Die Endlichkeit der Welt

Wir haben das letzte mal gesehen, wie ein privater Bankensektor in großem Maßstab auf allgemeines Wirtschaftswachstum spekuliert. Es ist die größtmögliche Spekulationsblase. Fairerweise muss man dazu erwähnen, dass es nach ein paar Jahrhunderten des mehr oder weniger stetigen Wirtschaftswachstums auf den ersten Blick nicht unplausibel ist, zu vermuten, dass dieser Trend andauern könnte. Nun ist die Frage nach den Grenzen des Wirtschaftswachstums aus zweierlei Gründen relevant. Der erste ist natürlich der Umweltaspekt. Da wir es bisher nicht geschafft haben, Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen zu entkoppeln, gibt es natürlich gute Gründe, Wachstum zu hinterfragen. Aber uns interessiert hier doch der wirtschaftliche Aspekt. Eine gute langfristige Wirtschaftspolitik muss erkennen, wann Wirtschaftswachstum an seine Grenzen stößt und frühzeitig entsprechend gegensteuern. Nur so kann ein krisenfreier Übergang von einer wachsenden Wirtschaft zu einer stetigen oder gar schrumpfenden Wirtschaft ermöglicht werden.

Bei der Frage des Wachstums macht es Sinn, noch einmal zum Urschleim der Wirtschaftswissenschaften zu gehen und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was Wirtschaft ist. Wirtschaft ist das planmäßige Decken von Bedarfen. Es ist also die Produktion und Verteilung von Waren und Dienstleistungen, damit diese bei jemandem ankommen, der sie benötigt. Letztendlich ist Wirtschaft also die Steuerung von Stoff- und Energieflüssen. Jeder Schritt in der Produktion und Verteilung eines Produktes involviert den Verbrauch von Energie und Material. Da wir planmäßig handeln, damit unser Material und Energie am Ende eine bestimmte Form annehmen, kontrollieren wir diese Material- und Energieflüsse. Und alle Material- und Energieflüsse unterliegen den Gesetzen der Physik.

Mancher Ökonom schreit an dieser Stelle auf und ruft: „Was ist mit Dienstleistungen?!“

Dienstleistungen sind Produkte, die in dem Moment verbrauch werden, indem sie erzeugt werden. Ein Friseur z.B. kann nicht auf Vorrat ein paar Frisuren machen, und diese dann an Kunden verkaufen. Nein, er muss die Frisur dann herstellen, wenn ein Kunde sie bezieht. Das gleiche gilt für Unternehmensberater. Auch die können nicht auf Vorrat ein paar Probleme lösen und dazu Powerpointpräsentationen machen und hoffen, dass irgendwann eine Firma mit genau diesem Problem vorbeikommt. Da die meisten Dienstleistungen keine großen Maschinen oder Rohstoffe benötigen, meinen viele, Dienstleistungen wären Produkte, die nicht an die Gesetze der Physik gebunden wären. Dies ist natürlich Wunschdenken. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

Jeder Dienstleister, egal, ob er Anwalt, Friseur oder Ergotherapeut ist, benötigt einen gigantischen Input an Energie und Rohstoffen, um seinen Output zu generieren. Jeder Dienstleiser muss gekleidet, gefüttert, behaust, gebildet, unterhalten werden und so weiter und so fort. Zu glauben, es könne eine Dienstleistungsökonomie geben ist Utopie, da jeder Dienstleister sein Einkommen letztendlich dazu benutzt, selbst Material und Energie zu konsumieren. Zumal viele Dienstleistungen, wie wir bereits gesehen haben, gar keinen echten Bedarf decken, sondern Teil von Nashgleichgewichten sind, die sinnlos Ressourcen vergeuden. Denn nicht jeder, der etwas tut, deckt damit einen Bedarf.

Unsere Wirtschaft ist also an die Gesetze der Physik gebunden, und da spielen im Wesentlichen die beiden Hauptsätze der Thermodynamik eine Rolle. Der erste ist relativ einfach erklärt. Energie kann nur in andere Energieformen umgewandelt werden, aber nicht erzeugt oder vernichtet werden. Der zweite sagt im Prinzip, dass bei jeder Energieumwandlung immer etwas Energie in eine Energieform umgewandelt wird, die nicht weiter nutzbar ist, und dies nicht verhindert werden kann. Dies ist der Grund, warum es kein Perpetuum Mobile gibt, weil dazu verlustfreie Energieübertragungen notwendig wären. Es entstehen also bei jedem energetischen Prozess unerwünschte Zustände, die wir aber nicht ohne weiteres verhindern können. Um unerwünschte Zustände zu beseitigen, muss man neue Energie aufwenden.

Was bedeutet das für unsere Wirtschaft? Allgemein unterscheidet der Ökonom ja zwischen Investitionsgütern und Konsumgütern. Konsumgüter sind die Dinge, die direkt einen Bedarf decken. Dazu gehört z.B. ein Joghurt. Er deckt den Bedarf nach Nahrung. Eine Joghurtabfüllanlage hingegen deckt keinen Bedarf. Niemand hat das Bedürfnis, eine Joghurtabfüllanlage zu konsumieren. Sie ist ein Investitionsgut. Sowohl Konsumgüter als auch Investitionsgüter unterliegen dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik, d.h. man muss Energie aufwenden, um sie herzustellen. Sie unterliegen aber auch dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Ich muss Energie aufwenden, um sie in einem gewünschten Zustand zu erhalten. Der Joghurt muss gekühlt werden, damit er keine unerwünschten Zustände annimmt, die Joghurtabfüllanlage muss gepflegt und gewartet werden und Verschleißteile müssen ersetzt werden. Güter benötigen also nicht nur Energie für ihre Herstellung, sondern auch für ihren Erhalt.

Letzteres ist wieder besonders wichtig um zu verstehen, warum der Traum von der Dienstleistungsgesellschaft genau ein solcher ist. Wenn das produzierende Gewerbe Leute entlässt, die dann im Dienstleistungssektor tätig sind, dann liegt dies meist daran, dass ein Investitionsgut die Aufgabe der Leute übernommen hat. D.h. der Friseur hat z.B. vorher Joghurt manuell abgefüllt. Das macht jetzt aber die Joghurtabfüllmaschine. Mehr Menschen im Dienstleistungssektor bedeutet, dass es mehr und kompliziertere Maschinen in der Fertigung gibt und die müssen alle unterhalten werden.

Schließlich gilt der zweite Hauptsatz der Thermodynamik auch bei der Beschaffung von Rohstoffen. Es ist total unerheblich, ob ich ein Metall aus einem Erz oder aus Abfällen gewinne. Letztendlich muss ich das Material von einem unerwünschten Zustand in einen gewünschten Zustand überführen, was Energie kostet. Wer glaubt, durch Recycling könne eine Wirtschaft mit begrenzten Rohstoffen ewig wachsen, muss bedenken, dass Recycling immer Energie verbraucht.

Aber zum Glück gibt ja die IT-Revolution. Die Wirtschaft von morgen basiert weder auf Produktion noch auf Dienstleistung, nein es wird eine Informationsgesellschaft. Dies ist natürlich Unsinn. Zum ersten hebt der Informationsaustausch energieintensive Bedarfe nicht auf und zum zweiten kann Information nicht ohne Energie und Materie existieren. Ersteres ist schnell erklärt. Wer im Internet surft, möchte trotzdem nicht auf eine beheizte Wohnung mit fließendem warmen Wasser und Toilette verzichten. Zweiteres ist etwas komplizierter.

Information benötigt immer eine physische Repräsentation. Die Information auf einem PC z.B. sind in Form von magnetisierten Bereichen auf der Festplatte gespeichert. Dieser Text hier liegt gerade im Arbeitsspeicher deines PCs in Form von bestimmten Transistorzuständen vor. Hätten diese Transistoren irgendeinen zufälligen Zustand, wäre hier Zeichensalat. Information ist also Materie, die einen gewünschten Zustand hat. Damit sie in diesen Zustand kommt und dort auch bleibt, ist Energie notwendig, da sie sonst irgendwann unerwünschte Zustände annimmt. Auch nicht digitale Information muss mit energetischem Aufwand erhalten werden. So müssen Bücher klimatisiert gelagert werden und alte Schriften werden kopiert, damit sie nicht durch Benutzung zerfallen. Information ohne Energie ist schlicht nicht möglich.

Ist es denn wenigstens möglich, unsere Wirtschaft so zu gestalten, dass die Umwelt weniger belastet wird? Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik trifft auch dazu eine Aussage, sie lautet: Nein. Wie wir schon gesehen haben, entstehen immer unerwünschte Zustände. Diese kann ich mit energetischen Aufwand zwar aus meinem System entfernen, aber dann sind sie nicht weg, sondern außerhalb des Systems. Dafür ist ein Stoff- oder Energiestrom über die Systemgrenze nötig. D.h. alles was wir tun produziert Müll oder Abwärme oder beides. Das Wechseln von Verschleißteilen der Joghurtabfüllanlage produziert Müll, das Reinigen der Anlage erzeugt Abwasser. Das Kühlen des Joghurts erzeugt Abwärme (deshalb ist es hinter dem Kühlschrank immer warm). Wer zu hundert Prozent recyclen will, der produziert zwar weniger Müll, aber mehr Abwärme.

Es ist also schlicht unmöglich, Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch zu entkoppeln, weil es im Prinzip das gleiche ist. Jegliches Wirtschaften involviert immer Energie in irgendeiner Form. Die Grenzen des Wachstums sind also die Grenzen unserer Fähigkeit, die Energieströme unserer Welt nutzbar zu machen und unsere Abwärme an unsere Umwelt abzugeben. Beides ist begrenzt.

In ein paar Jahrzehnten werden so ziemlich alle wesentlichen nicht erneuerbaren Energiequellen erschöpft sein. Dann leben wir zwangsläufig von Wind, Sonne, Biomasse, und was es noch so an regenerativen Energiequellen gibt. Zunächst einmal sind alle diese Energieströme begrenzt. Die Sonne strahlt nur eine gewisse Menge Energie auf die Erdoberfläche, die Brennholzwälder wachsen nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und so weiter. Dann ist die Ernte dieser Energieströme (dem zweiten Hauptsatz sei Dank) mit einem Wirkungsgrad behaftet. Ein Windrad kann dem Wind nicht alle Energie entziehen, eine Solarzelle nicht das gesamte Licht umsetzen. Schließlich benötigt die Infrastruktur, die zur Energieernte benötigt wird, ebenfalls Energie zum Unterhalt, so dass es energetisch nicht rentabel ist, alles mit Windrädern und Sonnenkollektoren zuzupappen. Dazu kommt, dass es nicht unbegrenzt viel Rohstoffe gibt, um beliebig viele Windräder und Solarzellen zu bauen. Nachdem die einfach zugänglichen Rohstoffvorkommen ausgebeutet wird, ist jedes neue Windrad teurer als das vorherige, weil noch mehr Aufwand betrieben werden musste, um z.B. aus noch tieferen Gesteinsschichten Erze mit noch geringerem Metallgehalt zu fördern. Unsere Fähigkeit, langfristig Energie zu ernten, ist also durch harte physikalische Faktoren begrenzt. Technische Innovation kann uns den Grenzen der Physik näherbringen, sie aber nicht überwinden.

Aber auch die Abwärmeseite ist begrenzt. Alle Energie auf unserer Welt geht letztendlich den gleichen Weg. Sie wird in Form von Abwärme ins Weltall gestrahlt. Nehmen wir mal an, jemand erfindet die ultimative Energiequelle und wir hätten beliebig viel Energie. Dann würden wir einfach mehr Abwärme ins All abstrahlen, richtig? Falsch! Denn leider sind Wärmeströme an Temperaturunterschiede gekoppelt. Das bedeutet, dass wir nur mehr Wärme abstrahlen, wenn wir eine höhere Temperatur haben. Der Physiker Tom Murphy hat einmal berechnet, dass bei 2,3 % Wachstum des globalen Energieverbrauches in 450 Jahren die Erde so heiß sein muss, dass alles Wasser kocht, damit wir die Abwärme ins All abstrahlen können.

Wir sehen also, dass der Glaube an ewiges Wirtschaftswachstum illusorisch ist und es harte Gründe gibt, warum unsere Wirtschaft zwangsläufig aufhören muss zu wachsen. Das bedeutet für Staaten, dass Schulden, die nur durch Wachstum zurückbezahlt werden können, nicht bezahlt werden. Das bedeutet für Privatpersonen, dass Altersvorsorge, die auf steigenden Aktienkursen beruht, nicht sicher ist. Nur Wirtschaftstheologen glauben an Wachstum und nur Narren hoffen auf ihn. Wir haben letztes mal gesehen, dass fehlendes Wachstum und das Platzen der Wachstumsblase in überschuldeten Staaten, fallenden Aktienkursen und Bankenpleiten münden. Mittlerweile kann man sich an recht wenigen Fingern abzählen, wie viel Platz zum Wachsen uns die Physik noch lässt.

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3 Gedanken zu “Die Endlichkeit der Welt

  1. Hallo deedl!
    Wieder ein nachdenkenswerter Beitrag,dessen Vision in die ferne Zukunft führt.Bis dahin wird aber noch vieles passieren.Was uns persönlich in naher Zukunft ereilt,auf das wir uns vorbereiten können und auf das wir mit unserem inneren Selbst reagieren können,um ein zufriedenes Leben zu führen.
    Alles ist in Bewegung und Entwicklung und die Endlichkeit der Welt ist meiner Meinung nach nur die Endlichkeit eines Entwicklungsabschnitts in der Unendlichkeit.Oder die Endlichkeit der Welt,so wie wir sie kennen.
    Ich denke,so wirst du das auch verstehen wollen.
    Der Malachit.

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  2. Hey,

    auch dieser Beitrag ist wieder sehr gelungen, wenn man die Hinweise auf grundsätzliche Erkenntnisse unserer Naturwissenschaften richtig anwendet – und versteht.

    Jedoch wage ich zu befürchten, dass sich diese – zugegeben: durchaus (unter den hiesigen Bedingungen) als pessimistisch zu bezeichnende – Betrachtungsvariante einfach den Wenigsten erschließt.
    Im Grundsatz sind diese Dinge dem (einigermaßen gebildeten) Menschen zweifellos klar.
    Den Gebildeten ist es (eigentlich) klar, während sie dennoch Hoffnung auf ihr Irren hegen; den anderen ist es gar völlig egal. Welch Tragik doch darin liegt…

    Man sollte die Möglichkeit nicht unterschätzen, dass diese Betrachtungsweise bereits mit einem schnöden Zugewinn an persönlichem materiellen Gewinn, respektive einer Armut an solcherart Sorgen, bereits (subjektiv) zu entkräften ist.
    Da nehme ich mich selbst nicht aus.

    Merke:
    Stets liegt die vermeintliche Wahrheit im Auge des Betrachters. Nicht zuletzt in den Lektüren, die man sich ‚erlaubt‘, zu lesen – und in denen, die man eben nicht liest, weil man meint, die Aussagen darin bereits zu kennen.
    Der Mensch ist nie dagegen gefeit, seinen Erkenntnisgrad zu überschätzen.
    Ist nicht von mir. Aber m.E. durchaus treffend.

    Daher ist auch der Hinweis auf ewig selbiges Mantra predigende Nutznießer der seit (wenigstens) Jahrzehnten kritikwürdigen Entwicklungen eigentlich obsolet.
    Wenngleich dennoch nicht unangebracht.

    Was will ich damit sagen?
    Zum Beispiel das: Schön, dass es Menschen gibt, die nicht nur (auf den ersten Blick) negativ, oder gar pessimistisch gestimmt sind, sondern eine solche – dem Mainstream ziemlich entgegengesetzte – Art der Auffassung auch veröffentlichen.
    Die es zumindest für Interessierte etwas vereinfacht, ihren (möglicherweise unpopulären) Standpunkt – auch ggf. mit fremder Hilfe – fundiert (!) zu begründen.

    Selbst auf die Gefahr (im positiven Sinne) hin, möglicherweise falsch zu liegen.

    Ein echt sehr respektabler Ansatz. Sehr angenehm, diesem Blog zu folgen.

    Danke dafür.

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  3. Ein Wahnsinnsblog, ich bin begeistert. Allerdings verstehe ich den vorletzten Absatz nicht (der Link gibt 403 zurück). Damit die Erde Wärme abgibt, muss es ja nur einen Temperaturgradienten zwischen dem System Erde und dem System Weltraum geben. Und der wird ja wohl auf absehbare Zeit bestehen bleiben. 😀

    viele Grüße,

    jaiditnon

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