Das Pfauenrad der Volkswirtschaft

Bevor wir uns in die üblichen Abgründe des Wirtschaftswahnsinns begeben, machen wir einen kleinen Exkurs in die Biologie. Erst wenn wir verstanden haben, warum der Pfau ein so großes Rad hat, können wir verstehen, warum Kennzahlen aus der Wirtschaft mit Vorsicht zu genießen sind. Aber zunächst zum Pfau.

Im Laufe der Evolution optimiert sich jeder Organismus auf das von ihm bewohnte Ökosystem. Für den Pfau, oder genauer für den in unseren Zoos beliebten blauen Pfau (Pavo cristatus) ist das der indische Subkontinent. Nur der Pfau, der besser an seine Umgebung angepasst ist, kann sich fortpflanzen und Nachkommen zeugen. Richtig? Offensichtlich nicht ganz. Denn zur Anpassung gehört schließlich auch, dass man von Fressfeinden, im Falle unseres Pfaus Tiger, Menschen und Leoparden, schwer gesehen wird und schnell fliehen kann. Daher hat das Pfauenweibchen ein braunes Tarnkleid und kein störendes Pfauenrad.

Wieso aber hat das Männchen solch unsinnige Accessoires? Hat nicht das getarnte wendige Männchen größere Überlebenschancen als das leuchtend blaue Männchen mit dem störenden Rad? Warum gibt letzteres dann seine Gene weiter? Der „Fehler“ liegt beim Weibchen. Zum Weitertragen der Gene gehören nämlich zwei Dinge: Man muss überleben und man muss sich fortpflanzen. Es bringt keinem getarnten Pfau (evolutionär) etwas, nicht gefressen zu werden, wenn er kinderlos an Altersschwäche stirbt. Warum aber suchen sich die Pfauen-Frauen die bunten Männchen aus? Weil sie Kennziffern-geil sind.

Steht das Pfauenweibchen vor der Wahl ein unauffälliges oder ein auffälliges Männchen zum Partner zu erwählen, dann „denkt“ sie wie folgt: Wenn der bunte Mann trotz seines auffälligen Gefieders und seines störenden Rades immer noch nicht gefressen wurde, dann muss der ja dermaßen fit sein, dass der bestimmt die besten Gene hat. Also nimmt sie ihn zum Partner. Das Pfauenrad dient als Fitness-Indikator. Je größer das Pfauenrad ist, das der Pfau mit sich herumtragen kann, desto besser muss er an seine ökologische Nische angepasst sein, um trotzdem zu überleben.

Dieses Auswahlprinzip kann sich verselbstständigen. Bis zu einem gewissen Grad mag es in Ordnung sein, sich einen Nachteil zu verschaffen, um seine Stärken zur Schau zu tragen. Jedoch besteht das Risiko, dass diese Entwicklung in eine evolutionäre Sackgasse führt. Irgendwann könnte das Pfauenrad so groß sein, dass es der Art zum Nachteil wird. Dies kann z.B. geschehen, indem eine andere Vogelart, die die gleiche ökologische Nische besiedelt, den Pfau einfach dadurch verdrängt, dass bei ihr auch die Männchen getarnt sind und sich Tiger, Menschen und Leoparden lieber an den leichter zu findenden und zu fangenden Pfauen sattfressen.

So soll es (zumindest behaupten das einige Evolutionsbiologen) dem Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) ergangen sein. Dieser hat sein Fitnessmerkmal, das nutzlose Geweih, welches einfach nur Frauen beeindrucken soll, derart überoptimiert, dass es irgendwann drei Meter breit war und ständig zwischen den Bäumen hängengeblieben ist. Da war man natürlich für seine Fressfeinde leichte Beute. Schwupps ist er ausgestorben.

Wir versuchen jetzt diesen Sachverhalt so allgemein zu beschreiben, dass wir ihn von der Biologie lösen können. Wir haben zunächst irgendeine Gruppe von Entitäten (ein Klugsprechwort für „Ding“). Dies können Pfauen, Professoren oder Volkswirtschaften sein. Diese Entitäten (Dinger) haben alle irgendwelche Eigenschaften. Nun stellt man fest, dass ein bestimmtes Merkmal mit der Qualität der Entitäten korreliert. Das heißt im Klartext, dass man anhand dieses einen Merkmals schon sehr gut abschätzen kann, ob diese Entität insgesamt gut oder schlecht ist. Der fittere Pfau kann sich ein größeres Rad leisten, der fleißige Professor veröffentlicht mehr neue Forschungserkenntnisse und die produktivere Volkswirtschaft hat das größere Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wichtig ist nun die Kausalität, also wer verursacht was. Der fleißigere Professor generiert mehr neues Wissen. Dieses Wissen wird veröffentlicht, also produziert der fleißigere Professor mehr Veröffentlichungen. Die produktivere Volkswirtschaft produziert mehr Waren. Wo mehr Waren vorhanden sind, werden auch mehr gegen Geld getauscht. Wo mehr Geldgeschäfte abgeschlossen werden, ist das BIP größer.

Sobald ein Indikator, also eine Eigenschaft, die mit der Qualität der betrachteten Entität korreliert, gefunden ist, besteht die Gefahr, dass er sich verselbstständigt. Das Pfauenweibchen ist ja kein kluges reflektierendes Wesen, das sich bei jedem Männchen die Frage stellt, ob denn die Größe des Rades noch ein zeitgemäßes Merkmal zum Feststellen der Fitness ist. Ihr hat die Evolution ins Hirn gemeißelt, dass ein großes Rad eine Riesenfitness bedeutet. Daher muss der männliche Pfau gar nicht so fit sein, dass er sich das große Rad leisen kann und trotzdem alt und grau wird. Er muss einfach nur das große Rad haben um das Weibchen zu bekommen. Und wenn er dann, vom Fortpflanzungsakt erschöpft, vom Tiger gefressen wird, dann ist das so. Denn dadurch, dass das Weibchen sich nach dem Indikator richtet, kehrt sie die Kausalität um. Der Pfau hat kein großes Rad, weil er fit ist, sondern er hat ein großes Rad, weil dann das Weibchen glaubt, er wäre fit. So gewinnt nicht der fitteste Pfau, sondern der mit dem größten Rad. So wird der Indikator wirkungslos, weil er die Kopplung zu seiner ursprünglichen Ursache verloren hat.

Das gleiche gilt für den Professor. Wenn die Universität beschließt, fleißige Professoren mit einem Bonus zu bedenken, der an die Anzahl der Veröffentlichungen gekoppelt ist, dann muss der Professor gar nicht forschen, um an seinen Bonus zu kommen, er muss nur möglichst jeden Darmwind, den er zufällig im Labor aufgezeichnet hat, in bunte Messkurven verpacken und daraus eine Fachveröffentlichung machen. Es bekommt also nicht der fleißigste Professor den Bonus, der die meisten Erkenntnisse gewinnt, sondern der, der am meisten buntes Papier produziert. Auch hier wurde durch die Kopplung des Indikators (Anzahl der Veröffentlichungen) an einen Bonus dessen ursprüngliche Kopplung (an den Erkenntnisgewinnt) aufgehoben. Er wurde wirkungslos.

Nun kann kein Pfauenweibchen dieser Welt so kennzifferngeil sein wie Wirtschaftsleute es sind. In der Welt der Wirtschaftsmenschen wimmelt es nur so von volkswirtschaftlichen Indikatoren, Kennzahlen und Key Performance Indicators. Für all diese Werte hat mal irgendjemand festgestellt, dass sie eine Aussage darüber treffen, wie fit ein Betrieb, eine Abteilung, eine Volkswirtschaft oder sonst ein Wirtschaftsteilnehmer ist.

Nehmen wir z.B. die Arbeitslosigkeit. Irgendwann hat mal jemand festgestellt, dass eine Regierung, die (im Sinne des Betrachters) gute Wirtschaftspolitik macht, geringe Arbeitslosenzahlen produziert. Diese Erkenntnis hat die Runde gemacht und somit wurde die Arbeitslosenrate zu einer Kennzahl für die Güte von Regierungen. Plötzlich war es für Regierungen viel einfacher gute Wirtschaftspolitik zu machen, denn man musste ja gar nicht mehr die große komplexe Wirtschaft steuern, sondern nur noch durch ein paar Maßnahmen Arbeitslose aus der Statistik schmeißen.

Das gleiche gilt für Inflation. Regierungen ohne solide Finanzbalance müssen in irgendeiner Form Geld drucken um ihre Ausgaben zu decken, was die Inflation anheizt. Also dachte sich mal jemand, ich nehme die Inflationsrate als Indikator dafür wie gut die Regierung ist. Das war toll für die Regierung, denn anstatt ihren Haushalt in Ordnung zu bringen, muss sie nur noch ihre Inflationsraten fälschen (so wie die USA das tun).

Der große Indikator aber für unsere Wirtschaft ist immer noch das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es ist das Pfauenrad einer jeden Volkswirtschaft. So ist z.B. bei Spiegel-Online zu lesen, dass das Welt-BIP endlich wieder ordentlich wächst. Juhu, unser Pfauenrad wird größer. Aber ist unser Pfau damit auch fitter? Was misst das BIP eigentlich und wie aussagekräftig ist das?

Das Problem wird in bereits in dem Wikipediaartikel, den sicher ein Ökonom verfasst hat, ersichtlich. Dort steht: „Es misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Periode mithilfe von Produktionsfaktoren hergestellt werden, die sich im Besitz von Inländern befinden“. Das klingt erstmal nicht schlecht. Weiter heißt es jedoch: „Dies ist gleichbedeutend mit den an Inländer geflossenen Einkommen aus Erwerbstätigkeit und Vermögensbesitz“. Dies ist natürlich falsch. Wenn ich (Inländer) mit meinem Backofen (Produktionsfaktor) ein Brot (Ware) backe (Dienstleistung), dann fließt dies nicht ins BIP ein, weil ich kein monetäres Einkommen dadurch habe. Wenn jedoch ein Finanzguru bei einem anderen Finanzguru eine Versicherung für ein Finanzprodukt abschließt, und dafür Geld bekommt, dann fließt das ins BIP. Wenn wir jetzt überlegen, dass Wirtschaft ja per Definition die planmäßige Deckung von Bedarf ist (z.B. Brot bakcen für den Bedarf nach Essen) dann muss dieser für eine Versicherung eines Finanzproduktes schon sehr an den Haaren herbeigezogen werden. Das lässt natürlich daran zweifeln, wie aussagekräftig unser Pfauenrad-BIP tatsächlich ist. Das BIP misst eben nicht die Größe der Wirtschaft, sondern die Größe des Geldflusses. Es sagt nichts darüber aus, wie sinnvoll, nützlich oder bedarfsdeckend die Güter sind, für die das Geld gezahlt wurde oder ob überhaupt Güter oder Dienstleistungen im Spiel waren.

Problematisch wird das Ganze dann, wenn Begründungen oder Vorteile an den Indikator geknüpft werden. Wir haben je gerade gesehen, dass viele Wertschöpfungen (z.B. Erzeugung und Verarbeitung in Haus und Garten, gegenseitige Unterstützung in Familie und Nachbarschaft) gar nicht ins BIP einfließen, während Finanzgeschäfte zwangsläufig immer einfließen, weil sie ja lediglich aus der Manipulation von Geldflüssen bestehen, welche ja vom BIP erfasst werden. Daher blähen in Ländern, in denen viel Geld hin- und hergeschoben wird, wie der Schweiz und dem vereinigten Königreich, die Finanzgeschäfte das BIP besonders auf.

Statt aber zu erkennen, dass diese Verzerrung ein Ergebnis der Ungenauigkeit der Kennziffer BIP ist, wird die heilige Kennziffer gar nicht in Frage gestellt. So wie das Pfauenweibchen durch sexuelle Selektion das Pfauenrad über Generationen immer größer werden lässt, bis der Pfau daran zerbricht, glauben Ökonomen tatsächlich, dass ein Finanzsektor, der virtuelles Geld im Kreis fahren lässt, einen sinnvollen Beitrag zum Decken realer menschlicher Bedarfe leistet. So wie das Pfauenrad, einst ein Indikator der Fitness, längst auf Kosten der Fitness geht, so wächst ins BIP einfließende Finanzsektor längst auf Kosten der Realwirtschaft, z.B. über den Mechanismus der Spekulation, bzw. auf Kosten des Verbrauchers (geplante Obsoleszenz).

Wer zukünftig einen Politiker, Ökonom oder sonst jemanden sieht, der sich wichtig über Kennzahlen, BIP und Wirtschaftswachstum auslässt, sollte gedanklich dessen Kopf durch den eines Pfauenweibchens ersetzen. Und wenn weiterhin unsere Wirtschaft danach optimiert wird, dass das BIP möglichst jedes Jahr größer wird, dann können wir nur hoffen, dass das BIP nicht eines Tages vom Pfauenrad zum Riesenhirschgeweih wird.

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4 Gedanken zu “Das Pfauenrad der Volkswirtschaft

  1. KÖSTLICH !!!
    Im ernst: ich finde Ihre Artikel klasse.
    Darf man einmal erfragen, weilchen Beruf sie erlernt haben bzw. woher Sie das Wissen haben und dieses dann auch noch auf so tolle Weise weitergeben?

    Sie wären bestimmt eine Bereicherung für NGO’s, die die gleichen Problematiken sehen wie Sie und ich.

    PS: Wir haben ja die Situation, dass viele Leute nicht mehr wissen, ob uns nun eher Deflation oder Inflation droht. In dem o.g. Artikel gibt es ja den Hinweis via shadowstats.com, dass die Inflation höher liegt als uns gesagt wird. Also Tendenz = Inflation.
    Andere volkswirtschaflich belesene jedoch sehen eher die Deflationsgefahr (für Europa, aber das dürfte i.P. für alle „entwickelten“ Volkswirtschaften gelten), z.B. die Herausgeber der NachDenkSeiten, die Autorin/Journalistin Ulrike Herrmann und diverse andere.
    In den Massenmedien hingegen wird eigentlich immer die Inflation als deutsche Urangst bedient.
    Wie sehen Sie das – vielleicht wäre das ja mal einen Artikel wert?

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    • Am Thema Inflation/Deflation kann man doch wunderbar erkennen, wie instabil das System mittlerweile ist. Das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich, denn die Anzeichen für beide Richtungen sind real. Es kommt eben auf die Interpretation an. NDS, Flassbeck und Co. können oder wollen sich nicht vom Wachstums-Dogma lösen, wo Inflation gut und notwendig ist, andererseits ist der Vertrauensverlust ins „System“ mittlerweile so weit fortgeschritten, dass immer mehr Menschen sich fragen, was dieses bunte Papier und die Zahlenkolonnen auf dem Kontoauszug eigentlich wert sind. Dazu tragen die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken und die OMT-Programme mit bei… Abschließend lässt sich nur sagen, dass alles, was nicht nachhaltig ist, früher oder später wieder verpufft.

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      • Hallo Thewisemansfear,

        dieses weiterhin festhalten an der Wachstumslogik (die dem Kapitalismus zweifelsfrei innewohnt) stören mich in der Tat auch bei den NachDenkSeiten etc. – keine Frage!
        Sehr wertvoll ist deren Berichterstattung trotzdem, alleine schon um die ständige Propaganda zu erkennen, die Pseudo-Experten und Institute, die neolieberale Wahn-Politik und die hörige Presse zu entlarven!

        Langfristige Lösungen für unsere Zivilisation werden dort sicherlich nicht geboten.
        Allerdings gibt es doch regelmäßige Randerwähnungen von den Kommentatoren der NDS, anhand derer man zumindest erkennt, dass auch dort KEIN Glaube an „ewiges Wachstum“ herrscht bzw. das ein Bewusstsein für die Folgen und Gefahren vorhanden ist. Das macht Mut!
        Sicherlich ist dieser Part jedoch vollkommen unterbewertet auf diesen Seiten.

        Dafür gibt es ja so tolle Seiten wie peak-oil.com, wo auch abseits der namentlichen „Peak Oil“ Problematik tolle Diskussionen der treuen Lesergemeinde in den Kommentarbereichen gibt!

        Ansonsten muss man nüchtern feststellen, dass so richtig keiner weiß, wie die Zukunft funktionieren soll, aber um es mit den Worten von Harald Welzer zu sagen:
        „Sie wird ganz sicher NICHT Gegenwart + X sein“

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