Der (in)effiziente Staat(?)

Letztes Mal haben wir gesehen, dass der wesentliche Fehler eines geldbasierten marktwirtschaftlich organisierten Systems im Anreiz liegt. Dieser besteht darin, möglichst viel Geld anzuhäufen und eben nicht darin, möglichst viel Wert zu schöpfen. Durch diese Entkopplung entstehen verschiedene Phänomene von Marktversagen. Die Ignoranz gegenüber diesem Sachverhalt verbunden mit der offensichtlich wiederlegbaren Behauptung, dass monetäres Einkommen immer der Wertschöpfung entspreche, ist ein wesentlicher Bestandteil neoliberaler Ideologie. Ein weiter Bestandteil ist die Mär des ineffizienten Staates. Ignoriert man die tatsächlich existierenden Formen von Marktversagen und wiegt sich in dem Glauben, dass der Markt immer die bestmögliche Allokation von Ressourcen ermöglicht und so den Wohlstand maximiert, so folgt aus diesem falschen Axiom der falsche logische Schluss, dass jedes nicht marktlich organisierte System (also auch jede staatliche Verwaltung) verbessert werden kann, indem man Marktmechanismen implementiert.

Vorwegzunehmen ist, dass die Antwort auf diese Behauptung ja und nein ist. Prinzipiell kann ein Markt für eine sehr gute Verteilung von Ressourcen sorgen, das ist richtig. Die verschiedenen Formen von Marktversagen (Monopole, Nash-Gleichgewichte, geplante Obsoleszenz usw.) zeigen aber, dass Märkte auch ineffizent sein können. Ein marktwirtschaftlicher Ansatz kann also eine gute Lösung sein, muss es aber nicht. Weiterhin gilt zu bedenken, dass ein nicht marktliches System nicht automatisch schlecht oder ineffizient ist. Es gibt ja eine beliebig große Anzahl von Möglichkeiten, die Produktion von Gütern und Dienstleistungen zur Bedarfsdeckung (denn nichts anderes ist Wirtschaft) zu organisieren. All diese Ansätze sind verschieden gut und es ist sicher berechtigt anzunehmen, dass es dort starke Schwankungen gibt. So wie ein Markt effizient sein kann, aber auch versagen kann, so kann jede andere Form der Organisation mal wie gedacht funktionieren und mal versagen.

Der Glaube an die Effizienz des Marktes basiert auf einer irrigen Fehlinterpretation von Dezentralität. In einem Markt gibt es keine zentrale lenkende Instanz. Jeder handelt nach seinem Gutdünken und am Ende stellt sich (hoffentlich) eine Maximierung der Wertschöpfung ein. Das Problem dabei ist, dass Dezentralität nicht bedeutet, dass kein Verwaltungsaufwand stattfindet. So wie eine zentrale lenkende Instanz Informationen erheben und auswerten muss, so muss auch ein Marktteilnehmer Informationen erheben und auswerten, bevor er eine Entscheidung trifft.

Wer in irgendein Lehrbuch zum Thema Wirtschaft guckt, findet schnell den Begriff der Markttransparenz als Voraussetzung für einen vollkommenen Markt. Das ist in der grauen Theorie so lapidar hingeschrieben, wird vom geneigten Studenten der Wirtschaftswissenschaften mit einem kleinen Karteikärtchen auswendig gelernt, in der Klausur wird das dann mit den anderen notwendigen Eigenschaften des idealen Marktes aufgeschrieben und unser braver Student bekommt seine Eins mit Sternchen. Tatsächlich sind die Implikationen enorm.

Wie transparent ist denn in der Realität der Markt? Wissen Sie, wie viel Blut an den Rohstoffen Ihres Handys klebt? Wie glücklich das Schnitzel auf ihrem Teller war? Für wie viele Stunden Betriebszeit ist ihre Waschmaschine ausgelegt? Die Bedingung der Markttransparenz ist in der Realität nicht ansatzweise erfüllt. Es wird nur gerade so viel gekennzeichnet, wie gesetzlich vorgeschrieben ist. Durch massiven Einsatz irreführender Werbung werden außerdem falsche Informationen in großem Maßstab gestreut um Markttransparenz auf jeden Fall zu verhindern (wieviel Conchiers mit weißer Mütze rühren denn bei Lindt wirklich die Schokolade in einem tellergroßen Messingbottich?).

Für Unternehmen gilt das gleiche. Jedes Unternehmen hält sich eine Abteilung für den Einkauf und eine für den Verkauf. Der Einkauf muss natürlich die Beschaffung administrativ abwickeln, aber ein wesentliches Aufgabenfeld ist die Herstellung von Markttransparenz für das beschaffende Unternehmen. Es muss geprüft werden, wer als Anbieter z.B. eines Rohstoffes überhaupt auf dem Markt ist, welche Mengen und Qualitäten er liefern kann, wie schnell und wie günstig er ist. Markttransparenz ist kein Urzustand, sondern muss aktiv mit großem Aufwand hergestellt werden. Das gleiche gilt für den Verkauf. Unterstellen wir diesem einmal, dass er keine irreführende Werbung macht, so muss er trotzdem mögliche Kunden umfassend über das Produkt informieren, damit diese eine Kaufentscheidung treffen können. Auch der Verkauf dient im Wesentlichen der Herstellung von Markttransparenz.

Der Verwaltungsaufwand für einen freien Markt ist also ziemlich groß. Er ist aber nur schwer zu beziffern, da jeder einzelne Marktteilnehmer einen Teil dieses Aufwands trägt. In einer zentralen Verwaltung ist die Gesamtheit des Aufwandes für jeden offensichtlich, daher ist es einfach, das Bild von einem trägen ineffizienten Staat mit aufwendiger Verwaltung im Vergleich zum agilen effizienten Markt zu zeichnen. Tatsächlich ist es oft umgekehrt.

So wird in der Altersvorsorge seit vielen Jahren von Finanzlobbyisten, die im Milliardenmarkt der Altersvorsorge ein Geschäftsfeld sehen, gepredigt, dass der Staat ein träger teurer Moloch sei. Die Zahlen zeigen das Gegenteil. So werden nach den offiziellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung nur etwa 2% der Einnahmen für Verwaltung, Verfahren und sonstiges ausgegeben und rund 98% wieder an die Bürger ausgeschüttet. Im privaten Sektor sieht dies ganz anders aus. So kommt Westerheide auf etwa 15% Nebenkosten, was einer Ausschüttung von 85% entspricht. Estelle James kommt mit 10-20% auf die gleiche Größenordnung. Wir haben hier also einen realen Fall, in dem ein marktwirtschaftlich organisiertes System fünf bis zehnmal so hohe Kosten verursacht wie ein durch eine zentrale Bürokratie gesteuertes System. Dies ist der perfekte Beweis dafür, dass eine Marktorganisation nicht per se immer grundsätzlich effizienter ist als andere Organisationsformen. Wer etwas anderes behauptet, ist zwangsläufig ein Ideologe, da er diese Realität nicht zur Kenntnis nimmt.

Warum schafft der Staat es gelegentlich, effizienter zu sein als der Markt? Hier schließen wir den Kreis zum letzten Blogbeitrag. Wir haben gesehen, dass Marktversagen dadurch entsteht, dass Marktteilnehmer versuchen, ihr Finanzeinkommen zu maximieren, ohne den entsprechenden Gegenwert dazu zu schaffen (der private Vorsorgemarkt ist dazu ideal, werden hier doch große Geldströme bewegt, an denen man sich bereichern kann). Dieser Anreizfehler fehlt einer öffentlichen Verwaltung. Ein Mitarbeiter im öffentlichen Dienst bekommt jeden Monat sein Gehalt relativ unabhängig davon, wie viel oder wenig Wertschöpfung er betreibt. Er kann wenig tun, um sein Gehalt zu verändern. In der neoliberalen Sichtweise ist dies eine Schwäche, da der Anreiz fehlt, Wert zu schöpfen. Da wir jetzt aber wissen, dass der Marktanreiz eben nicht darin besteht, Wert zu schöpfen, sondern darin, Geld zu scheffeln (im Zweifelsfall auf Kosten der Allgemeinheit), kann der fehlende Anreiz in der öffentlichen Verwaltung positive Effekte haben. Ein Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung hat keinen Anreiz, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern, er kann es nämlich nicht.

Natürlich gibt es, so wie es Marktversagen gibt, auch Versagen öffentlicher Verwaltungen. Üblicherweise besteht diese darin, dass das Verwaltungsrecht zugunsten einzelner auf Kosten der Allgemeinheit gebeugt wird und sich der Verwaltende vom Bevorzugten dafür fürstlich entlohnen lässt. Dies nennt sich Korruption und ist in Deutschland glücklicherweise illegal. So sind zwar für Politiker die Regeln, was Verflechtungen mit der Wirtschaft anbelangt, ziemlich lax, aber für normale Mitarbeiter im öffentlichen Dienst kann schon ein einfacher Blumenstrauß Konsequenzen haben, wenn dieser nicht ordnungsgemäß gemeldet wird.

Was lernen wir daraus? Zum einen, dass jede Form gesellschaftlicher Organisation irgendein Anreizsystem hat, dass dafür sorgt, dass Teilnehmer Dinge tun oder auch nicht tun. Das Anreizsystem ist elementar dafür, wie gut das System funktioniert, da es sehr schwer ist, viele Leute dauerhaft dazu zu bringen, gegen die Anreize zu handeln.

Das Anreizsystem des Marktes ist nicht schlecht, aber auch nicht perfekt. Der Markt verleitet zu einer Entkopplung von monetärem Einkommen und Wertschöpfung, da für den eigenen Zugang zu Waren und Dienstleistungen ausschließlich das eigene monetäre Einkommen relevant ist und nicht die dafür erbrachte Wertschöpfung.

Andere Organisationsformen haben, ebenso wie der Markt, ihre Stärken und Schwächen. Eine staatliche Bürokratie kann eine sehr effiziente Lösung sein, kann aber auch versagen, z.B. durch Korruption.

So wie in den meisten Fällen von Schwarz-Weiß-Malerei ist auch die Frage nach der Wahl des Organisationsmittels nicht pauschal zu beantworten. Wer dem Markt blind huldigt, ist genauso naiv wie jemand, der ihn grundsätzlich ablehnt. Basierend auf der Erkenntnis des Anreizfehlers in geldbasierten Märkten sind marktwirtschaftliche Ansätze dort geeignet, wo die Geldflüsse sich noch nicht zu weit von der Wertschöpfung entfernt haben. So ist das lokale Handwerk sicher ein hervorragendes Beispiel für einen Markt, an dem Geld durch Wertschöpfung bewegt wird, während die globalen Finanzmärkte unter dem höchstmöglichen Verdacht stehen, dass sich hier Wertschöpfung und Geldfluss weitgehend entkoppelt haben.

Staatliches Handeln, dass zum Wohle der Allgemeinheit verhindern muss, dass Marktversagen oder andere Formen der Fehlorganisation den volkswirtschaftlichen Kuchen unnötig verkleinern, ist also in der Pflicht, zu erkennen, wann die Wertschöpfung vom Geldfluss entkoppelt wurde und muss entsprechend eingreifen. Entgegen der neoliberalen Markttheologie bedeutet eine enge Regulierung des Finanzmarktes durch den Staat also keine Wohlstandsverringerung, sondern eine Wohlstanderhöhung. Gekniffen sind dabei nur die, die bisher prächtig davon gelebt haben, Geldströme zu manipulieren und anzuzapfen, ohne dafür echte Gegenwerte zu schaffen.

Pfauenschwanzvergleich

Wir haben letztes Mal gesehen, dass in der Wirtschaft die Bewertung durch Kennzahlen regelmäßig dazu führt, dass eine bloße Optimierung auf die Größe der Kennzahl dazu führt, dass der eigentliche Sinn und Zweck aus den Augen verloren wird. Wir werden sehen, dass diese Tatsache direkt zur Frage der Lohngerechtigkeit führt.

Wir fangen dazu mal wieder beim Urschleim von Wirtschaft an. Wirtschaft ist die planmäßige Deckung von Bedarf. In einer Volkswirtschaft geschieht diese planmäßige Deckung gemeinsam. Das bedeutet jeder einzelne steuert mehr oder weniger viele Dienstleistungen und Produkte dazu bei, dass ein volkswirtschaftlicher Kuchen entsteht, der dann wieder auf alle verteilt wird. Dabei gibt es auch Personen, die nicht direkt selbst dazu beisteuern, sondern dafür sorgen, dass andere effizienter den Kuchen vergrößern können. Und dann gibt es Leute, die gar nicht zum Kuchen beitragen, weil sie nicht können, nicht wollen oder nicht dürfen.

Nachdem in der Volkswirtschaft der Kuchen geschaffen wurde, wird er auf die einzelnen Individuen verteilt. Je nach Organisationsart der Wirtschaft geschieht das nach unterschiedlichen Verteilungsschlüsseln. In der Marktwirtschaft üblich ist der Verteilungsschlüssel des Geldes. In der klassischen neoliberalen Theorie ist das in Geld gemessen Einkommen eines Menschen der gerechte Lohn für seinen Beitrag zum Kuchen. Das Einkommen ist also der Indikator für die Wertschöpfung, die jemand betreibt.

An dieser Stelle wird bereits das Problem offensichtlich. Natürlich kann man versuchen, möglichst viel Wert zu schaffen und so sein Einkommen zu vergrößern. Aber das ist anstrengend und mühselig. Da der Zugang zum Kuchen aber tatsächlich ausschließlich davon abhängt, wie viel Geld man eingenommen hat und es ist egal ist, ob und wie viel Gegenwert dafür geschaffen wurde, ist der Anreiz enorm, zu versuchen, sein Einkommen auf irgendeine Art und Weise zu mehren, egal ob man dafür Werte schafft.

Insofern ist das Einkommen das Pfauenrad des Homo Oeconomicus. Es ist total egal ob der Pfau tatsächlich fit ist und Wertschöpfung betreibt. Wichtig ist nur, dass er ein möglichst großes Rad hat, um möglichst viel vom Kuchen zu bekommen. Dies ist die Quelle praktisch aller Formen von Marktversagen. Der Markt leidet unter diesem systeminhärenten fehlerhaften Anreizmechanismus. Wer versucht, sein Einkommen zu maximieren ohne dafür den entsprechenden Gegenwert zu schöpfen, verursacht grundsätzlich Marktversagen, weil er mehr vom Gesamtkuchen bekommt als ihm möglicherweise zusteht.

Wir haben ja in früheren Beiträgen bereits verschiedene Formen von Marktversagen kennengelernt. Jede einzelne kann darauf zurückgeführt werden, wie versucht wird, das eigene Einkommen zu steigern ohne dabei den entsprechenden Gegenwert zu schaffen.

Bei der geplanten Obsoleszenz werden Produkte bewusst derart gestaltet, dass sie nach einer dem Hersteller bekannten Zeit für den Kunden ihren Nutzen oder Wert verlieren. Dadurch wird der Kuchen künstlich enorm verkleinert, da die Produkte mit nur unwesentlich verändertem Aufwand ein Vielfaches der Lebensdauer haben könnten. Der Produzent sichert sich so aber einen regelmäßigen Einkommensstrom (und damit Zugang zum Kuchen), da der Kunde gezwungen ist, sein abgelaufenes Produkt gegen Geldzahlung immer wieder zu ersetzen.

Spekulation ist geradezu der Inbegriff des Bereicherns ohne eigene Gegenwertschöpfung. Die Hoffnung, durch bloßes Handeln zu Geld zu gelangen, lockt Millionen Hobby- und Profizocker an die Finanzmärkte. Übernimmt der klassische Einzelhandel tatsächlich noch eine Wertschöpfende Funktion, indem er logistisch tätig ist und Waren vorrätig hält, haben Finanzmärkte längst ihre ursprüngliche Funktion als branchenübergreifender Kapitalverteiler verloren, der eigentlich mal der effizienten Ressourcenallokation dienen sollte. Diese Funktion wird im Fall von Aktien nämlich nur erfüllt, wenn Aktien ausgeschüttet oder zurückgekauft werden, denn nur dann ändert sich das Kapital der jeweiligen Firma. Jeglicher Handel von existierenden Aktien hat daher erst einmal keinen volkswirtschaftlichen Nutzen sondern ist bloße Zockerei. Tatsächlich schaden die Finanzmärkte sogar der Realwirtschaft, da sie spekulative Preise erzeugen, die eine marktoptimierte Verteilung von Ressourcen verhindern.

Bei Nash-Gleichgewichten handelt es sich nicht an sich um eine Strategie, um auf Kosten des Gesamtkuchens seinen eigenen Zugang zu diesem zu vergrößern, sondern um eine Situation, bei der eine solche Strategie andere dazu zwingt einem zu folgen. Hat ein Wirtschaftsteilnehmer einmal einen Weg gefunden, seinen Kuchenzugang ohne entsprechende Wertschöpfung zu vergrößern (etwa durch Werbung), so müssen seine Konkurrenten ebenfalls Werbung schalten, um gleichzuziehen. Der Kunde muss dies alles bezahlen und Werbung an sich ist keine konsumierbare Wertschöpfung. Sie ist sogar Antiwertschöpfung, denn während Wirtschaft die planmäßige Deckung von Bedarf ist, ist Werbung die planmäßige Erschaffung von Bedarf. Sie verursacht also nicht nur Kosten, die zur Vergrößerung des Kuchens dann fehlen, sondern sorgt auch noch dafür, dass der Kuchen, egal wie groß, immer zu klein ist, da sie neue Bedarfe weckt.

Die Giralgeldschöpfung von Banken ist, ähnlich der Spekulation, Bereicherung ohne Kuchenvergrößerung in Reinform. Übrigens ist das Auftreten dieser extremen Ausprägungen der wertschöpfungsfreien Bereicherung im Banken- und Finanzsektor Grund genug, diese konsequent zu hinterfragen und als Bürger soweit wie möglich zu boykottieren (schon die private Altersvorsorge gekündigt?). Bei der Giralgeldschöpfung wird kein einziger konsumierbarer Wert geschaffen. Stattdessen erschaffen die Banken mit dem neuen Geld einen neuen Zugang zum gleichgroß gebliebenen Kuchen, den sie gegen Zinsen vermieten. Dabei werden natürlich alle anderen Kuchenzugänge entwertet. Jeder kann seinen Zugang aber wieder vergrößern, indem er sich bei der Bank frisches Geld holt. Für die Banken ein todsicheres Geschäftsmodell, für alle, die auf Geld als Tauschmittel angewiesen sind, ist es versteckte Abhängigkeit.

Bei Monopolen hat ein Akteur genügend Marktmacht, um das Marktgleichgewicht zu verschieben. Üblicherweise nutzt er dies, um da Angebot zu verknappen und die Preise zu erhöhen. Über die Verknappung des Angebotes verringert er seinen Beitrag zum Gesamtkuchen, während er über die Erhöhung der Preise seine finanziellen Einnahmen und damit seinen Anteil am Kuchen erhöht.

Kapitaleinkünfte sind auch ein Weg, ohne eigene Wertschöpfung Zugang zum Kuchen zu bekommen. Zwar deckt der Vermieter vordergründig den Bedarf des Mieters nach Wohnraum, stellt diesem also ein Stück Kuchen zur Verfügung, jedoch hat der Vermieter dieses Stück ja nicht gebacken. Die eigentliche Wertschöpfung haben die Architekten und Handwerker betrieben, die das Haus geplant und gebaut haben. Als Besitzer von Aktien, Anleihen und Immobilien kann man sich also stetigen Zugang zum Kuchen verschaffen, ohne dafür Wertschöpfung betreiben zu müssen. Wobei, so fair muss man sein, ein Vermieter, der seine Immobilien selbst plant, verwaltet und deren Bau und Erhalt koordiniert, durchaus Wertschöpfung betreibt, indem er das Zusammenspiel von Handwerkern, Verwaltern und Architekten derart optimiert, dass die Wertschöpfung und damit der Kuchen möglichst groß werden.

Externalitäten schließlich sind ein Effekt, wo jemand nicht nur wenig zum Kuchen beiträgt um sich zu bereichern, sondern sogar den Kuchen dabei verkleinert. Wer bei der Produktion seiner Güter Schmutz, Lärm und Unordnung erzeugt, der erschafft den zuvor gedeckten Bedarf nach Sauberkeit, Ruhe und Ordnung neu. Damit wird der Kuchen im Verhältnis zum Bedarf kleiner, da letzterer größer wird. Die dafür eigentlich fällige Entschädigung wird aber nicht ausgezahlt sondern die streicht sich der Produzent ein und vergrößert so illegitim seinen Zugang zum Gesamtkuchen.

Wir haben also das in einem Geldsystem grundsätzlich vorhandene Problem, dass der Anreiz, durch ehrliche Wertschöpfung seinen Zugang zum volkswirtschaftlichen Kuchen zu verdienen, nicht so groß ist wie der, diesen durch möglichst schnelles Anhäufen von Geld, egal auf welchem Wege zu erreichen. Dies wirft enorme Probleme auf, die wir bisher geschickt kaschieren können. Während also der Kuchen, den wir selbst produzieren, durch diesen Anreizfehler immer kleiner wird, können wir – noch – relativ viel Kuchen konsumieren , weil wir die Ressourcen unserer Enkel von Billiglöhnern in Asien zu Kuchen verarbeiten lassen. Dies machen wir bisher so geschickt, dass wir uns all die Sperenzchen leisten können, und alle Leute mit durchfüttern, die viel vom Kuchen konsumieren, aber wenig dazu beitragen. Aber die Zeit der billigen Rohstoffe geht mit deren Begrenztheit ihrem Ende entgegen und in Asien steigen die Löhne. Es ist nur ein Frage er Zeit, bis unser Kuchen kleiner wird.

Das Kleinerwerden des Kuchens hat gigantische soziale Sprengkraft. Seit 200 Jahren haben einen stetig wachsenden Kuchen, mit dem alle glücklich sind, solange jeder jedes Jahr ein bisschen mehr Kuchen hat. Dabei war es egal, ob einige größere Stücke haben, denn es ging für alle bergauf. Aber ein kleiner werdender Kuchen bedeutet Einschnitte. Damit sind große Fragen verbunden. Wessen Stück wird zuerst kleiner? Ist es überhaupt noch gerechtfertigt, wenn jemand sein Stück weiter vergrößert?

Die Antworten auf diese Fragen sind elementar. Sollen die unteren Teile der Mittelschicht in die Unterschicht abrutschen, um so deren Kuchenkonsum zu drosseln oder sollen die, deren Stücke am größten sind, zuerst etwas abgeben? So ist der Mindestlohn ein Weg, ersteres zu verhindern und die Begrenzung der Wochenarbeitszeit ein weiterer, um sinnlosen Wettbewerb um den dadurch nicht größer werdenden Kuchen zu verhindern.

Jeder, der ein hohes Einkommen hat, aber wenig dafür tut, muss sein Handeln legitimieren. Er muss der Gesellschaft gegenüber glaubhaft vertreten, dass er den Kuchen, der er isst, auch verdient hat. Die große Strategie dazu ist die, zu verschleiern, dass das Einkommen als persönliches Pfauenrad nur ein schlechter Indikator für die eigene Wertschöpfung ist. Um zu verhindern, dass auf breiter Front hinterfragt wird, ob denn der Pfau mit dem größten Rad (Einkommen) auch der ist, der die Art am besten erhält (und am meisten Kuchen produziert), wird einfach behauptet, es müsse so sein, das Rad sei ja schließlich am größten.

Also werden die erfolgreichsten Kuchenerschleicher als „Leistungsträger“ gelobt, schließlich zahlen sie am meisten Kuchensteuer, und die über den Tisch gezogenen als „Minderleister“ abgetan, sonst hätten sie ja mehr Kuchen. Nur wenn erkannt wird, dass Wertschöpfung und Einkommen grundsätzlich NICHT das gleiche sind, weil ein Anreizfehler in unserem Wirtschaftssystem dafür sorgt, dass beide Größen entkoppelt werden, nur dann kann sachlich und fundiert über Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten diskutiert werden. Solange Einkommen mit Wertschöpfung gleichgesetzt wird, solange wird die Debatte immer unter der grundfalschen Prämisse der Kuchenerschleicher geführt und kann von diesen inhaltlich scheinbar nicht verloren werden.