Geldsystem simulieren III

Wir haben letztes mal gesehen, dass die Zinsen für das im Umlauf befindliche Giralgeld aus den laufenden Geldflüssen bedient werden können, da Giralgeld durch Zinszahlung nicht verschwindet, sondern beliebig oft zirkulieren kann. Es gibt also keinen Zwang, neues Geld zu erzeugen, um Zinsen zu bedienen. Aufgrund der Mindestreserve und der von der Zentralbank gesteuerten Menge an Zentralbankgeld gibt es eine feste Obergrenze an schöpfbarem Giralgeld. Diese Grenze kann nur verschoben werden, wenn entweder die Zentralbank mehr Zentralbankgeld schafft oder aber die Mindestreserve gesenkt wird.

Zunächst müssen wir sehen, dass es gute Gründe gib, die Geldmenge zu erhöhen. Einer davon ist Wirtschaftswachstum. Wenn mehr Waren produziert und gehandelt werden, wird auch mehr Geld benötigt, um diesen Handel abzuwickeln. Da unsere Zivilisation seit etwa zwei Jahrhunderten (hier und da durch Krieg und Krise kurzzeitig unterbrochenes) Wirtschaftswachstum erlebt, gab es bisher gute Gründe, die Geldmenge zu vermehren. Dennoch gibt es Gründe, die volkswirtschaftlich weniger sinnvoll sind, die zu einer Vermehrung der Geldmenge führen. Sie liegen im Wesentlichen darin begründet, dass unser Geld durch Privatbanken geschöpft wird, die daran gut verdienen. Und schließlich ist die Giralgeldmenge nicht nur vom bisherigen Wirtschaftswachstum, sondern auch vom erwarteten zukünftigen Wirtschaftswachstum abhängig, so dass Geldschöpfung auch ein spekulatives Element hat.

In einer wachstumslosen Wirtschaft mit einem im Gleichgewicht befindlichen Geldsystem kann der Bankensektor seine Einnahmen nicht weiter vergrößern. Um mehr Einnahmen zu generieren, muss die Zentralbank entweder neues Geld schaffen oder die Mindestreserve muss gesenkt werden. Daher versucht der Bankensektor natürlich genau dies zu erreichen. In den USA hat es die Bankenlobby sogar in die Gremien der Zentralbank geschafft, deren Aktionäre über ein paar Umwege private Banken sind. Es gibt also keine systemischen Zwänge, die unser Geldsystem zum wachsen bringen, sondern es sind die Lobbyisten der Nutznießer, die versuchen, die Stellschrauben des Geldsystems so zu beeinflussen, dass ihr Gewinn ständig wächst.

Die beiden existierenden Stellschrauben sind, wie wir schon gesehen haben, die Zentralbankgeldmenge und die Mindestreserve. Beide Stellschrauben führen zu einer Vergrößerung der Geldmenge. Findet dies ohne reales Wirtschaftswachstum statt, führt dies zu Inflation. Da mehr Geld im Umlauf ist, aber die Menge an gehandelten Gütern sich nicht ändert, gibt es mehr Geld pro gehandeltem Gut und damit höhere Preise. Inflation ist für Banken immer ganz großartig, weil sie gut daran verdienen. In einer statischen Wirtschaft sind Einnahmen und Ausgaben der Bank ausgeglichen. Inflation hingegen bedeutet, dass die Banken neue Kredite vergeben und somit Giralgeld schöpfen, und dieses Giralgeld dann im Umlauf ist und nur verzögert zu den Banken zurückkommt und verzinst wird. Dies kann man in der Simulation der inflationären Notenbankpolitik gut erkennen. Die Einnahmen der Banken sind höher als die Ausgaben, was ohne die inflationäre Notenbankpolitik nicht der Fall wäre. Aber der inflationsbedingte Gewinn der Banken sind nur Peanuts, verglichen mit dem, was über Neubewertung der Sicherheiten geschöpft werden kann.

Wie wir bereits gesehen haben, muss eine wachsende Geldmenge durch entsprechende Sicherheiten abgesichert werden. Steigt der Wert der Sicherheiten, so kann die Bank mit den gleichen Sicherheiten zusätzliches Geld schöpfen. Banken haben also ein Interesse daran, dass ihre Sicherheiten an Wert gewinnen. Wenn alle Banken ihre Sicherheiten ein bisschen höher bewerten, kann man der Zentralbank gegenüber glaubhaft versichern, dass die Wirtschaft gewachsen ist und mehr Geld benötigt wird, so dass diese mehr Zentralbankgeld erzeugt. Wie können alle Sicherheiten mehr Wert haben? Durch Wirtschaftswachstum. Nur in einer wachsenden Wirtschaft können z.B. als Sicherheit hinterlegte Aktien alle an realem Wert gewinnen.

Dies geht aber auch in einer Wirtschaft, von der geglaubt wird, dass sie wächst. Geht man von einer wachsenden Wirtschaft aus, so kann man als Besitzer von Aktien, Unternehmensanteilen oder Markenrechten in Zukunft mehr Einnahmen erwarten als heute. Das bedeutet, der Wert des Besitzes bemisst sich nicht daran, was er heute an Gewinn generiert, sondern daran, was er zukünftig generiert. Eine positive wirtschaftliche Prognose erhöht also generell den Wert von Unternehmensanteilen und damit von bei der Bank hinterlegten Sicherheiten. Da niemand letztendlich wissen kann, wie die Zukunft aussieht, erhalten wir also hier ein spekulatives Element. Wie wir bereits gesehen haben, führen Spekulationen zu instabilen Preiszuständen.

Spekulieren die Banken auf Wirtschaftswachstum, so können sie die Sicherheiten höher bewerten und damit den Bedarf an Geld erhöhen, welcher dann durch die Zentralbank gedeckt wird. Bleibt dieses Wachstum aus, gibt es drei Möglichkeiten. Die erste ist schlichte Inflation. Der zweite ist ein Wachsen der Spekulationsblase, der dritte ist dann irgendwann ein Platzen der Spekulationsblase. Bleibt im Folgejahr das erwartete Wachstum aus, und erkennen hinreichend viele Marktteilnehmer dieses rational, so führt dies zu einem geänderten Verhältnis zwischen Geld- und Warenmenge, und damit zu Inflation. Allerdings kann der überzogene Wert der Sicherheiten auch bei ausbleibendem Wachstum gewährleistet werden, wenn für die weitere Zukunft neues Wachstum prognostiziert wird. Dann bleiben die Preise für Investitionsgüter hoch, während Konsumgüter und damit verbundene Kaufkraftmessungen sich nicht verändern. Da es immer ein Folgejahr gibt, in dem es bergauf gehen könnte, kann also der Wert von Investitionsgütern beliebig lange zu hoch angesetzt werden, solange dies genügend Menschen glauben. Die Spekulation auf Wirtschaftswachstum ist die größtmögliche Spekulationsblase von allen.

Irgendwann lässt sich jedoch die wirtschaftliche Realität nicht mehr verbergen. Dann platzt diese Blase. Wenn dies passiert, geschehen mehrere Dinge. Zunächst brechen alle Aktienkurse ein. Die Unternehmen wurden ja nur deshalb so hoch bewertet, weil geglaubt wurde, sie würden zukünftig gigantische Gewinne generieren. Sobald erkannt wird, dass die nicht der Fall ist, erfolgt eine Neubewertung. Unternehmen mit geringeren erwarteten Einnahmen sind weniger Wert, also brechen die Aktienkurse(zusammen mit Werten anderer Investitionsgüter) ein. Als nächstes gehen Banken bankrott. Alle Sicherheiten verlieren an Wert. Da Geldschöpfung ein Bilanzierungstrick ist, stimmt die Bilanz nicht mehr, sobald die Sicherheit an Wert verliert. Banken werden zahlungsunfähig.

Um ihre Bilanzen auszugleichen, müssen die Banken neue Sicherheiten aufbringen. Dies tun sie z.B., indem den Wertverlust der Sicherheiten ausgleichen, indem sie selbst Geld auf die hohe Kante legen, anstatt es auszugeben. Dieses Geld wird dann der Wirtschaft entzogen, die damit Probleme bekommt, ihre Kredite zu bedienen. Und schwupps gehen auch nicht-Banken pleite.

Unser Geldsystem ist nicht instabil, weil es ein inhärent instabiles Zinsgeldsystem ist, sondern es ist instabil, weil gewinnorientierte Privatbanken die Geldschöpfung betreiben, und diese ein spekulatives Element hat. Und Spekulation ist, wie wir hier und hier gesehen haben, inhärent instabil. Gewinnorientierte Privatbanken nehmen auf vielerlei Weg Einfluss auf die Geldmenge.

gewinnbasierteGeldvermehrung

Dies kann zu einem spekulativen Teufelskreis führen, bei dem ausbleibendes Wachstum durch Hoffnung auf mehr Wachstum kompensiert wird.

spekulativeGeldvermehrung

Dies lässt sich großartig simulieren. Wir beginnen mit einer statischen Wirtschaft, und erhöhen dann ab dem etwa 2000. Tag die Bewertung der Sicherheiten. Zusätzlich ergänzen wir eine Zentralbankpolitik, die die Geldmenge erhöht, sobald der Wert der Sicherheiten den Wert der Giralgeldmenge übersteigt. Und schwupps wächst die Geldmenge.

Geldmengenwachstum

Der Zwang zum Wachstum ist also keine Folge unseres Geldsystems, sondern unser Geldsystem passt dem sich dem spekulativen oder realen Bedarf nach Wachstum an. Es soll ja tatsächlich Ökonomen geben, die glauben, unsere Wirtschaft könne ewig wachsen. Nächstes mal werden wir sehen, ob dies so ist.

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Ein Gedanke zu “Geldsystem simulieren III

  1. Hi deedl,

    dein Modell ist sehr interessant.
    Lange musste ich darüber nachdenken um die Grenzen deines Geldsystems zu finden.
    Du nimmst an: Alle Produkte der Unternehmen können verkauft werden und sind damit gewinnbringend.
    Doch das entspricht nicht der Realität. Viele Produkte enden als Ladenhüter, bzw. werden „ohne“ Gewinnmarge abgestoßen.
    Sicherlich ließe sich annehmen 10% der Unternehmen gehen insolvent und deren Kosten für die Bank müssen von den anderen Unternehmen durch höhere Kreditzinsen gezahlt werden.
    Das könnte meines Erachtens aufgehen.

    Können Zinsen (und Zinseszinsen) ein Problem sein, wenn es nur DREI Sektoren gibt?
    Welcher Sektor könnte den wirklich pleite gehen?
    Die Banken gehen nicht pleite, sie stellen das Geld bereit, und das Vertrauen können sie in diesem Modell nicht verlieren.
    Die Unternehmer gehen nicht pleite, da ihre Produktion immer, egal in welchen Mengen zu gleichen Preisen Absatz findet (vgl oben).
    Die Arbeiter haben immer Arbeit, werden immer bezahlt und werden nicht krank! Eine Überschuldung ist so auch nicht möglich.

    Ich sehe theoretisch gar keine Möglichkeit, wie das System scheitern könnte. Es ist für mich eine gewagt Schlussfolgerung zu sagen: Zinsen können am „Systemkollaps“ nicht schuld sein den es sowieso nicht gibt.

    Wie sehe ich den Sachverhalt Zinseszins und Systemstabilität?
    Gesamtwirtschaftlich sind Zinsen kein Problem. Zinsen sind Zahlungen und diese haben einen Empfänger und einen Geber. Sollte ein Geber nicht zahlen können muss der Empfänger den Kredit abschreiben. Da ist nichts besonderes dran.

    Bei den Piraten gibt es noch eine gute Erklärung warum der Zinseszins nicht „für das Systemversagen“ zuständig ist.
    Dem dort kann ich gut zustimmen. http://wiki.piratenpartei.de/AG_Geldordnung_und_Finanzpolitik/Zins/Zinskritik-Kritik

    Eine deiner Thesen besagt:
    Der Zwang zum Wachstum kommt aus dem realen Bedarf nach Wachstum.
    Woher kommt dieser genau?
    Vielleicht aus dem Geschäftsmodell der Banken? Eine wirtschaftliche Abkühlung bremst deren Kreditverleihgeschäft aus. Diese Bilanzverkürzung bedeutet reduzierte Einnahmen. Aber ohne Einnahmen – in genügender Höhe – geht sie pleite. Zum Glück sind sie systemrelevant! 😉
    -> Wir müssen wachsen, damit die Banken nicht pleite gehen.

    Kennst du schon:
    Jürgen Kremer
    Er zeigt, wie Zinszahlungen Vermögen umverteilen.
    Das Buch ist sein Geld wert.
    Grundlagen der Ökonomie
    Geldsysteme, Zinsen, Wachstum und die Polarisierung der Gesellschaft
    http://www.metropolis-verlag.de/Grundlagen-der-Oekonomie/912/book.do
    Inhaltlich 1/3 des Buches:
    http://www.deweles.de/files/mathematik.pdf

    Du hast dir da ein spannendes Thema ausgesucht!

    Grüße
    Kostan

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