Externalitäten I

Um einen realistischen Blick auf den neoliberalen Mythos des heiligen perfekten Marktes zu gewinnen, ist es notwendig, die verschiedenen Mechanismen von Marktversagen zu kennen. Einige davon haben wir bereits kennengelernt, etwa Spekulationsblasen und Nash-Gleichgewichte. Ein weiter elementarer Mechanismus für Marktversagen ist das Konzept von Externalitäten.

Externalitäten sind fehlende Einpreisungen von Effekten. Wenn eine Person ein Produkt oder eine Dienstleistung herstellt oder nutzt, können dabei Dritte zu Schaden kommen, üblicherweise durch Lärm, Müll, Abwässer, Abgase usw. Wenn z.B. ein Schmied A den ganzen Tag auf seinem Amboss herumklopft, ist dies eine Lärmbelästigung für das Grundstück seines Nachbarn. Diese Belästigung muss entschädigt werden. Wenn der Schmied A jetzt also für jede Stunde Lärm seinem Nachbarn einen Euro gibt, dann ist der Nachbar zufrieden. Der Schmied A muss dann seine Produkte etwas teurer machen, um die Kosten für die Entschädigung zu decken. Wie hoch diese Entschädigung sein muss, kann man z.B. messen, indem der Nachbar versucht sein Haus zu vermieten und die erzielten Mieteinnahmen mit denen eines gleichwertigen Hauses vergleicht, das keine Lärmbelästigung erfährt. Eine weitere Möglichkeit, die Lärmbelästigung auszugleichen ist, dass der Schmied seine Werkstatt schallisoliert. Auch dies kostet Geld, so dass er seine Produkte teurer machen muss, um die Kosten für die Schallisolation wieder einzunehmen.

Eine Externalität ist es, wenn der Schmied B seinen Lärm nicht einpreisen muss. Wenn der Nachbar von Schmied B Pech hat und den Lärm ertragen muss, dann braucht der Schmied B die Entschädigung nicht bezahlen sondern kann nach Herzenslust Lärm verursachen und seine Produkte günstig verkaufen. Man könnte so weit gehen zu sagen, der Schmied B, der seinen Nachbarn nicht für den entstandenen Schaden entschädigt, bereichert sich auf dessen Kosten. Genau aus diesem Grund stellen Externalitäten eine Form von Marktversagen dar.

In einem Markt geschieht der Informationsaustausch über den Preis. Hohe Aufwände in der Herstellung bedeuten höhere Preise. Sind im Preis nicht alle entstandenen Kosten für die Herstellung enthalten, ist der Markt verfälscht, weil er mit verzerrten Informationen hantiert. Der Kunde weiß nicht, dass Schmied B seine Produktionskosten künstlich niedrig hält, indem er seinem Nachbarn das Leben zur Hölle macht. Wenn eine Kunde ein Produkt kauft, dann denkt er: „Wieso soll ich für den Schmied A so viel Geld bezahlen, wenn Schmied B ein gleichwertiges Produkt viel günstiger anbietet?“. Der Kunde weiß gar nicht, dass das Produkt eben nicht gleichwertig ist, weil bei Schmied B jemand beim Herstellungsprozess zu Schaden gekommen ist.

Es ist existieren jetzt mehrere Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Schmied A kann Pech haben und außer Betrieb gehen. Oder Schmied A kopiert das destruktive Verhalten von Schmied B und zieht in eine Nachbarschaft, in der er keine Entschädigung für seinen Lärm bezahlen muss und nervt dort seinen neuen Nachbarn. Oder der Staat interveniert und zwingt Schmied B dazu, ebenfalls entweder seine Werkstatt schall zu isolieren oder seinen Nachbarn zu entschädigen. Sollte der Staat keinen Zugriff auf Schmied B haben, weil der im Ausland wohnt, kann der Staat einen Strafzoll auf die Produkte von Schmied B erheben. Oder Schmied A kann versuchen seine Kunden über die unterschiedlichen Produktionsbedingungen von ihm und Schmied B aufklären, und hoffen, dass seine Kunden bereit sind, dafür ein bisschen mehr Geld auszugeben.

Das Thema Externalitäten ist so universell, dass es praktisch überall in der Wirtschaft vorkommt. Es versteckt sich nur immer hinter einem anderen Begriff. Meistens geht es um „Umweltauflagen“. Eigentlich sollte es üblich und nachvollziehbar sein, dass wenn jemand Dreck macht, er diesen auch aufräumt. Das bedeutet, wenn ein Produktionsprozess z.B. irgendeine giftige Suppe produziert, muss diese gereinigt werden und sollte nicht einfach in die Gegend gekippt werden. Letzteres ist heutzutage noch immer üblich und führt dazu, dass die Anwohner des Gebietes an verseuchtem Trinkwasser erkranken, dass Flussfischer keine Fische mehr fangen, weil der Fluss tot ist und so weiter. Der Verursacher müsste eigentlich entweder den Aufwand betreiben, seine Suppe zu reinigen bevor er sie in den Fluss kippt oder aber die Anwohner und Fischer entschädigen.

Die Industrie dreht den Spieß aber argumentativ um. Sie tut so, als wäre das Entsorgen von ungeklärten flüssigen Abfällen normal und geißelt jeden Eingriff des Staates als zu harte Umweltauflagen. Da wird dann gesagt „Wenn ihr das Trinkwasserschutzgesetz erlasst, dann gehen wir ins Ausland, wo die Umweltauflagen nicht so hart sind“. Übersetzt heißt das: „Wir leben davon, dass wir Produkte billig anbieten können, weil wir für den Dreck, den wir machen, nicht bezahlen müssen. Wenn wir dafür bezahlen sollen, dann suchen wir ein dritte Welt Land, in dem wir dann einen korrupten Politiker bestechen, damit dort weiter auf Kosten anderer Produkte herstellen.“

Die Liste von Beispielen von Marktversagen durch Externalitäten ist schier endlos. Sie reicht von der Nahrungsmittelherstellung über die klassische Energieerzeugung bis hin zur Verkehrsinfrastruktur, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir müssen uns im Umgang mit Externalitäten also darüber im Klaren sein, dass diese Form von Marktversagen in vielen Fällen der Ist-Zustand ist, an den wir uns über Jahrzehnte gewöhnt haben. Das bedeutet auch, dass wir uns in vielen Fällen an Preise gewöhnt haben, die nur deshalb zustande kommen, weil irgendwo ein Schaden entsteht, für den wir als Verbraucher nicht aufkommen müssen, obwohl wir davon profitieren. Eigentlich müssten wir für viele Produkte mehr bezahlen als wir es im Moment tun. Anstatt uns also zu fragen, warum das Bio-Ei oder der Fair-Trade Kaffee (beides Versuche, Externalitäten zu vermeiden bzw. zu kompensieren) so teuer sind, müssen wir uns die Frage stellen, warum normale Eier und normaler Kaffee so saubillig sind. Es ist aber nicht so einfach sich aus gewohnten Denkmustern zu lösen und zu erkennen, dass der scheinbare Normalfall, an den wir uns gewöhnt haben, eigentlich ein Sonderfall ist, weil der Markt versagt hat.

Nachdem wir also grundsätzlich verstanden haben, was Externalitäten sind und wie sie das Preisgefüge verfälschen, werden wir uns im Folgenden tatsächliche Beispiele ansehen, bei denen Externalitäten auftreten um zu sehen, wie häufig dies der Fall ist. Jedes einzelne Beispiel ist lebender Beweise dafür, dass das Vertrauen auf den unregulierten Markt eben nicht immer funktioniert, sondern Marktversagen ein sehr häufiges Phänomen ist. Zunächst werden wir uns den Löhnen zuwenden.

Große Unternehmen sind nicht deshalb erfolgreich, weil sie effizienter sind, große Unternehmen sind erfolgreich, weil sie es schaffen, systematisch Kosten, die sie eigentlich selber tragen müssen, zu externalisieren. Der Gipfel der Externalisierung ist es, wenn Unternehmen es schaffen, nicht einmal die Löhne selbst zahlen zu müssen, sondern dies auf die Allgemeinheit abwälzen. Dies geschieht im Wesentlichen über zwei Mechanismen: Der erste das schlichte nicht-Zahlen von angemessenen Löhnen, der zweite ist es, den Staat den Lohn zahlen zu lassen. Dazu muss man sagen, dass es kaum ein Unternehmen schafft, die Lohnkosten vollständig zu externalisieren, sondern es wird meist nur ein Teil der Lohnkosten externalisiert.

Wer einmal gesehen hat, wie Textilarbeiter in Süd- und Ostasien leben, weiß, dass diese schlicht keinen angemessenen Lohn für ihre Arbeit bekommen. So leiden der Weltgesundheitsorganisation zufolge etwa eine viertel Milliarde Kinder weltweit an Vitamin-A-Mangel, weil sie zu einseitig ernährt werden. Mehrere hunderttausend von ihnen erblinden an diesem Mangel. Arbeiter, die trotz eines Gehaltes nicht einmal Gemüse kaufen können und ihre Kinder nur mit Reis füttern, sind eindeutig unterbezahlt. Diese Kinder tragen mit ihrer Gesundheit die externalisierten Kosten. Kleidung ist heutzutage nicht billiger als früher, weil sie effizienter hergestellt wird, sie wird immer noch per Hand genäht wie vor 50 Jahren. Kleidung ist heute so billig, weil die Lohnkosten externalisiert wurden, so dass die Kinder der Näherinnen der dritten Welt den Preis für unsere billigen Klamotten bezahlen.

In Deutschland geht sowas natürlich nicht. Hier sind alle Kinder proper und gesund, hier kann man keine Hungerlöhne bezahlen. Kann man doch. Viele schlecht entlohnte Arbeitnehmer werden von ihrem Arbeitgeber lapidar darauf verwiesen, dass der Hungerlohn sie berechtigt, ihr Einkommen mit Sozialhilfe aufzustocken. Da werden die Kosten für die Löhne stumpf auf die Allgemeinheit umgelegt. Schlüssel dafür sind Subunternehmen. Natürlich können es sich große Konzerne nicht leisten, ihr Image zu zerstören, indem sie Hungerlöhne zahlen. Stattdessen werden bestimmte Dienste, vornehmlich Reinigungs- und Sicherheitsdienste, an irgendwelche Subunternehmen vergeben, die dann Hungerlöhne zahlen und ihre Mitarbeiter aufstocken lassen. Die Kosten für diese Externalitäten sind gut messbar. So wurden 2009 in Deutschland 11 Milliarden Euro Steuermittel dafür ausgegeben, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht selbst bezahlen müssen.

Eine weitere Form der Externalisierung von Löhnen ist die (fehlende) Absicherung im Alter. Üblicherweise gehört in Deutschland zum Zahlen eines Lohnes auch das Zahlen der Lohnnebenkosten, die dafür sorgen, dass der arbeitende Mensch in die Rentenkasse einzahlt, aus der er später seine Rente bezieht. Die Einführung des Minijobs hat es Unternehmen ermöglicht, die Lohnnebenkosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Findige Unternehmer haben aus einer regulären Arbeitsstelle zwei Minijobs gemacht, und bekommen so für viel weniger Geld die gleiche Arbeitszeit, weil sie keine Lohnnebenkosten zahlen. Es gibt genügend arme Tropfe, die zwei Minijobs machen um über die Runden zu kommen, also quasi Vollzeit arbeiten, aber keine Rentenansprüche erwirtschaften. Diese Menschen leben dann im Alter von Sozialhilfe, also von der Allgemeinheit.

Nächstes Mal sehen wir dann, wie Externalitäten unser Essen so billig machen, warum niemand an der Autobahn wohnen will und was die ultimative Externalisierung ist.

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