Nash-Gleichgewichte

Spätestens seit dem Film „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe hat das Nash-Gleichgewicht Einzug in die Populärkultur gehalten. Dennoch verstehen die Wenigsten, was ein Nach-Gleichgewicht ist und warum es Adam Smiths Marktbild revolutionierte. Nash-Gleichgewichte zu verstehen ist extrem wichtig, weil sie einen Mechanismus beschreiben, der zu Marktversagen führt. Wenn also jemand behauptet, der Markt sei perfekt und hätte immer recht, so kann man ihn mit Nash kontern. John Nash hat 1994 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Theorien bekommen.

Ein Nash-Gleichgewicht ist anschaulich eine Situation, in der nur dann eine Verbesserung herbeigeführt werden kann, wenn alle mitmachen. Ein Beispiel dafür ist die Maximierung von Wissen. Wenn jeder sein Wissen teilt, maximieren alle ihr Wissen. Sobald sich ein Teilnehmer nicht daran hält, verschafft er sich einen Vorteil auf Kosten der anderen. Er hat nämlich dann sein nicht geteiltes Wissen plus das geteilte Wissen der anderen. Die anderen können seinen Wissensvorsprung nur dadurch kompensieren, ihr Wissen ebenfalls nicht zu teilen. Am Ende hat jeder nur das Wissen, das er selbst erlangt hat. Alle stehen gegenüber der Situation des totalen Teilens schlechter da. Ein weiteres Beispiel ist das sogenannte Gefangenendilemma. Werden Verbrecher einer Bande getrennt befragt, sind alle am besten dran, wenn niemand etwas sagt und so keine zusätzlichen Belastenden Aussagen entstehen. Ein einzelner kann sich aber auf Kosten anderer einen Vorteil verschaffen, indem er z.B. eine Kronzeugenregelung anstrebt, um so garantiert nicht bestraft zu werden. Versucht sich jeder in dieser Strategie, so sind am Ende alle belastet, und ein Kronzeuge ist nicht vonnöten, so dass alle lange im Gefängnis landen.

In einem Nash-Gleichgewicht kann die bestmögliche Situation nur beigeführt werden, wenn jeder mitmacht (Gesamtwohlstrategie). Allerdings besteht für einen einzelnen immer ein Anreiz, sich gegenüber den anderen einen Vorteil zu verschaffen, indem er sich als einziger nicht daran hält (Eigenwohlstrategie). Die Anreize in einem Nash-Gelichgewicht führen immer dazu, die Eigenwohlstrategie zu fahren. Da ich nicht weiß, wie die anderen Akteure handeln, muss ich alle Fälle durchspielen. Handeln die anderen Akteure nach der Gemeinwohlstrategie, kann ich mir einen Vorteil verschaffen, wenn ich als einziger die Eigenwohlstrategie verfolge. Handeln die anderen nach der Eigenwohlstrategie, kann ich Nachteile vermeiden, indem ich ebenfalls nach der Eigenwohlstrategie handele.

Die Anderen
Gemeinwohlstrategie Eigenwohlstrategie
Ich Gemeinwohlstrategie Gleichstand für alle Nachteil für mich
Eigenwohlstrategie Vorteil für mich Gleichstand für alle

Ganz wichtig ist, dass die beiden Gleichstände nicht gleich gut sind. Während es in dem Fall, dass alle die Gemeinwohlstrategie fahren, allen gleich gut geht, geht es in dem Fall, dass alle die Eigennutzstrategie fahren, gleich schlecht. Die Farben in der Tabelle bilden nur die Situation im Verhältnis zu den anderen ab, nicht die Gesamtsituation. Wichtig ist außerdem, dass der grüne Zustand, in dem man selbst die Eigennutzstrategie fährt und alle anderen die Gemeinnutzstrategie, nicht dauerhaft zu halten ist, da alle anderen auch die Strategie wechseln können. Es gibt also nur einen Zustand, in dem es allen dauerhaft gut geht, und das ist der, in dem alle die Gemeinwohlstrategie fahren.

Es gibt auch bei Akteuren in der Wirtschaft Nash-Gleichgewichte. Beispiele dafür sind Marketing- und Rechtsabteilungen. Für beide sind Situationen möglich, in denen ein Unternehmen die hohen Kosten für solche Abteilungen, die ja nichts herstellen, tragen muss, da ein Nash-Gleichgewicht herrscht. Tendenziell wäre es ja für alle Unternehmen am besten, die Kosten für diese Abteilungen zu minimieren. In die gleiche Richtung geht das Beispiel der Ladenöffnungszeiten, das auch Kosten verursacht, die eigentlich kein Unternehmen tragen möchte.

Nehmen wir an, wir haben einen Markt, den sich eine Handvoll Konzerne teilen, z.B. der Waschmittelmarkt. Der Markt ist gesättigt. Die Nachfrage nach Waschmittel wächst kaum, da alle Menschen ja schon täglich ihre Wäsche wechseln. Damit ist die Kaufkraft, die für Waschmittel aufgewendet wird und damit der Gesamtumsatz der Waschmittelindustrie auch ziemlich konstant. Jetzt gibt es für jedes Waschmittelunternehmen zwei Strategien. Werbung machen und keine Werbung machen. Macht kein Waschmittelkonzern Werbung, so ist das die bestmögliche Lösung. Die Marktanteile werden fair vergeben, da keiner werbebedingte Vorteile genießt. Die Waschmittelkonzerne brauchen kein Geld für Werbung ausgeben und können einen möglichst großen Anteil der konstanten Waschmittelkaufkraft als Gewinne abschöpfen. Diese Situation ist nur zu halten, solange alle mitmachen. Sobald ein Waschmittelhersteller ausschert und anfängt zu werben, verschafft er sich einen Vorteil auf Kosten der anderen. Er bekommt größere Marktanteile und macht damit mehr Umsatz. So gleicht er die Kosten für seine Werbung aus. Alle anderen verlieren an Umsatz und Gewinn. Die Anderen Waschmittelhersteller müssen jetzt nachziehen und ebenfalls Werbung machen, um ihre verlorenen Marktanteile zurückzuholen. Am Ende sind die Marktanteile genauso groß wie sie ohne Werbung wären. Alle Waschmittelhersteller machen aber weniger Gewinn, weil sie jetzt die Kosten für Werbung aufbringen müssen.

Die Anderen
Gemeinwohlstrategie Eigenwohlstrategie
Ich Gemeinwohlstrategie keine Werbung, gleichmäßige Marktanteile, hohe Gewinne niedriger Marktanteil durch fehlende Werbung, niedrige Gewinne
Eigenwohlstrategie Höherer Marktanteil durch Werbung, höhere Gewinne Werbung, gleichmäßige Marktanteile, niedrige Gewinne

Das Beispiel eben traf die Annahme, dass die in den Waschmittelmarkt gesteckte Kaufkraft konstant sei. Jetzt könnte argumentiert werden, dass durch die Waschmittelwerbung die Leute insgesamt mehr Waschmittel konsumieren. Damit verschiebt sich der Sachverhalt, bleibt aber im Prinzip gleich. Denn was die Leute mehr für Waschmittel ausgeben, das sparen sie woanders, z.B. bei Unterhaltungselektronik. Jetzt muss die Unterhaltungselektronikindustrie Werbung machen, um die Käufer zurückzuholen. Aus einem Nash-Gleichgewicht zwischen Unternehmen wird somit ein Nash-Gleichgewicht zwischen verschiedenen Branchen. Aber sie alle konkurrieren letztendlich um eine insgesamt konstante Kaufkraft.

Rechtsabteilungen sind ein ähnlicher Sachverhalt. Am besten dran wären Unternehmen, wenn sie möglichst wenig Geld für Rechtsabteilungen ausgeben müssten. In einer Welt ohne Rechtsabteilungen machen Kaufleute Geschäfte per Handschlag und Unstimmigkeiten werden beim Golfspielen direkt gelöst, um mal ein paar Klischees zu bedienen. Dies ist die bestmögliche Situation, da die wenigsten Kosten entstehen. Jetzt kann sich ein Kaufmann einen Vorteil verschaffen, indem er Rechtsgelehrte anheuert, die umfassende Vertragswerke ausarbeiten, in denen der andere Kaufmann über den Tisch gezogen wird. Dieser muss sich nun ebenfalls für viel Geld eine Rechtsabteilung zulegen, um nicht über den Tisch gezogen zu werden. Am Ende Ist das Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben. Statt dass die Kaufleute Problem direkt klären, werden diese nun von hunderten Anwälten schriftlich ausdiskutiert. Sobald jemand anfängt sich umfassend mit Rechtsabteilungen auszustatten, müssen alle nachziehen.

Die Anderen
Gemeinwohlstrategie Eigenwohlstrategie
Ich Gemeinwohlstrategie keine Anwälte, argumentatives Gleichheit, geringe Kosten argumentativer Nachteil durch fehlende Anwälte
Eigenwohlstrategie argumentativer Vorteil durch Anwälte, hohe Kosten Anwälte, argumentatives Gleichheit, hohe Kosten

Als letztes Beispiel kommen wir nun zu den Ladenöffnungszeiten. Der Einzelhandel in Deutschland ist ein gesättigter Markt. Die Marktanteile sind hart umkämpft, viele Ketten und Läden kämpfen ums Überleben, was sich auch in den geringen Löhnen ausdrückt. Die Gesamtkaufkraft, die im Einzelhandel bleibt, ist konstant, mehr als ihr Geld ausgeben können die Deutschen schließlich nicht. Ein einzelnes Geschäft kann sich gegenüber allen anderen Geschäften einen Vorteil verschaffen, wenn es geöffnet ist, wenn die anderen Geschäfte zu haben. An dieser Stelle müssen die anderen Geschäfte nachziehen. Schließlich haben alle Geschäfte lange geöffnet, die Unternehmen müssen höhere Kosten dafür aufbringen, dass die Läden länger besetzt sind, aber die Marktanteile sind genauso groß wie vorher.

Die Anderen
Gemeinwohlstrategie Eigenwohlstrategie
Ich Gemeinwohlstrategie kurze Öffnungszeiten, gleichmäßige Marktanteile, hohe Gewinne kurze Öffnungszeiten, niedriger Marktanteil, niedrige Gewinne
Eigenwohlstrategie höherer Marktanteil durch lange Öffnungszeiten, höhere Gewinne lange Öffnungszeiten, gleichmäßige Marktanteile, niedrige Gewinne

Unsere Welt ist voller Nash-Gleichgewichte. Wie ich bereits in diesem Beitrag geschrieben habe, gibt es in unserer Wirtschaft Tätigkeiten, die weder direkt noch indirekt zur Größe des konsumierbaren Kuchens beitragen, sondern nur nach persönlicher Kuchenstückgröße optimieren. Dieses Verhalten ist ein Nash-Gleichgewicht. Daher sind viele Nash-Gleichgewichte an Tätigkeiten gekoppelt, die keine konsumierbaren Waren oder Dienstleistungen produzieren. Werbung und Verträge sind nicht konsumierbar, da sie keine Bedürfnisse befriedigen. Schließlich hat niemand das Bedürfnis, mal ein bisschen Werbung zu sehen oder mal einen Vertrag zu lesen. Stattdessen dienen Werbung und Verträge dazu, das soziale (Werbung) bzw. rechtliche (Verträge) System so zu manipulieren, dass das eigene Kuchenstück möglichst groß wird. Man könnte sogar sagen, dass Werbung negative Wertschöpfung ist, denn Wirtschaft dient ja der Bedürfnisbefriedigung. Werbung hingegen vergrößert künstlich die Bedürfnisse, ist also eigentlich kontraproduktiv zu allem, was Wirtschaft bezwecken soll.

Legitimierungszwang

In der medialen Berichterstattung und auch in der politischen Diskussion wird Wirtschaft oft mit Börsen, Finanzmärkten und Geld in Verbindung gebracht. Als „Wirtschaftsexperten“ gelten dementsprechend solche Leute, die in diesen Bereichen beruflich tätig sind und dort ihr Geld verdienen. Dies führt aber, wie wir gleich sehen werden, zu einer einseitigen Diskussion, die zwangsläufig von Seiten der „Wirtschaftsexperten“ ideologisiert werden muss. So entsteht eine paradoxe Situation. Politiker wollen sich Sachauskünfte holen, um gute Politik zu betreiben, Journalisten wollen Sachauskünfte, um zu informieren. Beide fragen die Falschen, und werden so ideologisch betrogen.

Die meisten Menschen assoziieren Wirtschaft mit Geld und auch viele Ökonomen selbst sind in ihren Betrachtungen sehr geld- und preisfixiert. Blickt man ins Lehrbuch, so entdeckt man aber, dass Wirtschaft und Geld erst einmal nicht zwangsläufig miteinander zu tun haben. „Wirtschaft“ ist ein Sammelbegriff für alles, was der planmäßigen Deckung von menschlichem Bedarf dient. Wenn also jemand sich eine Hütte baut und Gemüse pflanzt, damit er ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hat, dann ist das bereits Wirtschaft. Wirtschaft ist also das Erzeugen und Verteilen von Dienstleistungen und Produkten zur Bedarfsdeckung und existiert losgelöst vom Geld.

Das Geld hat nun die Aufgabe, den Zugang zu den erzeugten Dienstleistungen und Produkten zu regeln. Je mehr Geld ich habe, desto größer ist mein Kuchenstück, das ich konsumieren darf. In unserer diversifizierten Wirtschaft ist es uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, unsere Bedürfnisse nicht durch Eigenleistung, sondern durch Konsum zu befriedigen, dass wir in eine paradoxe Situation geschlittert sind: Anstatt unseren Wohlstand zu maximieren, indem wir möglichst viele konsumierbare Waren und Dienstleistungen erzeugen, versuchen wir unseren Wohlstand zu maximieren, indem wir möglichst viel Geld anhäufen, um ein möglichst großes Kuchenstück zu kaufen. Dieser Zielkonflikt wird dann offensichtlich, wenn uns klar wird, dass jede nicht berufliche Tätigkeit in konsumierbarem Wohlstand resultiert.

Die Bedürfnisse, die durch Wirtschaft zu befriedigen sind, sind z.B. Nahrung, Wohnung, Kleidung, Bildung, Unterhaltung, Erholung usw. Jeder, der eine Tätigkeit verrichtet, die dazu beiträgt, solche Produkte und Dienstleistungen zu erzeugen, schafft echte Wertschöpfung, denn er produziert etwas, das den Lebensstandard desjenigen steigert, der das Produkt konsumiert. Er trägt also dazu bei, den Kuchen zu vergrößern. Diese Aktivitäten sind die Kernprozesse unserer Wirtschaft, die ja planvolles Handeln zur Bedürfnisbefriedigung ist.

Es gibt in unserer Welt ja diverse Menschen, die nix entwickeln, nix herstellen und auch nix transportieren, sondern sich den ganzen Tag gegenseitig mit eMails und Powerpointpräsentationen zubomben. Diese Menschen können den Kuchen vergrößern, tun es aber nicht in jedem Fall. Nehmen wir an, wir hätten eine einfache Volkswirtschaft mit zehn Arbeitern, die Waren herstellen. Nun wird einer dieser Arbeiter in ein Büro gesetzt, um die anderen Neun zu koordinieren, damit diese noch effizienter Waren herstellen können. Nur wenn die neun koordinierten Arbeiter mehr herstellen als die zehn unkoordinierten, ist dieser Schritt wirtschaftlich sinnvoll. Dies sind die Opportunitätskosten der Verwaltung. Die Verwaltung ist in diesem Fall ein Hilfsprozess. Sie produziert keine konsumierbaren Dinge, sorgt aber trotzdem indirekt dafür, dass der Kuchen größer wird. Dafür bekommt der Arbeiter in der Verwaltung Geld und damit Zugang zum Kuchen.

Das bedeutet, eine berufliche Tätigkeit, die irgendjemand verrichtet, ist nur dann volkswirtschaftlich sinnvoll, wenn der volkswirtschaftliche Kuchen dadurch größer wird. Dabei ist der Kuchen die Menge an konsumierbaren Dienstleistungen und Produkten. Der Kuchen ist übrigens nicht mit dem BSP gleichzusetzen, denn einerseits fließen nur die konsumierbaren Güter ins BSP ein, die gegen Geld getauscht werden, andererseits fließen auch nicht konsumierbare „Dienstleistungen“ in das BSP ein. Wenn jemand einen Keks backt und diesen verschenkt, hat er konsumierbare Werte geschaffen, aber das BSP ist nicht größer geworden. Wenn ein Fenster kaputt geht und ein Glaser bezahlt wird um die Scheibe zu ersetzen, dann ist das BSP größer geworden, der Lebensstandard ist aber genauso groß wie vor dem Zubruchgehen der Scheibe.

Da unser Zugang zum Kuchen fast ausschließlich über Geld geschieht, befinden wir uns in einem Zielkonflikt. Volkswirtschaftlich sinnvoll ist, wenn jeder möglichst viel zum Kuchen beiträgt. Das Anreizsystem unserer Wirtschaft sorgt aber dafür, dass jeder versucht möglichst, viel Geld zu ergattern, um einfach persönlich ein möglichst großes Stück zu bekommen, egal wie groß der Gesamtkuchen ist. Es muss sich also jeder eine Nische suchen, in der er an der Umverteilung des Geldes arbeiten kann, so dass bei ihm möglichst viel hängen bleibt.

Ein klassisches Beispiel für einen solchen Beruf ist der Steuerberater. Der Steuerberater bietet keine konsumierbare Dienstleistung an, die ein Bedürfnis befriedigt, sondern beeinflusst lediglich, ob und wieviel Geld aus privaten Händen in öffentliche Hände fließt. Der Kuchen wird durch ihn nicht größer, sondern er beeinflusst, wieviel vom Kuchen in öffentlichen und wieviel in privaten Händen landet. Tatsächlich wird der Kuchen durch den Steuerberater durch seine Opportunitätskosten sogar kleiner, denn ein Teil des Geldflusses wird in seine Taschen gelenkt, womit er sich Zugang zum Kuchen verschafft. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich keinem Steuerberater dafür persönliche Vorwürfe mache. In einem System, das auf Wettbewerb ausgelegt ist, muss schließlich jeder sehen wie er seine Kinder satt bekommt.

Unser Geldsystem schafft also eine paradoxe Situation. Es zwingt uns möglichst viel zu arbeiten, um unseren persönlichen Konsum zu decken, dabei optimieren wir unsere Handlungen aber nicht nach echter Wertschöpfung, sondern nach Zugang zu Geldflüssen. Wir optimieren unsere Bildung nicht mehr danach, nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden, sondern wir lernen die Systeme, die wir manipulieren müssen, um an Geld zu kommen. Wir studieren Jura, um in unserem Rechtssystem an Geld zu kommen (z.B. in der Abmahnindustrie). Wir studieren Wirtschaftswissenschaften, um in unserem Wirtschaftssystem an Geld zu kommen (z.B. an den Finanzmärkten). Wir betreiben einen riesigen Aufwand, um uns permanent gegenseitig über den Tisch zu ziehen. Das dieser Trend tatsächlich existiert, lässt sich z.B. hier nachlesen.

Es lassen sich also drei Aktivitäten unterscheiden. Die erste sind die Handlungen im Kernprozess, die direkt in konsumierbare Dienstleistungen münden, wie es z.B. ein Friseur tut, dessen Dienstleistung konsumierbar ist und den Lebensstandard des Konsumenten steigert. Die zweite sind Hilfsprozesse, die dazu führen, den Kernprozess effizienter zu machen. Dies umfasst z.B. das Koordinieren von Arbeitern auf einer Baustelle, damit das Haus zügig und effizient fertig wird. Dieser Hilfsprozess ist nur dann gerechtfertigt, wenn der Produktivitätsgewinn im Hauptprozess über seinen Opportunitätskosten liegt. Die dritte Handlung sind Manipulationen am System zum Zwecke der Geldumverteilung. Sie haben keinen volkswirtschaftlichen Nutzen, da sie in keinem Fall zur Vergrößerung des Kuchens beitragen. Hierzu gehören Spekulanten, Abmahner, Steuerberater usw.

Historisch ganz interessant ist, dass die systemmanipulierenden Tätigkeiten üblicherweise die sind, die im größten Kuchenstück resultieren. So wurde früher die Gesellschaft durch Adel und höheren Klerus gesteuert, mit dem Ziel für ebendiese Personen ein möglichst großes Kuchenstück rauszuhauen, ohne dass dafür aktiv zum Kuchen beigetragen wurde. Die gesamte Wertschöpfung wurde durch den untersten Stand und durch niederen Klerus (z.B. Mönche) betrieben. Dabei erfolgte der Zugang zu Ressourcen nicht ausschließlich über Geld, wie es heute der Fall ist, sondern auch über nichtmonetäre Flüsse von Waren (z.B. Kirchenzehnt) und Dienstleistungen (z.B. Frondienste). Der Knackpunkt ist der, dass so eine Umverteilungstätigkeit immer eine Spezialisierung in einer bestimmten gesellschaftlichen Nische ist, die nur im jeweiligen Gesellschaftssystem existiert. D.h. auch wenn kurzfristig die Gewinne am höchsten sind, riskiert man langfristig durch soziale Umwälzungen sein Einkommen (und den Kopf) gänzlich zu verlieren. Wichtig ist, dass auch historisch solche Akteure immer eine Ideologie hatten, die deren Handlung legitimiert. Früher war das sowohl für Kirche als auch für den Adel die göttliche Legitimation des feudalen Systems.

Heute erfolgt die Legitimation im Wesentlichen über die neoliberale Ideologie. Die Zeiten religiöser Weltanschauungen in der westlichen Welt sind vorbei, die aufgeklärte Gesellschaft fordert wissenschaftliche Erklärungen. Der Neoliberalismus ist wirtschaftliches Faustrecht getarnt als wissenschaftliche Erkenntnis. Er trifft eine Reihe von Annahmen, die grundsätzlich falsch sind. Er besagt, dass wenn jemand für irgendetwas Geld bekommt, muss er auch einen Wert geschaffen haben. Damit soll jegliche Form der Geldbeschaffung durch Systemmanipulation gerechtfertigt werden. Wie wir eben gesehen haben, kann man auch Tätigkeiten verrichten, für die man Geld bekommt, obwohl man keinen konsumierbaren Wert geschaffen hat. Es geht hier aber um viele Milliarden Euro, die von großen Wirtschaftsakteuren in Geschäften gescheffelt werden, die weder zu den Kern- noch zu den Hilfsprozessen der Wirtschaft beitragen sondern ausschließlich Manipulationen des Rechts- und Finanzsystems sind, um so die eigene Kuchenstückgröße auf Kosten der Allgemeinheit zu maximieren.

Dabei möchte ich nicht unterstellen, dass die Akteure im Finanzsystem lügen, wenn sie befragt werden. Sie glauben an ihre Ideologie und glauben, dass sie einen volkswirtschaftlichen Nutzen hätten. Es ist daher zu kurz gedacht sie einfach als Bösewichter zu verdammen, folgen sie doch Systemzwängen und gehören innerhalb ihres verzerrten Weltbildes zu den Guten. Man kann das mit einem Priester einer beliebigen Religion vergleichen, der ja auch glaubt, mit seiner Seelsorge Gutes zu tun und nie rational darüber nachdenken würde, ob es überhaupt so etwas wie eine Seele gibt. Auch er muss sich ideologisch legitimieren. Die Theologie ist insofern eine schöne Analogie zum Neoliberalismus, weil sie versucht, ideologische Inhalte als Wissenschaft darzustellen. Solange aber mit wissenschaftlichen Methoden auf ideologisch getroffenen Grundannahmen gearbeitet wird, wird da kein realer Erkenntnisgewinn herauskommen.

Akteure unsere Finanz- und Wirtschaftssystems werden in den Medien gerne als Wirtschaftsexperten befragt, jedoch werden sie nie sachlich rational zu einer wirtschaftlichen Frage Stellung nehmen. Sie können gar nicht. Sie müssen ideologisch antworten, um sich selbst nicht in Frage zu stellen. Keiner, der am Finanzmarkt Geld verdient, wird sich jemals fragen, ob der Finanzmarkt der Volkswirtschaft auch schaden könnte. Dadurch, dass praktisch alle Marktakteure dazu verdammt sind, sich ideologisch zu legitimieren, ist die gesamte öffentliche Debatte über wirtschaftliche Fragen extrem ins Ungleichgewicht geraten. Solange Politiker und Journalisten Akteure des Marktes um wirtschaftlichen Rat Fragen und nicht die „echten“ Wirtschaftswissenschaftler, die an Hochschulen forschen und keine Beraterverträge haben, wird sich dieses Ungleichgewicht auch nicht aufheben lassen.

Jeder Akteur am Finanzmarkt wird seine Handlung immer mit der Behauptung rechtfertigen, dass der Finanzmarkt die Allokation von Kapital branchenübergeifend optimiert und so den Gesamtwohlstand steigert. Diese ideologische Behauptung hat zwei Haken. Der erste Haken ist der, dass Spekulation, wie bereits hier und hier diskutiert, das Marktgleichgewicht verschlechtert und somit eine auf einseitige Kursänderungen ausgerichtete Investitionstrategie am Finanzmarkt echte Schäden in der Realwirtschaft erzeuget, was genau das Gegenteil dessen ist, was gerne von neoliberalen behauptet wird. Der zweite Haken sind die Opportunitätskosten. Selbst wenn ein Akteur am Finanzmarkt es schafft, Kapital branchenübergreifend derart neu zu verteilen, dass der Kuchen größer wird, so ist dies nur dann volkswirtschaftlich sinnvoll, wenn die (Opportunitäts-)Kosten des Akteurs gedeckt sind. Er muss also durch die von ihm initiierte Reallokation von Kapital mehr konsumierbaren Wohlstand erzeugen als er selbst verbraucht und auch mehr als er mit der direkten Erzeugung von Waren und Dienstleistungen produziert hätte. Diesen Nachweis ist uns die Finanzindustrie bis heute schuldig.

Spekulation II

Im letzten Beitrag haben wir anhand wirtschaftswissenschaftlicher Modelle gesehen, wie Spekulation zu sich selbst verstärkenden Trends führt und dies den Marktpreis verfälscht. Wir haben außerdem gesehen, dass die wesentliche Stärke eines Marktes, nämlich die Preisstabilität, durch Spekulation in das Gegenteil verkehrt wird.

Den spekulationsfreien Markt kann man auch als Blockschaltbild ausdrücken. Dabei fließen alle Kaufs- und alle Verkaufsabsichten in den Markt ein, es resultiert eine gehandelte Menge und ein Marktpreis. Dieses System ist Rückkopplungsfrei, es gibt keine zyklischen Informationsflüsse.

idealer Markt

In einem spekulativen Markt kommt zum realen Angebot und der realen Nachfrage ein spekulativer Anteil. Im Blockschaltbild setzt sich also die gesamte Nachfrage am Markt zusammen aus der realen Nachfrage von Käufern, die tatsächlich Interesse an dem Produkt haben, und der spekulativen Nachfrage, die durch Spekulanten entsteht, zusammen. Entsprechend setzt sich das gesamte Angebot zusammen aus dem realen und dem spekulativen Angebot.

spekulativer Markt

Die meisten Spekulanten extrapolieren lediglich aktuelle Preisentwicklungen. Wir können die spekulative Prognose daher durch einen Ableitungsbaustein modellieren. Die Veränderung des Preises geht dann positiv in die Nachfrage ein, steigende Preise erhöhen die spekulative Nachfrage. Hingegen wirken sich steigende Preise negativ auf das spekulative Angebot aus, was mit einem Minus modelliert werden soll.

preisbasierter spekulativer Markt

Wir haben also ein rückgekoppeltes System mit einem Ableitungsbaustein. Wir müssen daher einen Sprung in die Ingenieurwissenschaften machen, denn dort gibt es mathematische Methoden, um solche Rückkopplungen zu berechnen und zu kompensieren. Dieser Werkzeugkasten, bekannt als Regelungstechnik, ist seit Jahrzehnten bewährt und hat schon Menschen heil auf den Mond und wieder zurückgebracht.

Eines der wichtigsten Stabilitätskriterien in der Regelungstechnik ist das Nyquistkriterium. Ich unterlasse es hier, die mathematische Modellierung darzustellen, da es praktisch keinen Wirtschaftswissenschaftler gibt, der diese verstehen würde. Das Laplace- oder Fouriertransformieren von Zeitgrößen und die dazugehörige Modellierung komplexer Systeme gehört leider nicht zum Bildungskanon der Wirtschaftswissenschaften, womit elementare Werkzeuge für quantitative Analysen fehlen. Nicht zuletzt aufgrund fehlender Werkzeuge ergehen sich viele Wirtschaftswissenschaftler im monokausalen ideologischen Aneinandervorbeireden.

Das Nyquistkriterium besagt, dass große Signaländerungen in einer Rückkopplung nicht zu lange verzögert werden dürfen (auf Ingenieursdeutsch heißt das, die Phasenverschiebung darf bei Verstärkungen über eins nicht größer als 180 Grad sein). Anschaulich sieht man das beim Einstellen der Duschtemperatur. Die Laufzeit des Wassers im Schlauch verursacht zeitliche Verzögerungen. Zu starke Änderungen an den Armaturen führen regelmäßig zu zu kaltem bzw. zu heißem Wasser. Nur sehr kleine Änderungen (Verstärkungen) und Geduld bringen den gewünschten Erfolg. Das Problem mit Spekulationen ist, dass sie die Änderung des Preises betrachten, also eine Ableitung der Größe Preis. Der Regelungstechniker weiß, dass Ableitungen die Phasenverschiebung vergrößern und somit ein System potentiell instabil machen. Die Instabilitäten, die also der Wirtschaftswissenschaftler nur zeigen und anschaulich erklären, aber nicht berechnen kann, kann ein Regelungstechniker berechnen. Ein Regelungstechniker kann auch berechnen, was zu tun ist, um ein instabiles System stabil zu machen. Er baut dazu einen Regler ein.

Wie sieht so ein Regler für instabile Systeme aus? In instabilen Systemen fahren platt gesagt Signale im Kreis und verstärken sich dabei. Ein Regler muss im Prinzip die im Kreis fahrenden Informationen so weit abschwächen, dass sie sich nicht mehr verstärken. Die einfachsten Regler, die es gibt, sind daher einfache lineare Verstärker (sogenannte P-Regler wegen ihrer proportionalen Verstärkung), deren Verstärkung so gering ist, dass die im Kreis fahrenden Signale bei einem Umlauf nicht mehr zunehmen.

An dieser Stelle setzt die Finanztransaktionssteuer an. Sie dämpft die im Kreis fahrenden Signale, indem sie die spekulativ gehandelte Menge begrenzt. Je geringer die spekulativ gehandelte Menge ist, desto eher entspricht das Marktverhalten dem von realem Angebot und Nachfrage. Sie beträgt 0,1% und für Derivate 0,01%. Für reale Käufer und Verkäufer, die am tatsächlichen Handel mit dem Produkt interessiert sind, sind solche geringen Aufschläge auf den Preis viel besser als die durch Spekulation hervorgerufenen Preisschwankungen, die schnell in den dreistelligen Prozentbereich gehen können, wie z.B. die rund 150% Spekulationsaufschlag der DotCom-Blase zeigen. Außerdem ist die Transaktionssteuer bekannt und planbar, während dies spekulativ bedingte Preisschwankungen nicht sind.

(Anmerkung für Ingenieure: Regelungstechnisch bedeutet eine Verringerung der spekulativ gehandelten Menge eine Verringerung des Betrages der Übertragungsfunktion am offenen Regelkreis. Diese Betragsverringerung muss so groß sein, dass das Nyquistkriterium erfüllt wird. Dann wird das System im Sinne der realen Marktteilnehmer stabil.)

Wir konnten also zeigen, dass Spekulation schlecht für die Marktteilnehmer ist, weil sie den Markt instabil macht, dass eine Transaktionssteuer der mathematisch richtige Ansatz ist um die Nachteile von Spekulation zu beheben und dass für reale Marktteilnehmer die Transaktionssteuer ein Gewinn ist. Außerdem haben wir an mehreren Beispielen gesehen, dass die Realität zeigt, dass Spekulation zu Blasenbildungen führt. Zwei Anmerkungen möchte ich noch machen. Eine betrifft den Bauern, die andere Opportunitätskosten.

Jeder Befürworter von Spekulationen wird irgendwann in einer Diskussion das Beispiel des armen Bauern angeben, der seine Ernte schon im Voraus zu einem Festpreis verkauft, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Der Spekulant trägt nun das Risiko, weil er, wenn er Pech hat, für das Zeug mehr bezahlt hat als dann später der Marktpreis ist. Der Bauer hingegen kann Risikofrei sein Budget planen. Diese schöne Geschichte hat drei Haken. Erstens ist der Bauer kein Risiko losgeworden, sondern sein Risiko hat sich verändert. Er ist zwar gegen niedrige Preise abgesichert, kann aber dafür nicht mehr von sehr hohen Preisen profitieren. Er riskiert also mögliche Verluste. Der zweite Haken ist, dass für dieses Geschäft kein Spekulant notwendig ist, sondern dass der Käufer der Ware jemand sein kann, der das Produkt tatsächlich benötigt, z.B. ein Bäcker. In diesem Falle wären nur reale Marktakteure beteiligt. Die Spekulantenrolle wird also nicht benötigt. Der dritte Haken ist, dass der Bäcker im Falle des spekulativen Zwischenhändlers das Produkt vom Spekulanten zum Marktpreis kaufen muss, und so das Risiko der Preisschwankungen trägt. Der Käufer möchte sich aber auch gegen Preisschwankungen absichern, also hat der Bäcker möglicherweise auch ein Interesse, schon im Frühjahr einen Preis fix zu machen. Der beste Fall ist also, wenn sich Bauer und Bäcker schon im Frühjahr einigen, dann haben beide planbare Preise und planbare Mengen, und der Spekulant wird nicht benötigt.

Die neoliberale Ideologie behauptet, dass Spekulation gut ist, weil es das Marktgleichgewicht verbessert. Nehmen wir mal einen Moment an, dieser soeben ausführlich widerlegte Unfug wäre wahr, so gäbe es noch eine weitere Hürde, die der Spekulant nehmen müsste, nämlich die der Opportunitätskosten. Selbst wenn eine größere Wertschöpfung durch das neue Marktgleichgewicht entstünde, weil die Spekulation zu einer verbesserten Allokation von Ressourcen beitrüge, so reichte dies nicht aus, die Spekulation zu rechtfertigen. Denn der Spekulant hätte, anstatt zu spekulieren, ja auch in der Zeit aktiv selbst Wertschöpfung betreiben können, indem er z.B. eine Ware oder eine Dienstleistung produziert. Dies sind die Opportunitätskosten der Spekulation. Nur wenn die behauptete Mehrwertschöpfung durch Spekulation größer ist als die durch Arbeit, hat der Spekulant einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Eine andere Betrachtung ist die, dass der Spekulant für seine spekulative Tätigkeit einen Teil der Wertschöpfung konsumiert. Für die anderen Wirtschaftsteilnehmer, die diese Werte dann nicht mehr konsumieren können, ist es nur dann gerechtfertigt, den Spekulanten durchzufüttern, wenn seine angebliche Verbesserung der Ressourcenallokation zu einer Mehrwertschöpfung führt, die größer als sein Konsum ist. Auch dies ist äußerst fraglich.