Altersvorsorge

Die Bundestagswahl ist gelaufen und wer immer Angelas neuer Koalitionspartner wird, wird sich mit ihr auf eine gemeinsame Rentenstrategie einigen müssen. Prinzipiell kursieren in der Politik zwei Denkrichtungen, wie Rente zu finanzieren ist. Die eine ist die der staatlichen Umlagenrente, die zweite die der sogenannten kapitalgedeckten privaten Altersvorsorge. Wir werden sehen, dass eigentlich jedes Rentensystem ein Umlagensystem ist.

Zuvor ist jedoch ein kurzer Exkurs in die Geschichte des deutschen Rentensystem notwendig, um zu sehen, wie das Rentensystem Kriege und Krisen mehr oder weniger gut überstanden hat. Wenn wir jetzt für die Renten sparen sollen, die in 40 Jahren ausbezahlt werden, muss schließlich bedacht werden, dass es in diesen 40 Jahren zu Krisen jeglicher Art kommen kann.

Ursprünglich, also 1891, war das Rentensystem als Sparsystem gedacht. Es sollten während der Arbeitszeit Reserven aufgebaut werden, von denen später dann die Rente ausgeschüttet wurde. Jedoch führte die Inflation der 20er Jahre dazu, dass die aufgebauten Reserven faktisch weg waren, so dass man gezwungen war, aus laufenden Einnahmen direkt die aktuellen Renten auszuzahlen. Es wurde kein Geld mehr angespart und so entstand ein – zumindest teilweise – umlagenfinanziertes Rentensystem. 1957 wurde dann offiziell die Umlagenfinanzierung für die staatliche Rente eingeführt. Seitdem funktioniert dieses System erstaunlich stabil.

Seit den 80ern mehren sich die Mahner, die behaupten, der demographische Wandel, also der größer werdende Anteil von älteren Mitbürgern, würde unser Rentensystem sprengen und man müsse etwas dagegen unternehmen. Die Lösung war schnell gefunden, sie hieß private kapitalgedeckte Altersvorsorge. Die Idee dahinter war, dass Bürger während ihrer Berufstätigkeit selbstständig z.B. in Aktien oder Immobilien investieren und während ihrer Rente dann zusätzlich zur staatlichen Umlagenrente von der Dividende der Aktien oder der Mieteinnahmen der Immobilien leben können. Damit würde die staatliche Rente entlastet und der Lebensstandard trotzdem im Alter gesichert.

Was so gut klingt hat aber, wie wir sehen werden, mehrere Haken. Der erste ist, dass jedes Rentensystem immer umlagenfinanziert ist, und die sogenannte Kapitaldeckung nur eine andere Art ist, die Umlage zu organisieren. Der zweite Haken ist die enorme Gewinnabschöpfung in der Finanzwirtschaft durch dritte, die der Sparer mitfinanzieren muss. Drittens steigt das Risiko für den Einzelnen, da nur die staatliche Gesamtrente Risiken maximal streut und schließlich muss auch bedacht werden, was passiert, wenn Millionen Sparer zusätzliches Geld in die Finanzindustrie pumpen. Sehen wir uns diese Probleme im Einzelnen an.

Die Idee, man würde in einer sogenannten kapitalgedeckten Vorsorge einen Wohlstand ansparen, von dem man leben könne, ohne zukünftige Generationen zu belasten, ist ein Trugschluss. In einem umlagefinanzierten Rentensystem muss ein Arbeitnehmer über seine Rentenbeiträge die zeitgenössischen Rentner mitfinanzieren. In einem System mit Kapitaldeckung scheint es auf den ersten Blick, als würde der Arbeitnehmer entlastet, da der Rentner von anderen Quellen, wie Mieteinnahmen und Dividenden, lebt.

Doch auch diese müssen erwirtschaftet werden. Beschließen die Aktionäre eines Unternehmens, dass höhere Dividenden auszuzahlen seien, damit sie gut davon leben können, muss das Unternehmensmanagement im Zweifelsfall die Löhne drücken, um diese Dividenden zu garantieren. Auch Dividenden müssen durch die gegenwärtigen Berufstätigen erwirtschaftet werden. Das was also an steuerlicher Belastung sinkt, wenn der Arbeitnehmer nicht mehr in einem staatlichen Umlagensystem lebt, das kommt als finanzieller Druck aufs Unternehmen wieder dazu. Das gleiche gilt für Mieten oder Staatsanleihen. Wenn der Rentner die Miete seiner Immobilie so hoch machen muss, dass er davon leben kann, muss der Arbeiter, der diese Immobilie bewohnt, den Rentner trotzdem über die hohe Miete mitfinanzieren. Hat der Rentner mit Staatsanleihen privat vorgesorgt, muss der Arbeitnehmer über höhere Steuern die Zinsen für die Staatsanleihen tragen.

Es gibt letztendlich nur eine Quelle von Wohlstand in einer Volkswirtschaft, und diese ist die Arbeit der aktuellen Berufstätigen. Ob ein Rentensystem über eine staatliche Umlage finanziert wird oder „kapitalgedeckt“ ist, ist nur eine Frage des Umlagenschlüssels. Im aktuellen Umlagensystem gibt es ein Punktesystem, über welches ermittelt wird, welcher Rentner wieviel Rente bekommt. Anhand dieser Punkte werden die Renten ausgeschüttet. In einem „kapitalgedeckten“ System wird die Rente danach verteilt, wer – vereinfacht gesagt – die meisten Immobilien, Aktien und Staatsanleihen besitzt.

Das eine „kapitalgedeckte“ Altersvorsorge auch nur eine Umlage ist, verstehen die meisten nicht, weil es gut kaschiert ist. Kaum jemand fängt an, selbst aktiv Aktien zu kaufen, um für das Alter vorzusorgen. Stattdessen geht er zu einer Bank oder Versicherung und kauft einen Sparvertrag, eine Lebensversicherung oder irgendein ähnliches Finanzprodukt mit viel, viel Kleingedrucktem. Da steht dann sinngemäß, dass der Sparer jeden Monat soundsoviel einzuzahlen hat und am Ende gemäß irgendwelcher Zinsen, die niemand vorhersehen kann, eine gewisse Rente ausbezahlt bekommt. Dazu gibt es eine tolle Beispielrechnung mit einem hypothetischen Zinssatz, der eh nicht eingehalten werden kann. Die Bank oder Versicherung nimmt dann das Geld des Sparers und investiert dieses in Immobilien, Aktienfonds und Staatsanleihen.

Durch diese zusätzlichen Zwischenhändler wird nicht nur kaschiert, dass letztendlich immer nur eine Umlage stattfindet, sondern all die Berater, Makler und Manager von Banken, Fonds und Versicherungen müssen mitfinanziert werden. Während ein Aktionär direkt die Dividende ausgezahlt bekommt, sieht der Sparer mit seinem Sparvertrag nur ein Bruchteil der Dividende. Schließlich muss die Verwaltung des Aktienfonds mitverdienen, der Bankberater bekommt eine Prämie für den Vertrag und die Bank selbst will natürlich auch Gewinne machen. Auch die Heerscharen von Finanzjongleuren, die jährlich neue Finanzprodukte zur Altersvorsorge entwickeln und die Juristen, die daraus Verträge formulieren, müssen alle mitfinanziert werden. Insgesamt ist dieses Umlagesystem daher viel ineffizienter als die vergleichsweise einfache und schlanke staatliche Rentenumlage.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht des ineffizienten Staates. Dies liegt in der hervorragenden Lobbyarbeit der vielen großen Banken und Versicherungskonzerne, die seit Jahrzehnten so hartnäckig die Angst vor der unsicheren Rente schüren, dass mittlerweile selbst viele Politiker daran glauben. Es geht schließlich um einen Markt von unvorstellbarer Größe. Wenn mehrere Dutzend Millionen Bundesbürger in ihrer Lebenszeit sechsstellige Beträge ansparen, dann geht das Gesamtsparziel in die Billionen, an den jährlichen Zahlungsflüssen lassen sich viele Milliarden abschöpfen. Der Lobbydruck aus der Finanzindustrie, die staatliche Rente nach und nach zu privatisieren, ist also enorm. Dabei ist eine staatliche Rente nicht nur effizienter und billiger als eine privatwirtschaftlich organisierte, sondern auch sicherer.

In einem Staat ist das Risiko von Schadensfällen maximal gestreut. Von Krieg und Krisen sind immer alle Bürger eines Staates betroffen und der Staat organisiert Lösungen für alle auf nationaler Ebene. Immerhin hat unser Rentensystem schon zwei Weltkriege und diverse Wirtschaftskrisen überlebt, ohne dass Rentner verhungert oder erfroren wären. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu absurd, so ein bisschen demographischen Wandel zur existenziellen Krise des Rentensystems zu stilisieren. Ein Staat kann auch nicht nach einem Bankrott aufgelöst werden. Zwar können Staaten pleitegehen, sie können aber jederzeit sich selbst ein neues Währungssystem geben und in dieser Währung Steuern erheben und Renten auszahlen. Banken und Versicherungen können dies nicht.

Schließt man einen Vertrag für ein Finanzprodukt zur Altersvorsorge ab, so hat man keinen allgemeinen Anspruch auf Rente, sondern nur Anspruch darauf, dass die Bank oder die Versicherung einem in einem halben Jahrhundert eine bestimmte Menge Geld auszahlt. Passiert in dieser Zeit eine Inflation, bekommt man zwar das Geld, kann dafür aber nichts kaufen. Geht die Bank oder Versicherung pleite, bekommt man gar nix. Es gibt in diesem Schönwettersystem keinen Mechanismus, der den Bürger vor Inflation oder Konkurs des Unternehmens schützt. In der aktuellen Krise haben viele Amerikaner ihrer private Altersvorsorge gänzlich verloren, weil der Finanzkonzern, der ihr Vertragspartner war, pleite gegangen ist. Da jeder Bürger einen einzelnen Vertrag hat, trägt er das volle Risiko alleine.

Gerne wird angeführt, dass in Zeiten von Wirtschaftskrisen der Staat weniger einnimmt und damit weniger Renten ausschütten kann und daher die „kapitalgedeckte“ private Vorsorge sicherer sei. Aber in Zeiten Krisen schütten Aktiengesellschaften weniger Dividenden aus und Mieter suchen nach der billigsten Wohnung, was die Höhe der Mieteinnahmen drückt. Also auch im privat organsierten Umlagensystem, welches „kapitalgedeckt“ genannt wird, schlägt die Krise auf die Einnahmen.

Zu guter Letzt ist eine „kapitalgedeckte“ Altersvorsorge in großem Maßstab auch eine Gefahr für die Volkswirtschaft. Die angesparten Billionen wollen investiert werden, da sie Einnahmen generieren sollen. Je mehr Bürger viel Geld an Banken und Versicherungen zahlen, damit dieses investiert wird, um fürs Alter vorzusorgen, um so mehr wächst die Gefahr der Bildung von Finanzblasen. Ist mehr Geld im Finanzsystem als sinnvoll investiert werden kann, muss es sogar zur Blasenbildung und/oder Inflation kommen. Letztere ist besonders zynisch, da sie den angesparten Wert unmittelbar vernichtet. Und wie wir gesehen haben, sind Wirtschaftswachstum und damit die Chancen von Investition zwangsläufig begrenzt.

Wer zusätzlich zur staatlichen Rente etwas Wohlstand für das Alter schaffen möchte, sollte auf keinen Fall zu einer Bank oder Versicherung gehen und irgendeine Vorsorge, Versicherung, Sparplan oder sonst ein Finanzprodukt kaufen. Eine gute Altersvorsorge ist eine selbstgenutzte Immobilie, da der Ausgabenposten der Miete im Alter wegfällt. Außerdem ist bei Eigennutzung egal, wie hoch oder niedrig die aktuellen Mietpreise sind, was beim Vermieten der Immobilie hingegen eine große Rolle spielt. Wer schon eine Immobilie hat, sollte diese energetisch sanieren. Energie wird immer teurer und wer wenig heizen muss und auf seinem Dach Strom erzeugen kann spart sich im Alter hohe Energiekosten.

Wer in Aktien investieren will, muss mehrere Dinge beachten. Spekulationen auf Kurse sind Glücksspiel und zu vermeiden. Aktien werden gekauft und Jahrzehnte gehalten. Man lebt von der Dividende, nicht vom Wiederverkauf. Aktien müssen direkt gekauft werden, so dass man Aktionär ist. Zwischenhändler wie Fonds usw. sind zu vermeiden. Aktien müssen möglichst breit gestreut werden. Am besten nur wenige Aktien pro Unternehmen kaufen und dafür welche aus allen Branchen und immer aus mehreren Unternehmen je Branche. Industriezweige, die auf nicht nachwachsenden Rohstoffen wie Erdöl basieren sind ebenfalls zu vermeiden. Noch blüht die Automobilindustrie, aber wir müssen ein halbes Jahrhundert in die Zukunft denken. Sollte irgendwann in großem Maßstab der Umstieg auf Elektromobilität gelungen sein, kann man auch wieder Autoaktien kaufen.

Den demographischen Wandel als Gefahr und nicht als Chance zu betrachten, ist schließlich auch ein Ergebnis unserer falschen Fixierung auf Arbeitszeitmaximierung. Da der maximale Gesamtwohlstand mit einer begrenzten Arbeitszeit einhergehen kann, ist eine Vergrößerung der Rentnerschaar auch Ausdruck von Wohlstand und gesteigerter Produktivität und somit ein positiver Nebeneffekt einer wohlhabenden Gesellschaft.

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2 Gedanken zu “Altersvorsorge

  1. Guten Tag,

    vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag. Alle Wissen, die gesetzlichen Renten werden immer geringer. Aus diesem Grund wurden sehr viele Reformen und neue Versicherungen geschaffen, um den Bürger im Alter abzusichern. Die betriebliche Altersvorsorge ist eine davon. Ein großer Vorteil ist, das man die Rente auch erhält, falls der Versicherte ein Invalide wird. Selbst im Todesfall können die Hinterbliebenen die Rente erhalten. Nähere Informationen zum Thema betriebliche Altersvorsorge, können Sie auch auf den Seite http://www.altersvorsorgetest.com/betriebliche-altersvorsorge-test/ erfahren.

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  2. Hervorragender Beitrag! Danke jetzt ist man wieder ein bisschen schlauer!! Hierfür vielen Dank!! Es ist schön zu sehen wenn sich jemand mit einem Thema wirklich „beschäftigt hat“ DANKE! Mit freundlichen Grüßen
    OCE

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