Nobelpreisverdächtig

Als der schwedische Industrielle Alfred Nobel 1896 starb, hinterließ er ein großes Vermögen, welches dazu genutzt werden sollte, Menschen auszuzeichnen, die Großartiges auf wichtigen Gebieten geleistet haben. Diese Gebiete waren und sind Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Einsatz für Frieden und Abrüstung. Das Themenfeld Wirtschaft war und ist bis heute nicht mit einem Nobelpreis versehen. Das dennoch jährlich auch Menschen aus dem Bereich Wirtschaftswissenschaften mit einem Nobelpreis ausgezeichnet werden, liegt daran, dass sich 1969 jemand gedacht hat, er stiftet auf eigene Kosten zu Ehren Nobels einen zusätzlichen Nobelpreis. Dieser Jemand war natürlich selbst aus dem Bereich Wirtschaft, nämlich die schwedische Reichsbank. Der „Nobel“-Preis für Wirtschaftswissenschaften ist also eine Selbstbeweihräucherung der Wirtschaftstheologen auf eigene Kosten, die Herrn Nobels guten Namen missbraucht.

Wie wenig der von der schwedischen Reichsbank in Erinnerung an Alfred Nobel gestifteter Preis für Wirtschaftswissenschaften, so sein formaler Titel, mit Alfred Nobels guten Absichten zu tun hat, lässt sich an seinen Preisträgern ansehen. So erhielt der neoliberale Erzengel Milton Friedman den prestigeträchtigen Preis 1976. Friedman sprach sich in einem offenen Brief gegen die Besteuerung von Erbe und Vermögen aus: „Einkommen, welches genutzt wurde, um das Vermögen aufzubauen, das nach dem Tod hinterlassen wurde, wurde im Jahr des Erhalts besteuert; Die Einnahmen aus diesem Vermögen wurden Jahr für Jahr besteuert; Die Besteuerung von Vermögen ist eine zwei oder dreifache Besteuerung desselben Vermögensgegenstandes.“ Dieser Mann hat einen Preis zu Ehren Nobels erhalten, der sein Vermögen gestiftet hat mit den Worten: „„Ich bin besonders der Ansicht, dass große ererbte Vermögen ein Unglück sind, die das Menschengeschlecht nur in Apathie führen.“ Es ist daher schon mehr als fraglich, inwieweit ein Wirtschaftsnobelpreis tatsächlich seinen Namensträger in Ehren hält.

Am 14. Oktober dieses Jahres war es dann wieder soweit. Der Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises wurde bekannt gegeben. Nichts sagt so viel über die Zunft der Wirtschaftswissenschaften aus wie die diesjährige Nominierung. Es gab, wie des Öfteren üblich bei Nobelpreisen, nicht einen, sondern mehrere Preisträger, denn Fortschritt und Erkenntnis sind meist Gruppenarbeit. Nur das die diesjährigen Preisträger nicht mit- sondern gegeneinander gearbeitet haben und zu komplett unterschiedlichen Erkenntnissen gelangt sind. Das gemeinsame Forschungsfeld ist „die empirische Analyse von Kapitalmarktpreisen“. Das klingt wichtig und bedeutet so viel wie „Menschen, die auf Börsenkurse starren“.

Der erste Preisträger ist Robert Shiller. Er schrieb im Jahr 2000, also zu Zeiten als die Aktienkurse von Internetunternehmen ihren Höhepunkt hatten, ein Buch mit dem Titel „Irrational Exuberance“ . Während sich alle Welt gegenseitig auf die Schultern klopfte und sich auf die goldenen Zeiten freute, die mit dem Interzeitalter heraufdämmerten, betrachtete Shiller die Situation kritisch und kam zu dem Schluss, dass die Internetunternehmen an den Börsen heillos überbewertet waren. Er zeigt in diesem Buch deutlich auf, wie irrationale Einflüsse mit psychologischem und kulturellem Hintergrund zu Aktienkursen führen, die nichts mit dem tatsächlichen Wert des Unternehmens zu tun haben. Er sagte voraus, dass die Aktienkurse der New Economy bald einbrechen werden. Einen Monat nach Erscheinen des Buches war es soweit, die dotcom-Blase platzte, Shiller hat Recht gehabt.

Es ist der größte Härtetest für eine wissenschaftliche Theorie, eine Prognose zu erstellen, die dann auch stimmt. Viele Forscher suchen Muster in Messdaten, und sobald sie eins finden, schreiben sie darüber. Einige schaffen es, dieses Muster in einem weiteren Satz von Messdaten ebenfalls zu finden. Die größte Hürde aber ist es, mit Hilfe des Musters neue Messdaten vorherzusagen. Shiller hat dies geschafft, und zwar nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach.

2005 erschien von ihm eine zweite Auflage seines Buches. Diesmal nahm er nicht die Preise von Internetunternehmen unter die Lupe, sondern die von Immobilien. Er kam auch hier zu dem Schluss, dass Immobilien heillos überbewertet seien und es nur eine Frage der Zeit sei, bis die Immobilienblase platzen werde. Wieder behielt er recht. 2007 stürzten die Preise für Häuser in den USA in den Keller und rissen die halbe Weltwirtschaft mit sich. Er hatte wieder recht behalten. Es ist übrigens interessant, dass trotz dieser Prognose nach dem Platzen der Immobilienblase alle so getan haben, als hätte man dies nicht vorhersehen können.

Nach wissenschaftlichen Maßstäben hat Shiller sehr gut Arbeit geleistet. Er hat seinen Wissenschaftsgegenstand ordentlich analysiert, ha dabei über den Tellerrand geguckt um ja keinen Einflussfaktor zu vergessen und hat mehrfach Ausnahmeereignisse prognostiziert und somit mit seinen Theorien die wissenschaftliche Feuerprobe bestanden.

Nun hat Shiller diesen Preis nicht alleine bekommen, sondern zusammen mit Eugene Fama und Lars Peter Hanson. Fama hat 1970 die Effizienzmarkthypothese aufgestellt. Sie besagt das genaue Gegenteil von dem, was Shiller festgestellt hat. Während Shiller gezeigt hat, dass irrationale Faktoren zu Preisen führen, die den Realwert nicht widerspiegeln, geht Fama davon aus, dass alle Marktteilnehmer rational handeln und daher Preise immer alle vorhandenen Informationen korrekt berücksichtigen. Fama kommt somit aus der neoliberalen Ecke mit ihren wirtschafttheologischen Mantras vom perfekten Markt. Der große Unterschied zwischen beiden Forschern ist, dass Fama mit seinen Theorien nie korrekte Prognosen getroffen hat.

In seiner jüngeren Forschung hat Fama zusammen mit Kenneth French ebenfalls nach Mustern gesucht und in Messdaten auch welche gefunden. Sie haben diese Muster mit einer Gleichung beschrieben und festgestellt, dass andere Messreihen mit dieser Gleichung besser beschrieben werden können als mit früheren Ansätzen. Basierend auf diesem Ansatz veröffentlichen sie regelmäßig Risikofaktoren. Ob diese Faktoren jedoch tatsächlich das aktuelle Risiko widerspiegeln ist nur über einen sehr langen Zeitraum feststellbar. Daher steht die Feuertaufe der korrekten Prognose mit diesem Ansatz noch aus.

Es gibt noch einen dritten Preisträger, Lars Peter Hansen, der sich mit Prognose von Zinsen beschäftigt. Hansen ist inhaltlich etwas dichter an Shiller. Gegenwärtig versucht er, irrationale Faktoren in repräsentative Agentenmodelle zu integrieren. Dabei geht es darum, wie sich ein typischer Marktteilnehmer, also ein Aktienkäufer, ein Konsument oder ein Investor verhält, und wie weit Zweifel, Lernfähigkeit und geglaubte Axiome dabei eine Rolle spielen.

Warum sagt der diesjährige Nobelpreis so viel über die wirtschaftliche Zunft? Es muss sauber getrennt werden zwischen dem wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Wirtschaft und der neoliberalen Ideologie, die ein Glaubenskonstrukt ist. Leider ist diese Trennung schwer vorzunehmen, was zwei Ursachen hat. Zum einen liegt es daran, dass es für Laien oft schwer nachvollziehbar ist, welche methodischen oder axiomatischen Schwächen einzelne Forschungsvorhaben haben und zum anderen sind leider sehr viele Mitglieder der wirtschaftswissenschaftlichen Zunft überzeugte Anhänger der neoliberalen Weltanschauung. Das bedeutet, dass deren Forschung nicht durch einen sachlichen Blick auf den Wissenschaftsgegenstand geprägt ist, sondern durch die weltanschauliche Sonnenbrille. Es ist somit nahezu unmöglich, für einen Bürger zu entscheiden, ob eine Aussage durch einen Wirtschaftswissenschaftler eine wissenschaftliche Aussage ist oder ob es eine Aussage über seine persönliche Weltanschauung ist.

Die Tatsache, dass ein Shiller, der nach wissenschaftlichen Kriterien ordentliche Arbeit geleistet hat mit einem Fama zusammen ausgezeichnet wird, der im Prinzip das Gegenteil behauptet (nämlich das Märkte nicht irrational sondern rational seien), zeigt, wie tief auch bei der Wahl von Nobelpreisträgern neoliberale Ideologie eine Rolle spielt. Es kann nicht sein, dass jemand dafür ausgezeichnet wird, dass er feststellt, dass Märkte nicht perfekt sind. Auch nicht wenn die Geschichte ihm Recht gegeben hat. Nein, dies muss relativiert werden, indem man jemanden auszeichnet, der das Gegenteil behauptet. Die ökonomische Zunft ist so durchsetzt von neoliberaler Ideologie, dass der Preis, den sich die Zunft selbst gegeben hat und der nur Nobels Namen trägt, natürlich mit hoher Regelmäßigkeit an einen Neoliberalen gehen muss.

Übrigens sind von bisher 70 Trägern des von der schwedischen Reichsbank in Erinnerung an Alfred Nobel gestifteter Preises für Wirtschaftswissenschaften nur 11 dabei, die nicht aus den USA oder Großbritannien sind, den kulturellen Zentren des Neoliberalismus. Seit dem Jahr 2000 war es sogar nur ein einziger.

Es bleibt also die Erkenntnis, dass der Wirtschaftsnobelpreis gar keiner ist und das es zwei Wege gibt, ihn zu erlangen. Der eine führt über gute wissenschaftliche Arbeit, der anderen über die richtige Weltanschauung. Die fachliche Autorität seiner Träger muss somit immer danach beurteilt werden, welchen Weg diese gegangen sind.

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