Pfauenschwanzvergleich

Wir haben letztes Mal gesehen, dass in der Wirtschaft die Bewertung durch Kennzahlen regelmäßig dazu führt, dass eine bloße Optimierung auf die Größe der Kennzahl dazu führt, dass der eigentliche Sinn und Zweck aus den Augen verloren wird. Wir werden sehen, dass diese Tatsache direkt zur Frage der Lohngerechtigkeit führt.

Wir fangen dazu mal wieder beim Urschleim von Wirtschaft an. Wirtschaft ist die planmäßige Deckung von Bedarf. In einer Volkswirtschaft geschieht diese planmäßige Deckung gemeinsam. Das bedeutet jeder einzelne steuert mehr oder weniger viele Dienstleistungen und Produkte dazu bei, dass ein volkswirtschaftlicher Kuchen entsteht, der dann wieder auf alle verteilt wird. Dabei gibt es auch Personen, die nicht direkt selbst dazu beisteuern, sondern dafür sorgen, dass andere effizienter den Kuchen vergrößern können. Und dann gibt es Leute, die gar nicht zum Kuchen beitragen, weil sie nicht können, nicht wollen oder nicht dürfen.

Nachdem in der Volkswirtschaft der Kuchen geschaffen wurde, wird er auf die einzelnen Individuen verteilt. Je nach Organisationsart der Wirtschaft geschieht das nach unterschiedlichen Verteilungsschlüsseln. In der Marktwirtschaft üblich ist der Verteilungsschlüssel des Geldes. In der klassischen neoliberalen Theorie ist das in Geld gemessen Einkommen eines Menschen der gerechte Lohn für seinen Beitrag zum Kuchen. Das Einkommen ist also der Indikator für die Wertschöpfung, die jemand betreibt.

An dieser Stelle wird bereits das Problem offensichtlich. Natürlich kann man versuchen, möglichst viel Wert zu schaffen und so sein Einkommen zu vergrößern. Aber das ist anstrengend und mühselig. Da der Zugang zum Kuchen aber tatsächlich ausschließlich davon abhängt, wie viel Geld man eingenommen hat und es ist egal ist, ob und wie viel Gegenwert dafür geschaffen wurde, ist der Anreiz enorm, zu versuchen, sein Einkommen auf irgendeine Art und Weise zu mehren, egal ob man dafür Werte schafft.

Insofern ist das Einkommen das Pfauenrad des Homo Oeconomicus. Es ist total egal ob der Pfau tatsächlich fit ist und Wertschöpfung betreibt. Wichtig ist nur, dass er ein möglichst großes Rad hat, um möglichst viel vom Kuchen zu bekommen. Dies ist die Quelle praktisch aller Formen von Marktversagen. Der Markt leidet unter diesem systeminhärenten fehlerhaften Anreizmechanismus. Wer versucht, sein Einkommen zu maximieren ohne dafür den entsprechenden Gegenwert zu schöpfen, verursacht grundsätzlich Marktversagen, weil er mehr vom Gesamtkuchen bekommt als ihm möglicherweise zusteht.

Wir haben ja in früheren Beiträgen bereits verschiedene Formen von Marktversagen kennengelernt. Jede einzelne kann darauf zurückgeführt werden, wie versucht wird, das eigene Einkommen zu steigern ohne dabei den entsprechenden Gegenwert zu schaffen.

Bei der geplanten Obsoleszenz werden Produkte bewusst derart gestaltet, dass sie nach einer dem Hersteller bekannten Zeit für den Kunden ihren Nutzen oder Wert verlieren. Dadurch wird der Kuchen künstlich enorm verkleinert, da die Produkte mit nur unwesentlich verändertem Aufwand ein Vielfaches der Lebensdauer haben könnten. Der Produzent sichert sich so aber einen regelmäßigen Einkommensstrom (und damit Zugang zum Kuchen), da der Kunde gezwungen ist, sein abgelaufenes Produkt gegen Geldzahlung immer wieder zu ersetzen.

Spekulation ist geradezu der Inbegriff des Bereicherns ohne eigene Gegenwertschöpfung. Die Hoffnung, durch bloßes Handeln zu Geld zu gelangen, lockt Millionen Hobby- und Profizocker an die Finanzmärkte. Übernimmt der klassische Einzelhandel tatsächlich noch eine Wertschöpfende Funktion, indem er logistisch tätig ist und Waren vorrätig hält, haben Finanzmärkte längst ihre ursprüngliche Funktion als branchenübergreifender Kapitalverteiler verloren, der eigentlich mal der effizienten Ressourcenallokation dienen sollte. Diese Funktion wird im Fall von Aktien nämlich nur erfüllt, wenn Aktien ausgeschüttet oder zurückgekauft werden, denn nur dann ändert sich das Kapital der jeweiligen Firma. Jeglicher Handel von existierenden Aktien hat daher erst einmal keinen volkswirtschaftlichen Nutzen sondern ist bloße Zockerei. Tatsächlich schaden die Finanzmärkte sogar der Realwirtschaft, da sie spekulative Preise erzeugen, die eine marktoptimierte Verteilung von Ressourcen verhindern.

Bei Nash-Gleichgewichten handelt es sich nicht an sich um eine Strategie, um auf Kosten des Gesamtkuchens seinen eigenen Zugang zu diesem zu vergrößern, sondern um eine Situation, bei der eine solche Strategie andere dazu zwingt einem zu folgen. Hat ein Wirtschaftsteilnehmer einmal einen Weg gefunden, seinen Kuchenzugang ohne entsprechende Wertschöpfung zu vergrößern (etwa durch Werbung), so müssen seine Konkurrenten ebenfalls Werbung schalten, um gleichzuziehen. Der Kunde muss dies alles bezahlen und Werbung an sich ist keine konsumierbare Wertschöpfung. Sie ist sogar Antiwertschöpfung, denn während Wirtschaft die planmäßige Deckung von Bedarf ist, ist Werbung die planmäßige Erschaffung von Bedarf. Sie verursacht also nicht nur Kosten, die zur Vergrößerung des Kuchens dann fehlen, sondern sorgt auch noch dafür, dass der Kuchen, egal wie groß, immer zu klein ist, da sie neue Bedarfe weckt.

Die Giralgeldschöpfung von Banken ist, ähnlich der Spekulation, Bereicherung ohne Kuchenvergrößerung in Reinform. Übrigens ist das Auftreten dieser extremen Ausprägungen der wertschöpfungsfreien Bereicherung im Banken- und Finanzsektor Grund genug, diese konsequent zu hinterfragen und als Bürger soweit wie möglich zu boykottieren (schon die private Altersvorsorge gekündigt?). Bei der Giralgeldschöpfung wird kein einziger konsumierbarer Wert geschaffen. Stattdessen erschaffen die Banken mit dem neuen Geld einen neuen Zugang zum gleichgroß gebliebenen Kuchen, den sie gegen Zinsen vermieten. Dabei werden natürlich alle anderen Kuchenzugänge entwertet. Jeder kann seinen Zugang aber wieder vergrößern, indem er sich bei der Bank frisches Geld holt. Für die Banken ein todsicheres Geschäftsmodell, für alle, die auf Geld als Tauschmittel angewiesen sind, ist es versteckte Abhängigkeit.

Bei Monopolen hat ein Akteur genügend Marktmacht, um das Marktgleichgewicht zu verschieben. Üblicherweise nutzt er dies, um da Angebot zu verknappen und die Preise zu erhöhen. Über die Verknappung des Angebotes verringert er seinen Beitrag zum Gesamtkuchen, während er über die Erhöhung der Preise seine finanziellen Einnahmen und damit seinen Anteil am Kuchen erhöht.

Kapitaleinkünfte sind auch ein Weg, ohne eigene Wertschöpfung Zugang zum Kuchen zu bekommen. Zwar deckt der Vermieter vordergründig den Bedarf des Mieters nach Wohnraum, stellt diesem also ein Stück Kuchen zur Verfügung, jedoch hat der Vermieter dieses Stück ja nicht gebacken. Die eigentliche Wertschöpfung haben die Architekten und Handwerker betrieben, die das Haus geplant und gebaut haben. Als Besitzer von Aktien, Anleihen und Immobilien kann man sich also stetigen Zugang zum Kuchen verschaffen, ohne dafür Wertschöpfung betreiben zu müssen. Wobei, so fair muss man sein, ein Vermieter, der seine Immobilien selbst plant, verwaltet und deren Bau und Erhalt koordiniert, durchaus Wertschöpfung betreibt, indem er das Zusammenspiel von Handwerkern, Verwaltern und Architekten derart optimiert, dass die Wertschöpfung und damit der Kuchen möglichst groß werden.

Externalitäten schließlich sind ein Effekt, wo jemand nicht nur wenig zum Kuchen beiträgt um sich zu bereichern, sondern sogar den Kuchen dabei verkleinert. Wer bei der Produktion seiner Güter Schmutz, Lärm und Unordnung erzeugt, der erschafft den zuvor gedeckten Bedarf nach Sauberkeit, Ruhe und Ordnung neu. Damit wird der Kuchen im Verhältnis zum Bedarf kleiner, da letzterer größer wird. Die dafür eigentlich fällige Entschädigung wird aber nicht ausgezahlt sondern die streicht sich der Produzent ein und vergrößert so illegitim seinen Zugang zum Gesamtkuchen.

Wir haben also das in einem Geldsystem grundsätzlich vorhandene Problem, dass der Anreiz, durch ehrliche Wertschöpfung seinen Zugang zum volkswirtschaftlichen Kuchen zu verdienen, nicht so groß ist wie der, diesen durch möglichst schnelles Anhäufen von Geld, egal auf welchem Wege zu erreichen. Dies wirft enorme Probleme auf, die wir bisher geschickt kaschieren können. Während also der Kuchen, den wir selbst produzieren, durch diesen Anreizfehler immer kleiner wird, können wir – noch – relativ viel Kuchen konsumieren , weil wir die Ressourcen unserer Enkel von Billiglöhnern in Asien zu Kuchen verarbeiten lassen. Dies machen wir bisher so geschickt, dass wir uns all die Sperenzchen leisten können, und alle Leute mit durchfüttern, die viel vom Kuchen konsumieren, aber wenig dazu beitragen. Aber die Zeit der billigen Rohstoffe geht mit deren Begrenztheit ihrem Ende entgegen und in Asien steigen die Löhne. Es ist nur ein Frage er Zeit, bis unser Kuchen kleiner wird.

Das Kleinerwerden des Kuchens hat gigantische soziale Sprengkraft. Seit 200 Jahren haben einen stetig wachsenden Kuchen, mit dem alle glücklich sind, solange jeder jedes Jahr ein bisschen mehr Kuchen hat. Dabei war es egal, ob einige größere Stücke haben, denn es ging für alle bergauf. Aber ein kleiner werdender Kuchen bedeutet Einschnitte. Damit sind große Fragen verbunden. Wessen Stück wird zuerst kleiner? Ist es überhaupt noch gerechtfertigt, wenn jemand sein Stück weiter vergrößert?

Die Antworten auf diese Fragen sind elementar. Sollen die unteren Teile der Mittelschicht in die Unterschicht abrutschen, um so deren Kuchenkonsum zu drosseln oder sollen die, deren Stücke am größten sind, zuerst etwas abgeben? So ist der Mindestlohn ein Weg, ersteres zu verhindern und die Begrenzung der Wochenarbeitszeit ein weiterer, um sinnlosen Wettbewerb um den dadurch nicht größer werdenden Kuchen zu verhindern.

Jeder, der ein hohes Einkommen hat, aber wenig dafür tut, muss sein Handeln legitimieren. Er muss der Gesellschaft gegenüber glaubhaft vertreten, dass er den Kuchen, der er isst, auch verdient hat. Die große Strategie dazu ist die, zu verschleiern, dass das Einkommen als persönliches Pfauenrad nur ein schlechter Indikator für die eigene Wertschöpfung ist. Um zu verhindern, dass auf breiter Front hinterfragt wird, ob denn der Pfau mit dem größten Rad (Einkommen) auch der ist, der die Art am besten erhält (und am meisten Kuchen produziert), wird einfach behauptet, es müsse so sein, das Rad sei ja schließlich am größten.

Also werden die erfolgreichsten Kuchenerschleicher als „Leistungsträger“ gelobt, schließlich zahlen sie am meisten Kuchensteuer, und die über den Tisch gezogenen als „Minderleister“ abgetan, sonst hätten sie ja mehr Kuchen. Nur wenn erkannt wird, dass Wertschöpfung und Einkommen grundsätzlich NICHT das gleiche sind, weil ein Anreizfehler in unserem Wirtschaftssystem dafür sorgt, dass beide Größen entkoppelt werden, nur dann kann sachlich und fundiert über Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten diskutiert werden. Solange Einkommen mit Wertschöpfung gleichgesetzt wird, solange wird die Debatte immer unter der grundfalschen Prämisse der Kuchenerschleicher geführt und kann von diesen inhaltlich scheinbar nicht verloren werden.

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