Spekulation I

Elf EU-Länder wollen in nächster Zeit eine Finanztransaktionsteuer einführen, um Spekulationen einzudämmen. Dies sei längst überfällig sagen die einen, während andere meinen das würde der Wirtschaft den Todesstoß versetzen. Was sind eigentlich Spekulationen? Sind sie gut? Und wenn nicht, ist eine Transaktionssteuer der richtige Weg?

Zunächst betrachten wir dazu, was das Lehrbuch zu Märkten sagt. Auf einem Markt treffen sich Leute mit Kaufs- und Verkaufsabsichten, handeln Preise aus und einigen sich auf ein Geschäft oder auch nicht.

PQ idealer Markt

Die Nachfrage wird durch eine Kurve dargestellt. Je billiger ein Produkt, desto mehr Käufer finden sich. Der Teil der Nachfragekurve links des Marktgleichgewichtes sind Käufer, die ein Geschäft abschließen, weil der Marktpreis unter dem Preis liegt, den sie maximal zu zahlen bereit sind. Der Teil der Nachfragekurve rechts des Marktgleichgewichtes sind Käufer, die kein Geschäft abschließen, weil ihnen der Marktpreis zu hoch ist. Entsprechend dazu repräsentiert der Teil der Angebotskurve links des Marktgleichgewichtes die Verkäufer, die ihr Produkt loswerden, weil der Marktpreis über ihrem Mindestverkaufspreis liegt. Die Verkäufer auf der rechten Seite der Angebotskurve werden ihr Produkt nicht los, weil der Marktpreis unter ihrem Mindestverkaufspreis liegt.

Dies ist der theoretische Lehrbuchmarkt. Er trifft eine Reihe von Annahmen. Eine ist z.B. die totale Transparenz, d.h. jeder hat Informationen über alle Produkte und alle Marktteilnehmer. Der Theorie nach sorgt der Markt für eine bestmögliche Ressourcenverteilung. Neoliberale Denker gehen soweit, dem Markt mehr Weisheit zuzusprechen als z.B. der Politik, weshalb sich Regierungen nach Märkten zu richten hätten und nicht umgekehrt. Eine weitere Annahme ist, dass jeder Verkäufer tatsächlich in Besitz des zu verkaufenden Produktes ist und jeder Käufer tatsächlich das Interesse hat das Produkt zu erwerben und für seine Zwecke zu verwenden.

Der reale Markt ist stabil. Stabil bedeutet in diesem Sinne, dass, wenn eine Abweichung vom Gleichgewicht vorliegt, der Marktmechanismus dafür sorgt, dass der Markt in seinen Gleichgewichtspunkt zurückkehrt. Liegt z.B. der momentane Preis über dem Gleichgewichtspreis, so werden mehr Leute versuchen, ihre Ware loszuwerden, während sich weniger Käufer finden. Es bleiben also Verkäufer auf ihrer Ware sitzen. Sie werden im Wettkampf um die Gunst der wenigen Käufer anfangen sich zu unterbieten, so dass der anfänglich zu hohe Preis auf den Gleichgewichtspreis sinkt. Liegt hingegen der Marktpreis zu niedrig, so wird es wenige Verkäufer aber viel Käufer geben. Schließlich finden einige Käufer keinen Verkäufer, und überbieten sich im Preis um an das Produkt zu kommen. Der ursprünglich zu niedrige Marktpreis erhöht sich in Richtung des Gleichgewichtspreises. Diese Stabilität hat enorme Bedeutung, sie sichert langfristige Investitionen gegen Risiken der Preisänderung ab.

In der Realität liegt jedoch kein idealer Markt vor. Spekulanten handeln mit Waren, die sie nicht physisch besitzen und an denen sie auch kein Besitzinteresse haben, nur um mit Kursänderungen Gewinne einzufahren. Sie verkomplizieren die Situation erheblich. Sie nutzen die aktuellen Marktdaten wie Preise und Mengen um daraus eine Prognose für die zukünftige Marktentwicklung zu erstellen. Basierend auf dieser Prognose kaufen oder verkaufen sie das Produkt.

Im Preis-Mengen-Diagramm lässt sich die ebenfalls gut darstellen. Angebots und Nachfragekurven sind horizontale Kumulationen einzelner Angebote und Nachfragen. Also kann die Gesamtnachfrage erzeugt werden, indem die reale Nachfrage durch die spekulative Nachfrage nach rechts verschoben wird. Ebenfalls nach rechts verschoben wird das Gesamtangebot, das sich aus realem und spekulativem Angebot zusammensetzt. Spekulation führt also immer zu einer Vergrößerung der gehandelten Menge. Der durch Spekulation erzeugte Marktpreis kann über oder unter dem realen Marktpreis liegen.

PQ spekulativer Markt

An dieser Stelle haben wir bereits einen ganz großen Widerspruch in der neoliberalen Weltanschauung. Denn diese besagt, Spekulation wäre wichtig, weil Spekulanten das Marktgleichgewicht verbessern. Das impliziert, dass ein Marktgleichgewicht ohne Spekulation nicht optimal ist. Aber dass das Marktgleichgewicht immer optimal ist, ist ja gerade der Kern der neoliberalen Theorie. Spätestens hier muss der Beobachter skeptisch werden. Angeblich hätten Spekulanten zusätzlich Informationen, die mit eingepreist werden müssten, was den Marktpreis verbessert.

Die Realität sieht anders aus. Die allerwenigsten Spekulanten haben zusätzliche Informationen, die meisten extrapolieren die aktuelle Marktentwicklung. Steigen die Preise, so gehen die meisten davon aus, dass diese weiter steigen. Fallen die Preise, so gehen die meisten von fallenden Preisen aus. Das die US-Immobilienblase irgendwann platzen muss war schon Jahre vorher so gut abzusehen, dass es in den Medien kommuniziert wurde. Diese offensichtliche Information wurde von den meisten Spekulanten nicht miteingepreist, sondern es wurde weiter tapfer auf steigenden Preise gehofft. Die Realität zeigt also, dass Spekulation offensichtlich zu einer Verschlechterung des Marktgleichgewichts führen kann. Es gibt viele historische Beispiele für spekulative Blasenbildung (Tulpenblase, DotCom-Blase etc.).

In einem Preis-Mengen-Diagramm kann gut dargestellt werden, wie sich kleine Preiseänderungen selbst verstärken. Nehmen wir also an, wir haben eine alltägliche kleine Preisschwankung, diesmal eine Erhöhung des Marktpreises. Sie führt dazu, dass Spekulanten, die mögliche Verkäufer des Produktes sind, sich mit dem Verkauf zurückhalten, um dann bei späterem Verkauf von höheren Preisen zu profitieren. Spekulative Käufer hingegen fragen das Produkt verstärkt nach, um es ebenfalls später zu den erwarteten höheren Preisen zu verkaufen. Das ursprüngliche Marktgleichgewicht wird also durch ein kleines spekulatives Angebot und eine große spekulative Nachfrage derart verändert, das sich ein neuer Marktpreis einstellt.

PQ spekulativer Markt long

Dieser neue Marktpreis liegt um den Wert ΔP über dem alten Marktpreis. Das bedeutet, die ursprünglich kleine Preisverschiebung wurde durch Spekulation verstärkt. Dies ist der Beginn eines Teufelskreises. Der verstärkte Preisanstieg ruft weitere spekulative Geschäfte hervor, da nun noch mehr das Produkt kaufen wollen, um von seinen steigenden Preisen zu profitieren. So entstehen Blasen. Dieser Vorgang setzt sich solange fort, bis sich niemand mehr findet, der ebenfalls auf den Zug aufspringen will, so dass die Nachfrage einbricht und der Marktpreis wieder anfängt zu sinken.

Das gleiche funktioniert auch in die andere Richtung. Hat man eine zufällige Preisschwankung nach unten, so bricht die Nachfrage ein während das Angebot steigt. Da nämlich erwartet wird, dass die Preise weiter sinken, möchte niemand dieses Produkt haben. Also wird es kaum gekauft. Wer es besitzt, verkauft es, um nicht noch mehr Verluste zu machen. Dadurch fällt der Marktpreis noch weiter. Da das Kaufen und Verkaufen aufgrund von Preisentwicklungen heute vermehrt automatisiert passiert, ist schön zu beobachten, wie regelmäßig dumme Computer auf kleine Preisschwankungen hereinfallen und dies zu Kurstürzen führt, wie z.B. hier.

PQ spekulativer Markt short

Wir stellen also fest, dass ein Markt ohne Spekulation stabil ist und somit die Eigenschaft hat, kleine Preisschwankungen selbstständig zu korrigieren, während Spekulation zu einer Instabilität des Marktes führt, in der kleine Preisschwankungen sich verstärken und sich der Marktpreis immer weiter vom realen Gleichgewichtspreis entfernt. Spekulation hebelt also eine ganz wesentliche Stärke des freien Marktes aus und stellt diesen auf den Kopf. Aus stabilen Preisen, die reale Produktion und Bedarf widerspiegeln, werden willkürliche Preisverläufe, die weder für Produzenten noch für Konsumenten planbar oder vorhersehbar sind.

Wichtig ist noch zu erwähnen, dass zwischen den systemischen Nachteilen durch Spekulation und dem Verdammen von Spekulanten zu trennen ist. Politische Ideologien zeigen gerne mit dem Finger auf die jeweils andere Gruppe und geben denen persönliche Schuld. Nichts liegt mir ferner, als Spekulanten persönliche Schuld zu geben oder sie als schlechte Menschen zu verdammen. Auch sie sind Gefangene unseres Wirtschaftssystems und müssen sehen, wie sie über die Runden kommen. Zumal den allermeisten Spekulanten gar nicht bewusst ist, dass sie sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Tatsächlich glauben genügend das neoliberale Märchen, dass Spekulation die Marktpreise verbessert und sind ehrlich der Meinung, ihr tun hätte eine Optimierung der Ressourcenallokation zur Folge und daher volkswirtschaftlichen Nutzen. Es ist daher ganz klar zu trennen zwischen der sachlichen Analyse von spekulativem Verhalten, wie es hier versucht wird, und dem Angriff oder der Beschuldigung von Akteuren im gesellschaftlichen System, wie es oft genug in der Debatte vorkommt.

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