zu müssen. So ist bei Reuters-Thomson in der Rubrik „Our Thinking“ zu lesen: „This tax package retained many of the favorable tax breaks that were scheduled to expire, but also increased income taxes for some high-income individuals.“ Steuersenkungen sind also toll, Steuererhöhung für Reiche hingegen nicht. Der Verdacht, dass man in Herrn Thomsons Medienimperium aufsteigen kann, indem man seine Meinung zu Steuerfragen vertritt, ist ein bisschen naheliegend.

Doch wie sieht es jenseits der finanziellen Interessen aus? Wenn die Familien Mohn (Eigentümer der Bertelsmann-Stiftung) und Thomson ihre Medienmacht nutzen, um sich finanziell besser zu stellen, was hält sie davon ab, es dem Springerclan gleichzutun und auch ein politisches Weltbild zu propagieren? Was denken die Mohns über Syrien oder die Ukraine? Was denkt Herr Thomson über die Ukraine? In autoritären Ländern wie China weiß jeder, dass die Presse die Meinung der kommunistischen Partei widergibt und kann die Inhalte entsprechend deuten. Welche Meinung steckt aber hinter Reuters oder RTL?

Zumindest wissen wir schon mal, dass sie die Leier vom bösen Staat predigen. Wir wissen weiterhin, dass die Springers immer pro EU und pro USA berichten werden. Und wir wissen, dass Reuters und Bertelsmann grundsätzlich negativ über staatliche Organisation berichten. Wir wissen, dass alle größeren Medien verschweigen, dass die neue ukrainische Regierung von Nazis geführt wird. Der Spiegel ist sogar so dreist, nicht nur die Wahrheit über Jazenjuk zu verschwiegen, sondern ein Portrait eines einsamen rechtsradikalen Hinterbänklers zu veröffentlichen, als ob dieser alleine Schuld sei an dem Gerede um die Nazis in Kiew.

1880 sagte John Swinton, Journalist und Publizist, bei einem Bankett über den monetären Anreiz von Journalismus: „Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs.“

Im Kinofilm „Network“ ruft Howard Beal seinem amerikanischen Fernsehpublikum, um ihm die Augen gegenüber der Macht der Medien zu öffnen, zu: „Weil ihr Freunde und 62 Millionen anderer Amerikaner in diesem Augenblick zuhören, weil weniger als 3% von euch Bücher lesen. Weil weniger als 15% von euch Zeitung lesen. Weil die einzige Wahrheit die ihr kennt, die ist, die aus dieser Röhre kommt. Heute existiert schon eine ganze Generation von Menschen, die nie etwas kennengelernt hat, was nicht aus dieser Röhre gekommen ist. Diese Röhre ist das Evangelium, die letzte Offenbarung. Die Röhre kann krönen und stürzen, Präsidenten, Päpste, Premierminister, diese Röhre ist die gefährlichste, furchterregendste, gottverdammte Macht in dieser gottlosen Welt. Wehe uns, wenn sie je in die Hände der falscher Leute kommt, Freunde.“

Die einzige kritische Berichterstattung in den großen Medien zum Thema Ukraine findet sich in der Sendung „Die Anstalt“ im ZDF vom 11.03.2014. Politisches Kabarett nach der Primetime guckt eh niemand, da darf man nochmal schnell seinem Auftrag über umfassende Berichterstattung nachkommen. Außerdem ist es ja eh nur Spaß. Das ZDF ist allerding kein markwirtschaftlich organisiertes Medium, sondern ein öffentlich rechtliches. Doch dies ist eine andere Geschichte.

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