30-Stunden-Woche

Jüngst forderten über 100 Politiker und Wissenschaftler die Einführung der 30-Stunden-Woche in einem offen Brief. An dieser Stelle empfehle ich jedem, den Brief und die Liste der Unterzeichner selbst zu lesen. Interessant dabei ist, dass die überwiegende Mehrheit der Unterzeichner Professoren der Wirtschaftswissenschaften sind. Solche Leute werden nicht für utopische Ideen ihre akademische Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Es lohnt sich also, jenseits der unterirdischen Debatte in den Medien, die auf rein ideologischer Basis geführt wird, einen wirtschaftwissenschaftlichen Blick auf die Thematik zu werfen.

PQ-Arbeitsmarkt

Zunächst ist es erst einmal eine Tatsache, dass die Anzahl der Arbeitsplätze an das Lohnniveau gekoppelt ist. Dies drückt der Ökonom in einem Preis-Mengen-Diagramm mit der Nachfrage-Kurve aus. Je höher der Preis, desto weniger international agierende Unternehmen stellen deutsche Arbeitnehmer ein. Daher steigt die nachgefragte Menge an Arbeitskräften mit dem sinkenden Preis. Die Angebotskurve drückt das Gegenteil aus. Das Angebot an Arbeitskräften steigt mit steigendem Preis. Je höher die Löhne sind, desto mehr Menschen drängen auf den Arbeitsmarkt. Es stellt sich in Marktgleichgewicht ein, bei der eine bestimmte Menge Q zum Marktpreis P gehandelt wird. Die dadurch erwirtschaftete Kaufkraft ist die Fläche k=P*Q.

Ziel einer guten Volkswirtschaft sollte sein, dem Bürger möglichst viel Wohlstand zu verschaffen. Das bedeutet, die Fläche k sollte möglichst groß sein. Je größer k, desto mehr Wohlstand bleibt in Deutschland in den Taschen des Bürgers hängen. Wie wirkt sich Arbeitsmarktpolitik nun auf den Wohlstand aus? Arbeitsmarktpolitik verändert die Angebotskurve. Sie macht Arbeitskraft vergleichsweise billiger oder teurer und verschiebt so die Angebotskurve nach oben oder unten. Damit verschieben sich auch das Marktgleichgewicht und die im Land erwirtschaftete Kaufkraft.

PQ-Arbeitsmarktpolitiken

In diesem Beispiel haben wir jetzt drei verschiedene Angebotskurven. Die größte Kaufkraft wird in diesem Beispiel mit der Angebotskurve 2 erwirtschaftet. Obwohl für Angebotskurve 3 die nachgefragte Menge größer ist, also eine größere Zahl an Personen beschäftigt wird, ist die Fläche Q3*P3 kleiner als die Fläche Q2*P2. Das bedeutet, obwohl in Beispiel 3 mehr Menschen beschäftigt sind, kommt insgesamt weniger Kaufkraft beim Bürger an. Es kann also nicht pauschal behauptet werden, dass eine Arbeitsmarktpolitik, die Vollbeschäftigung anstrebt, den größtmöglichen Wohlstand generiert. Das Gegenbeispiel ist nun der Vergleich der Beispiel 1 und 2. Im Beispiel 1 sind die Löhne höher als in Beispiel zwei, aber die Beschäftigung ist geringer. Insgesamt ist die Fläche P1*Q1 kleiner als die Fläche P2*Q2. Es wird insgesamt also weniger Kaufkraft geschöpft, obwohl die Löhne höher sind. Es ist also ebenfalls nicht möglich, pauschal zu behaupten, höhere Löhne sind per se besser.

Jetzt habe ich zugegebenermaßen den Bürger mit dem Arbeitnehmer gleichgesetzt, so dass ich schon den Aufschrei höre, dass Arbeitgeber ja auch Bürger seien. Es gibt Branchen, die haben internationale Konkurrenten, und solche, die haben keine. Es wird z.B. niemand zum Frisör nach Griechenland fahren, nur weil der billiger ist. Die Unternehmen, die Arbeit ins Ausland auslagern können sind international agierende Konzerne. Deren Gewinne bleiben nicht in Deutschland, sondern verschwinden in den internationalen Finanzströmen um dann irgendwo auf der Welt an irgendeinen Investor ausgezahlt zu werden. Und wie soll der Frisör die höheren Löhne bezahlen? Der Frisör ist daran interessiert eine möglichst kaufkräftige Kundschaft zu haben. Für ihn werden höhere Löhne dadurch kompensiert, dass seine Kunden mehr Geld in der Tasche haben und er die Mehrkosten problemlos an diese weitergeben kann.

Wenn man der Debatte in Politik und Medien folgt, so wird die falsche Frage diskutiert. Die erste Frage, die zu klären ist, ist nämlich nicht, ob Löhne oder Arbeitszeiten rauf- oder runterzusetzen sind, sondern die Frage, ob sich Deutschland in den Punkten 1, 2 oder 3 befindet. Wenn das geklärt ist, ist die zu schlussfolgernde Maßnahme daraus abzuleiten. Sind wir in Punkt 1, müssen die Löhne runter. Sind wir in Punkt 2, kann alles bleiben wie es ist. Sind wir in Punkt 3, müssen die Löhne rauf. Leider wird die Frage nach der Bewertung des Ist-Zustandes nicht wissenschaftlich, sonder ideologisch geklärt. Die Linkspartei sieht Deutschland in Punkt 3, die FDP sieht Deutschland in Punkt 1. Beide verweigern sich einer realistischen Analyse.

Ebenfalls zu bedauern ist die Rolle von Teilen der Wirtschaftswissenschaften an dieser Stelle. Anstatt das Marktmodell mit realen Daten zu füttern, um eben genau festzustellen, wo wir stehen, ergehen sich viele Wirtschafts-„Wissenschaftler“ in monokausalen Theorien. Sie argumentieren oft genauso einseitig wie die ideologiegetriebenen Parteien. Und natürlich gilt gerade in der Wirtschaft „wess‘ Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing“, so dass sich immer genügend Leute finden lassen, die ihren wissenschaftlichen Namen gegen Bares zur Verfügung stellen, um die Interessen der finanzstarken Marktakteure mit ein bisschen pseudowissenschaftlichen Geblubber zu untermauern. Dadurch wird die Debatte immer sehr stark von internationalen Großkonzernen bestimmt, deren Interessen diametreal zu den der deutschen Wirtschaftspolitik stehen. Während nämlich die internationalen Konzerne möglichst viel Kaufkraft aus ihren Standorten abziehen müssen, um diese an die Aktionäre auszuschütten, möchte der Bürger, dass möglichst viel Kaufkraft für ihn im Land bleibt. Was passiert mit Wirtschaftswissenschaftlern, die realistische Analysen betreiben? Wie es scheint, schreiben diese offen Briefe, für die sie dann in die linke Ecke gestellt werden.

Wie viele Stunden müssen wir denn nun arbeiten? Der theoretische Ansatz dazu ist: Stelle die Nachfragekurve auf. Finde dann das Marktgleichgewicht mit der größten Kaufkraftabschöpfung. Teile die dazugehörige Menge durch die Anzahl der möglichen Arbeitnehmer. Fertig ist die maximale Wochenarbeitszeit. Dieser Ansatz sichert, dass jeder gleichmäßigen Zugang zum Arbeitsmarkt hat. Scheinbar haben Leute so etwas getan und kommen auf 30 Stunden.

Jede Abweichung von diesem Ansatz führt zwangsläufig zu massiven Verteilungsproblemen. So führen zu geringe Löhne dazu, dass es breite Schichten gibt, die trotz Vollzeitarbeit an der Armutsgrenze leben. Dies ist in Deutschland zu beobachten und ein starkes Indiz dafür, dass wir uns in Punkt 3 befinden. Zu hohe Löhne führen dazu, dass es wenige sehr gut bezahlte Arbeitskräfte gibt, während große Teile der Bevölkerung keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Dies war bzw. ist in Südeuropa teilweise der Fall, wo es einerseits hochprivilegierte Arbeitnehmer gibt, andererseits aber eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Dies ist also ein Indiz, dass sich die eine oder andere Südeuropäische Volkswirtschaft in Punkt 3 befindet.

Der historische Trend zeigt übrigens ganz klar nach unten. Im 19. Jahrhundert lag die Wochenarbeitszeit bei über 80 Stunden. Seitdem ist sie bis kurz vor dem zweiten Weltkrieg auf 42 Stunden gesunken. Während des Wiederaufbaus ging man auf 50 Stunden hoch, um dann im Laufe der Zeit bis 35 Stunden zu sinken. Seit kurzem gibt es eine Trendumkehr, welche sehr stark mit der Ausbreitung neoliberaler Ideologien in Politik und Gesellschaft korreliert. Ein Schelm, der böses dabei denkt.
Zeigt der zukünftige Trend auch nach unten? In den letzten 200 Jahren haben wir ein historisch Beispielloses Wirtschaftswachstum gesehen. Jedes Jahr wurden mehr Rohstoffe zu Fertigwaren verarbeitet als im Jahr davor. Durch immer effizientere Produktionsverfahren konnte ein einzelner Arbeitnehmer immer größere Mengen von Energie und Rohstoffe zu Waren umwandeln. Jedoch sind die Ressourcen auf unserem Planeten endlich, das Wirtschaftswachstum muss zwangsläufig eines Tages zum erliegen kommen. Es werden dann einfach nicht mehr genügend große Mengen an Energie und Rohstoffen da sein, damit alle Menschen den ganzen Tag beschäftigt sind. Schon vor eine halben Jahrhundert wurde für das Jahr 2000 die 20-Stunden-Woche vorhergesagt. Der Ressourcenmangel wird uns vielleicht eines Tages dazu zwingen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “30-Stunden-Woche

  1. Schöne ausführliche Analyse der Situation.Dabei fällt mir auf,dass es offensichtlich parteipolitische Ansichtssache ist,an welcher Stelle sich die Wirtschaft befindet.Somit entwickelt jede politische Gruppe ihr eigenes Konzept,begründet und vertritt ihre Forderung für jetzt,bis zur nächsten Wahl und als Vision für die Zukunft.
    Das alles ist der derzeitige Zustand,in der sich unsere Gesellschaft befindet.
    Nun kannst du dich einer Meinung anschließen und die Partei wählen.Oder du kannst einer Partei beitreten,sie wählen und wenn du auf der Parteiliste ganz weit oben angesiedelt bist,dich wählen lassen.
    Im ersten Fall bist du passiv,wie die Mehrzahl der Herde.Die wählen und warten,dass die Partei,die sie gewählt haben,dann etwas für sie tut.z.B.die 30 Stundenwoche einführt. Wenn es mit der Wahl nicht geklappt hat,dann wählen sie in vier Jahren wieder die Partei und warten,dass die Partei etwas für sie tut.
    Wenn es mit der Wahl nicht geklappt hat,dann wählen sie in vier Jahren die gleiche Partei und hoffen,dass die Partei etwas für sie tut und die 30 Stundenwoche einführt.Und nach diesen acht Jahren man glaubt es kaum,kommt die Partei tatsächlich mit in die Regierung.Leider ist es eine Koalitionsregierung und deine Partei kann die versprochene 30 Stundenwoche nicht durchsetzen.Aber immerhin haben sie es versucht.In vier Jahren ist ja wieder eine Wahl und dann wird deine Partei vielleicht ihr Wahlversprechen einlösen und die 30 Stundenwoche einführen.Wenn es wirklich gelingen sollte,dann sind inzwischen 12 bis 14 Jahre vergangen und bei einer jährlichen Inflationsrate von vorsichtigen 2,5% ca 30 % der Kaufkraft verloren gegangen.Nun kann man auch problemlos die 30 Stundenwoche einführen,da die Preisentwicklung den vermeintlichen Vorteil,der Arbeitszeitverkürzung aufgefressen hat.Die von den Gewerkschaften zwischenzeitlich erkämpfte Erhöhung der Stundenlöhne ist sicher so bemessen,dass zumindest der Arbeitnehmer bei Einführung der 30 Stundenwoche nicht schlechter dasteht,als bei einer 38 Stundenwoche.

    Wenn du durchgehalten und meinen Kommentar bis hier hin gelesen hast,dann stelle ich nun die Kardinalfrage.
    Was hast du eigentlich dafür getan,dass es dir besser geht und du wohlhabend wirst?
    Haben nicht eigentlich andere die Karten für dich gemischt?
    Lass dich nicht von den komplizierten Mechanismen der Demokratie,der Wirtschaft und der Gesellschaft herumschupsen.Fange einfach bei dir selbst an und tue das was für dich gut ist.
    Nimm dein Leben,dein Geld,deine Gesundheit,deine Soziabilität selbst in die Hand.Bringe alles unter deine Kontrolle,lass dich nicht manipulieren und vertrösten.Fange an,dein eigenes Leben zu gestalten,denn es gibt nichts wichtigeres in deinem Leben als dich selbst.
    Der Malachit.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s