Spekulation II

Im letzten Beitrag haben wir anhand wirtschaftswissenschaftlicher Modelle gesehen, wie Spekulation zu sich selbst verstärkenden Trends führt und dies den Marktpreis verfälscht. Wir haben außerdem gesehen, dass die wesentliche Stärke eines Marktes, nämlich die Preisstabilität, durch Spekulation in das Gegenteil verkehrt wird.

Den spekulationsfreien Markt kann man auch als Blockschaltbild ausdrücken. Dabei fließen alle Kaufs- und alle Verkaufsabsichten in den Markt ein, es resultiert eine gehandelte Menge und ein Marktpreis. Dieses System ist Rückkopplungsfrei, es gibt keine zyklischen Informationsflüsse.

idealer Markt

In einem spekulativen Markt kommt zum realen Angebot und der realen Nachfrage ein spekulativer Anteil. Im Blockschaltbild setzt sich also die gesamte Nachfrage am Markt zusammen aus der realen Nachfrage von Käufern, die tatsächlich Interesse an dem Produkt haben, und der spekulativen Nachfrage, die durch Spekulanten entsteht, zusammen. Entsprechend setzt sich das gesamte Angebot zusammen aus dem realen und dem spekulativen Angebot.

spekulativer Markt

Die meisten Spekulanten extrapolieren lediglich aktuelle Preisentwicklungen. Wir können die spekulative Prognose daher durch einen Ableitungsbaustein modellieren. Die Veränderung des Preises geht dann positiv in die Nachfrage ein, steigende Preise erhöhen die spekulative Nachfrage. Hingegen wirken sich steigende Preise negativ auf das spekulative Angebot aus, was mit einem Minus modelliert werden soll.

preisbasierter spekulativer Markt

Wir haben also ein rückgekoppeltes System mit einem Ableitungsbaustein. Wir müssen daher einen Sprung in die Ingenieurwissenschaften machen, denn dort gibt es mathematische Methoden, um solche Rückkopplungen zu berechnen und zu kompensieren. Dieser Werkzeugkasten, bekannt als Regelungstechnik, ist seit Jahrzehnten bewährt und hat schon Menschen heil auf den Mond und wieder zurückgebracht.

Eines der wichtigsten Stabilitätskriterien in der Regelungstechnik ist das Nyquistkriterium. Ich unterlasse es hier, die mathematische Modellierung darzustellen, da es praktisch keinen Wirtschaftswissenschaftler gibt, der diese verstehen würde. Das Laplace- oder Fouriertransformieren von Zeitgrößen und die dazugehörige Modellierung komplexer Systeme gehört leider nicht zum Bildungskanon der Wirtschaftswissenschaften, womit elementare Werkzeuge für quantitative Analysen fehlen. Nicht zuletzt aufgrund fehlender Werkzeuge ergehen sich viele Wirtschaftswissenschaftler im monokausalen ideologischen Aneinandervorbeireden.

Das Nyquistkriterium besagt, dass große Signaländerungen in einer Rückkopplung nicht zu lange verzögert werden dürfen (auf Ingenieursdeutsch heißt das, die Phasenverschiebung darf bei Verstärkungen über eins nicht größer als 180 Grad sein). Anschaulich sieht man das beim Einstellen der Duschtemperatur. Die Laufzeit des Wassers im Schlauch verursacht zeitliche Verzögerungen. Zu starke Änderungen an den Armaturen führen regelmäßig zu zu kaltem bzw. zu heißem Wasser. Nur sehr kleine Änderungen (Verstärkungen) und Geduld bringen den gewünschten Erfolg. Das Problem mit Spekulationen ist, dass sie die Änderung des Preises betrachten, also eine Ableitung der Größe Preis. Der Regelungstechniker weiß, dass Ableitungen die Phasenverschiebung vergrößern und somit ein System potentiell instabil machen. Die Instabilitäten, die also der Wirtschaftswissenschaftler nur zeigen und anschaulich erklären, aber nicht berechnen kann, kann ein Regelungstechniker berechnen. Ein Regelungstechniker kann auch berechnen, was zu tun ist, um ein instabiles System stabil zu machen. Er baut dazu einen Regler ein.

Wie sieht so ein Regler für instabile Systeme aus? In instabilen Systemen fahren platt gesagt Signale im Kreis und verstärken sich dabei. Ein Regler muss im Prinzip die im Kreis fahrenden Informationen so weit abschwächen, dass sie sich nicht mehr verstärken. Die einfachsten Regler, die es gibt, sind daher einfache lineare Verstärker (sogenannte P-Regler wegen ihrer proportionalen Verstärkung), deren Verstärkung so gering ist, dass die im Kreis fahrenden Signale bei einem Umlauf nicht mehr zunehmen.

An dieser Stelle setzt die Finanztransaktionssteuer an. Sie dämpft die im Kreis fahrenden Signale, indem sie die spekulativ gehandelte Menge begrenzt. Je geringer die spekulativ gehandelte Menge ist, desto eher entspricht das Marktverhalten dem von realem Angebot und Nachfrage. Sie beträgt 0,1% und für Derivate 0,01%. Für reale Käufer und Verkäufer, die am tatsächlichen Handel mit dem Produkt interessiert sind, sind solche geringen Aufschläge auf den Preis viel besser als die durch Spekulation hervorgerufenen Preisschwankungen, die schnell in den dreistelligen Prozentbereich gehen können, wie z.B. die rund 150% Spekulationsaufschlag der DotCom-Blase zeigen. Außerdem ist die Transaktionssteuer bekannt und planbar, während dies spekulativ bedingte Preisschwankungen nicht sind.

(Anmerkung für Ingenieure: Regelungstechnisch bedeutet eine Verringerung der spekulativ gehandelten Menge eine Verringerung des Betrages der Übertragungsfunktion am offenen Regelkreis. Diese Betragsverringerung muss so groß sein, dass das Nyquistkriterium erfüllt wird. Dann wird das System im Sinne der realen Marktteilnehmer stabil.)

Wir konnten also zeigen, dass Spekulation schlecht für die Marktteilnehmer ist, weil sie den Markt instabil macht, dass eine Transaktionssteuer der mathematisch richtige Ansatz ist um die Nachteile von Spekulation zu beheben und dass für reale Marktteilnehmer die Transaktionssteuer ein Gewinn ist. Außerdem haben wir an mehreren Beispielen gesehen, dass die Realität zeigt, dass Spekulation zu Blasenbildungen führt. Zwei Anmerkungen möchte ich noch machen. Eine betrifft den Bauern, die andere Opportunitätskosten.

Jeder Befürworter von Spekulationen wird irgendwann in einer Diskussion das Beispiel des armen Bauern angeben, der seine Ernte schon im Voraus zu einem Festpreis verkauft, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Der Spekulant trägt nun das Risiko, weil er, wenn er Pech hat, für das Zeug mehr bezahlt hat als dann später der Marktpreis ist. Der Bauer hingegen kann Risikofrei sein Budget planen. Diese schöne Geschichte hat drei Haken. Erstens ist der Bauer kein Risiko losgeworden, sondern sein Risiko hat sich verändert. Er ist zwar gegen niedrige Preise abgesichert, kann aber dafür nicht mehr von sehr hohen Preisen profitieren. Er riskiert also mögliche Verluste. Der zweite Haken ist, dass für dieses Geschäft kein Spekulant notwendig ist, sondern dass der Käufer der Ware jemand sein kann, der das Produkt tatsächlich benötigt, z.B. ein Bäcker. In diesem Falle wären nur reale Marktakteure beteiligt. Die Spekulantenrolle wird also nicht benötigt. Der dritte Haken ist, dass der Bäcker im Falle des spekulativen Zwischenhändlers das Produkt vom Spekulanten zum Marktpreis kaufen muss, und so das Risiko der Preisschwankungen trägt. Der Käufer möchte sich aber auch gegen Preisschwankungen absichern, also hat der Bäcker möglicherweise auch ein Interesse, schon im Frühjahr einen Preis fix zu machen. Der beste Fall ist also, wenn sich Bauer und Bäcker schon im Frühjahr einigen, dann haben beide planbare Preise und planbare Mengen, und der Spekulant wird nicht benötigt.

Die neoliberale Ideologie behauptet, dass Spekulation gut ist, weil es das Marktgleichgewicht verbessert. Nehmen wir mal einen Moment an, dieser soeben ausführlich widerlegte Unfug wäre wahr, so gäbe es noch eine weitere Hürde, die der Spekulant nehmen müsste, nämlich die der Opportunitätskosten. Selbst wenn eine größere Wertschöpfung durch das neue Marktgleichgewicht entstünde, weil die Spekulation zu einer verbesserten Allokation von Ressourcen beitrüge, so reichte dies nicht aus, die Spekulation zu rechtfertigen. Denn der Spekulant hätte, anstatt zu spekulieren, ja auch in der Zeit aktiv selbst Wertschöpfung betreiben können, indem er z.B. eine Ware oder eine Dienstleistung produziert. Dies sind die Opportunitätskosten der Spekulation. Nur wenn die behauptete Mehrwertschöpfung durch Spekulation größer ist als die durch Arbeit, hat der Spekulant einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Eine andere Betrachtung ist die, dass der Spekulant für seine spekulative Tätigkeit einen Teil der Wertschöpfung konsumiert. Für die anderen Wirtschaftsteilnehmer, die diese Werte dann nicht mehr konsumieren können, ist es nur dann gerechtfertigt, den Spekulanten durchzufüttern, wenn seine angebliche Verbesserung der Ressourcenallokation zu einer Mehrwertschöpfung führt, die größer als sein Konsum ist. Auch dies ist äußerst fraglich.

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Ein Gedanke zu “Spekulation II

  1. Respekt, Spekulation I und Spekulation II haben mir sehr gut gefallen. Das ingenieurwissenschaftliche habe ich natürlich wenig verstanden, aber insgesamt ist hier sehr sehr anschaulich dargestellt worden, dass wir von unserer Politiker- und Banken/Konzernelite gnadenlos verar***t werden!

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