Legitimierungszwang

In der medialen Berichterstattung und auch in der politischen Diskussion wird Wirtschaft oft mit Börsen, Finanzmärkten und Geld in Verbindung gebracht. Als „Wirtschaftsexperten“ gelten dementsprechend solche Leute, die in diesen Bereichen beruflich tätig sind und dort ihr Geld verdienen. Dies führt aber, wie wir gleich sehen werden, zu einer einseitigen Diskussion, die zwangsläufig von Seiten der „Wirtschaftsexperten“ ideologisiert werden muss. So entsteht eine paradoxe Situation. Politiker wollen sich Sachauskünfte holen, um gute Politik zu betreiben, Journalisten wollen Sachauskünfte, um zu informieren. Beide fragen die Falschen, und werden so ideologisch betrogen.

Die meisten Menschen assoziieren Wirtschaft mit Geld und auch viele Ökonomen selbst sind in ihren Betrachtungen sehr geld- und preisfixiert. Blickt man ins Lehrbuch, so entdeckt man aber, dass Wirtschaft und Geld erst einmal nicht zwangsläufig miteinander zu tun haben. „Wirtschaft“ ist ein Sammelbegriff für alles, was der planmäßigen Deckung von menschlichem Bedarf dient. Wenn also jemand sich eine Hütte baut und Gemüse pflanzt, damit er ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hat, dann ist das bereits Wirtschaft. Wirtschaft ist also das Erzeugen und Verteilen von Dienstleistungen und Produkten zur Bedarfsdeckung und existiert losgelöst vom Geld.

Das Geld hat nun die Aufgabe, den Zugang zu den erzeugten Dienstleistungen und Produkten zu regeln. Je mehr Geld ich habe, desto größer ist mein Kuchenstück, das ich konsumieren darf. In unserer diversifizierten Wirtschaft ist es uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, unsere Bedürfnisse nicht durch Eigenleistung, sondern durch Konsum zu befriedigen, dass wir in eine paradoxe Situation geschlittert sind: Anstatt unseren Wohlstand zu maximieren, indem wir möglichst viele konsumierbare Waren und Dienstleistungen erzeugen, versuchen wir unseren Wohlstand zu maximieren, indem wir möglichst viel Geld anhäufen, um ein möglichst großes Kuchenstück zu kaufen. Dieser Zielkonflikt wird dann offensichtlich, wenn uns klar wird, dass jede nicht berufliche Tätigkeit in konsumierbarem Wohlstand resultiert.

Die Bedürfnisse, die durch Wirtschaft zu befriedigen sind, sind z.B. Nahrung, Wohnung, Kleidung, Bildung, Unterhaltung, Erholung usw. Jeder, der eine Tätigkeit verrichtet, die dazu beiträgt, solche Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen, schafft echte Wertschöpfung, denn er produziert etwas, das den Lebensstandard desjenigen steigert, der das Produkt konsumiert. Er trägt also dazu bei, den Kuchen zu vergrößern. Diese Aktivitäten sind die Kernprozesse unserer Wirtschaft, die ja planvolles Handeln zur Bedürfnisbefriedigung ist.

Es gibt in unserer Welt ja diverse Menschen, die nix entwickeln, nix herstellen und auch nix transportieren, sondern sich den ganzen Tag gegenseitig mit eMails und Powerpointpräsentationen zubomben. Diese Menschen können den Kuchen vergrößern, tun es aber nicht in jedem Fall. Nehmen wir an, wir hätten eine einfache Volkswirtschaft mit zehn Arbeitern, die Waren herstellen. Nun wird einer dieser Arbeiter in ein Büro gesetzt, um die anderen Neun zu koordinieren, damit diese noch effizienter Waren herstellen können. Nur wenn die neun koordinierten Arbeiter mehr herstellen als die zehn unkoordinierten, ist dieser Schritt wirtschaftlich sinnvoll. Dies sind die Opportunitätskosten der Verwaltung. Die Verwaltung ist in diesem Fall ein Hilfsprozess. Sie produziert keine konsumierbaren Dinge, sorgt aber trotzdem indirekt dafür, dass der Kuchen größer wird. Dafür bekommt der Arbeiter in der Verwaltung Geld und damit Zugang zum Kuchen.

Das bedeutet, eine berufliche Tätigkeit, die irgendjemand verrichtet, ist nur dann volkswirtschaftlich sinnvoll, wenn der volkswirtschaftliche Kuchen dadurch größer wird. Dabei ist der Kuchen die Menge an konsumierbaren Dienstleistungen und Produkten. Der Kuchen ist übrigens nicht mit dem BSP gleichzusetzen, denn einerseits fließen nur die konsumierbaren Güter ins BSP ein, die gegen Geld getauscht werden, andererseits fließen auch nicht konsumierbare „Dienstleistungen“ in das BSP ein. Wenn jemand einen Keks backt und diesen verschenkt, hat er konsumierbare Werte geschaffen, aber das BSP ist nicht größer geworden. Wenn ein Fenster kaputt geht und ein Glaser bezahlt wird um die Scheibe zu ersetzen, dann ist das BSP größer geworden, der Lebensstandard ist aber genauso groß wie vor dem Zubruchgehen der Scheibe.

Da unser Zugang zum Kuchen fast ausschließlich über Geld geschieht, befinden wir uns in einem Zielkonflikt. Volkswirtschaftlich sinnvoll ist, wenn jeder möglichst viel zum Kuchen beiträgt. Das Anreizsystem unserer Wirtschaft sorgt aber dafür, dass jeder versucht möglichst, viel Geld zu ergattern, um einfach persönlich ein möglichst großes Stück zu bekommen, egal wie groß der Gesamtkuchen ist. Es muss sich also jeder eine Nische suchen, in der er an der Umverteilung des Geldes arbeiten kann, so dass bei ihm möglichst viel hängen bleibt.

Ein klassisches Beispiel für einen solchen Beruf ist der Steuerberater. Der Steuerberater bietet keine konsumierbare Dienstleistung an, die ein Bedürfnis befriedigt, sondern beeinflusst lediglich, ob und wieviel Geld aus privaten Händen in öffentliche Hände fließt. Der Kuchen wird durch ihn nicht größer, sondern er beeinflusst, wieviel vom Kuchen in öffentlichen und wieviel in privaten Händen landet. Tatsächlich wird der Kuchen durch den Steuerberater durch seine Opportunitätskosten sogar kleiner, denn ein Teil des Geldflusses wird in seine Taschen gelenkt, womit er sich Zugang zum Kuchen verschafft. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich keinem Steuerberater dafür persönliche Vorwürfe mache. In einem System, das auf Wettbewerb ausgelegt ist, muss schließlich jeder sehen wie er seine Kinder satt bekommt.

Unser Geldsystem schafft also eine paradoxe Situation. Es zwingt uns möglichst viel zu arbeiten, um unseren persönlichen Konsum zu decken, dabei optimieren wir unsere Handlungen aber nicht nach echter Wertschöpfung, sondern nach Zugang zu Geldflüssen. Wir optimieren unsere Bildung nicht mehr danach, nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden, sondern wir lernen die Systeme, die wir manipulieren müssen, um an Geld zu kommen. Wir studieren Jura, um in unserem Rechtssystem an Geld zu kommen (z.B. in der Abmahnindustrie). Wir studieren Wirtschaftswissenschaften, um in unserem Wirtschaftssystem an Geld zu kommen (z.B. an den Finanzmärkten). Wir betreiben einen riesigen Aufwand, um uns permanent gegenseitig über den Tisch zu ziehen. Das dieser Trend tatsächlich existiert, lässt sich z.B. hier nachlesen.

Es lassen sich also drei Aktivitäten unterscheiden. Die erste sind die Handlungen im Kernprozess, die direkt in konsumierbare Dienstleistungen münden, wie es z.B. ein Friseur tut, dessen Dienstleistung konsumierbar ist und den Lebensstandard des Konsumenten steigert. Die zweite sind Hilfsprozesse, die dazu führen, den Kernprozess effizienter zu machen. Dies umfasst z.B. das Koordinieren von Arbeitern auf einer Baustelle, damit das Haus zügig und effizient fertig wird. Dieser Hilfsprozess ist nur dann gerechtfertigt, wenn der Produktivitätsgewinn im Hauptprozess über seinen Opportunitätskosten liegt. Die dritte Handlung sind Manipulationen am System zum Zwecke der Geldumverteilung. Sie haben keinen volkswirtschaftlichen Nutzen, da sie in keinem Fall zur Vergrößerung des Kuchens beitragen. Hierzu gehören Spekulanten, Abmahner, Steuerberater usw.

Historisch ganz interessant ist, dass die systemmanipulierenden Tätigkeiten üblicherweise die sind, die im größten Kuchenstück resultieren. So wurde früher die Gesellschaft durch Adel und höheren Klerus gesteuert, mit dem Ziel für ebendiese Personen ein möglichst großes Kuchenstück rauszuhauen, ohne dass dafür aktiv zum Kuchen beigetragen wurde. Die gesamte Wertschöpfung wurde durch den untersten Stand und durch niederen Klerus (z.B. Mönche) betrieben. Dabei erfolgte der Zugang zu Ressourcen nicht ausschließlich über Geld, wie es heute der Fall ist, sondern auch über nichtmonetäre Flüsse von Waren (z.B. Kirchenzehnt) und Dienstleistungen (z.B. Frondienste). Der Knackpunkt ist der, dass so eine Umverteilungstätigkeit immer eine Spezialisierung in einer bestimmten gesellschaftlichen Nische ist, die nur im jeweiligen Gesellschaftssystem existiert. D.h. auch wenn kurzfristig die Gewinne am höchsten sind, riskiert man langfristig durch soziale Umwälzungen sein Einkommen (und den Kopf) gänzlich zu verlieren. Wichtig ist, dass auch historisch solche Akteure immer eine Ideologie hatten, die deren Handlung legitimiert. Früher war das sowohl für Kirche als auch für den Adel die göttliche Legitimation des feudalen Systems.

Heute erfolgt die Legitimation im Wesentlichen über die neoliberale Ideologie. Die Zeiten religiöser Weltanschauungen in der westlichen Welt sind vorbei, die aufgeklärte Gesellschaft fordert wissenschaftliche Erklärungen. Der Neoliberalismus ist wirtschaftliches Faustrecht getarnt als wissenschaftliche Erkenntnis. Er trifft eine Reihe von Annahmen, die grundsätzlich falsch sind. Er besagt, dass wenn jemand für irgendetwas Geld bekommt, muss er auch einen Wert geschaffen haben. Damit soll jegliche Form der Geldbeschaffung durch Systemmanipulation gerechtfertigt werden. Wie wir eben gesehen haben, kann man auch Tätigkeiten verrichten, für die man Geld bekommt, obwohl man keinen konsumierbaren Wert geschaffen hat. Es geht hier aber um viele Milliarden Euro, die von großen Wirtschaftsakteuren in Geschäften gescheffelt werden, die weder zu den Kern- noch zu den Hilfsprozessen der Wirtschaft beitragen sondern ausschließlich Manipulationen des Rechts- und Finanzsystems sind, um so die eigene Kuchenstückgröße auf Kosten der Allgemeinheit zu maximieren.

Dabei möchte ich nicht unterstellen, dass die Akteure im Finanzsystem lügen, wenn sie befragt werden. Sie glauben an ihre Ideologie und glauben, dass sie einen volkswirtschaftlichen Nutzen hätten. Es ist daher zu kurz gedacht sie einfach als Bösewichter zu verdammen, folgen sie doch Systemzwängen und gehören innerhalb ihres verzerrten Weltbildes zu den Guten. Man kann das mit einem Priester einer beliebigen Religion vergleichen, der ja auch glaubt, mit seiner Seelsorge Gutes zu tun und nie rational darüber nachdenken würde, ob es überhaupt so etwas wie eine Seele gibt. Auch er muss sich ideologisch legitimieren. Die Theologie ist insofern eine schöne Analogie zum Neoliberalismus, weil sie versucht, ideologische Inhalte als Wissenschaft darzustellen. Solange aber mit wissenschaftlichen Methoden auf ideologisch getroffenen Grundannahmen gearbeitet wird, wird da kein realer Erkenntnisgewinn herauskommen.

Akteure unsere Finanz- und Wirtschaftssystems werden in den Medien gerne als Wirtschaftsexperten befragt, jedoch werden sie nie sachlich rational zu einer wirtschaftlichen Frage Stellung nehmen. Sie können gar nicht. Sie müssen ideologisch antworten, um sich selbst nicht in Frage zu stellen. Keiner, der am Finanzmarkt Geld verdient, wird sich jemals fragen, ob der Finanzmarkt der Volkswirtschaft auch schaden könnte. Dadurch, dass praktisch alle Marktakteure dazu verdammt sind, sich ideologisch zu legitimieren, ist die gesamte öffentliche Debatte über wirtschaftliche Fragen extrem ins Ungleichgewicht geraten. Solange Politiker und Journalisten Akteure des Marktes um wirtschaftlichen Rat Fragen und nicht die „echten“ Wirtschaftswissenschaftler, die an Hochschulen forschen und keine Beraterverträge haben, wird sich dieses Ungleichgewicht auch nicht aufheben lassen.

Jeder Akteur am Finanzmarkt wird seine Handlung immer mit der Behauptung rechtfertigen, dass der Finanzmarkt die Allokation von Kapital branchenübergeifend optimiert und so den Gesamtwohlstand steigert. Diese ideologische Behauptung hat zwei Haken. Der erste Haken ist der, dass Spekulation, wie bereits hier und hier diskutiert, das Marktgleichgewicht verschlechtert und somit eine auf einseitige Kursänderungen ausgerichtete Investitionstrategie am Finanzmarkt echte Schäden in der Realwirtschaft erzeuget, was genau das Gegenteil dessen ist, was gerne von neoliberalen behauptet wird. Der zweite Haken sind die Opportunitätskosten. Selbst wenn ein Akteur am Finanzmarkt es schafft, Kapital branchenübergreifend derart neu zu verteilen, dass der Kuchen größer wird, so ist dies nur dann volkswirtschaftlich sinnvoll, wenn die (Opportunitäts-)Kosten des Akteurs gedeckt sind. Er muss also durch die von ihm initiierte Reallokation von Kapital mehr konsumierbaren Wohlstand erzeugen als er selbst verbraucht und auch mehr als er mit der direkten Erzeugung von Waren und Dienstleistungen produziert hätte. Diesen Nachweis ist uns die Finanzindustrie bis heute schuldig.

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