Geldsystem simulieren I

Nachdem wir bereits gesehen haben, wo unser Geld eigentlich herkommt, wollen wir uns damit auseinandersetzen, was für Auswirkungen ein schuldenbasiertes Geldsystem hat. Dazu gibt es ja eine Debatte, wie sie z.B. durch die Filme von Paul Grignon beflügelt wird. Wir werden an dieser Debatte teilnehmen, aber nicht, indem wir das nachplappern was andere dazu zu sagen haben, sondern indem wir das machen, was jeder gute Wissenschaftler macht, wenn er etwas herausfinden möchte: wir führen ein Experiment durch.

Natürlich haben wir leider keine eigene kleine Volkswirtschaft, um zu sehen, wie unser Geldsystem sich verhält, daher müssen wir eine simulieren. Wir werden also sehen, wie wir eine Volkswirtschaft sinnvoll modellieren, wie wir Verhaltensweisen von Wirtschaftsteilnehmern in Formeln gießen und wie wir zeitliche Verläufe numerisch simulieren. Das klingt erst mal kompliziert, ist aber gar nicht so schwer.

Zunächst betrachten wir eine allgemeine Volkswirtschaft. In unserem letzten Beitrag haben wir bereits eine Volkswirtschaft in Banken und Realwirtschaft unterteilt. Wir werden die Realwirtschaft noch einmal in Unternehmen und Arbeiter teilen. Damit wird unsere Volkswirtschaft noch komplexer.

geldflüsse_allgemein

Diese Komplexität können wir verringern, indem wir alle Arbeiter zusammenfassen. Wir interessieren uns nicht dafür, ob es innerhalb der Arbeiter ein Wohlstandsgefälle gibt. Auch der Handel untereinander ist uninteressant. Wenn ein Arbeiter einem anderen eine Couch abkauft bleibt das Geld trotzdem im Topf der Arbeiter. Ebenso interessiert uns der Handel der Unternehmen untereinander nicht. Kauft ein Unternehmen einem anderen etwas ab, so bleibt das Geld trotzdem im Topf der Unternehmen. Gleiches Gilt für den Interbankensektor.

geldflüsse_speziell

Es bleiben sechs relevante Geldflüsse. Die Zentralbank vergibt anhand einer Geldpolitik die irgendwelchen Zielen folgt Geld an die Banken. Diese wiederum schöpfen neues Giralgeld indem sie Kredite an die Unternehmen vergeben. Die Unternehmen bezahlen damit Arbeiter und verkaufen ihre Produkte. Arbeiter und Banken kaufen die Produkte der Unternehmen zum eigenen Konsum. So kauft der Arbeiter alles was er zum Leben braucht, die Bank kauft Gebäude, Büromittel und Dienstwagen. Arbeiter und Unternehmen bekommen von der Bank für angespartes Geld Zinsen von der Bank. Außerdem müssen Unternehmen für bestehende Kredite Zinsen an die Bank bezahlen. Das Bild lässt sich also wie folgt zusammenfassen.

geldflüsse_modell

Jetzt haben wir erst einmal unsere Volkswirtschaft in einzelne Teile zerlegt, nämlich Bank, Unternehmen und Arbeiter. Die Zentralbank existiert zwar auch, wird in unserer Simulation aber erst einmal eine Untergeordnete Rolle spielen. Weiterhin haben wir die Geldflüsse zwischen unseren Wirtschaftsteilnehmern identifiziert. Geldflüsse sind Änderungen von Geldmengen. Wenn ich Geld für einen Fernseher ausgebe, dann fließt das Geld von meinem Konto zu dem des Fernseherverkäufers. Dieser Geldfluss ist also die Menge Geld, um die sich mein Kontostand verringert und der Kontostand des Händlers erhöht. Zu jedem Geldfluss gehören also sich ändernde Kontostände. Also muss unser Modell noch um Konten erweitert werden.

Unsere Bank bekommt der Anschaulichkeit wegen zwei Konten. Ein Konto ist der Tresor, indem das Geld von der Zentralbank liegt. Da dieses Geld die Mindestreserve der Bank bildet, wird es nicht ausgegeben, der Kontostand des Tresors bleibt immer gleich. Das zweite Konto der Bank ist die Kasse. Dort werden alle Zinseinnahmen eingezahlt und auch alle Zins- und Konsumausgaben der Bank werden von hier getätigt. Damit haben wir alle Konten, die die Bank benötigt. Die Kreditvergabe an die Unternehmen wird von keinem Bankkonto getätigt, denn dies ist ja neugeschöpftes Geld. Die Unternehmen verfügen über ein Konto und die Arbeiter habe auch eines. In unserer Simulation wird es noch ein weiteres Konto geben, auf dem wir mitplotten, wieviel Giralgeld unsere Bank geschöpft hat. Dieses Konto ist in keine Geldflüsse eingebunden und dient ausschließlich dazu, dass wir den Überblick über die Geldmenge behalten, die in unserer Wirtschaft im Umlauf ist.

Dass der Kontostand von den Ausgaben abhängt haben wir bereits gesehen. Aber es ist auch andersherum. Ausgaben hängen von Kontoständen ab. Nur wenn ich Geld habe, kann ich welches ausgeben. Dies lässt sich wie folgt überlegen: Jeden Morgen prüft jeder Marktakteur seinen aktuellen Kontostand und überlegt sich dann, was er den Tag so einkaufen möchte. hat er viel Geld auf Konto, kauft er viel, hat er wenig, kauft er wenig.

Abhängigkeit-Kontostand-Ausgaben

Natürlich kann diese Überlegung, die jetzt Tageweise stattfindet, in jedem beliebigen anderen Zeitintervall stattfinden. So kann man z.B. jeden Montag überlegen, welche Ausgaben man diese Woche tätigt usw. Dieses Zeitintervall ist die sogenannte Schrittweite der Simulation.

Jetzt benötigt jeder unserer Akteure noch eine Ausgabestrategie. Die Arbeiter geben jeden Tag 1/15 ihres Geldes aus. Das bedeutet andersherum, dass das Geld im Durchschnitt 15 Tage auf dem Konto liegt, bevor es ausgegeben wird. Der Arbeiter lebt quasi von der Hand in den Mund. Die Unternehmen geben täglich 1/30 ihres Geldes aus. Dies entspricht etwa monatlichen Zahlungen für Löhne etc. Die Banken geben täglich 1/90 ihrer Kasse aus. Außerdem vergibt die Bank Kredite. Kredite sind keine Ausgabe aus der Kasse sondern werden von der Bank neu geschöpft. Dafür benötigt die Bank eine Kreditvergabestrategie. Die Menge an Krediten, die die Bank insgesamt vergeben darf, hängt von der Mindestreserve ab. Beträgt diese 10% und hat die Bank eine Million Euro Zentralbankgeld, so darf sie das Zehnfache, als zehn Millionen Euro, schöpfen. Hat sie bereits Kredite im Wert von zwei Millionen vergeben, darf sie nur noch weitere acht Millionen vergeben. Wir unterstellen der Bank mal, dass sie knauserig wird, wenn die Kreditmengen immer weiter ausgeschöpft wird. Unsere Bank wird täglich ein Prozent dessen was sie noch schöpfen darf, an Krediten vergeben. Je mehr sich die Bank dem Limit nähert, desto besser überlegt sie sich, wer den Kredit bekommt und desto weniger großzügig verteilt sie ihr Geld.

Zu guter Letzt benötigen wir noch ein paar Zinssätze, um Guthaben zu verzinsen und Kredite zu bedienen. Da die Banken ja ein bisschen Gewinn machen wollen, nehmen wir mal an sie vergeben Kredite zu 5%. Unternehmen bekommen ihr Guthaben bei der Bank zu 2% verzinst und die Arbeiter zu 1%.
Im Prinzip haben wir jetzt alles, was unsere Simulation braucht.

In unserem nächsten Beitrag werden wir unsere Überlegungen in den PC füttern und sehen, was in unserer kleinen Volkswirtschaft passiert.

Advertisements

3 Gedanken zu “Geldsystem simulieren I

  1. Hey.

    Die ‚Sendung mit der Maus‘ für Weiterdenkende.
    Und/oder für Zweifelnde.
    Welch angenehmer, offenbar fundierter – und auch für fachliche Laien stets sehr verständlicher – Blog.
    Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Ihnen.
    Immer lesenswert, immer informativ.
    Ein wenig zielführende Polemik, die ggf. einen Hauch Blasphemie durchaus rechtfertigt, darf und muss hier nur als Mittel zum Zweck erachtet werden.

    Wunderbar. Und: weitermachen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s