Externalitäten II

Landwirtschaft

Ein allgegenwärtiges Beispiel für Externalitäten ist die moderne Landwirtschaft. Die in den 50ern beginnende „Grüne Revolution“, in der die moderne Landwirtschaft erschaffen wurde, ist aus heutiger Sicht gar nicht so grün. Damals begann man, durch den Einsatz von chemischen Düngern, Pestiziden und Herbiziden sowie von landwirtschaftlichen Großgeräten wie Traktoren und Mähdreschern die Ernteerträge systematisch zu erhöhen. Heute wissen wir, dass die grüne Revolution gar nicht so grün ist. Die Liste der Externalitäten ist lang, sie reicht von degradierten Böden und toten Gewässern über sterbende Bienen bis hin zum weltweiten Treibhauseffekt.

Die Fruchtbarkeit der Böden eines Landes stellt eine wesentliche Ressource einer jeden Nation dar. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, reicht es zu sagen, dass es vor einigen Jahrzehnten ein übliches Bild war, dass hinter pflügenden Traktoren Vogelschwärme hinterherzogen, um die freiliegenden Würmer aus der umgepflügten Scholle zu picken. In den heute meist toten Ackerböden gibt es dieses Leben nicht mehr. Während man in den 50ern mit chemischen Düngern die Ernte gesteigert hat, muss man heutzutage oftmals düngen, damit man überhaupt etwas erntet. Während es im Bergbau und in der Atomindustrie mehr oder weniger gute Fonds gib, um aus den laufenden Einnahmen Geld anzuhäufen, um später die entstandenen Schäden zu beseitigen, gibt es in der Landwirtschaft keinen Mechanismus um Externalitäten wie zerstörte Boden einzupreisen. Die Kosten für diese Böden zahlen die Enkel der Bauern, die mit kaputten Böden ihre Nation füttern müssen.

Schon jetzt betroffen von der Überdüngung sind Fischer. Düngemittel werden vom Regen in die Flüsse gewaschen, gelangen von dort dann in Seen und Meere. Die Überdüngung führt zur Algenblüte, die sterbenden Algen verbrauchen dann beim Verrotten den ganzen Sauerstoff und schwupps ist das Gewässer tot. Kein Landwirt muss dafür einen Fischer entschädigen. Das gleiche gilt für Pestizide. Pestizide stehen in dem begründeten Verdacht, eine der Hauptursachen für das weltweit vorkommende Bienensterben zu sein. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm. So schätzt die UNO, dass weltweit landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von etwa 200 Mrd. Dollar durch Bienen bestäubt werden, besonders Obst- und Nussbäume. Knappheit an Bienen führt bereits jetzt in einigen Ländern zu höheren Kosten für die Obstbauern, die teuer Bienen anmieten müssen, um ihre Bäume zu bestäuben. Das Problem selbst ist seit Jahrzehnten bekannt. Seit 1962 das Buch „Der Stumme Frühling“ erschien ist weitläufig bekannt, wie groß der Einfluss von Pestiziden auf das Insektenleben ist. Kein pestizidspritzender Bauer muss Imker oder Obstbauern für den entstanden Schaden kompensieren.

Wir haben uns also daran gewöhnt, dass unsere Landwirtschaft verzerrte Preise für Nahrungsmittel verursacht, weil die wahren Kosten der Produktion gar nicht vom Verbraucher gezahlt werden. Würde man Pestizide und künstliche Düngemittel weglassen, wäre man im Prinzip bei der biologischen Landwirtschaft, die deutlich weniger Externalitäten erzeugt. Während sich der Konsument, gewohnt an die verzerrte Situation, fragt, warum das Biobrot so teuer ist, lautet die eigentliche Frage, warum das konventionelle Brot so saubillig ist. Es ist so billig, weil der Imker, der Fischer und die Enkel der Bauern den Preis dafür bezahlen.

Es ließen sich noch beliebig beliebig viele andere Externalitäten verfolgen, wie etwa Methan- und CO2-Emissionen in der Landwirtschaft, die den Küstenschutz verteuern, weil die Friesen in den nächsten 50 Jahren alle ihre Deiche einen Meter höher bauen müssen.

Natürlich haben sich kluge Menschen schon intensiv damit beschäftigt, wie teuer unser Essen wäre, wenn alle Externalitäten mit eingepreist würden. So kommt Pavan Sukhdev von der Initiative „The Economics of Ecosystems and Biodiversity” zu dem Schluss, dass südamerikanisches Ranchfleisch bis zu 18-mal so teuer sein müsste. Adrian de Groot Ruiz, Executive Director der Organisation „True Price“ hat untersucht, welche Externalitäten Kaffee verursacht. Für 250 g konventionellen Kaffee, der im Moment für 2 $ zu haben ist, müssten eigentlich 5,17 $ bezahlt werden, werden die gleiche Menge in fairer nachhaltiger Produktion 4,58 $ kostet.

Straßenbau

Die Externalitäten im Straßenbau lassen sich auf die recht einfache Aussage reduzieren, dass jeder schnell von A nach B fahren will, aber keiner an der Hauptstrasse wohnen möchte. Am extremsten lässt sich dies an einem Haus veranschaulichen, neben dem eine Autobahn verläuft, die aber keine Abfahrt hat. Der Bewohner des Hauses hat den Verkehrslärm und die Abgase zu ertragen, profitiert aber in keiner Weise von der Autobahn, da er erst ein gutes Stück weit zur nächsten Autobahnabfahrt fahren muss, um überhaupt auf die Autobahn zu gelangen. Für seine täglichen Touren zur Arbeit und zum Einkaufen nutzt die Autobahn gar nichts. Es profitiert von der Autobahn derjenige, der darauf fährt. Den Lärm, den er verursacht, muss er nicht ertragen, das machen andere. Ist die Autobahn überfüllt, denkt der Autobahnnutzer nicht, dass der viele Verkehr bestimmt ganz schön laut für die Anwohner ist, sondern er fordert, dass die Autobahn gefälligst weiter ausgebaut werden muss.

Natürlich kann der Verkehrslärm durch Lärmschutzwände und Tempolimits eingedämmt werden, aber der Autobahnbenutzer ist ja an freier Fahrt für freie Bürger interessiert, bzw. möchte seine Steuergelder in zusätzlichen Fahrspuren investiert sehen anstatt in Lärmschutzwände.

Aus diesem Widerspruch resultiert der lange Planungsaufwand für Verkehrsinfrastrukturprojekte, bei denen die widersprüchlichen Interessen der Nutzer der Straßen mit denen der Anwohner in einem fairen Kompromiss unter einen Hut zu bringen sind. Gerne zeigt dann die Industrie, die natürlich auch ein Nutzer des Straßennetzes ist, nach Ländern wie China, wie schnell dort doch Autobahnen geplant und gebaut werden. Aber dies geht nur, weil in China die Externalitäten egal sind. Anwohner werden zwangsumgesiedelt oder müssen mit Lärm und Dreck leben und die dortige Industrie kümmert es nicht. Sie profitiert auf deren Kosten.

Besonders auffällig ist der Widerspruch zwischen Strassennutzung und dem Wohnung im Umfeld von Hauptverkehrsstraßen in großen Städten. Viele Menschen, die in der Stadt wohnen, haben kein Auto oder nutzen es für ihre täglichen Fahrten kaum, dennoch ist die Stadt immer voller Verkehr. Wegen des vielen Verkehrs ziehen die Leute dann ins Umland und fahren dann von dort mit dem Auto in die Stadt, um dort einzukaufen und zu arbeiten. So verursachen sie dort Verkehr. Man kann also überspitzt sagen, dass der Verkehr in Städten von den Leuten verursacht wird, die aus der Stadt weggezogen sind, um vor dem Verkehr zu fliehen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn Stadtbewohner eine PKW-Maut fordern, damit die Leute von außerhalb, die den Lärm verursachen, die Anwohner in der Stadt über die Mauteinnahmen der Gemeindekasse entschädigen.

Wie groß der Schaden, der aus Verkehrslärm entsteht, tatsächlich ist, lässt sich an Immobilienpreisen ablesen. So wurde z.B. in Dresden eine Wertminderung von 7 % für Eigentumswohnungen an Immobilen festgestellt, die an verkehrsreichen Straßen liegen. Addiert man den Wertverlust aller betroffenen Immobilen in Dresden zusammen kommt man alleine dort auf sehr hohe Millionenbeträge. Deutschlandweit wird der Schaden weit in die Milliarden gehen.

Eine nette Anekdote am Rande im Zusammenhang mit Verkehrslärm ist die Diskussion um die Geräusche von Elektroautos. Da diese naturgemäß leiser sind als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, gehen sie akustisch im Verkehrsgedröhne unter. Man könnte sich nun darüber freuen, dass nach einem Jahrhundert Lärmemission nun eine Technologie zur Verfügung steht, die diese senkt und damit die finanziellen Schäden für Anwohner vermindert. Stattdessen gibt es Stimmen, die die Elektroautos durch künstliche Geräuschpegel genauso laut machen wollen wie Verbrennungsautos, damit diese genausgut zu hören sind. Dies zeigt sehr anschaulich, wie stark sich der Blickwinkel reduziert, wenn man such erst einmal an Externalitäten gewöhnt hat.

Der größte Coup von Allen

Jedes Unternehmen ist ein Wagnis. Jeder Unternehmer trägt das Risiko, insolvent zu werden. Um dies zu verhindern, muss er Geld zurücklegen, mit dem er in schlechten Zeiten über die Runden kommt. Dieses Geld muss er einnehmen, indem er seine Preise für Waren und Dienstleistungen erhöht.

Der größte mögliche unternehmerische Coup ist es, diese Risikokosten zu externalisieren. Es gibt Unternehmen, die dies geschafft haben. Es sind die großen Banken, die too-big-to-fail sind. Während kleine Banken selbst Geld erwirtschaften müssen, um Rücklagen zu bilden, brauchen die großen „systemrelevanten“ Banken dies nicht. Sie konnten sich zumindest bisher immer gut darauf verlassen, dass der Staat einspringt, wenn es hart wird. Was in der letzten Wirtschaftskrise unter der Formel „Gewinne privatisieren, Risiken vergemeinschaftlichen“ firmierte ist eigentlich ein Externalisierung von Risikokosten.

Die letzte Wirtschaftskrise hat daher die Macht der großen Banken noch weiter gestärkt. Da die Krise gezeigt hat, dass groß Banken nicht Pleite gehen können, haben die großen Banken als Geldanlage mit staatlicher Sicherheitsgarantie ihre Marktanteil gegenüber kleineren Konkurrenten weiter ausbauen können. Zum Glück arbeitet die EU aber an Mechanismen, auch große Banken abzuwickeln, so dass dies Marktverzerrung langfristig wieder behoben wird.

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Ein Gedanke zu “Externalitäten II

  1. Vielen Dank für diese sehr aufschlussreichen Beiträge. Habe mir erlaubt, den Gedanken der „Endlichkeit der Welt“ mal weiterzuspinnen. Irgendwie scheint der Mensch da das große Ganze aus den Augen zu verlieren, mich wundert, dass nicht schon mehr Physiker und Ingenieure auf die Barrikaden gegangen sind. Jeder spielt das Spiel irgendwie mit, Kritik am System ist nicht erwünscht („Haben Sie denn ein Besseres?“). Ideen gibt es aber genug, nur brauchen diese viel Zeit, um in der Mainstream-Welt anzukommen und diskutiert zu werden.

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