Privatisierung von Monopolen

Am 22.09.2013 ist nicht nur Bundestagswahl, sondern die Stadt Hamburg nutzt diesen Termin auch, um gleichzeitig in einem Volksentscheid über den Rückkauf der Hamburger Energienetze abzustimmen. Dies ist ein willkommener Anlass, sich ein bisschen über Sinn und Unsinn von Privatisierung Gedanken zu machen.

Es gibt in der Debatte um die Privatisierung viele nichtwirtschaftliche Argumente, die dagegen sprechen, wie demokratische Legitimierung oder der Aufgabe des Staates, die Grundversorgung mit Infrastruktur zu sichern. Dies soll uns aber nicht interessieren, wir blicken auf die wirtschaftliche Seite, ob privatisierte Netze billiger oder effizienter sind als staatliche Netze.

Wir wissen, dass ein Markt prinzipiell eine Möglichkeit darstellt, um die Verteilung von Gütern und Ressourcen zu organisieren. Wir wissen auch, dass dies unter bestimmten Umständen sehr gut funktioniert. Unter den Voraussetzungen, dass es

* viele Käufer
* viele Verkäufer
* freien Informationsaustausch
* direkt möglichen Zugang zwischen jedem Käufer und Verkäufer

gibt, sorgt der Konkurrenzdruck meist für eine sehr effiziente Verteilung in einem freien Markt. Diese kann sogar optimal werden. Dies gehört zum wirtschaftswissenschaftlichen Einmaleins und ist strikt zu trennen von der neoliberalen Markttheologie, die im Wesentlichen besagt, dass alle Märkte immer gut und richtig und perfekt sind. Dabei werden zwei Aspekte übersehen. Der erste ist, dass nicht in jedem Markt alle obigen Bedingungen erfüllt sind. Der zweite ist, dass die obigen Bedingungen notwendig, aber nicht hinreichend sind. Das bedeutet, dass für einen effizienten Markt die Bedingungen immer erfüllt sein müssen. Das bedeutet aber nicht, dass die Erfüllung dieser Bedingungen immer in einem effizienten Markt mündet, da z.B. in jedem Markt Nashgleichgewichte auftreten können.

Ein schönes Beispiel für einen funktionierenden Markt sind Restaurants in einer Stadt. Es gibt viele Kunden, es gibt viele Restaurants. Jeder Kunde kann mit dem Nahverkehr prinzipiell jedes Restaurant erreichen und jeder hat die Möglichkeit, sich z.B. über Onlinebewertungen zu informieren, wo das Essen schmeckt und wo nicht. Es sind also alle Bedingungen für einen Markt erfüllt. Gute Restaurants werden sich vor Kunden kaum retten können, schlechte gehen pleite, und so wandert das Geld zu den Köchen, die den größten kulinarischen Wert aus den Zutaten schöpfe. Der Markt sorgt also für eine effiziente Zutatenumwandlung.

Nun hat Infrastruktur wie Wasser- Strom- und Gasnetze, aber auch Straßen und Schienensysteme, die Eigenschaft, dass an einem Ort immer nur ein Anbieter existiert. Offensichtlich wäre es absoluter Unfug und Ressourcenverschwendung, beispielsweise mehrere Stromnetze parallel zu betreiben, so dass sich jeder Haushalt aussuchen kann, über welche Leitung er seinen Strom zieht. Es kann also für Infrastrukturnetze gar keinen funktionierenden Markt geben, da es niemals mehrere Anbieter gleichzeitig geben kann. Es existiert bei Infrastruktur immer ein natürliches Monopol.

Und genau dies ist der Grund, warum große Konzerne ein enormes Interesse an der Privatisierung von Infrastruktur haben. Ein Monopol in der Hand eines Unternehmens ist eine Gans, die goldene Eier legt. In einem funktionierenden Markt zwingt der Konkurrenzdruck die einzelnen Verkäufer dazu, gute Produkte zu einem angemessenen Preis anzubieten, damit die Kunden nicht weglaufen. Wer ein Infrastrukturnetz besitzt, hat diese Sorge nicht. Die Kunden können nicht weglaufen, sie sind schließlich auf den Zugang zu Strom, Wasser, Gas oder Verkehrswegen angewiesen. Wer in Besitz eines Monopols ist, kann jede Menge Geld verdienen, und daher streben Konzerne wo es geht Monopolbesitz an.

Es gibt also handfeste finanzielle Interessen, die hinter Privatisierungen stecken. Doch damit der Staat seine Netze verkauft, ist viel Lobbyarbeit nötig. Die Privatwirtschaft muss Politiker und Bürger davon überzeugen, dass Privatisierung gut ist. Dabei ist die Strategie recht einfach. Den Bürger überzeugt man mit Behördenschelte. Den Politiker mit Geld für Wahlgeschenke.

Man pflegt dem Bürger gegenüber ausgiebig die Vorurteile über faule und ineffiziente Verwaltungen, damit der Bürger glaubt, die Privatwirtschaft könne es besser. Das machen alle Branchen seit Jahrzehnten so gut, dass viele Menschen es mittlerweile glauben. Dass große Konzerne genau die gleichen ineffizienten Wasserkopfverwaltungen haben wie öffentliche Behörden wird dabei natürlich unterschlagen. Die Behauptung der effizienten Privatwirtschaft und desineffizienten Staates ist ein wesentlicher Stützpfeiler neoliberaler Markttheologie.

Den Politiker ködert man mit dem Erlös der Privatisierung. Der Verkauf von öffentlichem Tafelsilber erzeugt eine einmalige Geldspritze, mit der Politiker ihre Wahlversprechen einlösen können, ohne sich zu verschulden und ohne woanders zu sparen. Zu zahlen hat die Zeche am Ende natürlich der Bürger über steigende Gas- und Wasserpreise.

Ein Paradebeispiel für die Privatisierung von Netzen ist die Wasserversorgung von Paris. Nachdem in einem viertel Jahrhundert des privaten Betriebes die Wasserpreise sich fast vervierfacht haben, konnten sie im Jahr der Verstaatlichung sofort wieder gesenkt werden. Es ist auch überhaupt nicht plausibel, dass ein gewinnorientiert betriebenes Monopol billiger sein kann als ein staatliches Unternehmen, das nicht gewinnorientiert arbeitet. Schließlich müssen die Verbraucher nicht nur die Bereitstellung der Infrastruktur bezahlen, sondern auch die Gewinne, die an die Betreiber ausgeschüttet werden.

Eine weitere Gefahr der Privatisierung ist die Gefahr des Verfalls von Infrastruktur. Jeder Konzern hat die Wahl, seine Einnahmen an Aktionäre auszuschütten oder aber sie zu reinvestieren. Beides ist prinzipiell möglich. Wird z.B. ein Eisenbahnnetz durch ein Unternehmen geführt, dessen Aktionäre auf möglichst hohen Ausschüttungen bestehen, wird weniger in den Erhalt der Infrastruktur investiert. Die Netze verfallen. Auch hierfür gibt es genügend Beispiele. Da sind die privat geführten amerikanischen Stromnetze, die so marode sind, dass Stromausfälle in vielen Bereichen der USA zum Alltag gehören. Auch die Schienennetze in England sind in einem grandios schlechten Zustand seit sie privatisiert wurden. Und auch in Deutschland zeigte sich beim geplanten Börsengang der Bahn (was nichts anderes als eine Form von Privatisierung ist), dass am Erhalt der Schienen gespart wurde, um die zukünftige Bahnaktie durch Ausschüttungen für Aktionäre interessant zu machen.

Tatsächlich lässt sich sogar zeigen, dass ein Monopol, das nicht gewinnorientiert geführt wird, die Situation gegenüber dem Marktpreis verbessert, während ein gewinnorientiertes Monopol es verschlechtert. In einem normalen freien Markt gibt es eine Angebots- und eine Nachfragekurve. Daraus resultiert ein Marktgleichgewicht aus Menge und Preis. Das Produkt beider Größen ist der Umsatz, er setzt sich zusammen aus den Kosten der Anbieter und deren Gewinn.

PQnormal

Ein öffentlicher Anbieter, der nicht gewinnorientiert arbeitet, kann die Mehreinnahmen nutzen, um die Preislücke zwischen Angebot und Nachfrage rechts des Marktgleichgewichtes zu schließen. Dabei zahlen die finanzschwachen Kunden gemäß der Nachfragekurve nur so viel wie sie können. Die Differenz zu dem Versorgungsaufwand wird durch Umschichtung der Mehreinnahmen links des Marktgleichgewichtes gedeckt.

PQumschichtung

Für alle Käufer, die auch im freien Markt versorgt wären, sind Versorgungslage und Preis gleich geblieben. Aber durch die Umschichtung der Gewinne hat sich die Versorgungssituation verbessert, weil nun auch Käufer versorgt werden, die sich dies vorher nicht hätten leisten können.

In einem Monopol hingegen wird nicht auf maximale Versorgung, sondern auf maximalen Gewinn hin optimiert. Der Monopolist kann die Preise selbst wählen und so den Punkt des Marktgleichgewichtes auf der Nachfragekurve selbst bestimmen. Dieser wird er immer derart gewählt, dass der Gewinn des Monopols am größten ist. Dies ist üblicherweise verbunden mit erhöhten Preisen und einer verminderten Versorgungsleistung.

PQmonopol

Die Frage der Privatisierung von Infrastrukturnetzen ist also eine Frage der wirtschaftlichen Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Grundgütern wie Strom, Wasser und Verkehrswegen. Es gibt enorme wirtschaftliche Interessen von privaten Konzernen, diese natürlichen Monopole in ihre Hand zu bekommen, um so gigantisch viel Geld zu verdienen. Der Bürger muss im Sinne seiner eignen Versorgungssicherheit aufpassen, sich nicht von Konzernen und Politikern über den Tisch ziehen zu lassen.

Die Endlichkeit der Welt

Wir haben das letzte mal gesehen, wie ein privater Bankensektor in großem Maßstab auf allgemeines Wirtschaftswachstum spekuliert. Es ist die größtmögliche Spekulationsblase. Fairerweise muss man dazu erwähnen, dass es nach ein paar Jahrhunderten des mehr oder weniger stetigen Wirtschaftswachstums auf den ersten Blick nicht unplausibel ist, zu vermuten, dass dieser Trend andauern könnte. Nun ist die Frage nach den Grenzen des Wirtschaftswachstums aus zweierlei Gründen relevant. Der erste ist natürlich der Umweltaspekt. Da wir es bisher nicht geschafft haben, Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen zu entkoppeln, gibt es natürlich gute Gründe, Wachstum zu hinterfragen. Aber uns interessiert hier doch der wirtschaftliche Aspekt. Eine gute langfristige Wirtschaftspolitik muss erkennen, wann Wirtschaftswachstum an seine Grenzen stößt und frühzeitig entsprechend gegensteuern. Nur so kann ein krisenfreier Übergang von einer wachsenden Wirtschaft zu einer stetigen oder gar schrumpfenden Wirtschaft ermöglicht werden.

Bei der Frage des Wachstums macht es Sinn, noch einmal zum Urschleim der Wirtschaftswissenschaften zu gehen und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was Wirtschaft ist. Wirtschaft ist das planmäßige Decken von Bedarfen. Es ist also die Produktion und Verteilung von Waren und Dienstleistungen, damit diese bei jemandem ankommen, der sie benötigt. Letztendlich ist Wirtschaft also die Steuerung von Stoff- und Energieflüssen. Jeder Schritt in der Produktion und Verteilung eines Produktes involviert den Verbrauch von Energie und Material. Da wir planmäßig handeln, damit unser Material und Energie am Ende eine bestimmte Form annehmen, kontrollieren wir diese Material- und Energieflüsse. Und alle Material- und Energieflüsse unterliegen den Gesetzen der Physik.

Mancher Ökonom schreit an dieser Stelle auf und ruft: „Was ist mit Dienstleistungen?!“

Dienstleistungen sind Produkte, die in dem Moment verbrauch werden, indem sie erzeugt werden. Ein Friseur z.B. kann nicht auf Vorrat ein paar Frisuren machen, und diese dann an Kunden verkaufen. Nein, er muss die Frisur dann herstellen, wenn ein Kunde sie bezieht. Das gleiche gilt für Unternehmensberater. Auch die können nicht auf Vorrat ein paar Probleme lösen und dazu Powerpointpräsentationen machen und hoffen, dass irgendwann eine Firma mit genau diesem Problem vorbeikommt. Da die meisten Dienstleistungen keine großen Maschinen oder Rohstoffe benötigen, meinen viele, Dienstleistungen wären Produkte, die nicht an die Gesetze der Physik gebunden wären. Dies ist natürlich Wunschdenken. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

Jeder Dienstleister, egal, ob er Anwalt, Friseur oder Ergotherapeut ist, benötigt einen gigantischen Input an Energie und Rohstoffen, um seinen Output zu generieren. Jeder Dienstleiser muss gekleidet, gefüttert, behaust, gebildet, unterhalten werden und so weiter und so fort. Zu glauben, es könne eine Dienstleistungsökonomie geben ist Utopie, da jeder Dienstleister sein Einkommen letztendlich dazu benutzt, selbst Material und Energie zu konsumieren. Zumal viele Dienstleistungen, wie wir bereits gesehen haben, gar keinen echten Bedarf decken, sondern Teil von Nashgleichgewichten sind, die sinnlos Ressourcen vergeuden. Denn nicht jeder, der etwas tut, deckt damit einen Bedarf.

Unsere Wirtschaft ist also an die Gesetze der Physik gebunden, und da spielen im Wesentlichen die beiden Hauptsätze der Thermodynamik eine Rolle. Der erste ist relativ einfach erklärt. Energie kann nur in andere Energieformen umgewandelt werden, aber nicht erzeugt oder vernichtet werden. Der zweite sagt im Prinzip, dass bei jeder Energieumwandlung immer etwas Energie in eine Energieform umgewandelt wird, die nicht weiter nutzbar ist, und dies nicht verhindert werden kann. Dies ist der Grund, warum es kein Perpetuum Mobile gibt, weil dazu verlustfreie Energieübertragungen notwendig wären. Es entstehen also bei jedem energetischen Prozess unerwünschte Zustände, die wir aber nicht ohne weiteres verhindern können. Um unerwünschte Zustände zu beseitigen, muss man neue Energie aufwenden.

Was bedeutet das für unsere Wirtschaft? Allgemein unterscheidet der Ökonom ja zwischen Investitionsgütern und Konsumgütern. Konsumgüter sind die Dinge, die direkt einen Bedarf decken. Dazu gehört z.B. ein Joghurt. Er deckt den Bedarf nach Nahrung. Eine Joghurtabfüllanlage hingegen deckt keinen Bedarf. Niemand hat das Bedürfnis, eine Joghurtabfüllanlage zu konsumieren. Sie ist ein Investitionsgut. Sowohl Konsumgüter als auch Investitionsgüter unterliegen dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik, d.h. man muss Energie aufwenden, um sie herzustellen. Sie unterliegen aber auch dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Ich muss Energie aufwenden, um sie in einem gewünschten Zustand zu erhalten. Der Joghurt muss gekühlt werden, damit er keine unerwünschten Zustände annimmt, die Joghurtabfüllanlage muss gepflegt und gewartet werden und Verschleißteile müssen ersetzt werden. Güter benötigen also nicht nur Energie für ihre Herstellung, sondern auch für ihren Erhalt.

Letzteres ist wieder besonders wichtig um zu verstehen, warum der Traum von der Dienstleistungsgesellschaft genau ein solcher ist. Wenn das produzierende Gewerbe Leute entlässt, die dann im Dienstleistungssektor tätig sind, dann liegt dies meist daran, dass ein Investitionsgut die Aufgabe der Leute übernommen hat. D.h. der Friseur hat z.B. vorher Joghurt manuell abgefüllt. Das macht jetzt aber die Joghurtabfüllmaschine. Mehr Menschen im Dienstleistungssektor bedeutet, dass es mehr und kompliziertere Maschinen in der Fertigung gibt und die müssen alle unterhalten werden.

Schließlich gilt der zweite Hauptsatz der Thermodynamik auch bei der Beschaffung von Rohstoffen. Es ist total unerheblich, ob ich ein Metall aus einem Erz oder aus Abfällen gewinne. Letztendlich muss ich das Material von einem unerwünschten Zustand in einen gewünschten Zustand überführen, was Energie kostet. Wer glaubt, durch Recycling könne eine Wirtschaft mit begrenzten Rohstoffen ewig wachsen, muss bedenken, dass Recycling immer Energie verbraucht.

Aber zum Glück gibt ja die IT-Revolution. Die Wirtschaft von morgen basiert weder auf Produktion noch auf Dienstleistung, nein es wird eine Informationsgesellschaft. Dies ist natürlich Unsinn. Zum ersten hebt der Informationsaustausch energieintensive Bedarfe nicht auf und zum zweiten kann Information nicht ohne Energie und Materie existieren. Ersteres ist schnell erklärt. Wer im Internet surft, möchte trotzdem nicht auf eine beheizte Wohnung mit fließendem warmen Wasser und Toilette verzichten. Zweiteres ist etwas komplizierter.

Information benötigt immer eine physische Repräsentation. Die Information auf einem PC z.B. sind in Form von magnetisierten Bereichen auf der Festplatte gespeichert. Dieser Text hier liegt gerade im Arbeitsspeicher deines PCs in Form von bestimmten Transistorzuständen vor. Hätten diese Transistoren irgendeinen zufälligen Zustand, wäre hier Zeichensalat. Information ist also Materie, die einen gewünschten Zustand hat. Damit sie in diesen Zustand kommt und dort auch bleibt, ist Energie notwendig, da sie sonst irgendwann unerwünschte Zustände annimmt. Auch nicht digitale Information muss mit energetischem Aufwand erhalten werden. So müssen Bücher klimatisiert gelagert werden und alte Schriften werden kopiert, damit sie nicht durch Benutzung zerfallen. Information ohne Energie ist schlicht nicht möglich.

Ist es denn wenigstens möglich, unsere Wirtschaft so zu gestalten, dass die Umwelt weniger belastet wird? Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik trifft auch dazu eine Aussage, sie lautet: Nein. Wie wir schon gesehen haben, entstehen immer unerwünschte Zustände. Diese kann ich mit energetischen Aufwand zwar aus meinem System entfernen, aber dann sind sie nicht weg, sondern außerhalb des Systems. Dafür ist ein Stoff- oder Energiestrom über die Systemgrenze nötig. D.h. alles was wir tun produziert Müll oder Abwärme oder beides. Das Wechseln von Verschleißteilen der Joghurtabfüllanlage produziert Müll, das Reinigen der Anlage erzeugt Abwasser. Das Kühlen des Joghurts erzeugt Abwärme (deshalb ist es hinter dem Kühlschrank immer warm). Wer zu hundert Prozent recyclen will, der produziert zwar weniger Müll, aber mehr Abwärme.

Es ist also schlicht unmöglich, Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch zu entkoppeln, weil es im Prinzip das gleiche ist. Jegliches Wirtschaften involviert immer Energie in irgendeiner Form. Die Grenzen des Wachstums sind also die Grenzen unserer Fähigkeit, die Energieströme unserer Welt nutzbar zu machen und unsere Abwärme an unsere Umwelt abzugeben. Beides ist begrenzt.

In ein paar Jahrzehnten werden so ziemlich alle wesentlichen nicht erneuerbaren Energiequellen erschöpft sein. Dann leben wir zwangsläufig von Wind, Sonne, Biomasse, und was es noch so an regenerativen Energiequellen gibt. Zunächst einmal sind alle diese Energieströme begrenzt. Die Sonne strahlt nur eine gewisse Menge Energie auf die Erdoberfläche, die Brennholzwälder wachsen nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und so weiter. Dann ist die Ernte dieser Energieströme (dem zweiten Hauptsatz sei Dank) mit einem Wirkungsgrad behaftet. Ein Windrad kann dem Wind nicht alle Energie entziehen, eine Solarzelle nicht das gesamte Licht umsetzen. Schließlich benötigt die Infrastruktur, die zur Energieernte benötigt wird, ebenfalls Energie zum Unterhalt, so dass es energetisch nicht rentabel ist, alles mit Windrädern und Sonnenkollektoren zuzupappen. Dazu kommt, dass es nicht unbegrenzt viel Rohstoffe gibt, um beliebig viele Windräder und Solarzellen zu bauen. Nachdem die einfach zugänglichen Rohstoffvorkommen ausgebeutet wird, ist jedes neue Windrad teurer als das vorherige, weil noch mehr Aufwand betrieben werden musste, um z.B. aus noch tieferen Gesteinsschichten Erze mit noch geringerem Metallgehalt zu fördern. Unsere Fähigkeit, langfristig Energie zu ernten, ist also durch harte physikalische Faktoren begrenzt. Technische Innovation kann uns den Grenzen der Physik näherbringen, sie aber nicht überwinden.

Aber auch die Abwärmeseite ist begrenzt. Alle Energie auf unserer Welt geht letztendlich den gleichen Weg. Sie wird in Form von Abwärme ins Weltall gestrahlt. Nehmen wir mal an, jemand erfindet die ultimative Energiequelle und wir hätten beliebig viel Energie. Dann würden wir einfach mehr Abwärme ins All abstrahlen, richtig? Falsch! Denn leider sind Wärmeströme an Temperaturunterschiede gekoppelt. Das bedeutet, dass wir nur mehr Wärme abstrahlen, wenn wir eine höhere Temperatur haben. Der Physiker Tom Murphy hat einmal berechnet, dass bei 2,3 % Wachstum des globalen Energieverbrauches in 450 Jahren die Erde so heiß sein muss, dass alles Wasser kocht, damit wir die Abwärme ins All abstrahlen können.

Wir sehen also, dass der Glaube an ewiges Wirtschaftswachstum illusorisch ist und es harte Gründe gibt, warum unsere Wirtschaft zwangsläufig aufhören muss zu wachsen. Das bedeutet für Staaten, dass Schulden, die nur durch Wachstum zurückbezahlt werden können, nicht bezahlt werden. Das bedeutet für Privatpersonen, dass Altersvorsorge, die auf steigenden Aktienkursen beruht, nicht sicher ist. Nur Wirtschaftstheologen glauben an Wachstum und nur Narren hoffen auf ihn. Wir haben letztes mal gesehen, dass fehlendes Wachstum und das Platzen der Wachstumsblase in überschuldeten Staaten, fallenden Aktienkursen und Bankenpleiten münden. Mittlerweile kann man sich an recht wenigen Fingern abzählen, wie viel Platz zum Wachsen uns die Physik noch lässt.

Geldsystem simulieren III

Wir haben letztes mal gesehen, dass die Zinsen für das im Umlauf befindliche Giralgeld aus den laufenden Geldflüssen bedient werden können, da Giralgeld durch Zinszahlung nicht verschwindet, sondern beliebig oft zirkulieren kann. Es gibt also keinen Zwang, neues Geld zu erzeugen, um Zinsen zu bedienen. Aufgrund der Mindestreserve und der von der Zentralbank gesteuerten Menge an Zentralbankgeld gibt es eine feste Obergrenze an schöpfbarem Giralgeld. Diese Grenze kann nur verschoben werden, wenn entweder die Zentralbank mehr Zentralbankgeld schafft oder aber die Mindestreserve gesenkt wird.

Zunächst müssen wir sehen, dass es gute Gründe gib, die Geldmenge zu erhöhen. Einer davon ist Wirtschaftswachstum. Wenn mehr Waren produziert und gehandelt werden, wird auch mehr Geld benötigt, um diesen Handel abzuwickeln. Da unsere Zivilisation seit etwa zwei Jahrhunderten (hier und da durch Krieg und Krise kurzzeitig unterbrochenes) Wirtschaftswachstum erlebt, gab es bisher gute Gründe, die Geldmenge zu vermehren. Dennoch gibt es Gründe, die volkswirtschaftlich weniger sinnvoll sind, die zu einer Vermehrung der Geldmenge führen. Sie liegen im Wesentlichen darin begründet, dass unser Geld durch Privatbanken geschöpft wird, die daran gut verdienen. Und schließlich ist die Giralgeldmenge nicht nur vom bisherigen Wirtschaftswachstum, sondern auch vom erwarteten zukünftigen Wirtschaftswachstum abhängig, so dass Geldschöpfung auch ein spekulatives Element hat.

In einer wachstumslosen Wirtschaft mit einem im Gleichgewicht befindlichen Geldsystem kann der Bankensektor seine Einnahmen nicht weiter vergrößern. Um mehr Einnahmen zu generieren, muss die Zentralbank entweder neues Geld schaffen oder die Mindestreserve muss gesenkt werden. Daher versucht der Bankensektor natürlich genau dies zu erreichen. In den USA hat es die Bankenlobby sogar in die Gremien der Zentralbank geschafft, deren Aktionäre über ein paar Umwege private Banken sind. Es gibt also keine systemischen Zwänge, die unser Geldsystem zum wachsen bringen, sondern es sind die Lobbyisten der Nutznießer, die versuchen, die Stellschrauben des Geldsystems so zu beeinflussen, dass ihr Gewinn ständig wächst.

Die beiden existierenden Stellschrauben sind, wie wir schon gesehen haben, die Zentralbankgeldmenge und die Mindestreserve. Beide Stellschrauben führen zu einer Vergrößerung der Geldmenge. Findet dies ohne reales Wirtschaftswachstum statt, führt dies zu Inflation. Da mehr Geld im Umlauf ist, aber die Menge an gehandelten Gütern sich nicht ändert, gibt es mehr Geld pro gehandeltem Gut und damit höhere Preise. Inflation ist für Banken immer ganz großartig, weil sie gut daran verdienen. In einer statischen Wirtschaft sind Einnahmen und Ausgaben der Bank ausgeglichen. Inflation hingegen bedeutet, dass die Banken neue Kredite vergeben und somit Giralgeld schöpfen, und dieses Giralgeld dann im Umlauf ist und nur verzögert zu den Banken zurückkommt und verzinst wird. Dies kann man in der Simulation der inflationären Notenbankpolitik gut erkennen. Die Einnahmen der Banken sind höher als die Ausgaben, was ohne die inflationäre Notenbankpolitik nicht der Fall wäre. Aber der inflationsbedingte Gewinn der Banken sind nur Peanuts, verglichen mit dem, was über Neubewertung der Sicherheiten geschöpft werden kann.

Wie wir bereits gesehen haben, muss eine wachsende Geldmenge durch entsprechende Sicherheiten abgesichert werden. Steigt der Wert der Sicherheiten, so kann die Bank mit den gleichen Sicherheiten zusätzliches Geld schöpfen. Banken haben also ein Interesse daran, dass ihre Sicherheiten an Wert gewinnen. Wenn alle Banken ihre Sicherheiten ein bisschen höher bewerten, kann man der Zentralbank gegenüber glaubhaft versichern, dass die Wirtschaft gewachsen ist und mehr Geld benötigt wird, so dass diese mehr Zentralbankgeld erzeugt. Wie können alle Sicherheiten mehr Wert haben? Durch Wirtschaftswachstum. Nur in einer wachsenden Wirtschaft können z.B. als Sicherheit hinterlegte Aktien alle an realem Wert gewinnen.

Dies geht aber auch in einer Wirtschaft, von der geglaubt wird, dass sie wächst. Geht man von einer wachsenden Wirtschaft aus, so kann man als Besitzer von Aktien, Unternehmensanteilen oder Markenrechten in Zukunft mehr Einnahmen erwarten als heute. Das bedeutet, der Wert des Besitzes bemisst sich nicht daran, was er heute an Gewinn generiert, sondern daran, was er zukünftig generiert. Eine positive wirtschaftliche Prognose erhöht also generell den Wert von Unternehmensanteilen und damit von bei der Bank hinterlegten Sicherheiten. Da niemand letztendlich wissen kann, wie die Zukunft aussieht, erhalten wir also hier ein spekulatives Element. Wie wir bereits gesehen haben, führen Spekulationen zu instabilen Preiszuständen.

Spekulieren die Banken auf Wirtschaftswachstum, so können sie die Sicherheiten höher bewerten und damit den Bedarf an Geld erhöhen, welcher dann durch die Zentralbank gedeckt wird. Bleibt dieses Wachstum aus, gibt es drei Möglichkeiten. Die erste ist schlichte Inflation. Der zweite ist ein Wachsen der Spekulationsblase, der dritte ist dann irgendwann ein Platzen der Spekulationsblase. Bleibt im Folgejahr das erwartete Wachstum aus, und erkennen hinreichend viele Marktteilnehmer dieses rational, so führt dies zu einem geänderten Verhältnis zwischen Geld- und Warenmenge, und damit zu Inflation. Allerdings kann der überzogene Wert der Sicherheiten auch bei ausbleibendem Wachstum gewährleistet werden, wenn für die weitere Zukunft neues Wachstum prognostiziert wird. Dann bleiben die Preise für Investitionsgüter hoch, während Konsumgüter und damit verbundene Kaufkraftmessungen sich nicht verändern. Da es immer ein Folgejahr gibt, in dem es bergauf gehen könnte, kann also der Wert von Investitionsgütern beliebig lange zu hoch angesetzt werden, solange dies genügend Menschen glauben. Die Spekulation auf Wirtschaftswachstum ist die größtmögliche Spekulationsblase von allen.

Irgendwann lässt sich jedoch die wirtschaftliche Realität nicht mehr verbergen. Dann platzt diese Blase. Wenn dies passiert, geschehen mehrere Dinge. Zunächst brechen alle Aktienkurse ein. Die Unternehmen wurden ja nur deshalb so hoch bewertet, weil geglaubt wurde, sie würden zukünftig gigantische Gewinne generieren. Sobald erkannt wird, dass die nicht der Fall ist, erfolgt eine Neubewertung. Unternehmen mit geringeren erwarteten Einnahmen sind weniger Wert, also brechen die Aktienkurse(zusammen mit Werten anderer Investitionsgüter) ein. Als nächstes gehen Banken bankrott. Alle Sicherheiten verlieren an Wert. Da Geldschöpfung ein Bilanzierungstrick ist, stimmt die Bilanz nicht mehr, sobald die Sicherheit an Wert verliert. Banken werden zahlungsunfähig.

Um ihre Bilanzen auszugleichen, müssen die Banken neue Sicherheiten aufbringen. Dies tun sie z.B., indem den Wertverlust der Sicherheiten ausgleichen, indem sie selbst Geld auf die hohe Kante legen, anstatt es auszugeben. Dieses Geld wird dann der Wirtschaft entzogen, die damit Probleme bekommt, ihre Kredite zu bedienen. Und schwupps gehen auch nicht-Banken pleite.

Unser Geldsystem ist nicht instabil, weil es ein inhärent instabiles Zinsgeldsystem ist, sondern es ist instabil, weil gewinnorientierte Privatbanken die Geldschöpfung betreiben, und diese ein spekulatives Element hat. Und Spekulation ist, wie wir hier und hier gesehen haben, inhärent instabil. Gewinnorientierte Privatbanken nehmen auf vielerlei Weg Einfluss auf die Geldmenge.

gewinnbasierteGeldvermehrung

Dies kann zu einem spekulativen Teufelskreis führen, bei dem ausbleibendes Wachstum durch Hoffnung auf mehr Wachstum kompensiert wird.

spekulativeGeldvermehrung

Dies lässt sich großartig simulieren. Wir beginnen mit einer statischen Wirtschaft, und erhöhen dann ab dem etwa 2000. Tag die Bewertung der Sicherheiten. Zusätzlich ergänzen wir eine Zentralbankpolitik, die die Geldmenge erhöht, sobald der Wert der Sicherheiten den Wert der Giralgeldmenge übersteigt. Und schwupps wächst die Geldmenge.

Geldmengenwachstum

Der Zwang zum Wachstum ist also keine Folge unseres Geldsystems, sondern unser Geldsystem passt dem sich dem spekulativen oder realen Bedarf nach Wachstum an. Es soll ja tatsächlich Ökonomen geben, die glauben, unsere Wirtschaft könne ewig wachsen. Nächstes mal werden wir sehen, ob dies so ist.