Alles so wie immer

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Teil 4: Die Freihändler

Teil 5: Aus dem eigenen Stall

Die letzten 15 Jahre sind in unserer Gesellschaft geprägt durch einen massiven Imageverlust der USA. Nach dem kalten Krieg glaubten viele, dass die „Guten“ gewonnen hätten und dass die USA ein Garant für Frieden, Sicherheit und Wohlstand wären. Und so stand nach dem 11. September die Welt (oder das, was wir dafür halten) mehr oder weniger geschlossen hinter den USA, um ihr in den Krieg gegen den Terror zu folgen. Heute ist die Situation eine andere. War für die meisten Verbündeten scheinbar nachvollziehbar, warum Afghanistan ein Land zum einmarschieren ist, so erfolgte im Irakkrieg das erste Schisma. Nachdem immer größeren Teilen der westlichen Welt klar geworden ist, dass der Regimechange in der Ukraine und das Chaos in Syrien ebenfalls ein Werk der USA sind, stellen sich immer mehr (Bürger, nicht Politiker) die Frage, ob wir als Verbündeter der USA auf der richtigen Seite stehen.

Wer ein bisschen nachbohrt stellt fest, dass das Verhalten der USA in den letzten 15 Jahren keine wirkliche Eskalation darstellt, sondern seit dem zweiten Weltkrieg dem gleichen Modus Operandi folgt, dass sie seit dieser weltweit offene und verdeckte Operationen benutzt, wann immer wirtschaftliche, politische oder ideologische Interessen auf diese Weise durchgesetzt werden können. Wir wollen in diesem Blogbeitrag noch weiter nachbohren und sehen, dass die heutige gewalttätige US-Politik nicht erst mit dem zweiten Weltkrieg begann, sondern eine nahtlose Fortsetzung der brutalen europäischen Kolonialpolitik der frühen Neuzeit ist.

Von der Gründung Jamestowns im Jahre 1607 bis zur amerikanischen Unabhängigkeit 1776 hat die britische Kolonialgemeinschaft in Nordamerika schon entscheidende Prägungen erhalten. Während Frankreich oft vergleichsweise gute Beziehung zu den Ureinwohnern Nordamerikas unterhielt, brach schon drei Jahre nach der Ankunft der englischen Siedler der erste der drei Powhatan-Kriege aus, später gefolgt von der Virginia Rebellion, die im Vertrag von 1677 mündete, in der sich die unterzeichnenden Stämme dem englischen König unterwerfen mussten, um Rechte auf Landnutzung und Waffenbesitz zu erhalten. Als die wachsenden Interessenssphären der englischen Kolonisten mit den Gebietsansprüchen ihres alten Erbfeindes, den Franzosen, zusammenstießen, folgte eine Reihe von Kriegen, die als Franzosen- und Indianerkriege bekannt sind. Bis auf kleine Ausnahmen standen die Ureinwohner dabei auf Seiten der Franzosen, welche in den meisten dieser Konflikte den Kürzeren zogen.

Territoriale Ausdehnung war also von Anfang an den Kampf gegen die Ureinwohner geknüpft, mit denen nie wirklich gute Beziehungen bestanden haben. Zwei Besonderheiten machten den Kampf zwischen Engländern und Ureinwohnern besonders brutal. Zum einen wanderten aufgrund religiöser Konflikte besonders viele Engländer in die neue Welt aus, so dass diese Kolonien eine viel größere Bevölkerung als die französischen hatten und somit viel größere Landflächen der Einheimischen beanspruchten. Zum anderen waren die Stämme Nordamerikas nicht mit den Großreichen der Inka und Azteken zu vergleichen. Die spanischen Konquistadoren mussten, hatten sie erst einmal die Armee geschlagen, lediglich die Staatsoberhäupter durch einen Statthalter ersetzen, und schon beugten sich die schutz- und führungslosen Untertanen dem neuen Herren. Die Stämme Nordamerikas hingegen waren sozial weniger stark gegliedert, hier war jeder erwachsene Mann auch Krieger. Die Kriege mit den Indianern endeten also oft genug im Genozid oder der Vertreibung.

Nach der Unabhängigkeit der englischen Kolonien und Gründung der USA setzte sich die brutale Praxis fast nahtlos fort. 1803 wurden mit dem Louisiana-Kauf mehr als zwei Millionen Quadratkilometer Land von den Franzosen erworben. Dass dort Menschen lebten, war zweitrangig. 1830 wurde der Indian-Removal-Act beschlossen, der vorsah, alle Indianer östlich des Mississippi nach Westen „umzusiedeln“. Während dieser Umsiedlungen starben Tausende von Choctaw, Muskogee, Chickasaw, Cherokee und Seminolen. Schon damals war die Presse, die von problemlosen Umsiedlungen sprach, blind für Opfer, die nicht weiß und europäischer Abstammung waren. Das letzte große Kapitel der Kriege gegen die Ureinwohner Nordamerikas waren die Kriege gegen die Sioux, die sich als militärisch auf Augenhöhe agierten, aber gegen die Hungerkampagne durch systematisches Abschlachten der Büffelherden keine Chance hatten.

Während die USA sich also „daheim“ ihr Land zusammenraubten (man erinnere sich an den Krieg gegen Mexico, in dem die USA sich ihren heutigen Südwesten eroberten), befreiten sich andere Kolonien von ihren europäischen Herren. Zwischen 1808 und 1833 erkämpften sich praktisch alle spanischen Kolonien der neuen Welt, bis auf Kuba und Puerto Rico, ihre Unabhängigkeit. 1823 wurde die Monroe-Doktrin erlassen, die besagte, dass alle Europäer, die unabhängige Gebiete in den Amerikas kolonisieren, gegen US-Interessen handeln. Damit schufen sich die USA erstmalig eine Interessenssphäre, die weit über die direkt an ihr Gebiet grenzenden Länder hinausging und nutzen erstmals „soft Power“, um als scheinbarer Garant für Freiheit aufzutreten.

Doch die Monroe-Doktrin sagte eben nichts darüber aus, ob nicht die USA sich unabhängige Gebiete wieder Untertan machen können, wie sie es 1898 taten, als auf der Seite Kubas in den Unabhängigkeitskrieg der Kubaner gegen die Spanier eingriffen. Mit der Gewissheit, die „Guten“ zu sein und als ehemalige Kolonie anderen zu helfen, für die Freiheit zu kämpfen, erklärten die USA Spanien den Krieg und schickten nicht nur Truppen nach Kuba, sondern auch auf die Philippinen und nach Guam. Doch die „Guten“ zu sein war eben nur Fassade. Nach dem Sieg über Spanien wurde Kuba zwar formal unabhängig, doch die USA drohten Kuba, es solange besetzt zu halten, bis sie einen Vertrag, das „Platt Amendment“ unterschrieben, der es den USA erlaubte, jederzeit in Kuba militärisch zu intervenieren, um die Regierung zu schützen, die Freiheit und Eigentum (der amerikanischen Investoren) garantiert. Auch die Philippinen und Guam wurden nicht frei, sondern abhängige Gebiete. Ein Jahr nachdem die USA „geholfen“ haben, das Joch der Spanier abzuschütteln, begann auf den Philippinen ein Aufstand gegen die neuen Besatzer.

Der Raub Kubas zeigt ein Muster, das sich bis heute in Varianten fortsetzt. Zunächst wird ein moralischer Grund erdacht, warum militärisch eingegriffen werden muss, um die Öffentlichkeit zu überzeugen. Damals ging es angeblich um die Freiheit Kubas, heute angeblich um Menschenrechte. Dann braucht es ein Ereignis, in dem die USA das Opfer sind, dass die Stimmung katalysiert. Bis heute ist schließlich weder geklärt, ob das Kriegsschiff „Maine“ in Havanna durch einen Unfall oder einen Anschlag sank, und ob für letzteren Fall überhaupt eine Verbindung zu Spanien besteht. Der Tonkin-Zwischenfall in Vietnam oder die Operation Northwoods-Dokumente zeigen, dass False-Flag-Operationen immer wieder durch die USA  geplant und sogar durchgeführt wurden, um Kriege der Öffentlichkeit zu verkaufen. Anschließend wird das durch das Ereignis legitimierte öffentliche Mandat überreizt: Damals wurde aus einem Einsatz in Kuba eine globale Aktion gegen die Reste des spanischen Weltreiches. Heute wird aus dem Durchsetzen einer Flugverbotszone ein uneingeschränkter Luftkrieg.

Besonders wichtig ist die Schaffung von indirekten Abhängigkeiten. Teil des amerikanischen Mythos als Freiheitsgarant ist die Tatsache, dass die USA im Gegensatz zum britischen Empire keine nennenswerten Kolonien besessen haben, sondern immer Herrschaftsstrukturen geschaffen haben, die auf den ersten Blick nach Freiheit und Demokratie aussehen. So wie das Platt Amendment von den kubanischen Volksvertretern zwangslegitimiert wurde, um es als demokratischen Willen Kubas darzustellen, achten die USA auch heute noch darauf, direkte politische Hierarchien zu vermeiden. So möchte man zwar Wahlen in Syrien, aber Assad soll doch bitte nicht antreten dürfen.

1904 ergänzte Roosevelt die Monroe-Doktrin um das „Roosevelt Corollary“, das es den USA erlaubt, in Lateinamerika militärisch einzugreifen, wenn die Länder dort „abstoßendes und miserables Fehlverhalten“ zeigen. Damit erklärten die USA die westliche Hemisphäre zu ihrem Hinterhof, in dem kein Europäer etwas zu suchen hat und in dem die USA jederzeit militärisch eingreifen können. Und das taten sie auch reichlich.

Wurde in Panama 1903, also vor dem Roosevelt Corollary, nur indirekt eingegriffen, um es von Kolumbien abzuspalten, um dort den Panamakanal zu bauen, so erfolgte wenige Jahre später bereits eine offene Besetzung Nicaraguas. Es ging unter anderem weiter mit Grenzübergriffen gegen Mexico, der Besetzung Hawaiis, der Besetzung der Dominikanischen Republik und einer Militärintervention in Chile.

Smedley D. Butler, ein hochdekorierter General schrieb in seinem Buch „War is a Racket“ über seine Einsätze:

„Ich war 33 Jahre und vier Monate in aktivem Militärdienst und während dessen verbrachte ich die meiste Zeit als Weltklasse-Schläger für Großunternehmen, für die Wall Street und die Banken. Kurz, ich war ein Gauner, ein Gangster des Kapitalismus. Ich half, Mexico und besonders Tampico 1914 für amerikanische Ölinteressen zu sichern. Ich half, Haiti und Kuba zu einem schönen Platz für die Jungs der National City Bank zu machen, um Gewinne einzufahren. Ich half bei der Plünderung eines halben Dutzends mittelamerikanischer Länder für den Vorteil der Wall Street. Ich half 1902-1912, Nicaragua für die Internationale Bank der Brown-Brüder aufzubereiten. Ich setzte 1916 die amerikanischen Zuckerinteressen in der Dominikanischen Republik durch. Ich half 1903, Honduras für die amerikanischen Obstkonzerne zurechtzurücken. In China sorgte ich 1927 dafür, dass Standard Oil ungestört seinen Weg gehen kann. Wenn ich zurückblicke, ich hätte Al Capone noch etwas lehren können. Sein Höhepunkt war es, mit seinen Gauner in drei Distrikte zu kontrollieren, ich war auf drei Kontinenten unterwegs.“

Der einzige Unterschied vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in dem seit 1607 betriebenen brutalen Spiel, sich gewaltsam Zugang zu allem zu verschaffen, was man haben möchte, bestand lediglich darin, dass die USA von einem amerikanisch-pazifischem zu einem globalen Imperium wurden. Das Spiel war das gleich wie bisher, mit den gleichen Regeln und Methoden. 1948 sagte George F. Kennan, Chefplaner im US-Außenministerium:

„Wir besitzen etwa 50 % des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6,3 % seiner Bevölkerung. Dieser Unterschied ist im Verhältnis zwischen uns und den Völkern Asiens besonders groß. In einer solchen Situation kommen wir nicht umhin, Neid und Missgunst auf uns zu lenken. Unsere eigentliche Aufgabe in der nächsten Zeit besteht darin, eine Form von Beziehungen zu finden, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten. Um das zu erreichen, werden wir auf alle Sentimentalitäten und Tagträumereien verzichten müssen; und wir werden unsere Aufmerksamkeit überall auf unsere ureigensten, nationalen Vorhaben konzentrieren müssen. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass wir uns heute den Luxus von Altruismus und Weltbeglückung leisten könnten… […] Wir sollten aufhören von vagen – und für den Fernen Osten – unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser“

Für das Imperium ist Krieg weder die „ultima ratio“, also das letzte Argument, wie es in alte Kanonen eingraviert ist, noch die „Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln“, wie Clausewitz schrieb. Krieg ist für das Imperium, das nur durch Krieg gewachsen ist, einfach nur ein „ratio“ und einfach nur „Politik“. Und das Imperium weiß, dass die Öffentlichkeit das anders sieht und dass Krieg immer mit soft Power verkauft werden muss.

Aus dem eigenen Stall

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Teil 4: Die Freihändler

Der Umzug des Imperiums von Europa und insbesondere Großbritannien in die USA ist nur dann nachvollziehbar, wenn klar ist, dass die USA und Großbritannien zwar politisch zwei verschiedene Staaten sind, wirtschaftlich, sozial und kulturell aber trotzdem so eng verwoben sind, dass sie von außen betrachtet als Einheit wahrgenommen werden können. Bevor wir näher darauf eingehen, dass nicht nur beide Länder, sondern mittlerweile der gesamte Westen, von einer gemeinsamen Elite beherrscht werden, von einem Geldadel, der die Politik in beiden Ländern bestimmt, und somit eine gemeinsame Spitze der sozialen Hierarchie bildet, wollen wir an unserem eigenen Beispiel sehen, dass ein Umzug eines imperialen Zentrums von einer Nation zur anderen historisch nicht ungewöhnlich ist.

Der deutschsprachige Kulturraum besteht zurzeit aus den drei Nationen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dies war nicht immer so, sondern im Laufe der Geschichte gab es diverse politische Gebilde, die diesen Raum politisch gliederten. Im Mittelalter gehörten alle deutschsprachigen Gebiete zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, dessen imperiales Zentrum vom 15. Jahrhundert bis zur formalen Abwicklung des Reiches 1806 in Österreich lag, weil die Habsburger in dieser Zeit den deutschen Kaiser stellten (die Schweiz wurde 1648 formal unabhängig). Es dauerte dann bis 1938, bis Österreich und Deutschland wieder einen gemeinsamen politischen Körper bildeten, diesmal mit der Reichshauptstadt Berlin und deutscher Führung. Ein weiteres historisches Beispiel einer imperialen Schwerpunktverschiebung ist Kublai Khan, der durch Marco Polo bekannte Enkel Dschingis Khans, der den Schwerpunkt des größten geographisch zusammenhängenden Imperiums aller Zeiten aus der Mongolei nach China verlegte.

Als in der frühen Neuzeit die Europäer begannen, die Welt zu unterjochen, geschah dies zunächst im Wesentlichen unter spanischer Dominanz und resultierte unter Karl V. im ersten globalen Imperium. Und auch wenn Europäer sich immer wieder militärisch bekämpft haben, so haben sie doch Jahrhunderte lang gemeinsam den Rest der Welt unterjocht und sind sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnet, dem Rest der Welt jedoch von oben herab. Mit den USA entstand eine weitere westliche Nation, die auf Augenhöhe mit den Europäern stand. Politisch, wirtschaftlich und kulturell sind die Briten und US-Amerikaner besonders eng verbandelt, bilden also innerhalb der westlichen Welt einen noch engeren Kreis, für den in Deutschland der Sammelbegriff der angelsächsischen Länder benutzt wird, um sie von anderen westlichen Nationen zu unterscheiden.

Die großen Landbesitzer, die zur Gründung der USA die Oberschicht bildeten, bekamen im Zuge der Industrialisierung Konkurrenz. Mit Bankiers und Industriellen kamen neue Typen von Kapitalbesitzern. Diese wanderten zusammen mit vielen Fachkräften, die aus den Niedriglohnländern Europas ins Hochlohnland Vereinigte Staaten flüchteten und brachten Startkapital, Geschäftsmodelle und Beziehungen mit. Dazu muss man wissen, dass es in Europa bereits eine internationale Finanzelite gab. Besonders bekannt ist die Bankiersfamilie Rothschild, die über einen österreichischen, französischen, englischen und neapolitanischen Zweig verfügte.

Betrachtet man heute die Geschichte der größten amerikanischen Bankhäuser, so lassen sich praktisch überall Wurzeln in Europa finden. Die größte Bank, JPMorgan Chase, geht unter anderem auf die Londoner George Peabody & Co zurück. Junius S. Morgan beteiligte sich an George Peabodys Londoner Bank und übernahm sie nach dessen Ruhestand und benannte sie in J.S. Morgan und Co um. Die heute zweitgrößte US-Bank ist die Bank of America, deren älteste Wurzel die Bank of Italy ist, welche von einem Sohn italienischer Einwander gegründet wurde. Die drittgrößte Bank ist die Citigroup, welche auf die 1812 gegründete City Bank of New York zurückgeht, die 1837 von dem deutschen Einwander John Jacob Astor übernommen wurde. War es in Europa sowieso üblich, dass der Hochadel eine nationenübergreifende Oberschicht bildete (so war der letzte deutsche Kaiser ein Cousin vom englischen König, den Königinnen von Spanien, Rumänien und Norwegen und der Kaiserin von Russland), so bildeten die großen Bankiersfamilien eine westliche Oberschicht, die sich über Europa und die USA erstreckten. Natürlich machten alle großen Bankhäuser internationale Geschäfte, hatten Niederlassungen in verschiedenen Ländern und auch die Vermögens- und Beziehungssicherung durch Heirat war nicht unüblich.

Allerdings waren nicht alle europäischen Nationen in der amerikanischen Oberschicht gleich stark vertreten. Der Großteil der amerikanischen Oberschicht hatte (und hat) englische Wurzeln und war sich dessen bewusst. Das Akronym WASP (white anglo-saxon protestant, also weißer angelsächischer Protestant) wird seit den 1950ern verwendet, um diesen Sachverhalt zu kennzeichnen. Das Wir-Gefühl der amerikanischen Oberschicht ist also an ein rassische, eine sprachlich-kulturelle und eine religiöse Identität geknüpft, welche in dieser Kombination nur durch die Briten und deren Nachfahren geteilt wird. Dieser Klebstoff ist auch die Vertrauensbasis der heutigen Geheimdiensttätigkeit der UKUSA-Staaten (UK, USA, Australien, Neuseeland, Kanada) untereinander.

Dazu kommt, dass lange Zeit die meisten Einwanderer in die USA von den britischen Inseln kamen, so dass neben der Elite auch die breite Masse der Bevölkerung diese Identität teilte. Die Angelsachsen selbst waren und sind sich dieser gemeinsamen Identität auch immer bewusst gewesen, so schrieb 1890 Josiah Strong, ein amerikanischer Kirchenmann (natürlich Protestant) und Autor:

„1700 hatte diese Rasse weniger als 6 Millionen Seelen. 1800 hatten sich die Angelsachsen (ich benutze diesen Begriff etwas weiter um alle englisch sprechenden Menschen zu beinhalten) auf 20,5 Millionen vermehrt und heute, im Jahre 1890, beträgt ihre Anzahl 120 Millionen.“

Unter allen Präsidenten der USA gab es bisher nur zwei, die keine WASPs waren, nämlich Kennedy, der Katholik war und Barack Obama, der nicht weiß ist (durchaus aber ein protestantischer Teil-Angelsachse, da seine Mutter englischer Abstammung ist).

Des Weiteren haben Briten und Amerikaner (und Australier etc.) bis heute eine gemeinsame Kulturgeschichte. Sie teilen Shakespeares literarisches Erbe und hören (und verstehen!) im Radio die gleiche Musik. Sie sehen die gleichen Filme und Serien (ohne Synchronisation und Untertitel) und konsumieren die gleichen Nachrichten. Es gibt eine gemeinsame Öffentlichkeit in diesem Raum, etwas, das Europa z.B. fehlt, und somit Großbritannien trotz formaler EU-Mitgliedschaft auch heute noch eng an die USA und eben nicht an Kontinentaleuropa bindet.

Auch wenn das britische Empire formal ein anderer politischer Körper war als es die USA sind, so tritt die USA doch innerhalb des gemeinsamen ethnisch, kulturellen und religiös definierten angelsächsischen Raumes das Erbe des Empires an. Sowohl das britische Empire als auch die USA sehen sich dabei als Speerspitze der europäischen Dominanz über die Welt. Die kaufmännische Oberschicht der USA, die in dieser Gesellschaft die wirtschaftlich, politisch und kulturell dominierende Macht ist, ist damit aus dem gleichen Stall wie die kaufmännische Oberschicht des Empires.

Natürlich existiert eine solche transatlantische Oberschicht noch heute. Internationale Kaufleute, die Herrscher kaufen und Kriege finanzieren können, wie die Fugger vor 500 oder die Rothschilds vor 200 Jahren, agieren aber heute viel versteckter.

Wenn sich z.B. ein Politiker mit dem Vorstandsvorsitzenden eines DAX-Konzerns trifft, so halten viele letzteren für einen Teil der Oberschicht, weil der ja Millionär ist. Tatsächlich ist ein Manager eher Teil der oberen Mittelschicht, da er immer noch ein Angestellter ist, ein Handlanger. Das wirft die Frage auf, für wen er denn arbeitet. Die nichtssagende Antwort darauf ist: für die Aktionäre. Diese wählen den Vorstand auf der Aktionärsversammlung. Schaut man, wer diese Aktionäre sind, so stößt man auf die großen Investmentgesellschaften wie State Street, Vanguard, Black Rock, Fidelity usw. Diese besitzen Aktien an praktisch allen DAX-Unternehmen, sind aber selbst auch nur Dienstleister, die das Vermögen von Milliardären (das sind Menschen, die tausend Mal so viel Geld haben wie die popeligen Manager, die selbst nur Millionäre sind) anlegen. Und diese Milliardäre, die meisten sind amerikanische WASPS, sind die transatlantische Oberschicht, die sich unsichtbar hinter einem Geflecht aus Firmen und Gesellschaften verbirgt.

So besitzt die Familie Johnson 49% von Fidelity. Fidelity wiederum verwaltet Vermögen (von den Johnsons und anderen Milliardären) in Höhe von rund 1,8 Billionen Euro, was dem Bruttoinlandsprodukt von Indien entspricht. Sortiert man die großen Investmentgesellschaften nach ihrem Einfluss, so ist Fidelity aber nur auf Platz Drei. Die Liste der weltweit 50 einflussreichsten Investitionsvehikel für Milliardäre zeigt die weltweite Dominanz der transatlantischen Oberschicht mit angelsächsischem Schwerpunkt. Von diesen Top 50 kommen 24 aus den USA, acht aus Großbritannien, fünf aus Frankreich, sieben aus sonstigen europäischen Staaten, einer aus Kanada, vier aus Japan und einer aus China. Da Japan ein enger Verbündeter der USA ist (und seit dem zweiten Weltkrieg militärisch besetzt), gibt es lediglich ein Unternehmen unter den Top 50 (das chinesische), das nicht dem Einfluss der Oberschicht der imperialen Elite steht.

Der Umzug des Imperiums von Großbritannien in die USA ist für diese imperiale Elite eigentlich egal. Es ist ihnen gleich, welche westliche Nation als Bannerträger vorangeht, um den Rest der Welt für westliche Wirtschaftsinteressen gewaltsam zu öffnen. Teilnahme am „freien“ Weltmarkt bedeutet einseitigen Zugang für westliche Konzerne, die mittlerweile alle international agieren und kaum an einen bestimmten Nationalstaat gebunden sind. Und auch für die restliche Welt ist es egal, welches nationale Emblem die Soldaten tragen, die westliche Interessen gewaltsam durchsetzen. Selbst uns, die als Konsumenten seit langem als Nutznießer von dieser Ausbeutung profitieren, ist es egal, ob Öl aus dem Nahen Osten am Weltmarkt „verfügbar“ ist, weil es aus einer britischen Kolonie oder einem mit amerikanischen Stützpunkten übersäten „freien“ Land exportiert wird. Details, Formalien und Methoden haben sich geändert, die grundlegende Konstellation westlicher Dominanz und Ausbeutung nicht

Die Freihändler

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

Teil 3: Günstlinge der Situation

Im Jahre 1845 war Großbritannien, aus Gründen die wir letztes Mal näher beleuchtet haben, die technologische Nummer Eins auf der Welt. Kein anderes Land konnte bei wesentlichen Parametern wie Stahlerzeugung, installierter Dampfmaschinenleistung oder der Länge des in Betrieb befindlichen Eisenbahnnetzes mithalten. Dies galt sowohl im Gesamtwert der Indikatoren als auch bei einer pro-Kopf-Betrachtung. Genau 100 Jahre später hingegen war die Situation eine ganz andere. Die neue Weltmacht waren die USA. Sie stellten die Hälfte der Weltwirtschaftskraft, waren die einzige Atommacht und schickten sich an, zum Hegemon der Welt zu werden.

Mit dieser Schwerpunktverschiebung von Großbritannien zu den USA, dem Umzug des Imperiums, werden sich die nächsten Blogbeiträge auseinandersetzen und beleuchten, wie der wirtschaftliche Aufstieg der USA nur gelang, weil die USA sich eben nicht an die Freihandelsideologie hielten, wie die USA ein Nachfolger „aus dem eigenen Stall“ sind, es also nicht das US-Imperium das britische Empire abgelöst, sondern der Schwerpunkt der angelsächsischen Hegemonie hat sich von Großbritannien in die USA verschoben hat, wie die moderne US-Außenpolitik eine konsequente Fortsetzung der Außenpolitik der letzten Jahrhunderte ist und wie der Aufstieg der USA zur Weltmacht in Teilen historischem Glück geschuldet war.

Einer der Gründerväter, Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA, schrieb 1791 sein Werk „Report on the Subject of Manufactures“. Dieses Buch ist im Wesentlichen eine Fortsetzung der damals üblichen merkantilistischen Wirtschaftspolitik anderer Staaten, nach der Handel kein Selbstzweck ist, sondern dem Staat zu dienen hat und demzufolge man nichts teuer kaufen muss, wenn man es selbst herstellen kann. Hamilton schlägt eine Zollwirtschaft vor, nach der Einfuhrzölle die wesentliche Einnahmequelle das Staates ein sollen, was sowohl die Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz schützt als auch die Bürger steuerlich entlastet. Man beachte dabei, dass dies eine totale Umkehr des heute üblichen Freihandels ist, in dem praktisch keine Zölle mehr vorkommen und das Steueraufkommen über Lohn- und Konsumsteuern im Wesentlichen vom Bürger direkt getragen wird. In der Zeit vor dem Sezessionskrieg machten so die Zölle oft mehr als 90% der Staatseinnahmen aus, bis ins späte 19. Jahrhundert immer noch mehr als die Hälfte. Es war also möglich, den Staat über Zölle ganz hervorragend zu finanzieren.

Viel wichtiger aber ist, dass die Zölle erst den Aufbau einer heimischen Industrie ermöglichten. Als einziges Land im 19. Jahrhundert strebte England nach Freihandel. England verfügte über Produkte, die mit leicht verfügbarer Kohle, modernen Maschinen und großen Stückzahlen billig produziert wurden. Es konnte viel mehr fertigen als der englische Markt oder seine Kolonien aufnehmen konnten und strebte nach Zugang zu anderen Märkten. Natürlich wollten andere Nationen, insbesondere Frankreich, Preußen und die USA, sich auch eine industrielle Basis schaffen. Diese ist naturgemäß im Anfangsstadium noch klein und wenig effizient, da die Stückzahlen gering sind, das Personal unerfahren ist und viele Wertschöpfungsketten vom Rohstoff bis zum ausgelieferten Produkt noch nicht eingespielt und aufeinander abgestimmt sind. Also schützten alle aufstrebenden Länder ihre Märkte durch Zölle vor der billigen britischen Konkurrenz und ermöglichten so den Aufbau einer heimischen Industrie. War diese erst einmal wettbewerbsfähig, so konnte man die Zollschranken später stückweise abbauen, um in Freihandelsabkommen neue Märkte für die heimische Industrie zu erschließen.

Aus genau diesem Grund unterwirft die westliche Welt heute die ehemaligen Kolonien der Dritten Welt dem Freihandelsdiktat. Unter einer Ideologie, die auf anekdotisch begründeten komparativen Vorteilen basiert, versucht man diese Staaten am Aufbau einer industriellen Konkurrenz zu hindern. Als Kolonien durften sie nicht produzieren, sondern nur Rohstoffe liefern und Produkte kaufen.

Die USA haben also früher dem Freihandel entsagt, um eine eigene Industrie aufzubauen und zwingen heute anderen den Freihandel auf, damit dort keine eigene Industrie entsteht.

Dabei bestand innerhalb der USA keineswegs Konsens über die Zollwirtschaft, sondern die Frage der Zölle war einer von vielen Zankäpfeln zwischen Nord- und Südstaaten. Die Südstaaten hatten kein Interesse an einer eigenen Industrie und waren als Rohstoffproduzenten auf den Zugang zu den Weltmärkten, insbesondere zur britischen Textilindustrie, angewiesen. Die Nordstaaten hingegen mussten sich vor der britischen Industrie schützen und profitierten von dem zollfreien Zugang zur Baumwolle aus dem Süden. Der Sezessionskrieg war also unter anderem auch ein Kampf der alten Eliten, der Landbesitzer, gegen die neuen Eliten, die Industriellen, und deren unterschiedlichen Bedürfnissen der staatlichen Wirtschaftspolitik.

Während die USA im Schutze ihrer Zölle zur Industriemacht wuchsen, begann England, ein weltweites Freihandelssystem zu erschaffen. Aufgrund seiner industriellen Stärke waren viele Branchen Englands, von der Kohleförderung und Textilindustrie über den Anlagenbau bis zum Schiffbau und zur Eisenbahntechnik weltweit ohne Konkurrenz. Der erste Freihandelspartner Englands war, neben den Kolonien, die wenig Wahl hatten, China. China fertigte alles, was es benötigte selbst und exportierte außerdem Waren nach Europa. Wir erinnern uns, dass China auf britische Ersuche um Handelsbeziehungen nicht einging. Das einzige britische Produkt, welches Absatz in China fand, war das Opium, nach dem die Opiumkriege benannt sind, in denen England erstmalig seine Kanonenbootpolitik anwandte. Nach ein paar militärischen Aktionen, bei denen auf jeden toten Briten rund 270 tote Chinesen kamen, unterschrieb der Kaiser einseitige „Verträge“, die es England erlaubten, Waren in China zu verkaufen.

Des Weiteren hob England seine eigenen Handelsbeschränkungen auf. Noch waren die Navigationsakten aus dem 17. Jahrhundert in Kraft, denen zufolge nur englische Schiffe englische Waren transportieren durften. Was damals in der Rolle des Schwächeren ein Schutz der heimischen Handelsschiffart besonders vor holländischer Konkurrenz war, wurde 1849, als England die größte und modernste Kriegs- und Handelsflotte der Welt besaß, nicht mehr nötig. Die Navigationsakten waren nur deshalb in Kraft, weil sie gegen den im frühen 17. Jahrhundert bestehenden Freihandel in drei Kriegen gegen die Niederländer durchgesetzt wurden. Wir sehen also schon, Freihandel hat nie etwas mit Freiheit zu tun, sondern ist immer eine Frage des Nutzens und wirtschaftliche Interaktion unterliegt oft genug militärisch erzwungenen Regeln.

Die USA lernten schnell von ihren angelsächsischen Brüdern. Sie kopierten deren Vorgehen in Japan, das im Gegensatz zum großen China ein einfacheres Opfer darstellte. Zehn Jahre nach den britisch-chinesischen Knebelverträgen fuhr Matthew Perry mit einer Kriegsflotte in die Bucht von Tokyo ein und machte deutlich, dass er diese erst wieder verließe, wenn ein Handelsvertrag zustande kam. So wurde unter Androhung von Gewalt ein Vertrag erzwungen, der den USA diverse Handelsrechte in Japan einräumte, den Japanern selbst aber keine Vorteile bot. Vier Jahre später folgte ein weiterer Vertrag, der die Importzölle für amerikanische Waren in Japan senkte, während gleichzeitig die USA weiterhin ihren eigenen Markt mit hohen Zöllen nach außen schützten.

Es gab aber auch faire Freihandelsverträge. So schlossen 1860 England und Frankreich einen Vertrag ab, der in beide Richtungen Zölle senkte, was zu einer Zunahme des Handelsvolumens in beide Richtungen führte. Dieser Vertrag ist insofern bemerkenswert, dass er zwei Länder betrifft, die sowohl militärisch als auch industriell auf einer vergleichbaren Stufe standen. Frankreich war inzwischen ebenfalls industrialisiert und konnte sich auf eine offenere Konkurrenz mit England einlassen. Dennoch zeigte sich langfristig, dass Frankreich aus diesem Vertrag keine Freihandelsgewinne ziehen konnte, und so wurde er 1892 widerrufen, um neue Zölle, die „Loi Meline“ einzuführen.

Die ideologische Rechtfertigung für den Freihandel lieferte natürlich ein Engländer, David Ricardo. Er zeigte, dass es theoretisch möglich ist, dass ein Land vom Freihandel profitierte, obwohl es in sämtlichen Wirtschaftszweigen weniger effizient produziert als sein Handelspartner, wenn es sich nur auf den Wirtschaftszweig konzentriert, bei dem es am wenigsten ineffizient produziert. Diese Argumentation unterfüttert er mit einem Zahlenbeispiel, welches bis heute jedem Studenten der Wirtschaftslehre vor die Nase gehalten wird.

Nun funktioniert Ricardos Zahlenbeispiel nur auf dem Papier, weil es Vereinfachungen trifft und Realitäten ignoriert. Eine wesentliche Annahme ist dabei, dass die technischen Fähigkeiten eines Landes als gegeben hinzunehmen sind. Er zeigt also nur, dass in seinem Modell technische Stagnation und Freihandel besser sind als technische Stagnation ohne Freihandel. Er macht keine Aussagen darüber, ob die Abschaffung der technischen Stagnation durch Entwicklung der eigenen Industrie nicht eine bessere Alternative zum Freihandel sein kann. Außerdem zwingt Ricardo dem armen Land auf, sich auf ein Produkt zu konzentrieren, so dass die gesamte Wirtschaft enorm anfällig gegen Preisschwankungen ist. Schließlich ignoriert Ricardo, dass es Transportkosten und Gewinnmargen für Händler gibt. Er verteilt die in seinem Modell entstehenden Gewinne vollständig auf beide handelnden Länder und geht somit davon aus, dass die Preisunterschiede in den Produktionskosten zwischen den Ländern nicht von den Zwischenhändlern abgeschöpft werden. Letzteres ist natürlich eine total illusorische Annahme, denn das Abschöpfen von Preisunterschieden ist der einzige Grund, warum es Zwischenhändler überhaupt gibt.

Ricardo lieferte aber die Rechtfertigung dafür, gewaltsam den Freihandel „zum Wohle aller“ in der Welt durchzusetzen. So wie es beim Freihandel fast nie um den freien Handel, sondern um die (wenn nötig gewaltsame) Ausnutzung der eigenen wirtschaftlichen Stärken ging, ging es bei der Berufung auf Ricardo fast nie um eine inhaltliche Debatte, sondern um die Rechtfertigung einer schamlosen Bereicherungspolitik. Daher hat Ricardo, der zweifellos interessante intellektuelle Anregungen für die Wirtschaftswissenschaften geliefert hat, bis heute einen bedeutenden Platz im Olymp der neoliberalen Theologie.

So wurde der Freihandel auch in den USA lange skeptisch beäugt. Insbesondere die Tatsache, dass ungehemmte internationale Konkurrenz auf die Löhne drückt, war damals ein Argument gegen den Freihandel. Im 19. Jahrhundert wuchs die US-Wirtschaft durch eine positive Wechselwirkung aus Löhnen und Nachfrage, indem hohe Löhne eine hohe Nachfrage generierte, die in hohen Gewinnen resultierte, die hohe Löhne ermöglichten. Ein fehlender Schutz aus Zöllen würde, so die Auffassung, diesen Kreis zerstören, indem der Wohlstand zu billigerer Arbeit, Rohstoffen oder Produkten im Ausland flösse. So wie heute Freihandel und Lohndrückerei Teil der Lebenswirklichkeit sind, waren deren Gegenteile, hohe Löhne und Schutzzölle, damals Teil der Lebenswirklichkeit. 1892 sagte William McKinley, ein späterer Präsident der USA, bei einer Rede in Boston:

„Im Freihandel ist der Händler der Meister und der Produzent der Sklave. Protektion ist das Gesetz der Natur, das Gesetz des Selbsterhaltes, der Eigenentwicklung, der Sicherung des höchsten und besten Schicksals des Menschengeschlechtes. Es wird gesagt, Protektion wäre unmoralisch … Warum, wenn es 63 Millionen [die US-Bevölkerung] aufbaut und erhebt, dann wird der Einfluss der 63 Millionen die Welt erheben. Nun, Sie sagen: „Kauft, wo es am günstigsten ist“ … Dies gilt aber für Arbeit genauso wie für alles andere. Lassen Sie mich eine Maxime ausrufen, die tausend Mal besser ist als jene, die Protektionsmaxime: „Kauft, wo ihr am einfachsten zahlen könnt!“ Und dieser Platz auf der Welt ist dort, wo Arbeit ihre höchste Vergütung erfährt. “

Es ist heute kaum zu glauben, dass McKinley Republikaner war.

Günstlinge der Situation

Teil 1: Das Erbe der Fugger

Teil 2: Die neuen Herren

In den letzten beiden Beiträgen haben wir gesehen, wie in der frühen Neuzeit die Kaufleute die dominierende soziale Schicht der westlichen Welt wurden und wie diese sich trotz Demokratisierung  einen überproportionalen Einfluss auf die heimische Politik sichergestellt haben. In diesem Beitrag werden wir sehen, wie historisches Glück die westliche Welt – und damit ihre Eliten – an die Spitze der globalen Machtpyramide katapultierten.

Die europäische Vorherrschaft über die Welt war um 1800 herum alles andere als sicher. Der einzige Kontinent, der unter den Europäern aufgeteilt war, waren die Amerikas, in denen seit 1492 der vielleicht größte Völkermord der Weltgeschichte stattgefunden hat. Doch die europäische Herrschaft wankte. In Nordamerika waren die USA bereits unabhängig, in Südamerika sollten in den nächsten Jahren fast alle Staaten folgen. Afrika und Asien waren zu den größten Teilen noch frei und unabhängig, die europäische Machtentfaltung erstreckte sich dort auf vergleichsweise kleine Gebiete an den Küsten.

Einer der Mythen der Europäisierung der Welt ist der, dass die Europäer von Anfang an durch Feuerwaffen überlegen waren. Tatsächlich setzten sich Feuerwaffen in Europa anfangs nicht durch ihre überlegene Feuerkraft durch, sondern durch ihre einfache Bedienbarkeit, die es ermöglichte, ungeübte Soldaten in kurzer Zeit zu mobilisieren. Noch im 30-jährigen Krieg (1618-1648), die Amerikas waren längst entvölkert, war der wichtigste Fußsoldat der Pikenier, der die Basis für den phalanxähnlichen Gevierthaufen bildete. Auch waren frühe Feuerwaffen keine so komplexe Technologie, dass sie nicht einfach zu kopieren waren. So brachten die Portugiesen 1543 die ersten Luntenschlossgewehre nach Japan. Die Japaner, die neben einer vergleichsweisen kleinen Samuraikaste über keine großen professionellen Heere verfügten, waren von der einfach zu bedienenden Waffe begeistert und produzierten sie in großen Mengen nach. Bei der japanischen Invasion Koreas 1592 war bereits jeder Vierte der 160.000 Soldaten ein Musketier.

Auch in anderen Bereichen war Europa nicht unbedingt führend. 1793 wurde Lord Macartney vom englischen König nach China geschickt. Am Hofe von Kaiser Qianlong wurde die Qualität seiner Geschenke ausgiebig begutachtet, bis der Kaiser sich zu folgender Antwort entschied: „Unser himmlisches Reich besitzt einen Überschuss an allem und hat keinen Mangel innerhalb seiner Grenzen.  Daher gibt es keinen Bedarf, die Erzeugnisse ausländischer Barbaren im Austausch für unsere eigenen Güter zu importieren“. Warum auch sollten die Chinesen seidene Gewänder gegen kratzende Wollsocken tauschen.

Es war um 1800 also keineswegs ausgemacht, dass ausgerechnet die zerstrittenen europäischen Mächte sich in den nächsten hundert Jahren zur absoluten Vorherrschaft über die Welt aufschwingen sollten. Erst recht war nicht abzusehen, dass unter allen europäischen Ländern das kleine England das mächtigste aller Imperien schaffen sollte. Doch das Glück kam den Briten zu Hilfe.

Jahrtausende lang waren die einzigen Energiequellen der Wirtschaft die Muskelkraft von Mensch und Tier für mechanische Arbeit und Brennholz als Wärmequelle. Im Mittelalter wurden dann Wind- und Wasserkraft erschlossen, um Mühlen, Schmiedehämmer, Pumpen und andere Werke anzutreiben.

Bereits im 18. Jahrhundert war der Anteil der Wälder an der Fläche Britanniens auf rund 7% geschrumpft (zum Vergleich: Deutschland hat heute ca. 32%). Holz als Bau- und Brennstoff musste für viel Geld aus Kontinentaleuropa importiert werden, so dass man frühzeitig anfing, die vor Ort verfügbare Steinkohle zu verbrennen. Aufgrund des Schwefelgehaltes sorgten Steinkohlefeuer jedoch im Hausgebrauch für eine enorme Geruchsbelastung. Des Weiteren war es wegen des Schwefels nicht möglich, Steinkohle für die Eisenverhüttung zu benutzen, die seinerzeit noch auf Holzkohle angewiesen war.

Als man die Steinkohlegruben immer tiefer grub, begannen diese, mit Grundwasser vollzulaufen. In Mitteleuropa (z.B. im Harz) war es üblich, Gruben mit von Wasserkraft getriebenen Kunstgestängen zu entwässern. Doch England war nicht nur arm an Holz sondern auch arm an Wasserkraft. Über Generationen von Tüftlern wurde im Laufe des 18. Jahrhundert daher eine Apparatur entwickelt, die mit Hilfe von Kohle Gruben entwässert – die Dampfmaschine. Eine weitere zunächst unscheinbare Entwicklung des 18. Jahrhundert war die Verkokung der Steinkohle. Mit diesem Prozess wurde die Steinkohle entschwefelt, was eine Verhüttung von Eisen mit Stein- statt Holzkohle ermöglichte.

England verfüge um 1800 also über ein Technologiepaket, dass es ermöglichte, mechanische Leistung für den Antrieb von Maschinen und Fahrzeugen in bisher ungeahnter Größe zu erzeugen und gleichzeitig konnte Eisen als Werkstoff für Maschinen, Gebäudeteile, Waffen und Fahrzeuge in Mengen erzeugt werden, die alles dagewesene übertrafen. Während Kontinentaleuropa in den napoleonischen Kriegen versank, legte England die Grundsteine seiner industriellen Revolution.

Natürlich kopierten die anderen europäischen Mächte und auch die USA und Japan im Laufe des 19. Jahrhunderts diese Technologien, doch Englands Startvorsprung sicherte ihm sein Empire. Hundert Jahre später, um 1900 herum, herrschte Queen Victoria über jeden vierten Bürger und jeden fünften Quadratmeter der Erde. Erst durch die industrielle Revolution bekam die westliche Welt einen technologischen Vorsprung, der sie über alle anderen Völker der Welt erhob. Gepanzerte Schiffe aus Stahl, die ohne Segel und Ruder die Wellen durchpflügten und Granaten verschossen, die mit industriell hergestellten Sprengstoffen gefüllt waren, konnten jederzeit an allen Küsten und Flüssen dieser Welt für Angst und Schrecken sorgen, während sie selbst praktisch unverwundbar waren. Mit der Kanonenbootpolitik bekam diese Art der Machtausübung sogar einen eigenen Namen. Erst diese neue Qualität von Waffen ermöglichte eine gottgleiche Übermacht, die mit den Luntenschlossgewehren der frühen Neuzeit nicht zu erreichen war.

Die industrielle Revolution, entstanden aus einer Not des Mangels, sicherte dem Westen eine Machtfülle, von der er bis heute zehrt. Nach M. Mann gibt es vier Formen der Macht: politische Macht, ideologische Macht, wirtschaftliche Macht und militärische Macht. Die Produktivitätsgewinne und technologischen Fähigkeitssprünge der industriellen Revolution wurden genutzt, um in allen vier Bereichen eine westliche Vorherrschaft zu erreichen.

Zunächst erlaubte die industrielle Erzeugung von Waren aufgrund des Preises und der Qualität eine Verdrängung von nichtindustrialisierten Konkurrenten auf den Märkten. So waren die Weber, die 1844 in Schlesien den Aufstand probten, nur deshalb so hoffnungslos verarmt, weil sie versuchten, mit bloßer Hand gegen die Maschinen Britanniens anzuweben.

Die wirtschaftliche Macht ließ sich in militärische Macht umsetzen. Kriegsgerät konnte in bisher nicht dagewesenem Maße in großer Stückzahl mit enormer Mobilität und Feuerkraft gebaut werden. Plötzlich erhielten die Europäer eine nie dagewesene Überlegenheit, wie etwa bei der Schlacht von Rorke’s Drift (1879), als eine Hand voll Briten eine Übermacht von tausenden von Zulukriegern zusammenschossen.

Die offensichtliche wirtschaftliche und militärische Überlegenheit des Westens begründete seine ideologische Macht. Die Idee des Fortschrittes wurde geboren und die Idee, dass der Westen weiter sei als andere Länder und diese seinem Beispiel folgen müssen. Diese ideologische Macht begründet einerseits brutales militärisches Eingreifen in bis dahin souveräne Länder, da der westliche Eingriff ja den Fortschritt bringt und nur zum Besten der unterentwickelten Völker stattfindet. Andererseits ermöglicht diese Ideologie auch die Beherrschung der unterjochten Völker, da die westliche Überlegenheit zumindest militärisch augenscheinlich war und die Idee des westlich geführten Fortschrittes einen scheinbaren Ausweg aus der Misere bot. Der Nichtwestler musste nur so werden wie der Westler, wenn er wieder unabhängig werden möchte. So bindet die Fortschrittsideologie fremde Kulturen an das scheinbar überlegene westliche Lebensmodell, die ihre Unterdrücker kopieren müssen, um frei zu sein. Hand in Hand mit der Fortschrittsideologie wuchs sein Zwillingsbruder, die Wachstumsideologie.

Im Zuge der Kolonisierung der Welt erfolgte schließlich die Umsetzung in politische Macht. Durch wirtschaftliche und militärische Zwänge wurden Länder und Völker, legitimiert durch den so gebrachten Fortschritt, in Kolonien verwandelt und somit zu formal abhängigen Gebieten, in denen die Kolonialmächte über Recht und Gesetz bestimmten.

Politische und militärische Macht wurde wieder in wirtschaftliche Macht umgewandelt. Mit dem Zwang, Hütten- oder Kopfsteuern zu bezahlen, wurde besonders in Afrika die sich selbst versorgende Landbevölkerung in dazu gezwungen, sich als Arbeitskräfte zu verkaufen. Kolonien hatten billige Arbeitskräfte und Rohstoffe zu liefern und teure fertige Produkte abzunehmen. Schließlich wurde die wirtschaftliche Macht benutzt, um die technische Entwicklung voranzutreiben und so die technische Vormachtstellung zu zementieren, die zur Beherrschung der Welt nötig war.

Den Kaufleuten als Elite des Westens fiel somit im 19. Jahrhundert die Welt in den Schoß, ohne dass sie viel dafür tun mussten. Das Glück der Geschichte schenkte ihnen ein Technologiepaket, dass sie so überlegen machten, dass sie den Handel der Welt nach ihrem Gusto gestalten konnten. Ein sich gegenseitig verstärkendes Geflecht aus militärischer, ideologischer politischer und wirtschaftlicher Macht sicherte ihre Dominanz. Bis heute versuchen die Völker der Welt, sich aus diesem Gewebe zu befreien.

Die neuen Herren

Im 17. Jahrhundert verschiebt sich der politisch-ökonomische Schwerpunkt Europas. Zu dessen Beginn herrschte das Haus Habsburg nicht nur über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und damit über das wirtschaftliche Herz Europas, sondern auch über die Weltmacht Spanien mit ihrem gigantischen Kolonialbesitz in der Neuen Welt. Am Ende des Jahrhunderts stehen die beiden Mächte England und Frankreich als neue rivalisierende Kolonialmächte, die die Welt unter sich aufteilen. Nichts illustriert dies besser als der 1701 beginnende Erbfolgekrieg, in dem England und Frankreich um den verwaisten spanischen Thron kämpfen. Auch der wirtschaftliche Schwerpunkt Europas verschiebt sich. Während Spanien sich auf die Edelmetallflüsse aus der neuen Welt verlassen hat und im Zuge dessen keinen nennenswerten wirtschaftlichen Strukturen etablieren konnte, wird Mitteleuropa, die Heimat der Fugger, vom 30-jährigen Krieg verwüstet.

Während das Geschäft der Fugger bergab ging – 1607 stellte die noch immer verschuldete spanische Krone ihre Zahlungen ein – nutzten die Fugger ihre Macht, um vermehrt öffentliche Ämter zu besetzen. Graf Leopold Fugger – mittlerweile war man in den Adelsstand aufgestiegen – löste 1657 schließlich die Firma auf. Sieben Jahre später erobern die Briten Nieuw Amsterdam – das heutige New York – von den Niederländern. Im gleichen Jahr beginnt die Französische Westindien-Kompanie mit der Ausbeutung von Guadelupe und Martinique. Es sollte noch über ein Jahrhundert dauern, bis die amerikanische Unabhängigkeit und die französische Revolution den Aufstieg der Kaufleute an die Spitze der Gesellschaft vollenden.

Auch wenn die Niederlande bereits seit 1581 eine Republik waren, die von einer Versammlung von Volksvertretern regiert wurde, so war es doch die junge amerikanische Nation, die sich 1787 eine konstitutionelle Ordnung gab, die frei von feudalen Relikten war. Die Vereinigten Staaten sind der erste im westlichen Sinne moderne Staat. Ihre Konstitution zeigte, wie sich die bürgerliche Oberschicht der neuen Welt einen Wunschstaat zusammenstellte, der ihre Rolle als neue gesellschaftlich dominierende Bevölkerungsgruppe zementierte.

Die neue Ordnung musste zwei wesentliche Aufgaben erfüllen. Sie musste zunächst alle Relikte der feudalen Welt beseitigen. Stand in Europa formal der Adel über den Kaufleuten, so musste dafür gesorgt werden, dass dies nie wieder der Fall ist. Des Weiteren musste dafür gesorgt werden, dass die bestehende soziale Vormachtstellung der Kaufleute erhalten bleibt. So modern die Verfassung der USA in vielerlei Hinsicht auch scheinen mag, sie muss mit den Augen derjenigen gelesen werden, die sie geschrieben haben. So wird implizit davon ausgegangen, dass alle von der Verfassung betroffenen Personen männlich und weiß sind. Zwar gibt es keine feudalen Stände mehr, dennoch sind Frauen Menschen zweiter Klasse und Sklaven Eigentum ihrer Herren. Es ging nicht darum, alle Menschen gleichzustellen, sondern es ging darum, keine Klassen über sich zu dulden. Es gab zwar in den britischen Kolonien selbst keine feudalen Strukturen, sondern nur Freie Bürger (und Sklaven). Allerdings waren die freien Bürger der Kolonien Bürger zweiter Klasse, da die Bürger des englischen Mutterlandes im Unterhaus vertreten waren, die Kolonisten hingegen nicht.

Es gab aber in den Kolonien nicht den Bedarf, Menschenrechte explizit zu formulieren, da niemand von feudalen Pflichten befreit werden musste. Stattdessen ging es von Anfang an um politische Mitsprache, so dass die amerikanische Konstitution in ihrer Grundform zwar den Staatsaufbau beschreibt, aber keine Menschenrechte.

Als nach der Erringung der Unabhängigkeit über eine gemeinsame Verfassung diskutiert wurde, diskutierte die Oberschicht der Neuen Welt offen über die Form und Art der neuen Regierung. Glücklicherweise hat Hon Robert Yates diese Debatte jenseits der offiziellen Dokumente ausgiebig protokolliert, so dass wir auch heute noch nachvollziehen können, wer was zu welchem Thema geäußert hat. So wurde auch diskutiert, ob der neue Staat überhaupt eine Republik sein sollte.

Einer der Teilnehmer der Verfassungskonvention, James Madison, der später der vierte Präsident der USA werden sollte, sagte dazu:

Wir werden nun festlegen, ob die Republik die Basis unserer Regierungsform werden soll. – Ich gebe zu, dass hinter den Einwänden der Herren aus South Carolina einiges Gewicht steckt, aber kein Plan kann ohne jede Einwände sein. […] Demokratische Gemeinschaften können unstetig sein, und von der Hitze des Augenblickes zu Handlungen verführt werden. […] Der Mann, der Reichtum besitzt, der auf seinem Sofa liegt und in seinem Wagen fährt, kann die Bedürfnisse und Gefühle des Tagelöhners nicht beurteilen. […]Die Interessen der Landeigentümer sind, gegenwärtig, bestimmend. Aber wenn die Zeit voranschreitet […], wenn die Zahl der Landeigentümer vergleichsweise gering ist, […] werden ihre Interessen nicht überstimmt in zukünftigen Wahlen […]? Wenn in England heute Wahlen offen für alle Klassen wären, wäre der Besitz der Landeigentümer nicht sicher. Landverteilungsgesetze wären die Folge. Wenn diese Annahme stimmt, muss unsere Regierung dauerhaft die Interessen des Landes gegen Innovationen schützen. Landbesitzer müssen ihren Anteil an der Regierung haben, um diese unbezahlbaren Interessen zu sichern und die der anderen in Schach zu halten. Sie sollte so verfasst sein, dass sie die Minderheit der Wohlhabenden gegen die Mehrheit schützt. Der Senat soll daher das Organ sein, das diesem Zweck dient und für Dauerhaftigkeit und Stabilität sorgt.

Hier wird klar, welchem Zweck die westliche repräsentative Demokratie dient. Das Abstimmen von Volksvertretern anstelle des Volkes ist ein sozialer Filter, der dafür sorgt, dass die Begüterten ihre Interessen durchsetzen können. Dem einfachen Bürger wird in einer Wahlshow suggeriert, er könne die Geschicke des Landes lenken, dabei bestimmt er nur, welcher Teil der herrschenden Eliten in seinem Namen ihre eigenen Interessen gegen ihn durchsetzen. Wir glauben es gäbe zur repräsentativen Demokratie keine Alternativen, aber man kann Entscheidungen auch in Volksabstimmungen treffen oder aber das Parlament losen statt es zu wählen, was zu einer deutlich repräsentativeren Zusammensetzung des Parlaments führen würde. Sicher hat all dies ein für und wider, aber unsere Demokratie wurde geschaffen, damit die neue Oberschicht, der „Geldadel“ ihre gesellschaftliche Vorherrschaft behält.

Ein weiterer Teilnehmer der Verfassungskonvention war Alexander Hamilton, der heute den 10-Dollar-Schein ziert. Auch er äußerte sich zutiefst skeptisch über eine echte Demokratie:

Alle Gesellschaften unterteilen sich in die wenigen und die vielen. Die ersten sind reich und wohlgeboren, die anderen sind die Masse des Volkes. Die Stimme Volkes, wird gesagt, sei die Stimme Gottes. Und egal wie oft diese Maxime zitiert und geglaubt wird, sie ist schlicht nicht wahr. Die Leute sind launisch und wechselhaft, sie richten und entscheiden selten richtig. Gebt daher der ersten Klasse einen eigenen, permanenten Anteil an der Regierung. Sie wird die Wechselhaftigkeit der der zweiten Klasse ausgleichend und diese wird, da sie durch einen Wechsel keine Veränderung herbeiführen kann, dauerhaft ein gutes Regieren fortsetzen.

Der zweite Mechanismus neben der Repräsentation zur Wahrung des Einflusses der Oberschicht ist die Einführung einer zweiten Kammer. In England das House of Lords, in den Vereinigten Staaten der Senat, in Deutschland der Bundesrat. Zwar sorgt ein repräsentatives Wahlrecht dafür, dass nicht zu viele einfache Menschen im Parlament sitzen, trotzdem kann ein Politiker, der nicht nach den Regeln der Eliten spielt sich bei Wahlen eine Mehrheit verschaffen, indem er dem Willen der Wähler folgt, was im Allgemeinen als Demagogie verschrien ist. Um dieser Gefahr vorzubeugen, wird der Parlamentskammer, die rechtmäßig gewählt wird, einer zweite Kammer zur Seite gestellt, deren Mitglieder nicht gewählt werden. Bei der Betrachtung des (west-)deutschen Grundgesetzes darf nicht vergessen werden, dass die Westmächte ein politisches System nach ihrem eigenen Vorbild formten. Der Bundesrat ist mitnichten das Erbe föderaler Strukturen aus der deutschen Geschichte, sondern eine an lokale Gegebenheiten angepasste Kopie des amerikanischen Senates. Hier kann die politische Elite ihre Mitglieder selbst einsetzen. Sollte tatsächlich einmal eine Bundestagswahl eine Regierung an die Macht bringen, die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen gegen die herrschenden Machtverhältnisse vornehmen möchte, so wird der Bundesrat dies blockieren. Die regelmäßige Handlungsunfähigkeit westlicher demokratischer Regierungen ist keine Fehler im System, sondern eine elementare Funktion des Systems.

Nicht zu unterschätzen an der Aussage Hamiltons ist der Gebrauch des Begriffes der Klasse. Dieser wurde keineswegs von Marx und Engels erfunden. Marx und Engels übernahmen den Begriff, der im angelsächsischen Raum längst unter Gesellschaftsphilosophen etabliert war (durch Thomas Smith, Adam Ferguson, John Milar, Adam Smith, …). Die Klasse (Englisch class) ist dabei ein neuer Begriff, der sich bewusst vom feudalen Begriff des Standes (englisch estate) abgrenzt. Die Intention dahinter ist klar. Man möchte mit der feudalen Ordnung brechen, in der die Kaufleute zum dritten Stand gehörten, möchte sich aber weiterhin klar von den Besitzlosen abgrenzen. Die Klasse ist also keine Erfindung der kommunistischen Ideologiegeschichte, sondern sie ist eine Erfindung der kapitalistischen Oberschicht. Als sich die Kaufleute und bürgerlichen Landbesitzer einseitig an die Spitze einer von ihnen erfunden Gesellschaftsordnung gestellt haben, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Marx oder Engels die andere Seite dieser Ordnung beleuchten. Die Brille, mit der Marx und Engels dabei in die Geschichte geblickt haben, nämlich unter dem Aspekt des Konfliktes der Besitzenden und der nicht Besitzenden, ist dabei kein eigene Erfindung, sondern die Brille der neuen Oberschicht der westlichen Welt. Es ist der Blick, mit dem die Habenden die Welt sehen, in der permanenten Angst, die Habenichts könnten eine faire Aufteilung der Güter einfordern.

Klassenkampf ist ein Vorwurf, den in den USA der Geldadel gegen jeden erhebt, der eine gerechtere Aufteilung des Wohlstandes fordert. In diesem Vorwurf ist der Vorwurf enthalten, Kommunist zu sein, weil wir – auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges – glauben gemacht wurden, Klassenkampf sei eine Erfindung von Marx und Engels. Die Wahrheit über den Klassenkampf hat Warren Buffet, einer der reichsten Männer der USA, auf den Punkt gebracht:

„Es herrscht Klassenkampf. Meine Klasse ist dabei, ihn zu gewinnen.“

Dennoch ist dieses Thema ein Tabu, denn die Herrschaft der neuen Herren legitimiert sich, neben dem regelmäßigen Aufführen von Walshows, dadurch, dass der Pöbel weiterhin glaubt, es gäbe eben keine Klassen und Besitz, Einfluss und Macht wären das Produkt persönlicher Leistung und für jeden erreichbar.

Das Erbe der Fugger

Karl V. war seinerzeit der mächtigste Mann Europas. Zu seinem Herrschaftsbereich gehörten neben seiner spanischen Heimat auch die Niederlande, Belgien, Sizilien, Sardinien und der südliche Teil des italienischen Stiefels. Außerdem erbte er das Habsburgerreich, bestehend aus Österreich, Böhmen und Ungarn. In Übersee herrschte er über den Großteil der Neuen Welt und die Philippinen. Als 1519 die Wahl zum deutschen Kaiser anstand – einer der wichtigsten Titel, die Karl noch fehlten – benötigte er 852.000 Gulden, um die wahlberechtigten Fürsten zu schmieren. So viel Geld hatte er nicht, also musste er es sich leihen. Den größten Teil dieser Summe lieh er sich bei den damals wohlhabendsten Unternehmern Europas – den Fuggern.

Dieser Deal illustriert in vielerlei Hinsicht die wirtschaftlichen Umwälzungen die am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit stattfanden. Die mittelalterliche Gesellschaft war agrarisch geprägt. Die wesentliche Wertschöpfung fand in der Landwirtschaft statt und war relativ nachhaltig. Die Gesellschaft unterlag einer klaren feudalen Hierarchie, deren zugrunde liegender „Gesellschaftsvertrag“ Schutz gegen Steuern lauteten, wobei letztere oft in Form von Naturalien und Dienstleistungen (Fron) geleistet wurde. Natürlich hatte der Adel Privilegien, musste aber im Gegensatz zu den Bauern im Krieg seinen Kopf hinhalten. Berühmt ist die Schlacht von Azincout, bei der auf französischer Seite weit über 1500 Adelige und Ritter starben, darunter drei Herzöge.

Die Fugger waren weder Adelige noch Bauern, sie repräsentierten einen neuen sozialen Typus, der formal in der feudalen Hierarchie ganz unten stand, weil sie weder adelig waren noch klerikale Ämter besetzten. Aufgrund ihres enormen durch kaufmännische Aktivitäten erworbenen Reichtums hoben sie sich jedoch deutlich von den Bauern und Handwerkern ab, die den Großteil des dritten Standes bildeten. Da der wesentliche Teil der europäischen Wertschöpfung zum Ende des Mittelalters immer noch fest in feudale Strukturen eingebettet oder aber in kirchlicher Hand war, besetzten die Kaufleute zunächst Nischen. Wesentlich war dabei einerseits der Fernhandel zur See, der im Norden den Hansestädten und im Süden Stadtstaaten wie Genua und Venedig Wohlstand brachte. Im Binnenland wurde andererseits besonders der Bergbau (auch hier waren die Fugger aktiv) zu einer wichtigen Einnahmequelle. Zu erwähnen ist dabei der Abbau der deutschen Silbervorkommen, der zu erheblicher Wohlstandskonzentration führte. Dass sich Karl V., der mächtigste Adelige Europas, bei einem einfachen Bürger Geld leihen muss, weil dieser Bürger über größere finanzielle Mittel verfügte, illustriert, wie die Kaufleute dem Adel als mächtigste soziale Gruppe den Rang abliefen.

Viele Bergwerke waren zum Ende des Mittelalters erschöpft, so dass sich die europäischen Kaufleute nach anderen Einnahmequellen umsehen mussten. Hier zeichnet sich bereits der Wandel von einer nachhaltigen Wirtschaft zur kurzfristigen auf reinen Profit orientierten Wirtschaft ab. Glücklicherweise eröffnete die Entdeckung der Neuen Welt 1492 und des Seeweges nach Indien 1498 neue ungeahnte Geschäftsfelder. Die Kolonisierung der Welt durch Europa ist nicht zu trennen vom Aufstieg der europäischen Kaufleute und der weltweiten Etablierung des Kapitalismus westlicher Prägung.

Schon Kolumbus erste Reise wurde von Kaufleuten mitfinanziert. Sieben Wochen nachdem Karl V. sich mit dem Geld der Fugger zum Kaiser wählen ließ, brach in Mexico Hernan Cortez mit 500 Spießgesellen auf, um zur Aztekenhauptstadt Tenochtitlan zu marschieren. Diese Expedition hat Cortez praktisch ausschließlich über geliehenes Geld finanziert. Die Angst vor den Gläubigern zwang Cortez zu einer enormen Rücksichtslosigkeit. Die Gläubiger selbst blieben in Europa und bekamen eine satte Dividende, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Ein halbes Jahrhundert nach Cortez Feldzug war die Bevölkerung Mexikos durch die spanische Besatzung und durch die von Cortez und seine Nachfolgern eingeschleppten Krankheiten von 25 Mio. auf 2,5 Mio. Einwohnern gefallen (im Vergleich dazu starben im ersten Weltkrieg rund 10 Mio. Soldaten).

In der neuen Welt bildeten die Kaufleute, die sich dort ansiedelten, nachdem die schmutzige Eroberungsarbeit getan war, die neue Oberschicht. Das Feudalsystem war streng an sein Land und Besitztümer gebunden und viel zu unflexibel, um sich in die Neue Welt auszubreiten. Der „Adel“ der Neuen Welt waren die Plantagenbesitzer. Während feudaler Landbesitz relativ autark war, waren Plantagen von Anfang an in die entstehende globale Wirtschaft eingebunden. Die Arbeitskräfte kamen unfreiwillig aus Afrika, die Produkte gingen nach Europa.

Ein anderes Kind der frühen Neuzeit, das unsere Wirtschaft bis heute prägt, ist die Aktiengesellschaft. Schon im Mittelalter bündelten Kaufleute ihre Investitionen, um das kapitalintensive Bergbaugeschäft zu betreiben. Als die Kolonisationsbranche wuchs, war es natürlich naheliegend, hier ebenfalls Investitionen zu bündeln. 1602 gründeten niederländische Unternehmer die Niederländische Ostindien-Kompanie, die oft als erste moderne Aktiengesellschaft bezeichnet wird.

Um moderne Aktiengesellschaften zu verstehen, muss man sich deren Geschichte ansehen. Die Ostindienkompanie tat alles, was nötig war, um ihren Investoren Gewinne zu erwirtschaften. Dabei ging es von Anfang an nicht darum, mit friedlichem Handel Produkte von einem Ort zum anderen zu karren und dabei die Preisunterschiede in Gewinn umzuwandeln. Es ging darum, jede erdenkliche Maßnahme zu ergreifen, um sich Gewinn zu verschaffen. Aktiengesellschaften waren nie ehrbare Kaufleute.

Mit dem Startkapital von 17 Kaufleuten rüstete die Niederländische Ostindien-Kompanie als erstes eine Flotte von 12 Schiffen aus, die schwer bewaffnet waren und 1603 in See stachen. 1605 eroberte die Streitmacht das portugiesische Fort Victoria auf den Molukken. Dies ist kein Einzelfall. Der Einsatz von militärischer Gewalt für die Durchsetzung von Monopolen und Handelsinteressen war damals bei vielen Aktiengesellschaften in den Kolonien üblich. Es verdeutlicht, wieweit Organisationen, die nur der Gewinnausschüttung verpflichtet sind, gehen, wenn man sie lässt.

Noch weiter ging die britische Ostindien-Kompanie. Sie machte das komplette Kolonialgeschäft zu ihrem Erwerbszweig. Sie erwarb in Indien Territorien, baute Festungen, führte Kriege, schloss Frieden und übte die zivile und die Strafgerichtsbarkeit in Indien aus. Es war die vollständige Privatisierung der Kolonialwirtschaft und Kolonialverwaltung in einem Unternehmen – das perfekte Monopol. Auch in Westindien waren die Aktiengesellschaften nicht zimperlich. Die Niederländische Westindien-Kompanie hatte im Laufe ihres Bestehens allein für den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika fast vierhundert Schiffe in Betrieb, die „human resources“ zu den Plantagen der Neuen Welt brachten.

Ein anders Phänomen, das sich in der frühen Neuzeit bereits ankündigte, ist die enorme Fehlallokation von Ressourcen, zu der Märkte fähig sind. Da die damals gängigen Zahlungsmittel Edelmetallmünzen waren, war der Beschaffung von Edelmetall einer der Kernwirtschaftszweige der spanischen Kolonien. Unter Karls Herrschaft wurde 1545 im heutigen Bolivien die Bergbaustadt Potosi gegründet, schließlich hatte er ja noch Schulden bei den Fuggern zu tilgen. Gelegen in einer unwirtlichen Hochebene, die weder Nahrung, noch Baustoffe oder Brennstoffe liefert, wuchs Potosi bald zu einer der größten Städte der Welt heran. Die allermeisten der weit über 100.000 Einwohner waren damit beschäftigt, alle zum Leben benötigten Güter heranzuschaffen. Die Stadt verschlang enorme Unterhaltungskosten, produzierte jedoch kaum nutzbare Waren- oder Dienstleistungen. Aber Silber. Potosi war die ergiebigste Mine der Welt und dass jährlich tausende neue Arbeiter benötigt wurden, weil die harte Arbeit in den Minen so viele Menschen dahinraffte, war eine bloße wirtschaftliche Randbedingung. Genützt hat es eigentlich nichts. Die Verschiffung von Unmengen von Silber aus der Neuen Welt führte in Europa zu einer Inflation. Die Preise, über Jahrhunderte relativ stabil, erhöhten sich in Europa um das drei- bis vierfache. So hat sich zwar Spaniens Anteil am Europäischen Warenkuchen erhöht, aber insgesamt wurde kein Mehrwert geschaffen und der spanische Wohlstand wurde durch indianisches Blut und Preissteigerungen für alle anderen Europäer bezahlt. Potosi hat nie Werte geschöpft, sondern nur größere Werte in Spaniens Taschen umgeleitet, als der Unterhalt der Stadt gekostet hat. Betriebswirtschaftlich war Potosi ein Gewinn, aber volkswirtschaftlich totales Marktversagen.

Auch andere uns heute geläufige Formen von versagenden Märkten haben ihre Ursprünge in der frühen Neuzeit. 1719 investierten Kaufleute aus ganz Europa in Aktien der französischen Mississippi-Kompanie. Ein Jahr zuvor war die Stadt New Orleans gegründet worden. Nachdem der Aktienkurs sich verzwanzigfacht hatte, wurde immer mehr Leuten klar, dass die kleine Kolonie aus ohne ausreichende Vorlaufzeit keine hohen Gewinne abwerfen können wird, und die Spekulationsblase platzte. Auf der Suche nach Renditen wanderte das Kapital von Paris nach London, wo unter anderem die Aktien der Südseekompanie an der Börse gehandelt wurden. Obwohl schon acht Jahre alt, hatte diese Kompanie bisher kaum Handelsaktivitäten vorzuweisen und finanzierte sich dadurch, dass sie als Bad Bank für Staatsanleihen fungierte und dafür vom Staat das Recht erhielt, neue Aktien zu emittieren. Ein Jahr später, der Aktienkurs hatte sich verzehnfacht, es war noch nie eine Dividende ausgezahlt worden, wurde langsam offensichtlich, dass die Südseekompanie hoffnungslos überbewertet war. Isaac Newton, eines der bekanntesten Spekulationsopfer, verlor seine investierten 20.000 Pfund. Das Platzen der Südseeblase führte in England zu einer Rezession. Zum Ersten Mal hatten die Finanzmärkte mit ihren Spekulationsauswüchsen der Realwirtschaft geschadet.

In der frühen Neuzeit, in die das Zeitalter der Entdeckungen und die Kolonialzeit fallen, verschaffte sich Europa den Zugriff auf einen großen Teil des Reichtums der Welt. Die davon am meisten profitierende soziale Gruppe waren die Kaufleute, die den Adel in vielerlei Hinsicht als dominierende Gesellschaftsschicht ablösten. Das kaufmännisch geprägte Wirtschaftssystem legte die Grundlagen für die Art und Weise, wie wir heutzutage Wirtschaft betrachten und was wir für wirtschaftlich normal halten. Es zeigte sich auch frühzeitig, zu welchen Exzessen ein ungezügeltes Gewinnstreben führen kann und wie Investitionsvehikel wie Aktiengesellschaften dazu führen, das scheinbar ehrbare Investoren indirekt von einer brutalen Ausbeutung profitieren, an der sie direkt nicht mitwirken. Das damals entstandene Weltwirtschaftssystem, bei dem internationaler Handel allein der Bereicherung einer am Handel teilnehmenden Seite diente und bei der Krieg, Sklaverei und Gewalt legitime Mittel der Unternehmensführung waren, prägt grundlegende Züge der Weltwirtschaft, besonders den Handel mit Entwicklungsländern (den ehemaligen Kolonien), bis heute.

Der Kredit der Fugger an Karl war übrigens eine hervorragende Investition. Zwar gab es vielerlei Kritik und Bedenken, einem Nichtdeutschen auf den deutschen Thron zu helfen, doch Karl räumte den Fuggern umfangreiche Handelsprivilegien ein. Zwischen 1511 und 1546 hatte sich das Vermögen der Fugger um das 25-fache vermehrt. Schon damals war es also üblich, dass Kaufleute Politikern zur Macht verhalfen, damit diese deren wirtschaftliche Interessen durchsetzen – auch gegen den Willen und das Interesse der eigenen Landsleute.

Die heilige Kuh

Wir hatten in einem früheren Beitrag ja schon mal gesehen, dass die Annahme, Märkte seien effizient, sich für den Bereich des Rentensystems nicht bestätigt. Nun reicht ja im Allgemeinen ein Gegenbeispiel, um eine These zu widerlegen. So reicht ein einziger schwarzer Schwan als Beweis aus, um die These, alle Schwäne wären weiß, als falsch zu überführen. Eigentlich sollte das Rentenbeispiel somit Genüge tun, um die These der effizienten Märkte zu widerlegen.

Die These der effizienten Märkte ist die heilige Kuh der Wirtschaftstheologen. Daher ist wichtig, an möglichst vielen Beispielen zu zeigen, dass Märkte nicht effizient sind, um klar zu machen, dass Marktversagen keine Ausnahme ist. Des Weiteren sind wir durch das ständige Mantra der angeblich so effizienten Märkte derart gehirngewaschen, dass man die Ineffizienz der Märkte gar nicht oft genug wiederholen kann. Das Gehirn ist, was Informatiker einen „assoziativen Speicher“ nennen. Es stellt Verknüpfungen zwischen Begriffen her, wenn diese gemeinsam auftreten. So denken viele bei der Jahreszeit Winter automatisch an Schnee, weil diese im Winter auftritt. Erzählt man oft genug, Märkte hätten eine bestimmte Eigenschaft, so stellt unser Gehirn – egal ob wir dies wollen oder nicht – automatisch eine Verbindung zwischen dem Begriff Markt und dieser behaupteten Eigenschaft her.

Es reicht also nicht, theoretisch zu wissen, dass Märkte ineffizient sind, wir müssen uns ein bisschen intensiver mit diesem Wissen beschäftigen, damit die neue Verbindung zwischen Ineffizienz und Markt auch bei uns im Gehirn ankommt. Wir müssen also die heilige Kuh nicht nur als solche identifizieren, sondern sie ausgiebig schlachten.

Der pseudowissenschaftliche Gedankengang hinter dem Irrglauben an die Märkte stellt zunächst die Annahme auf, Individuen würden permanent ihren Wohlstand maximieren. Liegt für zwei solcher hypothetischer Individuen die Möglichkeit vor, beider Wohlstand durch Handel zu verbessern, so würden sie den Handel eingehen. Dies wiederholen dann alle hypothetischen Individuen so lange, bis keine weiteren Handelsmöglichkeiten mehr vorliegen. Der dann erreichte – ebenfalls hypothetische – Punkt heißt „Pareto-Optimum“ und soll den größtmöglichen zu erreichenden Wohlstand darstellen. Das universelle Vergleichsmittel für den Nutzen bei der Handelsabwicklung ist dabei der Preis.

Dieser Gedankengang ist in der Wirtschaftstheologie zentral. Er ist der Grund, warum jegliche Form der Regulierung als negativ angesehen wird, weil sie verhindern könnte, dass ein Handel vorgenommen wird, der andererseits zu dem magischen Pareto-Optimum hätte führen können. Leider ist jeder einzelne Schritt dieses Gedankenganges falsch.

Zunächst ist Wohlstand eine abstrakte Größe, die zivilisierte Menschen erfunden haben, die in der Natur aber nicht vorkommt, genauso wenig wie Preise. In der Natur kommen Tiere und Pflanzen vor, Wetterphänomene, Landschaften, Essbares und einen selbst Essendes. Der Mensch wurde von der Evolution nicht optimiert, um abstrakte Größen zu maximieren, sondern er wurde optimiert, um seine Gene weiterzugeben. Dazu musste der Mensch nicht sein Bankkonto vergrößern, sondern er musste Nahrung finden, er musste sich vor Feinden schützen, er musste einen Partner für die Fortpflanzung finden, seine Nachkommen pflegen und seine Sippe schützen. Natürlich kann der Mensch lernen, mit abstrakten Größen wie Geld umzugehen, aber es ist nicht Teil des natürlichen menschlichen Verhaltens. So wie es den homo oeconomicus nicht gibt, gibt es nicht den nach Wohlstand strebenden Menschen.

Wenn Menschen primär nach Wohlstand streben würden, dann würden sie nicht in den Urlaub fahren, sondern in der Zeit einen Nebenjob ausüben. Sie würden kein Geld für Konsumgüter ausgeben, sondern alles was nicht zum unmittelbaren Überleben gebraucht wird in Aktien anlegen. Sie hätten keine Freunde, sondern nur Geschäftspartner. Sie würden nicht für Menschen in Not spenden, nicht ihren Kollegen beim Umzug helfen und kein Geld ausgeben, um Musik zu hören. Natürlich streben viele Menschen einen gewissen Wohlstand als Mittel zum Zweck an, und gerne hätte jeder mehr davon. Aber kaum ein Mensch ist bereit, seinen monetären Wohlstand zu maximieren, weil der immaterielle Preis, der Verlust an Lebensqualität, viel zu hoch dazu ist.

Sollten tatsächlich ein paar solcher Wohlstandsmaximierer existieren, so besagt die Theorie als nächstes, dass diese nach Handlungsoptionen suchen, die beider Wohlstand mehren, und dass, wenn so eine Option existiert, diese gefunden und der Handel durchgeführt wird. Auch das ist ein Hirngespinst aus dem Elfenbeinturm. Die Menge an möglichen Handelsoptionen für ein einzelnes Individuum ist praktisch unbegrenzt. Jeder Gegenstand oder Teil davon oder eine Kombination aus Gegenständen die ein Individuum besitzt, ergänzt um jede durch diese Person erbringbare Dienstleistung ist das, was eine Person anbieten kann. Als Tauschpartner stehen alle anderen Personen der Welt zur Verfügung und jede dieser Personen kann ebenfalls Geld, Gegenstände oder Dienstleistungen tauschen.

Aus dieser Menge von Handelsoptionen diejenigen herauszupicken, die maximalen Wohlstandsgewinn versprechen, ist unmöglich. Kein Mensch oder Computer kann das. Zunächst ist es unmöglich, die dazu benötigten Daten zu erheben, weil dazu alle Bedürfnisse und Besitztümer aller potentiellen Handelspartner bekannt sein müssten. Selbst wenn man diese Daten einmal hätte, wären sie in Windeseile nicht mehr aktuell. Und selbst wenn diese Daten immer aktualisiert vorlägen, müsste man praktisch unendlich viele Handlungsoptionen bewerten. Zumal jede Handlungsoption erst dann ausgewertet werden kann, wenn mit dem möglichen Handelspartner eine Preisverhandlung stattgefunden hat, aus der erst hervorgeht, wie das konkrete Geschäft überhaupt aussehen soll. Es müssten also permanent alle Marktteilnehmer über all diese Handlungsoptionen miteinander kommunizieren. Kein Computer und erst recht kein Mensch ist dazu in der Lage.

An einem Markt teilzunehmen ist also mit enormen Kosten verbunden. Der Marktteilnehmer muss permanent den Markt sichten, Informationen recherchieren, analysieren und mögliche Geschäfte ausloten. Die Realität zeigt, wie groß diese Kosten sind. Unternehmen halten sich große Abteilungen für die Markt- und Trendanalyse, für den Einkauf, und geben Unsummen dafür aus, Informationen über ihr Produkt in den Markt zu pumpen. Konsumenten, die eine fundierte Kaufentscheidung treffen wollen, lesen Produktbewertungen und Vergleichstests. Dies alles sind Kosten für die bloße Teilnahme am Markt. All diese Aufwände produzieren keine verwertbaren Waren und Dienstleistungen. Dabei geht jeder Marktteilnehmer das Risiko ein, dass all diese Aufwände zu der Erkenntnis führen, dass derzeit kein Geschäft vorgenommen werden kann, dass den eigenen Wohlstand mehrt, oder dass die Mehrung des Wohlstandes unterhalb der durch die Marktanalyse entstandenen Kosten liegt.

Marktteilnehmer können also unter Aufbringung enormer Aufwände und Kosten Geschäfte durchführen, die ihre Situation ein bisschen verbessern können. Wie wird dieser Sachverhalt jedoch durch die Wirtschaftstheologie pervertiert? Die Kosten werden alle vollständig ignoriert und dem Ergebnis wird unterstellt, perfekt zu sein.

Schließlich begehen Wirtschaftstheologen noch den Fehler, Wohlstand, Geld und Nutzen gleichzusetzen. Dies ist eine notwendige Bedingung, damit ein Preis als alleiniges Informationssystem ausreichend ist. Sobald man beginnt zwischen diesen Dingen zu unterscheiden, landet man schnell an dem Punkt, an dem Preise allein den Wohlstandsgewinn nicht anzeigen und somit Geld als wohlstandsmaximierendes Austauschmittel auf dem Weg zum magischen Pareto-Optimum unwirksam wird.

Nun ist es praktisch nicht möglich, eine so umfangreiche Pseudowissenschaft wie Wirtschaftstheologie aufzubauen, ohne dabei innere Widersprüche zu produzieren. Der Sargnagel für die Vergleichbarkeit von Preisen ist die Nutzenfunktion. Ein Euro ist eben nicht gleich ein Euro. Der Nutzen des Euros hängt davon ab, wieviele Euros man bereits besitzt. Irgendwo in der dritten Welt reicht ein Euro, um genügend Mehl zu kaufen, um ein Kind bis zur nächsten Ernte zu ernähren. In Monaco hingegen geht der Euro im allgemeinen Zahlenrauschen unter. Dies lässt sich empirisch gut nachweisen. Wir haben bereits gesehen, dass oberhalb eines gewissen Schwellwertes der zusätzliche Nutzen von Einkommen abnimmt, so dass wohlhabende Länder nicht unbedingt zufriedener sind als weniger wohlhabende, sobald ein Mindestmaß an Wohlstand erreicht ist. Nun gilt der abnehmende Nutzen von größerem Wohlstand nicht nur für Geld allgemein, sondern auch für einzelne Güter. Wer zu viert in einer Zweizimmerwohnung lebt, für den ist ein Zimmer mehr ein echter Gewinn an Lebensqualität. Wer zu zweit in einer Villa mit 11 Zimmern wohnt, für den ist ein weiteres Zimmer nur ein weiterer Raum der kaum genutzt wird.

Was hat nun die Nutzenfunktion für Folgen für die Vergleichbarkeit von Preisen? Ein einfaches Beispiel für Vergleichbarkeit ist die Feststellung, ob ein Preis größer oder kleiner ist als ein anderer. Nehmen wir an, wir hätten einen Handwerker, der für einen Kunden ein Wohnhaus mit Gästezimmern für 100.000€, oder aber in der gleichen Zeit für zwei Kunden je eine Wohnhütte für 40.000€ bauen könnte. Nach Gesichtspunkten des Preisvergleiches entscheidet er sich, den Kunden für das Wohnhaus mit Gästezimmern zu bedienen, denn

100.000€ > (40.000€ + 40.000€).

Betrachtet man aber den Nutzen, so zeigt sich, dass die beiden Hütten gemeinsam einen viel größeren Nutzen haben als das Gästehaus. Durch Anwendung einer einfachen Nutzenfunktion (z.B. N(x)=x^0.5) dreht sich das größer-gleich-Zeichen um

N(100.000€) < (N(40.000€) + N(40.000€)).

Anschaulich heißt das nichts anderes, als dass der Nutzen einer zusätzlichen Wohnhütte für eine weitere Familie viel größer ist als der Nutzen meist leerstehender Gästezimmer. Durch das bloße Vorhandensein der Nutzenfunktion (und dass sie existiert, bestreitet kein Ökonom) erlischt die direkte Aussagekraft von Preisen über den Nutzen, die Wertschöpfung oder den Wohlstand. Preise sind zwar vergleichbar, aber das Ergebnis des Vergleiches ist ohne jegliche Aussagekraft.

Wir sehen also, dass die Theorie des tollen Marktes, der dank preisbasierten Handels so schön dafür sorgt, dass alles zum magischen Pareto-Optimum strebt und dann der größtmögliche Wohlstand erreicht ist, ein Hirngespinst ist, das Menschen voraussetzt, die es nicht gibt, die dann Geschäfte durchführen, die in der Realität nie zustande kommen, und dabei unter völliger Ignorierung aller bei der Handelsabwicklung entstehenden Kosten ein Vergleichsmittel nutzen, dass ohne Aussagekraft ist.