Markt und Medien

Als sich die Journalisten der Sunday Times 1999 im Rahmen der Millenniums-Euphorie Gedanken machten, wer denn die wichtigsten Persönlichkeiten des scheidenden Jahrtausends waren, so fiel es nicht schwer, den ersten Platz in diesem Ranking zu besetzen. Die Ehre ging an Johannes Gutenberg, der im 15. Jahrhundert dem Abendland den Buchdruck mit beweglichen Lettern bescherte. Man könnte einem Journalisten, also jemandem, der sein Geld mit Druckerzeugnissen verdient, eine gewisse Voreingenommenheit unterstellen, die sich jedoch als unbegründet erweist im Angesicht der Tatsache, dass unter den von der Sunday Times als am bedeutendsten erachteten zehn Personen Gutenberg nur einer von drei nicht-Angelsachsen ist.

Die Bedeutung der Medien wurde offenkundig, als sich im 18. Jahrhundert die Aufklärer kluge Gedanken um neue Staats- und Gesellschaftsformen machten (seitdem ein abendländisches Hobby mit vielen Nebenwirkungen). Locke und Montesquieu entwickelten die Idee der Gewaltenteilung, die Idee, dass die Macht im Staate sich auf drei Säulen – gesetzgebend, ausführend und rechtsprechend – zu stützen habe. Rousseau und andere erkannten schnell, dass eine Säule fehlte: die vierte Macht, die Macht der Medien (damals immer noch das gedruckte Buch oder Pamphlet).

In unserer heutigen westlichen Zivilisation ist die vierte Macht die einzige, die hauptsächlich privatwirtschaftlich organisiert ist. Damit ist zwar einerseits gewährleistet, dass nach dem Prinzip der Gewaltenteilung diese unabhängig von anderen staatlichen Institutionen ist, jedoch ist sie deshalb nicht transparent oder gar demokratisch legitimiert. Was passiert, wenn man der „unsichtbaren Hand“ des Marktes freie Bahn lässt? Eine Bestandsaufnahme.

Schon seit langem weiß der Volksmund, dass der Leibhaftige sein Geschäft immer auf dem größten Haufen verrichtet, es war an den kommunistischen Urvätern Marx und Engels, diesen Sachverhalt in hochsprachliche Worte zu fassen und einige sehr radikale Lösungsansätze zu entwickeln, die den einen oder anderen Praxistest zur mäßig bestanden haben. Auch unser Blog hat sich diesem Phänomen schon angenommen, andere Autoren haben den schönen Begriff des Fettaugensyndroms dafür gefunden.

Der kluge Wirtschaftswissenschaftler hat dafür jedoch ein tolles Wort mit lateinischen Wurzeln geprägt, er nennt es „Konsolidieren“, was so viel wie „festigen“ oder „zusammenfügen“ bedeutet. Alle großen Branchen unterliegen diesem Effekt. So war die Automobilbranche vor hundert Jahren noch ein Sammelsurium aus unzähligen unabhängigen Herstellern. Heute besteht sie noch aus einer Handvoll großer Konzerne. Das gleiche ist mit den Medien passiert. Gab es im 19. Jahrhundert in jeder Kleinstadt eine unabhängige Tageszeitung, sind es heute wenige große Konzerne, die Medienwelt lenken. Wir werden gleich sehen, warum dies von Relevanz ist.

In der Wirtschaft geht es oft um Anreize. Es geht darum, was ein Individuum sich morgens nach dem Aufstehen überlegt, was es den Tag über tun möchte. Auch ein Journalist unterliegt täglich einem Anreizsystem. Ein Journalist muss sich, wie jeder andere normale Mensch auch, überlegen, wie er seinen Urlaub finanziert, welches Auto er sich leisten kann, wie er seiner Frau ihren Wintergarten und seinen Kindern den Sportverein finanzieren kann. Da ein Journalist in einer konsolidierten Medienwelt zwangsläufig in oder für einen großen Konzern arbeitet, gibt es nur einen Weg, sein Gehalt zu erhöhen. Er muss in der Hierarchie aufsteigen. Dieser Aufstieg gelingt nicht, indem man gegen den Strom schwimmt, sondern indem man seinem Geldgeber gefällt. Wie man seinem Geldgeber gefällt, ist manchmal sehr offensichtlich. So muss ein Bild-Reporter als Teil seines Arbeitsvertrages die Leitlinien der Axel Springer SE unterschreiben. Dort unterschreibt er dafür, für die „Einigungsbemühungen der Völker Europas“ und die „Unterstützung des transatlantischen Bündnisses“ einzutreten. Man kann sich an zwei Fingern abzählen, wie objektiv so ein Journalist darüber berichtet, wenn in Osteuropa die USA den Putsch einer Junta unterstützen, damit diese in die EU eintritt.

Nun ist im Falle der Axel Springer SE scheinbar offensichtlich, in welche Richtung dort die Wahrheit verbogen wird. Jedoch führt nun das Fettaugensyndrom, ich meine natürlich die Konsolidierung der Medienbranche, dazu, dass über Unternehmensverschachtelungen Medien von der Springerpolitik betroffen sind, bei denen die politische Ausrichtung eben nicht transparent gemacht wird. So gehören dem Springerkonzern auch Radiosender, wie Antenne 1 oder Radio NRW, die unter dem Deckmantel der freien Berichterstattung natürlich auch eine Berichterstattung vollziehen, bei der jeder Mitarbeiter versucht, seinem Geldgeber maximal zu gefallen, um so durch Karriere im Konzern sein Privateinkommen zu mehren.

Eigentlich müsste man jedoch die Axel Springer SE als positives Beispiel anführen, macht sie doch immerhin ein bisschen transparent, welche Absichten sie hat. Andere Fische im Medienteich sind größer und manche schweigsamer. Einer der größten Medienkonzerne hierzulande ist Bertelsmann. Bertelsmann gehört nicht nur der Verlag Gruner + Jahr, der mit Stern, GEO und seinen Beteiligungen am Spiegel-Verlag das Bildungsbürgertum des Landes mit Informationen füttert, sondern auch die RTL-Group, die mit RTL, RTL II, VOX und N-TV breite Bevölkerungsschichten des Landes mit Nachrichten versorgt. Was hat Bertelsmann für Motive? Zunächst hat die Bertelsmann-Stiftung, der der Laden gehört, eine umfangreiche Agenda, die mit vielen schwammigen Versprechungen eine bessere Welt verspricht. Eine solche Aussage ist z.B.: „Als unabhängige Reformkraft wollen wir Blockaden aufheben, die der Zukunftsentwicklung entgegenstehen, um so die gesellschaftliche Entwicklung voranzubringen.“ Welche Blockaden dies sind, wird offensichtlich, wenn man die Konzernstruktur genauer ansieht. Zu Bertelsmann gehört auch der Verwaltungsdienstleister Arvato, der gerne Geld damit verdient, als Privatunternehmen öffentliche Verwaltungen zu ersetzen. Natürlich wird Bertelsmann auf allen Kanälen den ineffizienten Staat propagieren und behaupten, es könne viel effizienter arbeiten als der Staat, um an diesen Kuchen zu kommen. Eine öffentliche Verwaltung ist schließlich ein natürliches Monopol. Und die vierte Macht im Staat hat, wenn sie privatwirtschaftlich organisiert ist, eben nicht die Aufgabe, die Wahrheit zu verkünden, sondern Geld zu verdienen.

Aber es geht noch intransparenter. Der journalistische Goldstandard für den Wahrheitsgehalt von Nachrichten ist die Nachrichtenagentur Reuters. Reuters gehört als Teil des Thomson-Reuters-Konzerns von der Thomson- Familie, gegenwärtig vertreten durch die Person David Thomson, dessen Großvater keine Kosten und Mühen scheute, sich als Kanadier einen britischen Adelstitel zu verschaffen. Was treibt die Thomsons um? Reuters bedient nach eigenen Angaben mit seinen Nachrichten etwa eine Milliarde Menschen. Eine Milliarde, deren Weltbild von den Ängsten und Nöten eines einzigen Mannes geprägt wird. Diesen Mann treibt natürlich, wie auch Uli Hoeneß und Alice Schwarzer, die Angst um, Steuern zahlen zu müssen. So ist bei Reuters-Thomson in der Rubrik „Our Thinking“ zu lesen: „This tax package retained many of the favorable tax breaks that were scheduled to expire, but also increased income taxes for some high-income individuals.“ Steuersenkungen sind also toll, Steuererhöhung für Reiche hingegen nicht. Der Verdacht, dass man in Herrn Thomsons Medienimperium aufsteigen kann, indem man seine Meinung zu Steuerfragen vertritt, ist ein bisschen naheliegend.

Doch wie sieht es jenseits der finanziellen Interessen aus? Wenn die Familien Mohn (Eigentümer der Bertelsmann-Stiftung) und Thomson ihre Medienmacht nutzen, um sich finanziell besser zu stellen, was hält sie davon ab, es dem Springerclan gleichzutun und auch ein politisches Weltbild zu propagieren? Was denken die Mohns über Syrien oder die Ukraine? Was denkt Herr Thomson über die Ukraine? In autoritären Ländern wie China weiß jeder, dass die Presse die Meinung der kommunistischen Partei widergibt und kann die Inhalte entsprechend deuten. Welche Meinung steckt aber hinter Reuters oder RTL?

Zumindest wissen wir schon mal, dass sie die Leier vom bösen Staat predigen. Wir wissen weiterhin, dass die Springers immer pro EU und pro USA berichten werden. Und wir wissen, dass Reuters und Bertelsmann grundsätzlich negativ über staatliche Organisation berichten. Wir wissen, dass alle größeren Medien verschweigen, dass die neue ukrainische Regierung von Nazis geführt wird. Der Spiegel ist sogar so dreist, nicht nur die Wahrheit über Jazenjuk zu verschwiegen, sondern ein Portrait eines einsamen rechtsradikalen Hinterbänklers zu veröffentlichen, als ob dieser alleine Schuld sei an dem Gerede um die Nazis in Kiew.

1880 sagte John Swinton, Journalist und Publizist, bei einem Bankett über den monetären Anreiz von Journalismus: „Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs.“

Im Kinofilm „Network“ ruft Howard Beal seinem amerikanischen Fernsehpublikum, um ihm die Augen gegenüber der Macht der Medien zu öffnen, zu: „Weil ihr Freunde und 62 Millionen anderer Amerikaner in diesem Augenblick zuhören, weil weniger als 3% von euch Bücher lesen. Weil weniger als 15% von euch Zeitung lesen. Weil die einzige Wahrheit die ihr kennt, die ist, die aus dieser Röhre kommt. Heute existiert schon eine ganze Generation von Menschen, die nie etwas kennengelernt hat, was nicht aus dieser Röhre gekommen ist. Diese Röhre ist das Evangelium, die letzte Offenbarung. Die Röhre kann krönen und stürzen, Präsidenten, Päpste, Premierminister, diese Röhre ist die gefährlichste, furchterregendste, gottverdammte Macht in dieser gottlosen Welt. Wehe uns, wenn sie je in die Hände der falscher Leute kommt, Freunde.“

Die einzige kritische Berichterstattung in den großen Medien zum Thema Ukraine findet sich in der Sendung „Die Anstalt“ im ZDF vom 11.03.2014. Politisches Kabarett nach der Primetime guckt eh niemand, da darf man nochmal schnell seinem Auftrag über umfassende Berichterstattung nachkommen. Außerdem ist es ja eh nur Spaß. Das ZDF ist allerding kein markwirtschaftlich organisiertes Medium, sondern ein öffentlich rechtliches. Doch dies ist eine andere Geschichte.

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Wirtschaftsabkommen

Aufgrund aktueller Anlässe gibt es heute einen kleinen Beitrag außer der Reihe. Spiegel, Zeit, Süddeutsche und viele andere große Medien geben die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen EU und der Ukraine bekannt. Anlass genug, sich ein wenig mit Wirtschaftsabkommen zu beschäftigen.

Zunächst benötigt man für die Unterschrift eines Abkommens einen wohltrainierten Arm, um den Stift zu halten. Der neue ukrainische Präsident Jazenjuk und sein Fraktionschef Tjagnibok haben deshalb schon ein paar vorbereitende Übungen zur Stärkung ihrer Armmuskulatur getätigt.

Tjagnibok

Weiterhin braucht man für ein Abkommen nette Menschen, die das gut verkaufen können. Daher gehört zu einem Gruppenbild mit Jazenjuk, Tjagnibok und „Fuck-the-EU“-Nuland unbedingt noch ein beliebter Prominenter, wie z.B. der Herr Klitschko, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Jazenjuk Tjagnibok Nuland Klitschko

Schließlich ist es für Europa wichtig, Abkommen mit Leuten zu schließen, die besondere Fähigkeiten haben. Daher kann der Herr Jazenjuk mit seinen wohltrainierten Armen nicht nur Verträge unterschreiben und seine Parteigenossen grüßen, er kann neuerdings auch im Parlament bei Abstimmungen zwei Stimmen gleichzeitig abgeben (wo ist eigentlich der rechtmäßige Besitzer des zweiten Stimmcomputers?).

Und nachdem wir uns nun wieder mit langweiligem und trockenem Wirtschaftskram beschäftigt haben, nun noch ein paar wirklich wichtige News: Bayern spielt gegen Manchester und Dortmund gegen Real.

Tipping Points

Wir haben in unserer letzten Blogreihe gesehen, dass der wesentliche Designfehler geldbasierter Wirtschaftssysteme die Entkopplung von Geldeinkommen und Wertschöpfung ist, da nur Ersteres direkten Zugang zu Gütern und Dienstleistungen ermöglicht. Wir werden heute sehen, dass in unserer Gesellschaft Bewertung von Dingen und Tätigkeiten ausschließlich anhand der dadurch bedingten Geldflüsse Implikationen hat, die weit über das regelmäßige Marktversagen hinausgehen.

Wir zäumen das Pferd einmal von hinten auf und stellen zunächst die Frage, wie wir in 10, 20 oder 30 Jahren leben werden. Diese Frage ist natürlich für jeden von persönlichem Interesse, da jede persönliche Zukunft Teil der gesamt Zukunft ist, aber sie ist auch von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Wer sinnvoll für sein Alter vorsorgen will, wer ein Haus baut und sich so örtlich über Jahrzehnte festlegt, wer einen Beruf lernt und so über Jahrzehnte sein Einkommen sichern will, sollte sich ein paar Gedanken über langfristige Entwicklungen machen.

Dabei haben scheinbar einfache Konsumfragen enormen Einfluss auf die Gesamtwirtschaft, da hinter jedem Produkt teilweise lange Wertschöpfungsketten liegen. Werden sich Biolebensmittel durchsetzen, und so eine ganze Industrie von Agrochemiekonzernen zum Aussterben verdammen? Werden die hohen Ölpreise zu einem Einkommensboom der Ölindustrie führen oder zu ihrem Ende, weil die Leute in Zukunft elektrisch fahren? Letzteres wäre nicht nur ein Sargnagel für die Ölindustrie, sondern für Tausende Unternehmen aller Größen, die mit der Entwicklung, dem Bau und Betrieb von Verbrennungsmotoren beschäftigt sind. Und was ist eigentlich mit der Energiewende? Wir sind im Moment bei einem Anteil regenerativer Energien von etwa einem Viertel der Elektrizitätserzeugung. Das bedeutet, dass rund drei Viertel konventionell erzeugt werden. Für die Gesamtenergieerzeugung (also Strom, Heizung und Mobilität) ist der regenerative Anteil nur halb so hoch. Ist die Energiewende ein Sturm im Wasserglas, oder werden wir den immer noch zu stemmenden Löwenanteil auch schaffen?

Natürlich gibt es immer Leute, die aus moralischen und ideologischen Gründen ihr Konsumverhalten anpassen. So gibt es Leute, die aus Überzeugung mehr Geld für Lebensmittel ausgeben, wenn diese dafür biologisch erzeugt wurden. Deren Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt ist etwa so groß wie der Stimmanteil der Grünen bei der letzten Bundestagswahl, wir können also davon ausgehen, dass die Anzahl der Gutmenschbiokäufer in naher Zukunft nicht signifikant steigen wird. Es sei denn – und damit sind wir beim Anreizthema – Bio lohnt sich finanziell.

Breite Veränderungen geschehen immer dann, wenn sich Änderungen positiv im Portemonnaie bemerkbar machen. So hat sich der Flachbildfernseher nicht einfach deshalb durchgesetzt, weil er flach und schick ist. Anfänglich haben nur Heimkinoenthusiasten die horrenden Summen für einen Flachbildfernseher ausgegeben. Der Durchbruch kam an dem Tag, als ein Flachbildfernseher genauso billig war wie ein Röhrenfernseher. Erst als keine preisliche Benachteiligung beim Kauf des Flachbildfernsehers mehr vorlag, wog das Argument der geringeren Tiefe schwer genug, um so einen Fernseher zu kaufen. Dieser Moment war der Tipping Point. Wenige Jahre später war der Röhrenfernseher ausgestorben.

Wenn wir Prognosen über zukünftige Entwicklungen wagen, dann müssen wir diese Tipping Points suchen. Was sind die Tipping Points für Elektroautos, für Biolebensmittel oder für regenerative Energien? Wenn man diese Tipping Points gefunden hat, kann analysiert werden, ob es realistisch ist, diese je zu erreichen.

Werden wir eines Tages alle Bio essen? Die großen Produktivitätsgewinne der industriellen Landwirtschaft des letzten halben Jahrhunderts sind im Wesentlichen auf einen ständig steigenden Einsatz von chemischen und mineralischen Düngern, Pestiziden, Herbiziden und immer leistungsfähigeren landwirtschaftlichen Maschinen zurückzuführen. Fordergründig eine technische Revolution, steckt doch dahinter ein steigender Einsatz von Energie (als Treibstoff, für die Düngemittelherstellung usw.) und Rohstoffen (Phosphate, Erdgas-> Wasserstoff-> Ammoniak-> Stickstoffdünger). Bei der Produktion von Biolebensmitteln wird dieser Schritt rückgängig gemacht, es wird dafür vermehrt mit lokalen Stoffkreisläufen gearbeitet.

Der Tipping Point dabei ist klar. Sollte es einen Zeitpunkt geben, an dem ein Biolebensmittel genauso günstig ist wie ein konventionell hergestelltes Lebensmittel, wird der gefühlte ethische Mehrwert erst zum Tragen kommen und erst dann wird der Großteil der Kunden zum Bioprodukt greifen. Ist es realistisch, diesen Punkt zu erreichen oder bleibt Bio immer teurer? Tatsächlich leben wir auf einer begrenzten Welt und Erdgas und Phosphate sind keine erneuerbaren Rohstoffe. Das bedeutet, dass die Kosten für den Input an Düngern, Herbiziden, Pestiziden und Treibstoffen in der Landwirtschaft langfristig steigen werden. Damit wird die konventionelle Landwirtschaft teuer werden. Hinzu kommt, dass die biologische Produktion auch immer größere Dimensionen annimmt, womit Skalierungseffekte zum Tragen kommen, die dort die Preise noch ein wenig senken. Es ist also nicht unrealistisch anzunehmen, dass dieser Tipping Point tatsächlich eines Tages erreicht wird. Natürlich kann man sich trefflich darüber streiten, ob dies in 5 oder 50 Jahren der Fall sein wird. Interessant ist dabei, dass das voraussichtliche Angleichen der Preise hauptsächlich über eine Preissteigerung der konventionellen Produktion stattfindet. Das bedeutet, Lebensmittel werden langfristig teurer. Wer also jetzt schon wenig Geld zum Spaßkonsum übrig hat, weil Essen, Wohnen, Heizen und Mobilität sein Einkommen auffressen, muss sich Gedanken darüber machen, wie er diese langfristig absehbaren Mehrausgaben stemmen will.

Bei der Energiewende ist der Tipping Point seit langem bekannt, er hat sogar einen schönen Namen, er nennt sich Netzparität. Dieser Tipping Point hat ein paar besondere Eigenschaften. Es ist nicht so einfach, dass der Tipping Point erreicht ist, wenn Ökostrom genauso teuer ist wie konventioneller Strom. Die Energiewende ist nicht nur ein Technologiewechsel in der Elektrizitätserzeugung, sondern auch eine vollkommene Umstrukturierung der Erzeugungsverteilung. Konsumiert ein Kunde herkömmlichen Strom, muss er diesen bezahlen und zusätzlich noch Kosten wie Steuern, Netzentgelte und EEG-Umlage tragen. Baut er sich Solarzellen für die Eigenversorgung aufs Dach, so fallen auch alle diese Kosten weg. Bei Solarstrom ist die Netzparität also dann erreicht, wenn selbst produzierter Strom genauso teuer ist wie Strom, der aus dem Netz gekauft wurde. Tatsächlich ist dieser Punkt längst erreicht. Privatkunden bezahlen um die 25-30 Cent/kWh, während mittelständische Betriebe bei 20-25 Cent/kWh liegen. Erzeugt man sich seinen Strom mit Photovoltaik selbst, so liegen die Kosten heutzutage für Privatkunden oft schon bei rund 15 Cent/kWh, bei Unternehmen aufgrund der Skalierung sogar nur bei rund 10 Cent/kWh. Der Grund dafür sind die in den letzten Jahren rapide gefallenen Preise für Solarmodule. War es vor fünf Jahren noch ein valides Argument, auf die hohen Kosten von Photovoltaik zu verweisen, so ist dieses längst überholt.

Warum können erneuerbare Energien die konventionellen unterbieten? Der Grund ist zweifacher Natur. Die Energieerzeugung hat Fixkosten und variable Kosten. Die Fixkosten sind die Anschaffung und Inbetriebhaltung der Anlage, also des Kohlekraftwerkes, des Windrades und des Solarmoduls. Die variablen Kosten sind die Kosten, die zusätzlich anfallen, wenn die Anlage genutzt wird und Elektrizität erzeugt. Das sind im Kohlekraftwerk hauptsächlich Kosten für die Kohle. Dass die variablen Kosten für regenerative Energien gegen Null gehen ist bekannt, Windkraft- und Photovoltaikanlagen sind wartungsarm und Wind und Sonne kosten nichts, aber was ist mit der Anschaffung? Die ersten Anlagen für regenerative Energien waren sehr teuer, weil der Markt sehr klein war und die hohen Entwicklungskosten der anfänglich nicht marktreifen Technologien mitfinanziert werden mussten. Aber regenerative Energieträger haben im Gegensatz zu konventionellen Kraftwerken das Potential, gigantische Skalierungseffekte mitzunehmen. So sind die 17 deutschen Atomkraftwerke im Prinzip handgefertigte Einzelstücke. Jedes Atomkraftwerk besteht aus einer Vielzahl von verschiedenen Teilen, die alle nur wenige Male hergestellt werden. Für große Kohlekraftwerke gilt das gleiche. Es sind enorm komplexe Maschinen aus Unmengen von Einzelstücken. Erneuerbare Anlagen hingegen sind wenig komplex und werden in vergleichsweise großen Stückzahlen hergestellt. Oft werden von einzelnen Windanlagentypen hunderte oder gar tausende identische Exemplare gefertigt, sodass die Stückkosten durch Serienproduktion enorm gesenkt werden können. Bei Solarmodulen sind die Stückzahlen noch viel größer. Hier findet mittlerweile eine wahre Massenfertigung mit entsprechenden Kostenvorteilen statt. So sind die Preise für Solarzellen seit der ersten Ölkrise Anfang der 70er um gigantische 99% gefallen.

Hier ist der Tipping Point also längst erreicht. Natürlich ist die Energieversorgung ein großes und träges System, und der Umbau wird noch lange dauern, aber wir können mit relativ großer Gewissheit feststellen, dass die wirtschaftlichen Zwänge zur Energiewende inzwischen groß genug sind, um das frühere Spiel zwischen Gutmenschentum und Lobbyarbeit zu entscheiden. So kommt Goldman Sachs, als Inbegriff des bösen Kapitalismus über jeden Vorwurf des Gutmenschentums erhaben, zu dem Schluss, dass Kohlekraft eine schlechte Investition sei und steckt mal eben 40 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien.

Auch beim Elektroauto ist der Tipping Point in Sichtweite. Leider sind Autokäufer so irrational, bei Autos nur die Neuwagenpreise zu vergleichen, nicht aber die gesamten Kosten. Letztere sind schon jetzt je nach Nutzungsprofil oft bei Elektroautos geringer. Der Tipping Point wird der Zeitpunkt sein, an dem die Anschaffung eines Elektroautos genauso teuer ist wie die eines Verbrenners mit gleicher Ausstattung. Für Oberklassenlimousinen ist mit der Einführung des Tesla Model S dieser Zeitpunkt im Prinzip erreicht. Es dauet sicher noch ein bisschen, bis dies auch für die Mittel- und schließlich die Unterklassen der Fahrzeuge gilt, aber glaubt man Trendwatch ist es bereits 2016 soweit, während McKinsey auf 2020 tippt.

Vielleicht wird dieser Prozess durch steigende Ölpreise weiter beschleunigt. Viele Ölfirmen haben Probleme, neue rentable Ölfelder zu erschließen. Die Erschließung immer schlechterer und kleinerer Vorkommen in immer größeren Tiefen und abgelegeneren Regionen ist zwar oft technisch möglich, aber finanziell nicht rentabel. So steigt der Druck auf die Unternehmen, das Geld nicht in neue Felder, sondern in die Taschen der Aktionäre zu stecken. Wer weiß, in welche Branchen diese dann ihr Geld stecken.

Wir leben auf jeden Fall in spannenden Zeiten. Die Umbrüche unserer Zeit sind nicht politisch oder ideologisch oder moralisch motiviert. Die Umbrüche kommen, weil der schnöde finanzielle Anreiz dafür sorgt, welche Entscheidungen die Mehrheit der Menschen trifft.