Wettbewerbsfähigkeit

Ein großartiges Unwort, welches uns immer wieder in der öffentlichen Diskussion um Wirtschaftspolitik begegnet, ist das der Wettbewerbsfähigkeit. Regelmäßig warnen Nadelstreifentiere aus der Wirtschaft, etwa von Bosch oder BASF, davor, Deutschland könne seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn die Politik die falschen Entscheidungen trifft. Die Politik wiederum will die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken, und macht mit diesem Schlagwort viel Wind in allen möglichen Zusammenhängen, sei es beim Schuldenabbau oder bei der Umweltpolitik. Und natürlich muss nicht nur Deutschland wettbewerbsfähig bleiben, sondern andere müssen wettbewerbsfähig werden. Zum Beispiel müssen die PIIGS-Staaten wettbewerbsfähiger werden.

Natürlich haben Wirtschaftstheologen auch Methoden entwickelt, die Wettbewerbsfähigkeit zu messen und es gibt zwei etablierte Rankings, in denen die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern ermittelt wird. Das eine ist das World Competitiveness Yearbook der IMD, einer privaten Wirtschaftshochschule in der Schweiz, das zweite ist der Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums, der wiederum auf dem Global Competitiveness Index beruht. Beide Berichte sorgen regelmäßig für Schlagzeilen, wenn Länder in diesen Rankings auf- oder absteigen, weil dann die Presse anfängt zu analysieren, was die Politik richtig oder falsch gemacht hat.

Der allgemeine Tenor von Presse, Politik und auch von profilierten Wirtschafts-„experten“ wie den Wirtschaftsweisen ist dabei immer gleich: Wettbewerbsfähigkeit ist gut und wichtig, wenn es Volkswirtschaften schlecht geht, müssen sie einfach wettbewerbsfähiger werden. Leider übersehen dabei offensichtlich alle, dass sie damit auf ein Hase-gegen-Igel-Rennen einlassen.

Es gibt Wahrheiten, die sind so banal, dass man vergisst sie zu berücksichtigen. Ein Ranking ist nichts anderes als ein Schema, nachdem irgendeine Menge von Elementen in eine Reihenfolge gebracht wird. Man beginnt also mit unsortierten einem Sack voller Dinge, misst sie anhand eines Kriteriums und sortiert sie nach dem Ergebnis. Man kann alles nach jedem Kriterium ranken, man kann auch die Personen an einer Bushaltestelle nach ihrem Alter ranken oder die Bücher in einem Regal nach Anzahl ihrer Seiten. Die banale Wahrheit ist, dass bei jedem Ranking immer eine Reihe entsteht, die ein erstes und ein letztes Element hat. Es gibt immer die jüngste und die älteste Person an einer Bushaltstelle und es gibt immer das dünnste und das dickste Buch in einem Regal. Wenn es also in einem Sack voller Volkswirtschaften eine wettbewerbsfähigste und eine am wenigsten wettbewerbsfähige Volkswirtschaft gibt, dann ist dies erst mal eine Zwangsläufigkeit, die nicht zu verhindern ist. Irgendjemand muss nun mal der letzte sein.

Die Länder, die das Pech haben wenig wettbewerbsfähig zu sein, bekommen dann immer eine neoliberale Medizin verabreicht, damit sie wettbewerbsfähiger werden. Üblicherweise ist die Privatisierung von öffentlichem Eigentum, Senkung von Löhnen bzw. Erhöhung der Arbeitszeiten und wenn es noch ein paar Rohstoffe auszubeuten gibt, dann wird auch dies getan. Im Einzelfall scheint das auch zu funktionieren, wie etwa in Chile, mit dem nicht unwesentlichen Nebeneffekt, dass Chile eines der Länder mit der weltweit größten Ungleichheit von Einkommen und Eigentum ist.

Wenn nun ein Land z.B. seine Löhne senkt, um wettbewerbsfähiger zu werden und so vom letzten auf den vorletzten Platz rutscht, dann muss zwangsläufig jemand auf den letzten Platz rutschen. Wenn der nun auch seine Löhne senkt, dann profitieren am Ende im Zweifelsfall beide Länder nicht davon. Die wichtige Erkenntnis insgesamt ist, dass in einem Wettbewerbssystem zwischen Nationen kein Zustand erreicht werden kann, in dem alle Nationen wettbewerbsfähig genug sind. Es ist ein Wettlauf ohne Gewinner, im Wettbewerb an sich ist das Scheitern einiger Teilnehmer schon angelegt. So wie man schon vor der Fußball-WM weiß, dass von 32 Teilnehmern 31 scheitern müssen, so weiß man auch ohne Detailkenntnisse, dass von rund 200 Ländern auf dieser Welt die eine Hälfte weniger wettbewerbsfähig sein muss als die andere Hälfte. Eine Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit ist keine Strategie, die für alle funktionieren kann.

Tatsächlich handelt es sich hier um ein Nash-Gleichgewicht. Wenn die Länder versuchen, sich gegenseitig in ihren Löhnen zu unterbieten, um möglichst wettbewerbsfähig zu sein, dann führt dies dazu, dass die arbeitsintensive Industrie in die ärmsten Länder zieht. Wie bei jedem Nash-Gleichgewicht ist die für alle beste Strategie eine, in der nicht versucht wird, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Die Geschichte der Nachkriegszeit zeigt dies beispielhaft. Als die relevante Weltwirtschaft noch im Wesentlichen aus Westeuropa, Nordamerika und Japan bestand, folgten alle Länder der Entwicklung von gleichzeitiger Lohnerhöhung und Arbeitszeitverknappung. So wurden die Produktivitätsgewinne, die durch ständig effizienter werdende Fertigungsverfahren entstanden, in höheres Einkommen und mehre Freizeit für alle umgewandelt, was einem seit der Industrialisierung bestehenden historischem Trend folgt. Diese Gemeinwohlstrategie funktionierte, solange sich alle daran hielten.

In den 80ern dann kamen mit den aufsteigenden Schwellenländern Ostasiens neue Teilnehmer ins globale Spiel, die der Gemeinwohlstrategie des bestehenden Nash-Gleichgewichtes nicht folgten, sondern mit vergleichsweisen niedrigen Löhnen eine Eigenwohlstrategie entwickelten. Wie bei jedem Nash-Gleichgewicht zwingt ein einzelner Spielteilnehmer, der eine Eigenwohlstrategie verfolgt, alle anderen Teilnehmer dazu, dies ebenfalls zu tun. Seitdem wurden die Errungenschaften der westeuropäischen Gemeinwohlstratgie, wie die Arbeitszeitverkürzung auf 35 und teilweise sogar 28,8 Stunden systematisch zurückgenommen.

Im Allgemeinen wird diese Entwicklung pauschal mit dem Begriff der Globalisierung belegt und als unumstößliche unwiderrufbare Tatsache akzeptiert, mit der man sich arrangieren muss. Dabei wird verkannt, dass wirtschaftliche Systeme von Menschen gemacht sind und keine Naturgesetze sind. Menschen können sich in einem Wettbewerbssystem organisieren oder auch nicht. Dies gilt insbesondere für gut organisierte Gruppen von Volkswirtschaften wie der Europäischen Union. Die Länder der EU müssen nicht zwangsläufig in einem Wettbewerb untereinander stehen. Der EU steht es prinzipiell frei, zu entscheiden, wie ihre Mitgliedsstaaten untereinander organisiert werden können.

Besteht man auf ein Wettbewerbssystem, so muss man die Tatsache akzeptieren, dass es innerhalb der EU immer die am wenigsten wettbewerbsfähige Volkswirtschaft gibt. Dass es Griechenland wirtschaftlich so schlecht geht, ist also nicht alleine den Griechen und ihrer aus neoliberaler Sicht verfehlten Wirtschaftspolitik zuzuschieben, sondern es ist das zwangsläufige Resultat eines Wettbewerbssystems, dass einen ersten und einen letzten Platz hat, die besetzt werden wollen. Wäre Griechenland nicht der kranke Mann Europas, wäre es zwangsläufig irgendein anderer Staat.

Von Griechenland zu fordern, es müsse wettbewerbsfähiger werden, heißt im Sinne des bestehenden Nash-Gleichgewichtes, es muss seine Eigenwohlstrategie noch besser umsetzen. Langfristiger Wohlstand für alle kann aber nur gewährleistet werden, wenn die EU-Länder insgesamt von einer Eigenwohlstrategie zu einer Gemeinwohlstrategie wechseln oder aber versuchen, die negativen Effekte der Eigenwohlstrategie zu kompensieren.

Wie so eine Kompensation aussehen kann, zeigt der Länderfinanzausgleich in Deutschland. Die Bundesländer stehen in wirtschaftlichem Wettbewerb, und auch hier gibt es zwangsläufig immer ein wettbewerbsfähigstes und ein am wenigsten wettbewerbsfähiges Bundesland. Ohne den Länderfinanzausgleich wären die weniger wettbewerbsfähigen Bundesländer gezwungen, über eine Eigenwohlstrategie, die z.B. mit niedrigen Löhnen umgesetzt wird, Industrie aus den wettbewerbsfähigen Bundesländern abzuziehen. Diese wiederum müssten ihre Wettbewerbsfähigkeit beibehalten, indem sie ebenfalls die Löhne senken. Der Länderfinanzausgleich aber ermöglicht es, den Wettbewerbszwang teilweise außer Kraft zu setzen. Die weniger wettbewerbsfähigen Länder können einen Grundwohlstand beibehalten ohne eine zu aggressive Eigenwohlstrategie zu fahren und die wettbewerbsfähigen Ländern können ihr hohes Lohnniveau halten, weil sie sich über den Länderfinanzausgleich vom Wettbewerbsdruck freikaufen. Anstatt darüber zu schimpfen, wie viel Geld z.B. von Bayern nach Berlin wandert, sollte sich der Bayer darüber freuen, dass der alimentierte Berliner nicht aus purer Existenzangst dazu gezwungen wird, das bayrische Lohnniveau massiv zu unterwandern.

Auf die EU-Ebene bezogen bedeutet dies, dass ein Finanzausgleich von z.B. Deutschland nach Griechenland dafür sorgt, dass ein griechischer Facharbeiter nicht dazu gezwungen wird, seine Arbeitskraft für einen Bruchteil deutscher Löhne zu verkaufen und so indirekt auf das deutsche Lohnniveau drückt.

Eine andere Möglichkeit, generell eine Gesamtwohlstrategie zu verfolgen, wäre die Einführung einer Arbeitszeitobergrenze für die gesamte EU. Eine EU-weite 35- oder gar 30-Stunden-Woche würde natürlich dazu führen, dass Unternehmen von Deutschland nach Südeuropa wandern würden, weil die deutschen Arbeitnehmer insgesamt gar nicht genügend Arbeitszeit aufbrächten. Aber sie würde trotzdem unseren Wohlstand nicht verringern, weil es auf dem europäischen Markt viel weniger Leute gäbe, die bereit sind für beliebig wenig Geld einen Job zu bekommen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit eine Strategie ist, die verkennt, dass ein zwischenstaatliches Wettbewerbssystem ein Nash-Gleichgewicht ist, bei der alle eine Eigenwohlstrategie verfolgen. Eine Maximierung des Wohlstandes für alle kann eben nicht über eine bestmögliche Wettbewerbsfähigkeit, sondern nur über die zumindest teilweise Aufhebung der reinen Wettbewerbssituation erfolgen.

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2 Gedanken zu “Wettbewerbsfähigkeit

  1. Mein Verständnis von „Wettbewerbsfähikeit“ besteht darin, daß es für ein und dasselbe Produkt mehrere Anbieter gibt. Derjenige, der am billigsten anbietet gewinnt den Wettbewerb. Nun unterliegen Produkte ein und derselben Kategorie – z.B. PKW – verschiedene Ausgestaltungen und Leistungen usw.. Derjenige, der PKW produziert, welche sich exclusive Preise leisten können, produziert und verkauft relativ wenig, erziehlt aber höheren Profit. Umgekehrt bringt die sogen. Massenware viel Umsatz aber wenig Ertrag. Nun was ist da wettbebwersfähig? Oder nehmen wir z.B. die Versicherungswirtschaft: die Sparten sind bekannt. Hier ist aber nicht der billigste wettbewerbsfähig, wsondern oft nur der Teuerste fürs gleiche Produkt. Im Nischengeschäft wird gepoolt. Viele V.Gesellschaften sind an einem Produkt beteiligt und treten nach aussen hin nicht in Erscheinung, sondern ernten im Stillen den Zusatz-Gewinn, welchen das Produkt ohne Wettbewerb erziehlt.
    Es ist daher fatal, wenn sich Länder unnötigerweise dadurch teuren Wettbewerb aussetzten, weil sie keine eigenen Produkte entwickeln, sondern sich dem Worldtrend bei vielen Produkten anschließen. Die Spezialisierung schränkt zwar die Produktpalette ein, bringt aber mehr Gewinn.
    Was mich ärgert ist, daß solche Massenprodukte deshalb vom Steuerzahler und Arbeitnehmer subventioniert werden müssen, weil man sich bedenkenlos einem unsinnigen Wettbewerb aussetzt.
    „Ein Obstverkäufer in Meran, angesprochen, warum er für sein Obst dreimal soviel verlangt wie der Supermarkt meinte, wenn ich so billig wie die verkaufe, muß ich wesentlich mehr arbeiten um zum selben Gewinn zu kommen.“
    Die Einflußnahme der Lobby auf die Politik ist in meinen Augen keine sach- und fachliche Beratung, sondern Staatserpressung.

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  2. Hallo,

    gerade bezogen auf die Euro-Krise möchte ich noch auf Lohnstückkosten/Inflationsrate, Handelsungleichgewichte und Wechselkurse hinweisen.
    Deutschland hat im Zuge der Agenda2010 etc. seine Löhne real stagnieren lassen, um u.a. China Paroli bieten zu können. Das ist wie bei Ihnen beschrieben schon unsinnig, weil so etwas zu einer Lohnabwärtsspirale führt und letztlich niemandem hilft. Darüber hinaus ist es aber auch deswegen unsinnig, weil ein Land, dass aufgrund der Lohnpolitik eines anderen Landes Probleme bekommt, seine Währung abwerten kann, was den tollen kurzfristigen Wettbewerbsvorteil neutralisiert.
    Auf der anderen Seite hat Deutschland unberechtigterweise (es gab ein Inflationsziel von 1,9%) seine europäischen Nachbarn niederkonkurriert, die in der EWU ja eben nicht abwerten können. Ironischerweise müssen natürlich die anderen jetzt wettbewerbsfähiger werden, wobei Deutschland natürlich seine Wettbewerbsfähigkeit behalten soll….was für ein Hohn, denn wie Sie beschrieben haben, können alle nicht ihre WBF verbessern.
    Dass die anderen Länder bei massiven Lohnkürzungen aber ihren Binnemarkt komplett zerstören, möchten die Markttheologen, wie Sie sie nennen :), nicht sehen.
    Wenn dann in wenigen Jahren der Euro zerfällt, muss Deutschland massiv aufwerten – dann haben wir nicht nur einen Binnenmarkt, der seit 15 Jahren nicht mehr gewachsen ist, sondern die Exportindustrie wird von heute auf morgen zerstört….
    Bravo Deutschland..

    Beste Grüße,
    Antonius

    P.S.: Sehr zu empfehlen (gerade auch der Zusammenhang zwischen Inflationsrate und Lohnstückkosten – zumindest in der Realwirtschaft) wäre dabei Prof. Heiner Flassbeck

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